miniatur|Hermann Hesse (1925) Klingsors letzter Sommer ist der Titel einer im Sommer 1919 geschriebenenzuerst 1919 in der „Berliner Neuen Rundschau“ und ein Jahr später, 1920, im Erzählband „Klingsohrs letzter Sommer“ zusammen mit „Kinderseele“ und „Klein und Wagner“ bei S. Fischer Berlin veröffentlicht expressionistischen Künstler-Erzählung Hermann Hesses mit autobiographischen Bezügen.
Inhalt mini|Casa Camuzzi mit Teilen des Parks und „Klingsor-Balkon“ (rechts) mini|Blick über Carona (Vorbild für Kareno) und den San Salvatore zum Luganersee miniatur|Grotto Morchino in Pazzallo. Vorbild für die von der Freundesgruppe als Ausklang ihres Kareno-Ausflug besuchten Grotto Protagonist der Erzählung ist der Maler Klingsor,Klingsor ist eine Zauberergestalt der mittelhochdeutschen Literatur, die seit der Zeit der Romantik mehrmals literarisch bearbeitet wurde. der als Nebenfigur 1932 in Hesses Erzählung Die Morgenlandfahrt auftaucht. Die Vorbemerkung, ein Nachruf auf den mit 42 Jahrenentspricht dem Alter des Autors im Jahr 1919. Beide haben zudem am 2. Juli Geburtstag. gestorbenen Maler, nimmt auch zu Gerüchten über die Todesursache Stellung: Klingsor habe zwar in Briefen „Vorahnungen oder Todeswünsche“ geäußert, doch ein Selbstmord oder Geisteskrankheit wird für unwahrscheinlich gehalten, eher ein zu großer Alkoholkonsum zur „Betäubung seiner Schmerzen und einer oft schwer erträglichen Schwermut“. Der folgende Rückblick auf den letzten Sommer schildert den kreativen und künstlerischen Schaffensprozess und den damit verbundenen Energieaufwand sowie die mit dieser Entfesselung verbundenen Gedanken, Hoffnungen, aber auch Ängste.
Klingsors Lebensstil Die aus einer Reihe von Episoden zusammengesetzte Erzählung handelt von Klingsors letzten Monaten vor seinem erahnten Tod. Er spürt die zunehmende Erschöpfung seiner rauschhaften Hingabe an seine Kunst (Kap. 1). Auf Wanderungen durchstreift er die Natur und malt rastlos in grellen Farben die Landschaft „in jenen südlichen Gegenden um Pampambio, Kareno und Laguno“ mit ihren „Judasbäumen, Blutbuchen und *Eukalyptus“. Die Nächte seines unbürgerlichen Lebens verbringt er in Grotti beim Wein oder in orgiastischen Träumen von ihn umarmenden schönen jungen Frauen. Eine feste Beziehung zu einer „hübschen kleinen Freundin“ hat er in diesem letzten Jahr nicht, sondern nur kurze Gelegenheitsliebschaften. Schlaf gönnt er sich mit Blick auf die Kürze der ihm verbleibenden Zeit sehr wenig, was seine ohnehin bereits angeschlagene Gesundheit weiter zerrüttet. Die Tage lodern indes, so lange sie sind, weg wie „brennende Fahnen“.
Gesellschaft leistet ihm bei seinen gelegentlichen Besuchen der Malerkollege „Louis der Grausame“, der ein unstetes Wandervogel-Leben führt (Kap. 2). Er kann die Schwermut und Larmoyanz des Freundes nicht ertragen und versucht ihn mit seiner Liebe für die „heiteren Dinge“ des Lebens wie Mailänder Schnitzel, Birnen mit Gorgonzola oder Benediktiner anzustecken und auf andere Gedanken zu bringen. Aber er hält es nur kurze Zeit bei ihm aus und reist wieder ab.
