Das Red Bull Theatre oder auch kurz Red Bull war ein Innenhof-Theater, welches im 17. Jahrhundert in Clerkenwell in London existierte. Mehr als vier Jahrzehnte lang unterhielt es Theaterpublikum aus der Londoner City und anderen Stadtteilen. Wobei der Ruf mit den Jahren eher in die Richtung grober Volksbelustigung ging. Nachdem die Londoner Theater 1642 schlossen, vermochte es das Red Bull gelegentlich weiterhin, wenn auch illegal, Theateraufführungen zu zeigen. Dies entfiel, als die Theater 1660 infolge der Stuart-Restauration wieder öffnen durften. Es gehört zu den Mythen, dass das Theater dem Großen Brand von London zum Opfer gefallen sein soll. Wenngleich der Grund für seinen Niedergang nicht eindeutig zu benennen ist. mini|hochkant=1.6|Stadtplan von London des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts. Das Red Bull Theatre befindet sich nordwestlich mini|Die Charaktere aus William Shakespeares Henry IV auf der Bühne des Red Bull
Geschichte
Entstehung 1604/1605 reiste Ulrich von Dänemark nach London zu seiner Schwester Anna, die als Frau von Ehefrau von Jakob I. seit 1603 Königin von England, Schottland und Irland war. Sein Bestreben war es auch ein Theater zu bauen und reichte beim Privy Council um die Erlaubnis ein, ein Gebäude in Clerkenwell, welches aus einer Ansammlung von Ställen, Unterkünften und einem Innenhof bestand (möglicherweise ein Ausspann) in ein Theatergebäude umzubauen. An seiner Seite stand der Schauspieler Marin Slater (oder Slatiar), den Ulrich möglicherweise schon einige Jahre zuvor auf seinen ersten Reisen nach England und Schottland getroffen haben mochte.HMC Salisbury MSS, London, 1899, Band 8, S. 43. Das Ansinnen wurde jedoch abschlägig beschieden.Leeds Barroll: Defining „Dramatic Documents“. In: in Medieval & Renaissance Drama in England, 1997, Band 9, S. 112–126, 122–123. Der Historiker Leeds Barroll vermutet, dass das Bauprojekt gestoppt wurde, um Ulrich eine Kränkung zuzufügen; dem widerspricht Eva Griffiths damit, dass es lediglich eine neue Bauanforderung war, die die Verwendung von Backsteinen vorschrieb.Eva Griffith: Martin Slatiar and the Red Bull Playhouse. In: Huntington Library Quarterly, Dezember 2011, Ausgabe 74, Nr. 4, S. 553–574, 555, 557, 563.
Queen Anne’s Men Das Theater wurde dennoch zwei Jahre später für die Queen Anne’s Men (kurz auch Queen’s Men) fertig gestellt.Herbert Berry: Building Playhouses, the Accession of James I, and the Red Bull. In: Medieval & Renaissance Drama in England, 2005, Ausgabe 18, S. 61–74, 67, 69.
Ein Entwurf einer königlichen Lizenz (Patent) für die Queen Anne’s Company, in der der Clown Thomas Greene, welcher die Hauptrolle in dem Stück Greene’s Tu Quoque spielt, erwähnt wird, legt nahe, dass diese Truppe um 1604 gegründet wurde und das Red Bull auch zunächst für sie eingerichtet wurde. Es ist bekannt, dass neben Greene auch Martin Slater, Aaron Holland (ein Diener des Earl of Devonshire), Thomas Swinnerton und Christopher Beeston Anteile an dem Unternehmen besaßen.Glynne Wickham, Herbert Berry, William Ingram: English Professional Theatre 1530–1660. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 978-0-521-23012-4, S. 564–579.Eva Griffith, Richard Dutton (Hrsg.): The Oxford Handbook of Early Modern Theatre. Oxford University Press, Oxford 2009, ISBN 978-0-19-928724-6, Kapitel: Christopher Beeston: his Property and Properties. Vielleicht, weil sie aus den Schwierigkeiten Philip Henslowes mit dessen kritischer Nachbarschaft gelernt hatten, suchten sie am Hofe nicht eher um eine Genehmigung für ihr Theater nach, bis sie ihr Umfeld mit einer Unterstützung der örtlichen Bedürftigen gewogen gemacht hatten.
