Das Kastron Mefaa, , , das auch als Mefa und Mefaath bekannt wurde, ist ein spätrömisches und frühbyzantinisches Militärlager, in dem eine Kavallerieeinheit der Grenzschutztruppen stationiert war. Die rechteckige Fortifikation befindet sich im westlichen ariden Randbereich der jordanischen Wüste und wurde als Teil des spätantiken Limes Arabicus in vorderster Linie errichtet. Das Kastell hat sich in einem teilweise bemerkenswert guten Zustand erhalten und liegt 80 Kilometer südlich der Hauptstadt Amman, 30 Kilometer südöstlich von Madaba und nördlich des Wadi MudschibMichele Piccirillo: Les églises paléochrétiennes d'Umm er-Rasas (Jordanie). Cinq campagnes de fouilles. In: Comptes rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. Band 135, Nr. 2, 1991, S. 273–294; hier: S. 276. bei Umm er-Rasas, einer kleinen Ortschaft im gleichnamigen Kreis, der zum Gouvernement Amman in Jordanien gehört. Der Wehrbau ist Teil der 2004 zum jordanischen UNESCO-Weltkulturerbe ernannten „Archäologischen Stätte Umm er-Rasas – Kastron Mefaa“.
Lage Geologisch wird das Gebiet von marinen Sedimenten des Maastrichtium der Oberkreide geprägt. Es sind insbesondere zwei stratigraphische Schichten, die nahe der Oberfläche vorkommen. Zum einen ist das die bis zu 18 Meter starke obere Al-Qatrana-Phosphorit-Stufe, die abwechselnd aus dünnen Schichten von Mergeln, mikrokristallinem Kalk- und Hornstein sowie stärkeren Bänken aus phosphathaltigem Hornstein besteht, zum anderen die Bahiya-Coquina-Stufe, deren Stärke 30 bis 40 Meter erreichen kann und aus mächtigen Kalksteinbänken im Wechsel mit dünnen Mergelschichten zusammengesetzt ist. Der aus diesen Schichten gewonnene Kalkstein wurde insbesondere von Austern und Gastropoden gebildet und liefert ausgezeichnetes Baumaterial.
Die Befestigung des Limes Arabicus in diesem Gebiet begann mit der Annexion des Nabatäerreiches während der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) im Jahr 106 n. Chr.Hans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 76. Zur Sicherung der neugewonnenen Gebiete ließ der Kaiser zwischen 107 und 114 n. Chr. mit der Via Traiana Nova eine von Süden nach Norden verlaufende Militärstraße entlang des Limes errichten, die von der Hafenstadt Aila (Akaba) am Roten Meer bis zum Legionslager Bostra im heutigen Syrien reichte. Die dort stationierte Legio III Cyrenaica zeichnete für den Bau der Straße verantwortlich.Hans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 36. Die römische Armee war über die Jahrhunderte immer wieder gezwungen, die Grenzbefestigungen weiter auszubauen. Mit den Reformen Kaiser Diokletians (284–305) und der wachsenden Bedrohung durch die Sassaniden erreichten diese Bemühungen einen Höhepunkt. Das Kastell Mefaa lag an einem der Via Traiana Nova vorgelagerten Straßenabschnitt. Dieser schloss archäologisch nachweisbar im Norden bei Amman wieder an die Via Traiana Nova an. Mit dem nächstgelegenen südlichen Kastell Qasr eth-Thuraiya war Mefaa über eine gepflasterte Straße verbunden. Diese Trasse führte anschließend weiter zum Praetorium Mobeni. Der weitere Verlauf ist noch spekulativ. Doch kann auch hier über das Legionslager Betthorus hinaus mit einer Verbindung zur Via Traiana Nova gerechnet werden.Jacques Bujard, Michelle Joguin: La fortification de Kastron Mayfa'a/Umm ar-Rasas. In: Studies in the History and Archaeology of Jordan. Band 5, 1995, S. 241–249; hier: S. 241. Die byzantinische Ruinenstadt von Umm er-Rasas, die sich über drei Hektar erstreckt, befindet sich auf einem aus Kalkstein aufgebauten Hochplateau und ist in einem Umkreis von mindestens 20 Kilometern deutlich sichtbar.