Der Ausflug nach Kareno Ein Höhepunkt der Erzählung ist die Wanderung Klingsors mit Freunden, u. a. der Sängerin Ersilia und dem Dichter Hermann, in das Dorf Kareno (Kap. 3). Die Stimmung schwankt zwischen Weltschmerz mit Gedanken über den Tod und trunkener Lebenslust des Malers als „König der Nacht“. In einem kleinen Dorf sieht er eine junge Bäuerin von rohem süßen Liebreiz mit ihrer Tochter. „Diese Frau [will] er malen, oder ihr Geliebter sein, sei es nur eine Stunde lang. Sie [ist] alles: Mutter, Kind, Geliebte, Tier, Madonna.“ In ihrem Reiseziel Kareno besucht die Gruppe die „Königin der Gebirge“, eine ca. 20-jährige Frau von „schlank elastischer Blüte, straff, federnd, ganz in Rot, brennende Flamme, Bildnis der Jugend“. Klingsor ist von ihr fasziniert, obwohl ihm der trennende Altersunterschied bewusst ist. Sie würde er gerne malen, „nicht nach der Natur, sondern den Strahl in ihr, den er empfangen hat[-], das Gedicht, den holden herben Klang: Jugend, Rot, Blond, Amazone […] Der Tag [ist] gekrönt, der Tag hat[-] seinen Sinn gefunden.“ Auf dem Rückweg verbringt man den Abend in einer Grotto bei Brot und Wein in froher Runde und geistiger Verbundenheit, die Hesse eindrucksvoll gleichnishaft beschreibt: „Vögel in goldenem Käfig (…) sangen exotische Lieder (…) Antwort kam von Stern und Mond, von Baum und Gebirg, Goethe saß da und Hafis, heiß duftete Ägypten und innig Griechenland herauf, Mozart lächelte, Hugo Wolf spielte den Flügel in der irren Nacht.“
In einem kurzen Brief an Edith (Kap. 4) erklärt Klingsor seine Probleme mit Frauen und seine Bindungsängste: „Ich weiß nicht, ob ich überhaupt lieben kann. Ich kann begehren und kann mich in andern Menschen suchen, nach Echo aushorchen, nach einem Spiegel verlangen, kann Lust suchen, und alles kann wie Liebe aussehen.“
Die Musik des Untergangs Im nächsten Kapitel (5), „Die Musik des Untergangs“ treffen sich Klingsor und sein „Dichterfreund“ Hermann, die sich die Namen der chinesischen Dichter Li Tai Po und Thu Fu geben, mit einem armenischen Sterndeuter. Dieser Armenier sagt Klingsor eine beunruhigende Zukunft voraus, worauf Klingsor, welcher den Tod sowieso schon nahen fühlt, ein Abschiedsmahl mit seinen Freunden hält. Klingsor diskutiert in diesem Kapitel ebenfalls darüber mit dem Armenier, dass das alte Europa dem Untergang gewidmet sei und dass die Asiaten bald die Stellung der Europäer übernehmen würden. Klingsors verzweifelte Lebensgier wird dadurch nur noch mehr angeheizt, „dreihundert Becher“ will er im „brennenden Hause“ leeren und dabei mit dem Monde anstoßen. Der Sterndeuter warnt ihn: „[D]u bist ein gehetzter, armer, ein gepeinigter und angstvoller Mensch. Du hast die Musik des Untergangs angestimmt, du sitzt singend in deinem brennenden haus, da du selbst angezündet hast, und es ist dir nicht wohl dabei, auch wenn du jeden Tag dreihundert Becher leerst und mit dem Monde anstößt […] Sänger des Untergangs, willst du nicht innehalten?“
Abschiedsgedanken Im Kapitel „Abend im August“ (6) malt Klingsor bei Manuzzo den Nachmittag über und kehrt am Abend müde in einem Wirtshaus zu einem Nachtmahl ein. Auf dem Rückweg wünscht er sich, „in der letzten, verzauberten Viertelstunde des reifen Sommertages, der nie wieder [kommt]“ noch arbeiten zu können: „Wie namenlos schön [ist] alles jetzt, wie ruhig, gut und spendend, wie voll von Gott!“ Aber er ist todmüde und er sagt sich ein Gedicht Thu Fus auf: „Vom Baum des Lebens fällt Mir Blatt um Blatt. […] Alles stirbt, alles stirbt gern.“ Eine Bauernfrau vom Tavernetal, die er aus seiner „so schattenhaften und verwirrten Vergangenheit dieses Sommers“ kennt, taucht plötzlich in der Dämmerung auf und er hat mit ihr ein flüchtiges Liebesabenteuer und er schenkt ihr zum Andenken eine silberne Tabaksdose. Zu Hause betrachtet er zufrieden seine Skizzenblätter, doch er fragt sich: „Wozu all die Mühe, all der Schweiß, all die kurze, trunkene Schaffenslust? [Gibt] es Erlösung?“
In einem Brief an Louis den Grausamen (Kap. 7) beschreibt Klingsor, wie die Malerei in diesem Sommer wie eine Explosion aus ihm herauszubrechen scheint. Aber er werde bald keine Landschaften mehr malen, sondern Fantasien und Erinnerungen seines Innern. Er vermacht ihm ein kleines Bild, das der Freund besonders mag. Wenig später schickt er seinem Freund Thu Fu ein Gedicht (Kap. 8) im Stile der Jintishi-Poesie,Acht paarweise angeordnete Zeilen nach dem Vorbild von Li Tai Po und Thu Fu über den trinkenden und so seine Todesangst verdrängenden Klingsor.
