mini|Ankündigung einer Benefizvorstellung zugunsten von Franz de Paula am Stadttheater Düsseldorf (1883) Eine Benefizvorstellung (lateinisch beneficium „Wohltat, Gefälligkeit“) ist eine Theater- oder Musikaufführung zugunsten von Autoren, Schauspielern, Sängern, Tänzern, Zirkusartisten, Regisseuren, anderen Künstlern, Theaterfunktionären oder von wohltätigen Zwecken. Vorstellungen für Bühnenkünstler mit dem alleinigen oder hauptsächlichen Zweck, deren Gehalt aufzubessern, sind in vielen Ländern Europas, in den USA und vereinzelt auch anderenorts für das gesamte 18. und 19. Jahrhundert dokumentiert. In England fanden erste Benefizvorstellungen zum Wohle der Künstler bereits Ende des 17. Jahrhunderts statt. Von Ort zu Ort – und von Genre zu Genre – konnten sich die Verhältnisse stark unterscheiden.
Benefizabende für wohltätige Zwecke hatten unter anderem das Ziel, pensionierte oder aus anderen Gründen weniger begüterte Berufskollegen zu unterstützen. Die Bühnenkünstler stellten sich früh aber auch in den Dienst allgemeiner karitativer Unternehmungen. Nach Unglücksfällen leisteten prominente Theaterleute und Musiker mit gesellschaftlich oft stark beachteten Benefizabenden regelmäßig einen Beitrag zur Überwindung von ökonomischen Notlagen. Die philanthropischen Zielsetzungen solcher Abende werden in der Gegenwart vor allem von (Pop-)Musikern aufgegriffen. Benefizkonzerte als Medienevent können Millionen von Euro einspielen.
Zugunsten von Künstlern Ursprünge in England Seinen Ausgangspunkt nahm das Konzept der Benefizvorstellung in England.Richard Macnutt: Benefit. In: Grove Music Online (abgerufen am 4. Mai 2020). Entsprechende Abende wurden zunächst ausschließlich für Berufsdramatiker eingerichtet und hatten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts den Charakter einer Maßnahme für Bedürftige. Vor dieser Zeit waren Tantiemen für Schriftsteller und Komponisten unbekannt. Auch erhielten Autoren nur kleine oder gar keine Honorare, wenn ihre Stücke gedruckt wurden. Benefizvorstellungen wurden deshalb mit dem Ziel veranstaltet, den Unterhalt der Autoren zu sichern.Herbert A. Frenzel: Geschichte des Theaters. Daten und Dokumente 1470-1840. München 1979, S. 113. Aufführungen zugunsten der Dramatiker lassen sich bis in die frühe Shakespeare-Zeit zurückverfolgen, als auf solche Weise unter anderem John Lyly nachweislich Einnahmen generierte.Rudolf Stamm: Geschichte des englischen Theaters. Bern 1951, S. 188.Robert Fricker: Das ältere englische Schauspiel. Band 2: John Lyly bis Shakespeare. Bern 1983, S. 28. Während der Restaurationszeit (1660–1689) bürgerte es sich ein, dass den Bühnenautoren die Einnahmen des dritten Vorstellungsabends, mitunter auch jeder dritten Aufführung, zustanden.Robert D. Hume: The Origins of the Actor's Benefit in London. In: Theatre Research International. Jg. 9/2, 1984, S. 99–111, hier: S. 100. Diese dritten Vorstellungen – sofern sie überhaupt zustande kamen, was keineswegs garantiert war – wurden benefit performances genannt. In mehreren Prologen jener Zeit thematisierten Autoren ihre wirtschaftlich heikle Situation. George Powell schrieb zum Beispiel in seiner 1690 erstaufgeführten Tragödie Alphonso: „Let Fancy [...] save my Play, / And then I'll laugh at Wits on my Third Day“ (etwa: „Lasst Fantasie mein Stück retten / Und dann werde ich an meinem Dritten Tag über Witze lachen“).George Powell: Alphonso, King of Naples. London 1691, unpaginiert. Mit diesen „Witzen“ waren mögliche höhnische Bemerkungen über die Qualität des Stückes gemeint, die dem Autor recht gleichgültig sein konnten, wenn das Publikum bei der Premiere und der nachfolgenden Vorstellung stark genug applaudiert und eben für eine dritte Aufführung – den „Dritten Tag“ – gesorgt hatte.Tiffany Stern: Documents of Performance in Early Modern England. Cambridge 2009, S. 81 f.
