Der Mord an Samuel Paty, einem französischen Lehrer, ereignete sich am Nachmittag des 16. Oktober 2020 in der Nähe der im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine gelegenen Mittelschule, an der er unterrichtete. Er wurde auf offener Straße getötet und enthauptet. Täter des Mordanschlags war Abdullah Ansorow, ein islamistisch motivierter 18-Jähriger tschetschenischer Herkunft. Polizisten erschossen den bewaffneten Täter bei dem Versuch, ihn festzunehmen. Es war das fünfte islamistische Attentat in Frankreich im Jahr 2020.
Hintergrund Der Geschichts- und Geografielehrer Samuel Paty, ein 47-jähriger Familienvater, hatte an seiner Schule, dem Collège du Bois-d’Aulne in Conflans-Sainte-Honorine, am Montag, 5. und Dienstag, 6. Oktober 2020, wie im Lehrplan vorgesehen, in zwei verschiedenen Klassen derselben Jahrgangsstufe zum Recht auf Meinungsfreiheit unterrichtet. Dabei nutzte er bereits seit einigen Jahren jeweils auch die aus der Satirezeitschrift Charlie Hebdo bekannten Mohammed-Karikaturen. Bevor er den Schülern die Karikaturen zeigte, darunter eine, die den Propheten Mohammed mit nacktem Hintern zeigt, stellte Paty allen Anwesenden frei, das Klassenzimmer zu verlassen (Montag), bzw. den Blick abzuwenden (Dienstag), falls die Karikaturen sie beleidigen könnten.
Die 13-jährige Schülerin Z., die im Unterricht Patys in ihrer Klasse am 6. Oktober aufgrund von Krankheit fehlte, berichtete ihrem Vater Brahim Chnina von Patys Unterrichtsstunde. Brahim Chnina verbreitete daraufhin ab dem Abend des 7. Oktober in sozialen Netzwerken, Paty habe die islamischen Schüler aufgefordert, die Hand zu heben, das Klassenzimmer zu verlassen und dann ungeachtet des Bilderverbots im Islam das Bild eines Nackten gezeigt, das den Propheten darstelle. Er, Chnina, werde diese Schande nicht durchgehen lassen, der Lehrer müsse entlassen werden. Chnina rief seine „Brüder und Schwestern“ dazu auf, „an die Schule zu schreiben, an das CCIF [eine französische Organisation gegen Islamophobie], an die Schulaufsicht, den Bildungsminister oder den Präsidenten“. Er kündigte an, am Folgetag bei der Schulleitung vorstellig zu werden, da seine Tochter für zwei Tage von der Schule ausgeschlossen worden sei. Weiter veröffentlichte er ein Video zu dem Thema, in dessen Kommentaren später die Namen der Schule und des Lehrers erschienen. Paty selbst bestritt bei seiner Vernehmung durch die Polizei am 12. Oktober ausdrücklich, muslimischen Schülern das Verlassen des Klassenraums nahegelegt zu haben. Der zweitägige Schulverweis stand nicht im Zusammenhang mit den Ereignissen, sondern war aufgrund von Problemen im Verhalten und des wiederholten Zuspätkommens der Schülerin ausgesprochen worden.
Brahim Chnina wurde bei seiner Kampagne von Abdelhakim Sefrioui unterstützt, einem seit Ende der 1980er-Jahre in der Pariser Region aktiven, den Sicherheitsbehörden bekannten Islamisten. Dieser veröffentlichte am 11. Oktober ein hetzerisches Video gegen Paty in den sozialen Medien. Am 8. Oktober kam Brahim Chnina, begleitet von Abdelhakim Sefrioui, zur Schule, um sich zu beschweren. Die Schulleiterin bezeichnete am 9. Oktober in einer E-Mail an das gesamte Kollegium Patys vorgebliche Segregation zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Schülern als „Ungeschicklichkeit“ und unbeabsichtigte Diskriminierung. Am Folgetag distanzierten sich zwei Lehrer von Patys Verhalten, da es die Vertrauensbeziehung zu den Familien der Schüler unterbrochen habe. Ein anderer Kollege schrieb, Paty habe der Meinungsfreiheit einen schlechten Dienst erwiesen, gegen die Laizität gearbeitet und Schüler aufgrund ihrer Religion oder Herkunft diskriminiert. Paty antwortete, ihm mache die Hetzkampagne in den sozialen Medien zu schaffen; er werde die Untersuchung durch die Schulaufsicht abwarten und im nächsten Schuljahr das Thema Meinungsfreiheit anhand eines anderen Beispiels unterrichten.
