Das Kastell Dajaniya, ist ein spätrömisches Militärlager nahe der modernen Siedlung Al-Husseiniyeh, einer Ortschaft im Gouvernement Ma'an im Süden von Jordanien. Der Garnisonsstandort gehörte zunächst zur Provinz Arabia und wurde während der Regierungszeit des Kaisers Diokletian (284–305) der neugegründeten Provinz Palaestina Tertia zugeschlagen. Die fast quadratische Fortifikation befindet sich im westlichen ariden Randbereich der jordanischen Wüste und wurde als Teil des spätantiken Limes Arabicus in vorderster Linie errichtet. Ihr bemerkenswerter ErhaltungszustandJohn Rucker: A Diocletianic Roman Castellum of the ‘Limes Arabicus’ in its local context: A final report of the 2001 D'janiya survey. University of Missouri-Columbia, Columbia 2007, S. 37–39; hier: S. 12. macht Dajaniya zu einem beliebten Forschungsobjekt der Wissenschaft, zieht jedoch auch Kriminelle an, die den Ort für Plünderungen nutzen.

Lage Die Überreste des römischen Kastells Dajaniya liegen leicht erhöhtSamuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1. S. 93. auf einem überschwemmungssicheren Basaltstock, der sich im Pleistozän gebildet hat und befinden sich rund 4,60 Kilometer von der nordnordöstlich gelegenen Siedlung Al-Husseiniyeh entfernt.Jaroslaw Bodzek, Kamil Kopij, Lukasz Miszk, Pawel Cwiąkala u. a.: Results of ‘Archaeological Study of Dajaniya & Tuwaneh’ (ArTu:DTu) 2018 survey of Dajaniya (Ma’an-Husseiniyeh), Southern Jordan. In: Piotr Kolodziejczyk (Hrsg.): Discovering Edom. Polish archaeological activity in southern Jordan. Krakau 2019, ISBN 978-83-952339-4-4, S. 51–67; hier: S. 51. Der durch vulkanische Aktivitäten entstandene Basalt ist im Raum um die Fortifikation weit verbreitet.Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1. S. 87. Das nächstgelegene Legionslager, Udruh, liegt rund 30 Kilometer südsüdwestlich während es im Norden rund 78 Kilometer bis zum Legionslager Betthorus sind. Nur 19 Kilometer nordöstlich entfernt befindet sich das Kleinkastell Jurf ed-Darawish mit dem über mehrere kleine Kontrollposten und Wachtürme Verbindung – Abu Hutana Qasr el-Bint, Tell Burma, Qasr el-Bint – bestand. Dajaniya lag an einem der Via Traiana Nova vorgeschobenen Straßenabschnitt. Die Via Traiana Nova selbst verlief rund 13 Kilometer westlich. Diese Straße war nach der Annexion des Nabatäerreiches unter Kaiser Trajan (98–117)Hans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 76. zur Sicherung der neugewonnenen Gebiete zwischen 107 und 114 n. Chr. angelegt worden. Sie verlief von Süden nach Norden und verband die Hafenstadt Aila (Akaba) am Roten Meer mit dem Legionslager Bostra im heutigen Syrien. Die dort stationierte Legio III Cyrenaica zeichnete für den Bau der Straße verantwortlich.Hans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 36. Die römische Armee war über die Jahrhunderte gezwungen, ihre Grenzbefestigungen immer weiter auszubauen. Mit und im Zuge der weitreichenden Reichsreformen unter Kaiser Diokletian (284–305) sowie der wachsenden Bedrohung durch die Sassaniden erreichten diese Bemühungen einen Höhepunkt.