Forschungsgeschichte Durch die Konzentration der franziskanischen archäologischen Forschungen auf die zumeist nachkastellzeitlichen christlichen Bauten ist die Erforschung des Reitergarnison etwas in den Hintergrund geraten, zumal dessen Innenbebauung durch die spätbyzantinische zivile Umnutzung in größtem Maße verändert wurde.
Die Wüstung von Umm er-Rasas wurde bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert von europäischen Reisenden besucht. Im Jahr 1807 hatte der deutschen Reisende und Orientalist Ulrich Jasper Seetzen (1767–1811) von seinem Beduinenführer eine phantastisch ausgeschmückte Geschichte über eine bemerkenswerte Stadt gehört, als er ihn nach Ruinen in der Gegend fragte: „Die merkwürdigsten, sagte er, sind die von Ümm el Örszâs (Bleymutter). Diese vormalige Stadt … hat nur ein Thor, welches aber schöner seyn soll, als das von Dscherrásch. Er versicherte mir, diese ganze Stadt habe sich noch so gut erhalten, dass man noch alle Gassen, Häuser und Tempel sehen könne. Das Merkwürdigste dieses Orts sey die Stadtmauer, welche aus grossen schwarzen Quadersteinen bestehe, welche statt des Mörtels dünne Lagen von Bley zwischen sich hätte. … Ümm el Örszâs steht weit und breit umher wegen seiner vermeintlichen unterirdischen Schätze im grössten Ruf …“ Als Seetzen anschließend diesen wundersamen Ort besuchen wollte, machte man ihm Schwierigkeiten, und er unterließ die Reise.Friedrich Karl Hermann Kruse (Hrsg.): Ulrich Jasper Seetzen’s Reisen durch Syrien, Palâstina, Phônicien, die Transjordan-Lànder, Arabia Petraea und Unter-Aegypten. Band 2, Reimer, Berlin 1854, S. 352–353.
Von diesen Geschichten ließen sich nachfolgende Orientreisende inspirieren. Im Frühling des Jahres 1816 besuchte der britische Forschungsreisende und Schriftsteller James Silk Buckingham (1786–1855) Umm er-Rasas. Er unterschied verschiedene Baureste, darunter auch Kirchenruinen, denen er ein gewisses Alter zusprach. Für ihn war die Kastellmauer, die er als solche jedoch nicht erkannte, das bedeutendste und älteste Objekt der Ruinenstadt: „Das Ganze scheint einst von einer starken Mauer umschlossen gewesen zu sein, von der ein großer Teil auf der Südseite noch vollständig erhalten ist und deren Fundamente auf festem Gestein gegründet wurden - und dies schien mir der älteste Teil zu sein.“James Silk Buckingham: Travels in Palestine through the Countries of Bashan and Gilead, East of the River Jordan, Spottiswoode, London 1821, S. 104. Wenig später, 1818, kamen im Rahmen einer Studienreise die britischen Marineoffiziere Charles Leonard Irby (1789–1845) und James Mangles (1786–1867) nach Umm er-Rasas. Beide waren jedoch enttäuscht und desillusioniert von dem, was sie sahen, denn eine spektakuläre antike Ruinenstadt gab es nicht zu sehen. Ohne es zu wissen, erwähnten auch sie die Umwehrung des Kastells. Sie schrieben über ihrer Ankunft in Umm er-Rasas am 11. Juni 1818: „Um 3 Uhr erreichten wir Oom-i-Rasass (Mutter der Steine). Wir fanden eine sehr umfangreiche und offensichtlich christliche Ruinenstätte; es gab Reste einer Steinmauer von der die ganze Stadt umschloss war, das Kreuzzeichen ist oft zu sehen, aber es gab keine architektonischen Monumente, die einer Erwähnung wert gewesen wären.“ Stattdessen wurde ein Mitreisender von einem Beduinen beraubt.Charles Leonard Irby, James Mangles: Travels in Egypt and Nubia, Syria and Asia Minor during the years 1817 and 1818, White and Co., London 1823, S. 471.