Das Repertoire der Queen Anne’s Men beinhaltete viele Arbeiten prominenter Schriftsteller. Den größten Anteil daran hatte Thomas Heywood, der selbst auch spielendes Mitglied war. John Websters The White Devil und The Devil’s Law-case, Thomas Dekkers If This Be Not A Good Play, the Devil Is in It und John Cooke’s erfolgreiches Greene’s Tu Quoque (eigentlich The City Gallant) waren ebenfalls Bestandteil ihres Portfolios. Dazu kamen sie in Besitz von einigen älteren Stücken, darunter Christopher Marlowes Edward II. von 1590. Aufzeichnungen belegen, dass zu Jahresanfang 1612 das Publikum die Uraufführung des subtilen The White Devil lautstark missbilligt hat.Stephen Purcell: Webster: The White Devil. Macmillan International Higher Education, 2012; In späteren Jahren war das Red Bull Theatre Schauplatz oder Ursache von Unruhen.
Zu Ende 1616 wechselten die Queen’s Men, nun unter ihrem neuen Leiter Christopher Beeston, in dessen neues Cockpit Theatre.Eva Griffith: A Jacobean Company and its Playhouse: The Queen’s Servants at the Red Bull Theatre (c.1605–1619). Cambridge University Press, Cambridge 2013, ISBN 978-1-107-04188-2, S. 232–233 und 62–63. Damit wollte man einen ähnlichen Weg beschreiten, wie die King’s Men, welche ab 1608 das Blackfriars Theatre umbauten und erweiterten, um auch im Winter ein Theaterangebot zur Verfügung stellen zu können. Am Faschingsdienstag, dem sogenannten Shrove Tuesday, des Jahres 1617 zerstörte eine Truppe von Lehrlingen das Cockpit. Der Grund war, neben den seinerzeit üblichen Ausschreitungen an diesem Tage (vergleiche die Maikrawalle der Neuzeit), dass viele ihrer Lieblingsstücke aus dem deutlich preisgünstigeren Red Bull (Stehplatz 1 Pence) ins Cockpit (Stehplatz 6 Pence) abwanderten. Dabei wurde ein Jugendlicher getötet. Es wurde jedoch sogleich unter dem Namen Phoenix wieder aufgebaut (blieb aber im Volk weiterhin als Cockpit bekannt).
Am Red Bull wurden die Queen’s Men 1619 von den Prince Charles’s Men abgelöst, welche von dem Hope Theatre ins Red Bull wechselten. Als sich die Queen’s Men, nach dem Tode ihrer Patronin Anna, auflösten, führte dies zu einer wenig verständlichen Umbesetzung dieser Theaterkompanien. Im Niedergang der Ära Jakob I. produzierten die Gruppen noch Stücke von Dekker sowie Philip Massingers (The Virgin Martyr), Thomas Mays The Heir und Herod and Antipater von Gervase Markham und William Sampson.
1625 bis 1642
Nach Jakobs Tod übernahm vermutlich Karl I. die Patronage der King’s Men und die Prince Charles’s Men lösten sich auf. Von da an residierte eine weniger gut beleumundete Kompanie im Red Bull, welche vornehmlich aus Mitgliedern der ehemaligen Queen Anne’s Men bestand; Forscher nennen sie einfach die Red Bull Company, wie sie auch die Schauspieler selber so nannten, wenn sie zur Spielzeit in London zusammen kamen; wenn sie jedoch tourten, nannten sie sich die King’s Players. Aufgrund eines Gesuchs von John Heminges im Jahre 1627 ordnete der zu der Zeit amtierende Master of the Revels Henry Herbert an, dass jene Truppe keine Stücke von Shakespeare mehr spielen sollte.S. P. Cerasano, Heather Anne Hirschfeld: Medieval and Renaissance Drama in England. Band 25. Fairleigh Dickinson University Press, 2012; Im November 1629 begrüßte das Theater einige französische Schauspieler, welche zuvor schon am Fortune und Blackfriars Theatre auftraten; eine zeitgenössische Notiz könnte darauf hinweisen, dass diese Truppe, bei der auch Frauen auftraten, in Clerkenwell nicht gut aufgenommen wurde.
Bis 1634 beherbergte das Red Bull eine neue Truppe, die vom noch jungen Prinz Karl I. das Patronat erhielten. Zu diesem Zeitpunkt war der Ruf des Red Bull angeschlagen. Aber die neue Theatertruppe konnte sich mit einem beliebten Komiker, Andrew Cane, brüsten und es gelang ihm auch den Zorn des Privy Council über das herabsetzende Stück The Whore New Vamped zu befrieden, in welchem ein Stadtrat namentlich verspottet sowie Beschwerde über kürzlich erhobene Steuern geführt wurde.
