mini|Paul Auster (2008) Hinter verschlossenen Türen (engl. Titel The locked room) ist ein Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Paul Auster, der 1986 als Einzelwerk und 1987 als dritter Teil der New-York-Trilogie veröffentlicht wurde. Die beiden anderen Teile sind „Stadt aus Glas“ und „Schlagschatten“. Die deutsche Übersetzung von Joachim A. Frank erschien 1989. Erzählt wird die ambivalente Beziehung des Erzählers zu seinem Jugendfreund, dem Schriftsteller Fanshawe. Dadurch, dass er dessen literarisches Erbe verwalten und eine Biographie über ihn schreiben soll, wird sein Leben zunehmen fremdbestimmt und dies führt zu seiner Identitätskrise.
Überblick Der Erzähler schildert im Mai 1984 im Rückblick seine enge Kinder- und Jugendfreundschaft mit Fanshawe und, nach dessen Untertauchen 1976, seine Aufgabe, dessen Romane, Theaterstücke und Gedichte zu veröffentlichen und eine Biographie zu schreiben. Durch die dafür erforderlichen Recherchen gerät er immer mehr in den Sog des Freundes, und da er auch dessen Frau Sophie heiratet und seinen Sohn Ben adoptiert, ist er in Gefahr, sein eigenes Leben zu verlieren und sich nur als Nachlassverwalter und Nachfolger zu fühlen.
Kapitelübersicht 1. Kp. Der Erzähler erhält von Sophie Fanshawe die Nachricht vom Verschwinden ihres Mannes und soll sich als sein Jugendfreund um dessen schriftstellerischen Nachlass kümmern.
2. Kp. Der Erzähler blickt zurück auf seine zwischen Bewunderung und Neid schwankende Kinder- und Jugendfreundschaft und die Entwicklung Fanshawes von der Mittelpunktfigur zum in Frankreich und den USA herumziehenden Gelegenheitsarbeiter und dann zum zurückgezogen lebenden Schriftsteller ohne Publikationsambitionen.
3. Kp. Der Erzähler organisiert die Veröffentlichung der Werke Fanshawes. Dabei entwickelt sich eine Liebesbeziehung zu Sophie.
4. Kp. Fanshawe schreibt dem Erzähler, er werde nie mehr zurückkehren und habe mit seinem früheren Leben abgeschlossen. Sein Freund solle Sophie heiraten.
5. Kp. Der Erzähler und Sophie finanzieren ihr gemeinsames Leben von den Tantiemen und müssen nicht mehr arbeiten. Er vernachlässigt dadurch seine eigene Schriftstellerei und gerät durch den Auftrag, eine Biographie über Fanshawe zu schreiben, auch in gedankliche Abhängigkeit von seinem Freund und Vorgänger.
6. Kp. Um sich Materialien für seine Biographie zu besorgen, besucht der Erzähler Fanshawes Mutter Jane. Diese verführt ihn aus Hass–Liebe zu ihrem Sohn. Er teilt mit ihr diese Empfindung und möchte sich ebenso durch den Sexualakt an ihm rächen und ihn symbolisch töten.
7. Kp. Der Erzähler gerät immer mehr in den Sog von Fanshawes Leben. Er rekonstruiert von den Briefen ausgehend dessen Reisen und nimmt mit seinen Bekannten Kontakt auf. Durch diese Fixierung entfremdet er sich zunehmend von Sophie.
8. Kp. Der Erzähler besucht die Stationen von Fanshawes Frankreichreise. Er kommt aber zu keinen neuen Erkenntnissen, verliert den Boden unter den Füßen und versinkt im Nachtleben von Paris. In einer Bar glaubt er Fanshawe entdeckt zu haben. Der junge Mann wehrt seine Zudringlichkeit ab und schlägt ihn bewusstlos. Dieser Zwischenfall ist für den Erzähler die Befreiung und er kehrt nach Amerika zurück.
9. Kp. Er versöhnt sich wieder mit Sophie und sie stellen ihr Leben auf ein neues, von Fanshawe unabhängiges Fundament. 1984 lädt Fanshawe den Erzähler nach Boston ein und spricht mit ihm durch einen Türspalt. Er sagt, er habe sich vergiftet, und gibt ihm sein Notizbuch. Der Erzähler wirft es vor seiner Rückreise nach New York in den Abfalleimer.