Nachdem Brahim Chnina Strafanzeige gegen Paty wegen des Zeigens von Pornographie vor Minderjährigen erstattet hatte, wurde dieser für den 12. Oktober 2020 auf die Polizeiwache von Conflans-Sainte-Honorine zur Vernehmung bestellt. Er selbst erstattete als Reaktion auf Chninas Strafanzeige seinerseits eine Anzeige wegen Verleumdung und übler Nachrede.
Medienschaffende sehen den Mord an Samuel Paty im Kontext einer zunehmenden Einflussnahme eines politisierten Islams im Klassenzimmer. Lehrer, unter anderem in Frankreich, erklären in Medien, dass sie sich oft selbst zensieren, weil einige Themen im Unterricht nicht mehr behandelt werden könnten. Im Biologieunterricht ist es zum Beispiel die Evolutionstheorie, die auf Widerstand stößt. Im Französischunterricht sind es Religionskritiker wie Voltaire oder weibliche Freigeister wie die Hauptfigur aus Madame Bovary, die abgelehnt werden. Der Generalinspektor Jean-Pierre Obin, der Verfasser des Obin-Berichts, bestätigte in seinem Rapport für das französische Bildungsministerium aus dem Jahre 2004, dass der Islamismus eine Herausforderung für Lehrer darstelle; er nannte unter anderem Selbstzensur als ein Hauptproblem. Der Bildungsminister Jean-Michel Blanquer hat der in der französischen Lehrerschaft stark verbreiteten linksgerichteten Ansicht, die Muslime seien prinzipiell als Opfer von Diskriminierung und sozialer Benachteiligung anzusehen und deshalb mit Rücksicht zu behandeln (sog. „Islamogauchisme“), den Kampf angesagt. Der spätere Attentäter, Abdulach Ansorow, hatte vor dem Mord bereits drei mögliche Opfer ins Visier genommen, war jedoch daran gescheitert, ihre Adressen herauszufinden. Dann stieß er im Internet auf das Video von Brahim Chnina und kontaktierte diesen per Telefongespräch sowie über den Onlinedienst WhatsApp. Die Schwester von Brahim Chnina war 2014 nach Syrien gereist, um sich dem „Islamischen Staat“ anzuschließen.
Tathergang Den Ermittlungen zufolge ließ sich der islamistisch motivierte Täter Abdulach Abujesidowitsch Ansorow am 16. Oktober 2020, dem letzten Schultag vor den zweiwöchigen Herbstferien, von einem Freund per Auto von seinem Wohnort in Évreux nach Conflans-Sainte-Honorine bringen und am frühen Nachmittag in der Nähe der Schule, an der Samuel Paty unterrichtete, absetzen. Gegen 14 Uhr befragte Ansorow vor der Schule mehrere Schüler nach Aussehen sowie Gewohnheiten von Paty. Ansorow zahlte ihnen für Auskünfte bzw. Hilfe bei der Identifizierung insgesamt 300 Euro. Er sagte ihnen, er wolle Paty filmen, ihm eine Entschuldigung abverlangen, ihn demütigen und schlagen. Er erfuhr so, dass Paty die Schule zu Fuß verlasse und dabei eine nahe gelegene Grünanlage durchquere. Nach mehr als zwei Stunden Wartezeit identifizierten zwei Schüler Paty, als er das Schulgebäude verließ.
Gegen 16:30 Uhr stach Ansorow mehrmals auf den Bauch und die Arme von Samuel Paty ein und enthauptete ihn schließlich mit einem 35 cm langen Messer an der , einer Straße im Nachbarort Éragny-sur-Oise, 500 m von der Schule entfernt. Er rief dabei mehrmals „Allahu akbar“. Zwischen 16:38 und 16:59 Uhr schilderte Ansorow über den Onlinedienst Instagram seine Tat einem russischsprachigen Kontakt im syrischen Idlib. Um 16:57 Uhr veröffentlichte Ansorow auf Twitter ein Foto des Kopfs seines Opfers mit dem vor der Tat erstellten Text „[…] An Macron, Herrscher der Ungläubigen, ich habe einen deiner Höllenhunde exekutiert, der es gewagt hat, Mohammed zu erniedrigen. […]“ Einen Screenshot des Tweets sowie eine Audio-Nachricht mit dem Inhalt sandte Ansorow danach seinem Kontakt in Idlib. Dieser antwortete „Allahu akbar“.
Ansorow wurde von Polizisten 300 m vom Tatort entfernt gestellt. Nach Polizeiangaben versuchte er, die Beamten anzugreifen, und schoss mit einer Softairwaffe fünfmal auf die Polizisten. Er habe sich geweigert, seine Waffe fallen zu lassen. Drei Polizisten erwiderten das Feuer und brachten Ansorow zu Fall. Als er versuchte, wieder aufzustehen, um mit einem dolchartigen Messer erneut anzugreifen, erschossen die Polizisten ihn um 17:07 Uhr. Sein Körper wies neun Schusswunden auf. Um einen Sprengstoffgürtel an Ansorows Körper ausschließen zu können, untersuchten zunächst Sprengstoffexperten seine Leiche, fanden aber keine explosiven Materialien.