Forschungsgeschichte Der Fundort hat die Aufmerksamkeit zahlreicher Wissenschaftler und Reisender auf sich gezogen. Die wichtigsten frühen Gelehrten an diesem Platz waren der österreichische Althistoriker Alfred von Domaszewski (1856–1927) und der deutsch-amerikanische Philologe Rudolf Ernst Brünnow (1858–1917), die den römischen Limes und viele weitere antike Stätten der einstigen Provinz Arabia auf zwei in den Jahren 1897 und 1898 durchgeführten Forschungsreisen beschrieben. Die auf Grundlage ihrer Untersuchungen publizierten Bände enthalten auch den ersten Plan des Kastells.Alfred von Domaszewski, Rudolf Ernst Brünnow: Die Provincia Arabia auf Grund zweier in den Jahren 1897 und 1898 unternommenen Reisen und der Berichte früherer Reisender beschrieben. Band 2: Der äussere Limes und die Römerstrassen von el-Ma'an bis Boṣra. Trübner, Straßburg 1905. S. 8–13. Wesentlichen Anteil an einer ersten topographischen Einordnung von Dajaniya in das römische Straßennetz und dessen Meilensteine hatte der deutsche Lehrer und Orientalist Peter Thomsen (1875–1954) mit seiner Veröffentlichung von 1917.Peter Thomsen: Die Römischen Meilensteine der Provinzen Syria, Arabia und Palaestina. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 40, 1–2, 1917, S. 1–103. Erst 1935 und 1940 fanden wieder Untersuchungen am Kastell durch den amerikanischen Biblischen Archäologen Nelson Glueck (1900–1971) statt, der in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre viele Bauten des römischen Limes in Jordanien besuchte. Nach Jahrzehnten ohne weitere Forschungen folgten erst in den 1980er Jahren neue Besuche vor Ort, die zu wissenschaftlichen Publikationen führten. Der erste dieser Wissenschaftler war der britische Archäologe Philip Freeman der 1985 und 1986 den Kastellort besuchte und einen neuen Plan der Anlage veröffentlichte.Samuel Thomas Parker: The Limes Arabicus Project: The 1989 Campaign. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 34, 1990, S. 357–376, hier: S. 370.Philip Freeman: Recent work on a Roman fort in South Jordan. In: Hermann Vetters, Manfred Kandler (Hrsg.): Akten Des 14. Internationalen Limeskongresses 1986 in Carnuntum (= Der römische Limes in Österreich 36), Wien 1990, S. 179–191. Ihm folgte der australische Provinzialrömische Archäologe David Leslie Kennedy zusammen mit dem britischen Luftbildarchäologen Derrick Newton Riley (1915–1993). Beide widmeten sich in mehreren Publikationen der Erforschung der jordanischen Antike aus der Luft.David Leslie Kennedy, Derrick Newton Riley: Rome's Desert Frontier from the Air. Batsford, London 1990, ISBN 0292770456. Einen bedeutenden Beitrag zur modernen Erforschung des spätantiken Limes Arabicus leistete der amerikanische Provinzialrömische Archäologe Samuel Thomas Parker (1950–2021), der mit einer interdisziplinären Mannschaft aus Wissenschaftlern von 1980 bis 1989 archäologische Expeditionen unternahm. Als Leiter des Limes Arabicus Projects legte er dabei seinen Schwerpunkt auf den römischen Grenzverlauf in Zentraljordanien. Er publizierte seine Ergebnisse, die auch Untersuchungen in Dajaniya einschlossen, in mehreren Veröffentlichungen.Samuel Thomas Parker: Archaeological Survey of the „Limes Arabicus“: A Preliminary Report. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 21, 1976, S. 19–31.Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1.Samuel Thomas Parker (Hrsg.): The Roman Frontier in Central Jordan. Interim Report on the Limes Arabicus Project 1980–1985 2 (= BAR International Series 340), Oxford 1987.Victoria L. Godwin: The castellum of Da'janiya (Area T). In: Samuel Thomas Parker (Hrsg.): The Roman Frontier in Central Jordan. Final Report on the Limes Arabicus Project, 1980–1989. Band 1 (= Dumbarton Oaks Studies 40), Washington, D.C., 2006, ISBN 978-0-88402-298-5, S. 275–287. Parker nahm auch stichprobenartige kleine Grabungsschnitte vor. Anschließend kam es mit dem britischen Archäologen George Macrae Findlater, der unter anderem in führenden Positionen für das British Institute in Amman arbeitete, während der von ihm geleiteten „Dana Archaeological Survey“ (DAS) zwischen 1994 und 1996 unter anderem zu erneuten Forschungen am Kastell.George Macrae Findlater: Limes Arabicus, via militaris and Resource Control in southern Jordan. In: Philip Freeman, Julian Bennett, Zbigniew T. Fiema, Birgitta Hoffmann (Hrsg.): Limes XVIII. Proceedings of the XVIIIth International Congress of Roman Frontier Studiesheld in Amman, Jordan (September 2000). Band 1 BAR Publishing (= BAR International Series 1084, I), Oxford 2002, ISBN 1-84171-465-8, S. 137–152. Im Jahr 2001 beschäftigte sich der amerikanische Archäologe John Rucker im Rahmen seines Da'janiya Hinterland Survey Projects mit Dajaniya und dessen weiterem Einzugsgebiet. Die Auswertung des keramischen Fundmaterials lag in den Händen von Samuel Thomas Parker.John Rucker: A Diocletianic Roman Castellum of the ‘Limes Arabicus’ in its local context: A final report of the 2001 D'janiya survey. University of Missouri-Columbia, Columbia 2007, S. 37–39; hier: S. II. Vom 3. und 6. November 2018 fand unter der Leitung des polnischen Archäologen Jaroslaw Bodzek von der Jagiellonen-Universität in Krakau in Zusammenarbeit mit der Wissenschaftlich-Technischen Universität eine Dokumentation der erhaltenen architektonischen Überreste des Kastells mittels Laserabtastverfahren und Nahbereichsphotogrammetrie statt. Zum Programm gehörte auch eine Feldbegehung.