Handlung Erstes Kapitel Der Erzähler lebt als Schriftsteller in New York und verdient seinen Unterhalt durch Zeitungsartikel über die verschiedensten Themen. Dadurch hat er keine Zeit für einen großen Roman. Im November 1976 erhält er von Sophie Fanshawe die Nachricht, dass ihr Mann seit April verschwunden ist, und sie bittet um ein Gespräch mit ihm. Er besucht sie in Chelsea, wo sie zusammen mit ihrem Baby Ben lebt. Sophie erzählt ihm von ihrer dreijährigen Ehe. Sie und Fanshawe haben sich ungefähr ein Jahr nach seiner Rückkehr aus Frankreich in einer Bücherei kennengelernt und bald darauf geheiratet. Da ihr Gehalt als Musiklehrerin für beide reichte, musste er nicht mehr jobben und konnte sich auf seine Schriftstellerei konzentrieren. Sie unterstützte ihn gern und träumte davon, dass er einmal berühmt werden könnte. Aber er hielt seine Manuskripte in einem Schrank unter Verschluss und bot sie nie einem Verlag zur Veröffentlichung an. Sophie ärgerte sie sich zunehmend über seine Gleichgültigkeit, und als sie schwanger wurde, drängte sie ihn, endlich aktiv zu werden. Schließlich bot er ihr als Kompromiss an, innerhalb eines Jahres etwas zu unternehmen, und nannte seinen engsten Kinder- und Jugendfreund im Todesfall als seinen schriftstellerischen Nachlassverwalter. Wenn dieser seine Werke gut finde, könne er sich gegen eine Gewinnbeteiligung von 25 % um eine Veröffentlichung bemühen. Ungefähr drei Monate nach diesem Vorschlag verschwand er auf seiner Fahrt zu seiner Mutter nach New Jersey. Nach den ergebnislosen Nachforschungen durch den Privatdetektiv Quinn geht Sophie vom Tod ihres Mannes aus. Eine Flucht ohne Abschiedsbrief hält sie für nicht möglich. Der Erzähler ist über diesen Antrag verwundert, denn die Jugendfreunde haben sich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen, aber Sophie gefällt ihm und er nimmt den Auftrag an, um mit ihr in Kontakt zu bleiben.
Zweites Kapitel Der Erzähler blickt zurück auf seine Kindheit. Fanshawe und er wuchsen als Nachbarskinder auf und schlossen als Siebenjährige Blutsbrüderschaft. Der Freund war ihm in allem überlegen und stand überall im Mittelpunkt: im Sport, in den Leistungen in der Schule, bei den Freizeitaktivitäten usw. Auch war er reifer und ihm in der moralischen Entwicklung voraus. So gab er einmal bei einer Geburtstagsparty sein Geschenk dem armen Klassenkameraden Dennis Walden, damit dieser nicht beschämt zur Gratulation gehen musste. Der Erzähler betrachtete den Freund mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid. Dann änderte sich Fanshawe und versuchte „das Leben zu schmecken“. Er überredete den Freund zur Selbsterprobung als Kletterer, Wochenendlandstreicher oder Kneipen- und Bordellbesucher. In der nächsten Phase ging Fanshawe in ein inneres Exil, zog sich aus den Sportgruppen zurück und versuchte sich als Dichter. Nach dem Tod seines Vaters und der psychischen Erkrankung seiner Schwester Ellen erwartete seine Mutter, dass er die Stütze der Familie würde. Es kam zu Spannungen. Er brach sein Studium ab, fuhr als Matrose zur See, lebte dann einige Zeit von dem verdienten Geld in Frankreich und jobbte, zurückgekehrt nach Amerika, nur so viel, um sich zu ernähren.
Drittes Kapitel Der Erzähler erfüllt seinen Auftrag, nimmt Kontakte mit dem Lektor eines renommierten Verlages Stuart Green und Theaterregisseuren auf und erreicht die Veröffentlichung des Romans „Niemalsland“ und die Aufführung von drei Einaktern. Er plant zusammen mit Green die Vermarktung und schreibt vor der ersten Publikation einen Artikel über die Entdeckung des neuen Autors, um die Neugier der Öffentlichkeit zu erregen. „Niemalsland“ erhält gute Kritiken und wird ein kommerzieller Erfolge. Mit Sophie entwickelt sich eine von ihm durch sporadische Telefongespräche und Einladungen zum Essen behutsam kontinuierlich aufgebaute Freundschaft und dann im Verlauf eines Jahres eine Liebesbeziehung. Nachdem er Verträge über Publikationen und Theateraufführungen geschlossen hat, äußert er seinen Wunsch nach einer festen Partnerschaft und sie ziehen zusammen.