mini|Elizabeth Barry Sieht man von singulären Vorstellungen ab, die an den Theatern als Women's Day (Frauentag) angekündigt wurden und dem weiblichen Personal Einnahmen verschaffen sollten, gilt die Schauspielerin Elizabeth Barry als erste Bühnenkünstlerin, die von Benefizvorstellungen profitierte. Die schon in jungen Jahren vom Publikum bewunderte Tragödin schloss sich 1682 der United Company an, deren Spielstätte das Londoner Drury Lane Theatre war. Nach Angaben des Schauspielers und Dramatikers Colley Cibber, der 1740 eine vielgelesene Autobiografie vorlegte, gab ihr der englische König James II. während seiner kurzen Regierungszeit von 1685 bis 1688 die Erlaubnis zu einer ersten Benefizvorstellung.Colley Cibber: An Apology for the Life of Colley Cibber, Comedian. London 1740, S. 291. In späteren Darstellungen wird konkret das Jahr 1685 als Datum dieses Ereignisses genannt.Vgl. Benefit performance. In: Encyclopædia Britannica (abgerufen am 20. April 2020). Mit einer gewissen Regelmäßigkeit kamen Londoner Schauspieler jedoch erst ab 1695 in den Genuss von Benefizvorstellungen. In diesem Jahr verließ Elizabeth Barry zusammen mit etlichen Kollegen die United Company aufgrund von Gehaltsstreitigkeiten. Die Schauspieler, unter ihnen Anne Bracegirdle und Thomas Betterton, gründeten eine eigene, heute als Betterton Company bezeichnete Theatergesellschaft, die das revitalisierte Lincoln’s Inn Fields Theatre als Spielort nutzte.Elizabeth Howe: The First English Actresses: Women and Drama, 1660–1700. Cambridge 1992, S. 29. Barry hielt, was Frauen lange vorenthalten war, Anteile an der neuen Gesellschaft und erlangte dadurch eine größere Kontrolle über deren Einnahmen. Dies allein stellte bereits einen beachtlichen Fortschritt dar.Vgl. Kate C. Hamilton: The “Famous Mrs. Barry”: Elizabeth Barry and Restoration Celebrity. In: Studies in Eighteenth-Century Culture. Jg. 42, 2013, S. 291–320, hier: S. 314. Darüber hinaus ließ sich Barry vertraglich eine jährliche Benefizvorstellung garantieren, deren Einnahmen komplett ihr zufielen. Die Regelung sah explizit vor, dass sie „alleinige Begünstigte von allen Gewinnen eines [Vorstellungs-]Abends“ wurde, was ihre finanzielle Lage erheblich verbesserte.Elizabeth Anne Tasker: Low Brows and High Profiles: Rhetoric and Gender in the Restoration and Early Eighteenth Century Theater. Diss. Georgia State University, Atlanta 2007, S. 113 f. Aufgrund des Vertrages übertraf ihr Jahresgehalt nun sogar das von Thomas Betterton, dem zuvor bestverdienenden Schauspieler der United Company. Vor 1695 verdiente Barry 50 Shilling wöchentlich, Betterton hingegen 5 Pfund Sterling – die genau doppelte Summe. Die Mehreinnahmen durch die Benefizvorstellung glichen diese Differenz mehr als aus.Elizabeth Howe: The First English Actresses: Women and Drama, 1660–1700. Cambridge 1992, S. 27.
Dass die Benefizvorstellungen gerade um 1700 in England Fuß zu fassen begannen, hängt auch damit zusammen, dass Periodika wie The Tatler oder Englands erste Tageszeitung, der Daily Courant, in dieser Zeit zum ersten Mal erschienen. So hatten Elizabeth Barry und ihre Kollegen die Möglichkeit, ihre Benefizvorstellungen entsprechend zu bewerben. Dies war von großer Bedeutung, da die Künstler für den Verkauf der Eintrittskarten zu ihren Benefizabenden selbst verantwortlich waren.Vgl. Kate C. Hamilton: The “Famous Mrs. Barry”: Elizabeth Barry and Restoration Celebrity. In: Studies in Eighteenth-Century Culture. Jg. 42, 2013, S. 291–320, hier: S. 314 f.