Nach 1642 Das Red Bull wurde 1642 vom Commonwealth, zusammen mit allen anderen Theatern Londons, geschlossen. Allerdings focht dies die Betreiber des Red Bull nicht lange an – bereits 1648 brachten sie heimlich Fletchers Wit Without Money auf die Bühne; hierzu wurde es klandestin mit Flugzetteln beworben, welche in die Kutschen vorbeifahrender Herrschaften geworfen wurden. Es folgte ein scharfes Vorgehen gegen jegliche weitere Aufführungen durch das Parlament, die nun verstanden, was tatsächlich hinter der Werbung für „Seiltanzvorführungen“ und anderen unverfänglich klingenden Unterhaltungsangeboten in den alten Theaterhäusern stand. Am 20. Dezember 1649 wurde an dem Red Bull eine Razzia durchgeführt, eine Reihe von Schauspielern verhaftet und ihre Roben und Eigentum beschlagnahmt.
Der Red Bull ist das einzige Theater, das mit sogenannten Drolls in Verbindung gebracht wird, kurzen komödiantischen Sketchen, deren Inhalte aus den beliebtesten älteren Stücken genommen und mit Tanzeinlagen versehen wurden. Dies unterlief das strenge Theaterverbot auf zumeist legale Weise und die arbeitslos gewordenen Schauspieler konnten sich so über Wasser halten. Im Rahmen einer solchen Performance im Jahre 1653 im Red Bull wurde Robert Cox festgesetzt. Diese wurde als ganzes Theaterstück erkannt und überschritt damit die gesetzten Linien der Regularien. Im Februar oder März 1655 haben Aufzeichnungen zufolge Sir William Davenant und Sir George Fletcher, ein späterer Politiker des englischen Unterhauses, einer Theatervorführung am Red Bull beigewohnt.Deborah C. Payne: Patronage and the Dramatic Marketplace under Charles I and II. In: Charles Cedric Brown: Patronage, Politics, and Literary Traditions in England, 1558–1658. Wayne State University Press, Detroit 1993, S. 167. Im September 1655 fand im Red Bull eine erneute Razzia statt. Diesmal in der Folge eines strengeren Vorgehens, welches Cromwells Soldaten bereits schon veranlasste das Fortune und Blackfriars Theatre zu verwüsten. 1659 spielten der Schauspieler Michael Mohun und der zuvor auch Deutschland bereisende George Jolly unerlaubterweise auf der Bühne des Red Bull.
Nach 1660, als die Theater mit der Regierungsübernahme Karl II. und im Zuge der Stuart-Restauration wieder öffnen durften, kehrte das neue Management sogleich wieder zurück zum bewährten Konzept der theatralischen Massenunterhaltung. Samuel Pepys notierte am 23. März 1662 in sein berühmtes Tagebuch, dass er eine Neuinszenierung von William Rowley All’s Lost by Lust (aus dem Jahre 1633) dort sah. Und machte aus seiner Enttäuschung kein Hehl:
Eine folgende Aufführung von Dr. Faustus (Christopher Marlowe) erschien ihm ebenfalls jämmerlich („wretchedly“). Danach fanden wohl keine Theateraufführungen mehr statt und William Davenant erwähnte 1663 in seinem Theaterstück Playhouse to Let, dass das Red Bull keine Mieter mehr beherberge, „dafür aber Spinnen“. Diese Botschaft erreichte sein Publikum und schon bald fanden in dem aufgegebenen Gebäude Preiskämpfe [Boxen?] und öffentliche Fechtdarbietungen statt. Um 1665 oder 1666 endete die Geschichte des Red Bull Theatres. Jedoch ist dies nicht in Verbindung zu bringen mit dem Großen Brand von London, welcher tatsächlich in einiger Entfernung südlich zum Stillstand kam.William J. Pinks, Edward J. Wood, A. C. Bromhead: The History of Clerkenwell. 1865, S. 194–195; . Auf dem Gelände wurden danach neue Gebäude errichtet; die Eckpunkte des ehemaligen Red Bull lassen sich zusammen mit dem Zugangsweg zur St. John Street noch immer nahe der Woodbridge Street erahnen.
Aussehen