Täter Der Täter Abdulach Abujesidowitsch Ansorow (, wiss. Transliteration ) wurde nach Angaben des Generalstaatsanwaltes der Antiterrorstaatsanwaltschaft am 12. März 2002 in Moskau geboren. Seine Familie stammt aus Tschetschenien. Ansorow und seine Familie hatten Russland im Juni 2007 verlassen und beantragten in der Folgezeit Asyl in Frankreich. Nach einem längeren Anhörungsverfahren wurde dieser Antrag schließlich am 19. November 2010 von der zuständigen Behörde, dem Office français de protection des réfugiés et apatrides (Ofpra), abgelehnt, da die Schilderungen des Vaters der Familie über die Verfolgungsgründe als nicht überzeugend und stereotyp eingestuft wurden. Dieser Ablehnungsbescheid wurde nach einer Klage vor der Berufungsinstitution für Asylangelegenheiten, dem Cour nationale du droit d’asile (CNDA), am 25. März 2011 aufgehoben, was den weiteren Aufenthalt in Frankreich ermöglichte. Ansorow verfügte über einen am 4. März 2020 erteilten Aufenthaltstitel mit einer Gültigkeit von zehn Jahren. Er war wegen Beschädigung öffentlichen Eigentums sowie gemeinschaftlich begangener Gewalttaten polizeibekannt. Für diese Taten, die Ansorow noch als Minderjähriger begangen hatte, war es zu keinen Verurteilungen gekommen. Ansorow lebte in Évreux, rund 80 km vom Tatort entfernt. Er hatte keinerlei Verbindungen zu seinem Opfer. Vor seiner Tat hatte er versucht, über soziale Medien Kontakt mit den Urhebern der Hasskampagne gegen Samuel Paty, Brahim Chnina und Abdelhakim Sefrioui, aufzunehmen.
Ansorow war in keiner Gefährderdatei der französischen Behörden verzeichnet, und es lag insbesondere über ihn keine Fiche S vor. Nach dem Anschlag wurde jedoch bekannt, dass spätestens seit Juli 2020 mehrere Beiträge Ansorows in sozialen Medien als illegale Hassrede gemeldet und gelöscht worden waren, darunter auch ein Beitrag auf Twitter sechs Tage vor dem Attentat. Die entsprechende Meldeplattform Pharos der französischen Ermittlungsbehörden erhält jede Woche im Mittel etwa 4500 Meldungen. Mitte September 2020 hatte Ansorow nach einem Bericht der Zeitung zudem über den Onlinedienst Instagram Kontakt zu einer Person in der von Dschihadisten gehaltenen Stadt Idlib in Syrien. Am 4. Oktober teilte er zwei Personen über Snapchat mit:
Familienmitglieder Ansorows erklärten den Ermittlungsbehörden, er habe sich spätestens ein halbes Jahr vor dem Anschlag radikalisiert; andere Bekannte gaben an, dies sei bereits mehr als ein Jahr vor dem Verbrechen geschehen. Auf seinem Mobiltelefon wurde ein Foto vom 30. Juli 2020 gefunden, auf dem er in der Pose eines islamischen Märtyrers zu sehen ist, mit einem Finger dem Himmel entgegengestreckt.
Der Leichnam von Ansorow wurde in die russische Teilrepublik Tschetschenien überführt und dort im Dezember 2020 im Dorf Schalaschi nach islamischem Ritus beerdigt. An der Zeremonie nahmen rund 200 Besucher teil.
Strafrechtliche Aufarbeitung Die französische nationale Antiterrorstaatsanwaltschaft PNAT (Parquet national antiterroriste) übernahm noch am Tattag die Ermittlungen. Die Polizei nahm mehrere Personen vorläufig fest. Neben vier Familienangehörigen des Täters zählten dazu auch der Vater der Schülerin Z., der Strafanzeige gegen Paty wegen „pornografischer Darstellung des Propheten“ gestellt und ein Hetzvideo in den sozialen Medien veröffentlicht hatte, sowie Abdelhakim Sefrioui, der den Vater beim Aufwiegeln der Stimmung gegen Paty unterstützt hatte.Rudolf Balmer: Ermordung des Lehrers Samuel Paty: Lüge mit dramatischen Folgen. Taz vom 9. März 2021, abgerufen am 11. März 2021; abgleitet von Jean-Michel Décugis und Jérémie Pham-Lê: Assassinat de Samuel Paty : «J’ai menti» … les aveux de la collégienne à l’origine de la polémique. Le Parisien vom 7. März 2021.