Die Benefizvorstellungen entwickelten sich in England rasch zu einem Gradmesser für die Popularität von Theaterkünstlern. Wem diese Möglichkeit des finanziellen Zugewinns zugestanden wurde, durfte sich zu den Lieblingen des Publikums zählen. Die bekanntesten Schauspieler luden mitunter zu mehr als einer Benefizvorstellung pro Jahr, so etwa William Mills, der erste Darsteller des Trueman in George Lillos überaus populärem Stück Der Kaufmann von London.Kleine Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte, Bd. 26, Berlin 1973, S. 28.Harry William Pedicord: George Lillo and Speculative Masonry. In: Philological Quarterly. Jg. 53, 1974, S. 401–412, hier: S. 409. Als kaum zwanzig Jahre später der berühmteste englische Schauspieler des 18. Jahrhunderts, David Garrick, Mitinhaber und Direktor des Drury Lane Theatre wurde, bildeten neben seinem Theaterleitergehalt und einer jährlichen Vergütung von 500 Guineas für seine schauspielerischen Leistungen die Einnahmen aus Benefizvorstellungen die Basis für seinen materiellen Wohlstand.Christian Gaehde: David Garrick als Shakespeare-Darsteller und seine Bedeutung für die heutige Schauspielkunst. Berlin 1904, S. 80 f. Um 1800 war das System der Benefizvorstellungen dann bereits so etabliert, dass zum Beispiel Abende mit der bekannten Altistin Giuseppina Grassini als gesellschaftliche Ereignisse galten, die „fast die ganze Londoner Modewelt auf einem Punkt“ versammelten.Kaiserlich und Kurpfalzbairisch privilegirte Allgemeine Zeitung. Nr. 158, 6. Juni 1804. Benefizvorstellungen hatten sich zu dieser Zeit den Ruf erworben, „feierliche“ Höhepunkte zu sein, bei denen sich die „reiche Welt in ihrem Schmucke“ zeigte.Morgenblatt für gebildete Leser. Band 32, 1838, S. 516.
mini|links|275px|Marie Sallé in einer Aufführung um 1730 Sängerinnen und Sänger in England konnten dank der Benefizvorstellungen, die ihnen ab 1697 ebenfalls regelmäßig erlaubt wurden,Robert G. Rawson: Concertos 'upon The Stage' in Early Hanoverian London: The Instrumental Counterpart to Opera Seria. In: Matthew Gardner, Alison Clark DeSimone (Hrsg.): Music and the Benefit Performance in Eighteenth-Century Britain. Cambridge 2020, S. 60–82, hier: S. 61. „fabelhaft hohe Verdienste“ erzielen.Michael Walter: Oper. Geschichte einer Institution. Stuttgart 2016, S. 317. Vergleichbares galt für einzelne Künstlerinnen auf dem Gebiet von Choreographie und Tanz. Hier ragte die von Garrick, Händel und Voltaire verehrte Französin Marie Sallé heraus, die das ballet d'action erfand und um 1730 zu den großen Favoritinnen des Publikums in London zählte. Nach Erinnerung des seinerzeit führenden Theaterkritikers Castil-Blaze war die High Society in den Logen und Rängen so begeistert von ihr, dass es nach einer Benefizvorstellung
„Geldbörsen voller Gold hagelte und einen Regen von Bonbons und Papilloten gab, die Guineen und Geldscheine enthielten.“ („une grêle des bourses pleins d'or, et une pluie de bonbons en forme de pralines et papillotes renfermant, les unes des guinées, les autres des billetts de banque“.)Hier zit. nach Ezvar du Fayl: Académie nationale de musique 1671–1877. Répertoire général, description du monument. Paris 1878, S. 294.
Mit einer einzigen Vorstellung habe Marie Sallé die unvorstellbare Summe von 200.000 Franc eingenommen. Als sie 1735 London Richtung Frankreich wieder verließ, sei sie Millionärin gewesen.
Noch Jahrzehnte später konnten Pantomime- und Zirkusartisten mit Hilfe von Benefizvorstellungen beträchtliche Einkünfte erzielen, wie etwa den Memoiren des Clowns Joseph Grimaldi zu entnehmen ist, die in der Bearbeitung von Charles Dickens 1838 erschienen.Boz (Charles Dickens): Memoirs of Joseph Grimaldi. 2 Bände, London 1838. Zwischen 1828 und 1836 bestritt Grimaldi seinen Lebensunterhalt ausschließlich mit den Erlösen von Benefizvorstellungen.Andrew McConnell Stott: The Pantomine Life of Joseph Grimaldi. Edinburgh 2009, S. 294 ff.
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