Jahrzehnte später, im Mai 1870, war der britische Orientalist Edward Henry Palmer (1840–1882) in der Ruinenstätte. Er erkannte, dass hier in christlicher Zeit eine Stadt von beträchtlicher Bedeutung existiert hatte.Michele Piccirillo: Les églises paléochrétiennes d'Umm er-Rasas (Jordanie). Cinq campagnes de fouilles. In: Comptes rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. Band 135, Nr. 2, 1991, S. 273–294; hier: S. 277.Edward Henry Palmer: The Desert of the Exodus, II. Harper & Bros., Cambridge 1871, S. 498–500. Ihm folgte 1872 der britische Geistliche und Forschungsreisende Henry Baker Tristram (1822–1906), der Umm er-Rasas als eine solide gebaute Stadt erkannte, die wesentlich vollkommener war als alles, was er bisher gesehen hatte.Henry Baker Tristram: The land of Moab. Travels and discoveries on the east side of the Dead sea and the Jordan. Harper & Brothers, New York, 1873, S. 156–162. 1896 beschrieb der französische Assumptionist und Byzantinist Siméon Vailhé (1873–1960) wieder die massiven Wehrmauern und äußerte als erster den Verdacht, dass diese zu einem römischen Kastell gehört haben könnten. Im Jahr darauf, 1897, widersprach der französische Orientalist und Archäologe Charles Clermont-Ganneau (1846–1923) dem Volksglauben, der den Namen Umm er-Rasas mit Blei in Verbindung gebracht hatte. Er schlug die heute übliche, weiter unten behandelte Toponomastik vor.
mini|Die im April 1897 von Nordosten aufgenommene Ostfront des Kavalleriekastells bis zu ihrem südlichen Ende Die wichtigste, wenn auch lediglich schematisierte Bauaufnahme des 19. Jahrhunderts ist, wie an vielen Plätzen in Transjordanien, dem österreichischen Althistoriker Alfred von Domaszewski (1856–1927) und dem deutsch-amerikanischen Philologen Rudolf Ernst Brünnow (1858–1917) zu verdanken, die den römischen Limes und viele weitere antiken Stätten der einstigen Provinz Arabia untersuchten. Im April 1897 trafen sie mit ihrer Expedition in Umm er-Rasas ein, nahmen sich aber, was selten vorkam, nicht genügend Zeit, um die Wehrmauer eingehender zu dokumentieren. Sie sahen deren Ruine auch nicht als Überrest eines römischen Militärlagers an und konnten sich nicht dafür entscheiden, im Inneren der Umwehrung eine Stadt zu erkennen, vielmehr nannten sie den Gesamtkomplex „Hauptruine“.Alfred von Domaszewski, Rudolf Ernst Brünnow: Die Provincia Arabia auf Grund zweier in den Jahren 1897 und 1898 unternommenen Reisen und der Berichte früherer Reisender beschrieben. Band 2: Der äussere Limes und die Römerstrassen von el-Maan bis Bo.sra. Trübner, Straßburg 1905, S. 63–72; hier: S. 63. Zur Wehrmauer schrieben beide: „Diese Umfassungsmauer ist aus schlechten Bruchsteinen roh und ohne Mörtel zusammengefügt, so daß trotz der schwach vorspringenden Türme von einer ernstlichen Verteidigung des Platzes nicht die Rede sein kann.“ Als Interpretation für die ursprüngliche Nutzung der „Hauptruine“ nahmen sie eine byzantinische Karawanserei an.Alfred von Domaszewski, Rudolf Ernst Brünnow: Die Provincia Arabia auf Grund zweier in den Jahren 1897 und 1898 unternommenen Reisen und der Berichte früherer Reisender beschrieben. Band 2: Der äussere Limes und die Römerstrassen von el-Maan bis Bo.sra. Trübner, Straßburg 1905, S. 63–72; hier: S. 65.
Der nächste wichtige Besucher war der Biblische Archäologe Nelson Glueck (1900–1971), der am 5. Juni 1933 wie an vielen anderen Plätzen eine kleine Feldbegehung vornahm, um datierbare Keramikscherben zu sammeln. Der konnte anschließend nabatäische, byzantinische und arabisch-islamische Fragmente bestimmen.Nelson Glueck: Explorations in Eastern Palestine, I (= The Annual of the American Schools of Oriental Research 14), 1933–1934, S. 39.
Die anschließenden Forschungen, die hauptsächlich von Christlichen Archäologen des Studium Biblicum Franciscanum in Jerusalem getragen wurden, brachten für die nachkastellzeitliche Geschichte des Ortes weltweit einzigartige Funde und Befunde der byzantinischen Zeit ans Licht, die jedoch wenig mit der hier behandelten Kastellgeschichte zu tun haben.