Das Selbstbildnis In seinen letzten Lebenstagen im September malt Klingsor ein Selbstbildnis (Kap. 9). In gewohnt greller Farbigkeit, aber einem für seine Kunst untypischen abstrakten Stil zeigt es ein zerfurchtes Gesicht, ein „Antlitz wie eine Landschaft (…), Haare an Laub und Baumrinde erinnernd, Augenhöhlen wie Felsspalten“. Viele Gesichter malt er in sein Selbstporträt hinein, „Kindergesichter süß und erstaunt, Jünglingsschläfen voll Traum und Glut, spöttische Trinkeraugen, Lippen eines Dürstenden, eines Verfolgten, eines Leidenden, eines Suchenden, eines Wüstlings, eines enfant perdu“. Von einigen Betrachtern wird es als schonungslose psychologische Selbstanalyse des Malers gedeutet, von anderen wiederum als Zeugnis von Klingsors Wahnsinn. Sein letztes Werk schließt er ein und zeigt es niemandem. Es wird erst nach seinem Tod entdeckt. Der Roman schließt mit dem Satz: „Dann wusch er sich, rasierte sich, legte neue Wäsche und Kleider an, fuhr zur Stadt und kaufte Obst und Zigaretten, um sie Gina zu schenken.“
Wie aus der „Vorbemerkung“ hervorgeht, stirbt Klingsor im Spätherbst.
Entstehungsgeschichte Das Jahr 1919 bedeutete in vielfältiger Weise einen Einschnitt in Hermann Hesses Leben. Seine erste Frau Maria Bernoulli befand sich mit einer schweren Depression in einer Nervenheilanstalt und seine drei Söhne waren in Pflege bei Freunden. Seine Ehesituation und seine Schuldgefühle verarbeitete er in der ebenfalls 1919 publizierten Erzählung „Klein und Wagner“. Im Frühjahr wurde Hesse aus der Kriegsgefangenenfürsorge entlassen, für die er während des Ersten Weltkriegs gearbeitet hatte. Im Mai übersiedelte er daher von Bern ins sonnige Tessin, wo er in der schlossähnlichen Casa Camuzzi in Montagnola ein neues Domizil fand. Im Juli lernte er die 20 Jahre jüngere Sängerin und Malerin Ruth Wenger, seine spätere zweite Frau, kennen.
Alle diese Umstände, die neu gewonnene Freiheit, die neue Liebe, vor allem die klimatisch begünstigte Gegend machten das erste Tessiner Jahr für Hesse zur „vollsten, üppigsten, fleißigsten und glühendsten Zeit“ seines Lebens, die er mit Malen, Dichten und Besuchen in den Grotti des Sottoceneri verbrachte. Ihr setzte er mit der im Juli und August in wenigen Wochen niedergeschriebenen Erzählung Klingsors letzter Sommer ein Denkmal.
Interpretation Autobiographisches Nach Bernhard ZellerBernhard Zeller: „Hermann Hesse“. Neuausgabe. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2005. sind alle Werke Hesses „Fragmente eines großen Selbstporträts“.Zitiert in: „Kindlers Literaturlexikon im dtv“. DTV München 1974, Bd. 9, S. 3873. Auch Klingsors letzter Sommer trägt starke autobiographische Züge des Autors. Der Name „Klingsor“ geht auf den vielfach literarisch verarbeiteten Magier aus Wolfram von Eschenbachs Parzival-Epos zurück. Als solcher hat sich auch Hermann Hesse selbst begriffen, man denke an sein Werk Kindheit eines Zauberers. Außerdem taucht der Verfasser als „Dichterfreund Hermann“ (Thu Fu) in der Sterndeuter-Szene auf. Auch hinter den übrigen Figuren verbergen sich häufig Personen aus Hesses Umgebung: Louis der Grausame trägt nicht nur den Vornamen, sondern auch die Züge des Malers Moilliet. Hinter dem Armenier steckt der mit Hesse befreundete Architekt Josef Englert, hinter der Königin der Gebirge Hesses zweite Frau Ruth Wenger.