Ein politischer Mythos ist eine intellektuelle und emotionale Erzählung über eine historische Person, einen politischen Sachverhalt oder ein politisches Ereignis mit einem kollektiven, sinn- und identitätsstiftenden Wirkungspotential.Andreas Dörner: Politischer Mythos und symbolische Politik. Der Hermannmythos – Zur Entstehung des Nationalbewusstseins der Deutschen. Reinbek bei Hamburg 1996, ISBN 3-499-55568-9, S. 42–62. Sein integratives Potential entfaltet dieser Mythos dabei über soziale und kulturelle Gräben hinweg, wobei er eine selbstverständlich-fraglose Geltung erlangt.Claus Leggewie: Der Mythos des Neuanfangs. Gründungsetappen der Bundesrepublik Deutschland: 1949–1968–1989. In: Helmut Berding (Hrsg.): Mythos und Nation. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit. Frankfurt am Main 1996, S. 275–302. (Online verfügbar: Archiv polylogos.) Seine Wirkung ist komplexitätsreduzierend; unüberschaubare Zusammenhänge werden mit Hilfe einfacher Wahrnehmungsschemata in geordnete Strukturen gebracht. Charakteristisch für einen politischen Mythos ist, dass das kommunizierte politisch-soziale Geschehen nicht gemäß den empirisch überprüfbaren Tatsachen interpretiert wird, sondern auf eine erzählerisch selektive und stereotypisierte Weise.Heidi Hein-Kircher: Politische Mythen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Heft 11 (2007). Online verfügbar: APuZ-Archiv Spielt bei einer Utopie oder Ideologie die Zukunft eine herausragende Rolle, so steht bei einem politischen Mythos die historische Erinnerung im Mittelpunkt. Er kann aber auch eine komplette Fälschung und dennoch ideologiestützend sein. Im Gegensatz zum religiösen Mythos fehlt dem politischen Mythos der Bezug zu einer transzendenten, jenseitigen Welt.

Abgrenzung Verhältnis zur Ideologie Der Medienwissenschaftler Andreas Dörner wies im Rahmen einer Fallstudie zum Thema „Politischer Mythos“ darauf hin, dass die Begriffe Mythos und Ideologie im wissenschaftlichen Sprachgebrauch häufig als vollständige oder partielle Synonyme verwendet werden, „wobei mitunter auch die Grenze zwischen Ideologie und Theorie aufgehoben wird“.Andreas Dörner: Politischer Mythos und symbolische Politik. Der Hermannmythos – Zur Entstehung des Nationalbewusstseins der Deutschen. Reinbek bei Hamburg 1996, S. 43. Um sich gegen derartige begriffliche Unschärfen und allgemeine Definitionen der Begriffe zu wenden, stellte er den erzählerischen Aspekt des Mythos heraus: Demnach sei der Begriff „Mythos mit seiner Struktur einer symbolisch verdichteten Erzählsequenz“ von den Begriffen Ideologie und Theorie abzugrenzen, „wenngleich es hier ohne Zweifel Übergänge und Mischformen gibt und insbesondere die Tiefenstruktur dieser semiotischen Gattungen starke Ähnlichkeiten aufweisen können.“ Neben diesem Hinweis auf die stark narrative Anlage des politischen Mythos als allgemeines Abgrenzungskriterium wird in der Literatur außerdem angegeben, dass der politische Mythos im Gegensatz zur Ideologie keine umfassende Weltdeutung liefere.Dieter Nohlen (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft. Theorien, Methoden, Begriffe. 3., aktualisierte und erw. Aufl., München 2005, ISBN 3-406-54117-8, S. 774 f. Google Books