Viertes Kapitel Überraschend erhält der Erzähler einen Brief von Fanshawe. Darin teilt er ihm mit, er habe mit seinem alten Leben privat und als Schriftsteller abgeschlossen und werde in wenigen Jahren sterben. Sein Freund solle Sophie heiraten, vor ihr aber geheim halten, dass er lebe. Der Erzähler drängt Sophie nun auf eine Auflösung ihrer Ehe, da man in New York einen Vermissten erst nach sieben Jahren für tot erklären könne. In Alabama wird die Angelegenheit schnell geregelt. Sie heiraten kurz darauf in New York und er adoptiert Ben.
Fünftes Kapitel Nachdem „Niemalsland“ ein Erfolg ist, werden weitere Veröffentlichungen geplant: Die Romane „Wunder“ und „Blackouts“, Gedichte, Theaterstücke. Durch die Tantiemen und Vorschüsse können Sophie und der Erzähler 1978 eine neue Wohnung am Riverside Drive mieten. Zugleich führt das Geld zu einem Erlahmen seiner schriftstellerischen Aktivitäten. Er arbeitet kaum noch an seinen Aufsätzen und konzentriert sich auf die Liebe mit Sophie. Zwar hat er den Plan, ohne materielle Sorgen sich ganz auf seine Schriftstellerei zu besinnen und einen großen Roman zu schreiben, doch er geht dieses Projekt nicht engagiert an. Als ihm Stuart Green den Vorschlag macht, eine Biographie über Fanshawe zu schreiben, sagt er erst nach langen Zögern zu, denn er spürt die Problematik, die Wahrheit nicht sagen zu dürfen und durch Dichtung zu ersetzen und zur Mythenbildung des geheimnisvollen Genies beizutragen. Auch fürchtet er, noch stärker gedanklich an seinen Vorgänger bei Sophie gebunden zu sein und kein eigenes Leben mehr führen zu können.
Sechstes Kapitel Für seine Recherchen besucht der Erzähler im Juni 1978 Fanshawes Mutter Jane in New Jersey. Sie sagt ihre Unterstützung der Biographie zu. Im museal erhaltenen Zimmer ihres Sohnes hat sie alles gesammelt: Urkunden, Zeugnisse Erinnerungsstücke, Fotoalben und über hundert Briefe, die meisten an Ellen. Um das für sein Buch geeignete Material zu sichten und zu kopieren, lädt die an diesem Tag auffällig zurechtgemachte 50-jährige Jane ihn zum Mittagessen mit viel Alkohol ein. Dabei erzählt sie ihm ihre Version von ihrem Sohn: Er war immer ein emotional kaltes Kind, ging seinen eigenen Weg und legte wenig Wert auf die Zärtlichkeiten und Unterstützung der Eltern. Fanshawe und sein Freund sahen sich als Kinder trotz unterschiedlichen Charakteren in Größe und Gestalt sehr ähnlich und sie beneidete ihre Nachbarin immer wegen der Anhänglichkeit und Zuneigung ihres Sohnes. Mehr als um seine Eltern kümmerte sich Fanshawe um seine gemütskranke Schwester Ellen, die jetzt als 27-Jährige in einer Psychiatrie untergebracht ist, aber er versuchte sie auch zu beherrschen. Z. B. gab er ihr seine schwer verständlichen Gedichte zu lesen, die sie als Botschaften verstanden und kommentiert hat. Doch später, nach ihrem Zusammenbruch, hat Ellen ihren Bruder im Krankenhaus beschimpft. Vermutlich aus Reue wollte Fanshawe seine Dichtung nicht veröffentlichen und brach sein Studium ab, um die Eltern nicht zusätzlich zu den Pflegekosten finanziell zu belasten. Der Erzähler merkt nach dieser Darstellung aus ihrer Perspektive, dass die alkoholisierte und nach Mitleid süchtige Mutter sich mit einer Verführung an ihrem Sohn rächen will, mit dem sie zugleich ödipal verbunden zu sein scheint. Er ist ebenfalls betrunken und als aus seiner Teenagerzeit das ihn erregende Bild der sich im Nachbargarten sonnenden Bikini-Schönheit Jane auftaucht, gibt er sich der erotischen Situation hin. Sechs Jahre später, zum Zeitpunkt seiner Erzählung, erklärt er sich den anschließenden aggressiven Sexualakt aus geheimem Hass auf den Jugendfreund, in dessen Schatten er als Biograph sowie als Ehemann- und Vater-Nachfolger stand und den er mit dieser Tat töten wollte. Er denkt, dass Jane das Gleiche wollte.
Siebentes Kapitel