Baugeschichte 300px|mini|Ein Kastellplan der unterschiedliche Veröffentlichungen und neuere Luftbilder vereint

Die römischen Geometer orientierten sich bei den Planungen zu diesem Kastell an einem in der Spätantike ausgearbeiteten militärischen Baumuster, das einen quadratischen Grundriss mit weit aus dem Verband der Wehrmauer hervorspringenden Türmen vorsah und reichsweit in verschiedenen Dimensionen zum Einsatz kam. Bei den Vermessungsarbeiten im Gelände kam es zu einigen Abweichungen. Daher bildet die Umwehrung ein leicht unregelmäßiges Parallelogramm. Insgesamt wurde die Fortifikation mit 102,20 × 99,15 × 99,75 × 101,10 Metern (= 1,02 Hektar) eingemessen. Das Kastell orientiert sich mit seinen vier Flanken genau nach den Haupthimmelsrichtungen, die vier Ecktürme befinden sich damit im Norden, Süden, Osten und Westen. Von den Mauern des Kastells aus ist die Sicht in alle Richtungen gut.

Umfassungsmauer mini|Blick von Osten auf einen Abschnitt der nordöstlichen Umfassungsmauer (Zustand 2013) mini|Das Ausfalltor in der Südwestmauer (Zustand 2013)

Das Baumaterial, zumindest der verwendete Kalkstein, stammt wahrscheinlich aus einem im Wadi al-Muqta'a ausgebeuteten Steinbruch, der in den 1990er Jahren rund 7,50 Kilometer nördlich des Kastells entdeckt wurde. Die beim Bau genutzten schwarzen Basaltblöcke mit dem verwendeten weißen Mörtel und Gips beeindrucken bis heute. Neben dem größtenteils verbauten Basalt, fand Kalkstein nur begrenzten Einsatz.Samuel Thomas Parker: The Limes Arabicus Project: The 1989 Campaign. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 34, 1990, S. 357–376, hier speziell: S. 370–376; hier: S. 371. Das durchschnittlich 2,25 Meter starke Mauerwerk selbst ist aus ungleichmäßigen Lagen zusammengesetzt und besteht aus Hau-, Bruch- und Lesesteinen. Der Aufbau folgt dem bekannten römischen Schema und besteht aus zwei äußeren Mauerschalen, deren Inneres aus Bruchsteinen besteht, die in Mörtel gesetzt wurden. Viele andere Mörtelreste deuten darauf hin, dass sowohl die Umfassungsmauer als auch die meisten Innenwände des Kastells ursprünglich verputzt waren.