Eine genauere Unterscheidung zwischen politischen Mythen, Utopien und Ideologien hat der Politikwissenschaftler Yves Bizeul vorgenommen. Bizeul, der die Ideologie in Anlehnung an eine Definition von Cornelius Castoriadis als handlungsorientierte Überzeugungskomplexe von Ideen, Idealen, Glaubensaussagen, Doktrinen und Symbolen zu fassen versuchte, sah in ihr „das Substrat, auf dem Utopien und politische Mythen gedeihen“.Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, ISBN 3-8260-3242-X, S. 10. Dieser Definition zufolge ist die Ideologie (in der Regel) eine Bedingung für die Existenz eines politischen Mythos. Nur in Ausnahmefällen ergebe sich eine umgekehrte Kausalität, indem „eine Ideologie einem Mythos entstammt und durch ihn geformt wird“.Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 15. Mit anderen Worten: Der politische Mythos wird von Bizeul allgemein als ein Teil der Ideologie aufgefasst. In spezieller Hinsicht kann ebenso eine ganze Mythengruppe ein integrativer Bestandteil einer modernen Staatsideologie sein.Thomas Schmotz: Rezension über das Buch von „Simcha Flapan: Die Geburt Israels. München 2005“. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 271.

Ein Unterschied zwischen dem älteren, vorindustriellen Mythos und der Ideologie sei, so Bizeul, dass der Mythos Menschen zusammengebracht und für einen Zusammenhalt gesorgt habe; somit eine integrative Wirkung entfaltet habe. Ideologien, vor allem „Abschottungs- und Verschlussideologien“, würden demgegenüber spaltend wirken und Kräfte gegen Andersdenkende mobilisieren. Betont wurde mit diesem Ansatz eine strukturelle Differenz: Während eine Ideologie eine Entweder-oder-Struktur aufweise, sei die Sowohl-als-auch-Struktur ein Merkmal des älteren Mythos gewesen. Bizeul konstatierte, dass „diese Offenheit bei den modernen politischen Mythen teilweise verloren gegangen“ sei: „Denn sie wurden eingesetzt, um willentlich eine (nationale, soziale, ‚rassische‘ oder weltanschauliche) Gruppe von anderen abzusetzen.“Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 14. Diese moderne Abgrenzung erfolge aber nicht durch den Mythos selbst, sondern aufgrund seiner modernen Dienstfunktion für die Ideologie. Ideologien seien auf die Emotions- und Vorstellungswelt des politischen Mythos angewiesen, um sich in einer Bevölkerung verwurzeln zu können. Entsprechend ihrer Struktur und Funktion seien politische Mythen somit ein Bestandteil von modernen Ideologien.

Verhältnis zur Utopie Neben der analytischen Gegenüberstellung von Ideologien und politischen Mythen, versuchte Bizeul ebenso die Differenzen zwischen politischen Mythos und Utopie herauszuarbeiten. Ebenso wie die Historikerin Heidi Hein-Kircher diagnostizierte er für den politischen Mythos den damit verbundenen Wunsch nach Abschaffung von Komplexität und Unübersichtlichkeit. Jedoch würde dieses Merkmal nicht primär auf die Utopie zutreffen, für die in erster Linie die Hoffnung auf eine Versöhnung in der Totalität sowie der letztendliche Wunsch nach Abschaffung des Politischen schlechthin charakteristisch sei.Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 17 f. Als Gemeinsamkeit zwischen dem älteren, vorindustriellen Mythos und der Utopie müsse indes beiden eine Erzählfunktion zugerechnet werden. Dementsprechend könne ein Mythos im Kern einer Utopie vorhanden sein. Der Unterschied liege aber auch darin, dass Utopien Staatsentwürfe mit Bezug zu einer imaginären Zukunft seien; hingegen sei der ältere Mythos eine Erzählung über einen Schöpfungsakt, mit der im Gegenwartsbezug ein Sinn sowie Orientierung vermittelt wird.Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 19.

Nicht zuletzt auf der Grundlage seiner Bloch-Lektüre gelangte Bizeul zu dem Ergebnis, dass die Utopie im 20. Jahrhundert ihre ehemalige Bedeutung und Funktion verloren habe. Nach ihm seien die großen, „konkreten Utopien“ gescheitert. Das allgemeine Bewusstsein darüber werde allerdings von einer Reaktivierung von Mythen begleitet.Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 21. Die gerne vertretene Auffassung, dass dem modernen politischen Mythos aufgrund seines Vergangenheitsbezugs im Gegensatz zur Utopie, die als progressiv ausgerichtet angesehen werde, ein konservativer Zug eigen sei, teilte Bizeul mit Blick auf eine Studie von Jan Assmann indessen nicht. Nach Assmann habe sich im politischen Mythos eine „utopische Erinnerung“ aufbewahrt, weshalb der politische Mythos auch emanzipatorische und die Gesellschaft transformierende Kräfte entfalten könne.Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 24 f. So stellte Bizeul für das Verhältnis von modernem politischen Mythos und Utopie fest: „Mythos und Utopie weisen beide eine regressive und eine progressive Janusköpfigkeit auf und erfüllen ähnliche Funktionen. Sie integrieren, stiften Sinn und mobilisieren Energien, die befreiend sein können, dienen aber immer wieder auch der Legitimation von Herrschaft.“ Die strenge Dichotomie fortschrittlich/rückwärtsgewandt gelte demzufolge nicht. Zwar könne der politische Mythos – wie die Utopie – auf eine Zukunft verweisen, aber, im Gegensatz zur Utopie, eine Alternativgesellschaft niemals detailliert beschreiben.Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 28.

Verhältnis zur Legende Vereinzelt wird der Mythos nicht von der Legende unterschieden. So definierte der Mythenforscher Gilbert Durand seinen Mythosbegriff bewusst recht breit, da dieser den ganzen Bereich des Imaginären umfassen sollte.Yves Bizeul: Struktur und Funktion patchworkartiger politischer Mythen in den hochmodernen Gesellschaften. In: Stephanie Wodianka, Dietmar Rieger (Hrsg.): Mythosaktualisierungen. Tradierungs- und Generierungspotentiale einer alten Erinnerungsform. Berlin/New York 2006, S. 91, ISBN 3-11-018990-9. Andreas Dörner stellte hingegen heraus, dass sowohl die Ideologie als auch der politische Mythos „kollektiv verankerte, deutungskulturell gepflegte politische Sinngeneratoren“ darstellen. Diese Eigenschaft würde sie zugleich von den Gattungen Sage, Märchen und Legende abgrenzen, da der Wirklichkeitsbezug dieser Genres spielerischer und unverbindlicher sei. Im Gegensatz zum politischen Mythos, der eine kollektive politische Wirkung entfalte, blieben sie deshalb weitgehend auf den Bereich von privaten und familiären Diskursen und Fantasien beschränkt.Andreas Dörner: Politischer Mythos und symbolische Politik. Der Hermannmythos – Zur Entstehung des Nationalbewusstseins der Deutschen. Reinbek bei Hamburg 1996, S. 43 f. Der Philosoph Reinhard Brandt beschäftigte sich in seinem Aufsatz „Mythos und Mythologie“ zwar nicht systematisch mit dem Verhältnis des politischen Mythos zur Legende, erläuterte dieses allerdings an einem konkreten Beispiel. Dabei erklärte er, dass das Wort Mythos zwar „in einem legeren Sinn“ an die Stelle von Legende treten könne, wenn vom Staat die Rede ist, umgekehrt jedoch nicht. Legenden würden sich zudem „an historisch oder vielleicht auch mythisch gesicherte Personen und Ereignisse“ anschließen, wobei sie zwar keine Gewähr für die Richtigkeit des Erzählten übernehmen, aber „im Prinzip wahr“ sein könnten.Reinhard Brandt: Mythos und Mythologie. In: Reinhard Brandt, Steffen Schmidt (Hrsg.): Mythos und Mythologie. Berlin 2004, S. 18, ISBN 3-05-003775-X. Diese Kann-Bestimmung ist bei Bizeul bezüglich des Mythos nicht zu finden: So schrieb er, dass der politische Mythos – im Gegensatz zum Märchen und zur Fabel – zumindest „immer einen Teil Wahrheit beinhaltet“.