mini|Frontansicht mini|Ansicht von der Empore mini|Prospekt, Stich von 1766 (Dom Bédos) mini|Registerzüge (links) mini|Registerzüge (rechts) mini|Spieltisch mini|Pedalglocken hinter dem Spieltisch Die Orgeln der Basilika St. Martin in Weingarten (Württemberg), der ehemaligen Klosterkirche der Abtei Weingarten, wurden in den Jahren 1737 bis 1750 von Joseph Gabler erbaut. Neben der Großen Orgel gibt es in der Kirche noch die kleinere Chororgel, die 1743 ebenfalls von Joseph Gabler errichtet wurde, inzwischen aber mehrfach völlig überarbeitet bzw. neu gebaut wurde. Die imposante Hauptorgel ist weitgehend erhalten und gehört zu den berühmtesten Orgeln in Deutschland.Orgelbau Kuhn: Weingarten, Basilika, abgerufen am 31. Dezember 2018.

Hauptorgel Baugeschichte Neubau durch Gabler 1737–1750 Am 6. Juli 1737 wurde ein erster Vertrag mit Gabler geschlossen, der jedoch bis zur endgültigen Fertigstellung der Orgel mehrfach grundlegend revidiert wurde. Der Orgelbau gestaltete sich durch einen zwischenzeitlichen Brand der Klostergebäude und immense finanzielle Schwierigkeiten der Abtei äußerst langwierig und zermürbend. Erschwerend kam hinzu, dass Gabler ein zwar hervorragender Orgelbauer, aber offenbar äußerst schlechter Geschäftsmann war, der weder ein Gespür für Geld besaß, noch imstande war, Termine einzuhalten, was dazu führte, dass er sich durch diesen Orgelbau nachhaltig ruinierte. Die Orgelweihe fand erst am 24. Juni 1750 statt.

Das Grundproblem, das sich Gabler stellte und das er geradezu genial löste, war, auf der Westempore der Kirche ein monumentales Orgelwerk zu errichten, ohne dabei die vorhandenen sechs Fenster zu verdecken. Vielleicht ließ Abt Dominikus II. Schnitzer nach dem Vorbild von Weingarten 1749 die Orgel in der Salzburger Wallfahrtskirche Maria Plain auf seine Kosten umbauen, um das Emporen-Fenster wieder freizulegen, damit „der Sonne Schein ein freierer Durchgang [gewährt] ist“, wie dort noch immer am Gehäuse abgelesen werden kann.DOMINICVS ANTISTES WEINGARTENSIS • ITA • INNOVABAT • VT • SOLIS IVBARI LIBERIOR SIT TRANSITVS. Vergl.: Roman Matthias Schmeißner: Studien zum Orgelbau in Wallfahrtskirchen der Erzdiözese Salzburg. Dissertation Universität Mozarteum Salzburg 2012, S. 250 f. Nach dem Vorbild der Weingartener Orgel löste später Johann Nepomuk Holzhey das analoge Problem beispielsweise in Neresheim auf die gleiche Art.

Die Orgel weist einige besondere Charakteristika auf: Die Prinzipalpfeifen sind generell eng bis sehr eng mensuriert, was den Klang relativ verhalten, aber auch herb macht. Es wurde lange darüber gerätselt, warum Gabler die Mensuren der Pfeifen grundsätzlich erheblich enger nahm, als man angesichts eines so großen zu füllenden Raumes hätte annehmen sollen. Zeitweilig vermutete man hier eine Unfähigkeit Gablers und tatsächlich wurde Gablers orgelbauerisches Können bereits zu seinen Lebzeiten in Frage gestellt, während man seine Fähigkeiten als Schreiner einhellig für überragend hielt („… in welchem er ein Ausbund Meister ist …“). Heute nimmt man hingegen zu Gablers Gunsten oft ästhetische Gründe für die Mensurierung an und vermutet, er habe einen eher verhaltenen, intimen, milden Klang gewollt und kein pompöses Brausen. Um der Orgel trotz der engen Mensurierung eine gewisse Klangkraft und Fülle zu verleihen, besetzte Gabler viele Stimmen mehrchörig, dies sogar bei Grundstimmen. Ohnehin mehrchörige Register wie Mixturen erhielten eine ungewöhnlich hohe Chorzahl. Trotzdem ist die Orgel für ihren milden, kammermusikalischen Klang bekannt, der selbst im Plenum eine gewisse Introvertiertheit beibehält.

Bemerkenswert ist auch die hohe Anzahl an Grundstimmen, von denen wieder viele zur Familie der Streicher zu rechnen sind. Gabler griff hier eine im barocken süddeutschen Orgelbau vorhandene Tendenz auf und erweiterte sie ins Monumentale.

Erwähnenswert sind auch die reichlich vorhandenen „Spielregister“: Cuculus (Kuckucksruf), Rossignol (Nachtigallen-Gesang), Pauken, zwei Glockenspiele und die 49-chörige Mixtur „La Force“ („Die Kraft“), die einzig auf den Ton C des Pedals wirkt. Während das Manual-Glockenspiel im Spieltisch eingebaut ist, sind die Schalenglocken des Pedal-Glockenspiels oberhalb des Spieltisches kunstvoll zu Weintrauben-Bündeln (Weingarten – die Gegend nördlich des Bodensees ist ein Weinanbaugebiet) angeordnet.

Die Orgel ist auch sowohl rein handwerklich als auch technisch ein einmaliges Meisterwerk. Der freistehende Spieltisch, einer der frühesten Vertreter seiner Art überhaupt, ist überreich mit kunstvollen Intarsien verziert und besitzt Registerzüge aus massivem Elfenbein. Die äußerst aufwändige Führung der mechanischen Ton- und Registertraktur sucht ihresgleichen, hat jedoch eine relativ unkomfortable Spielweise zur Folge.

Allerdings scheiterte Gabler an mehreren Punkten seiner letztlich für damalige Verhältnisse zu komplexen Konzeption: Das hoch oben unter dem Gewölbe aufgehängte Kronwerk konnte nie ausreichend mit Wind versorgt werden und wurde daher nur mit einer stark reduzierten Disposition realisiert. Ebenso scheiterte Gabler an der Herstellung der Bombarde 32′, die durch ihn selbst zu einer zweiten 16′-Zunge umfunktioniert wurde.

Über den Orgelbau existieren mehrere Sagen, von denen die „Vox-humana-Sage“ die wohl berühmteste ist:

Die im Volksmund bekannte Erzählung vom Geheimhebel wurde erstmalig 1922 durch den damaligen Basilika-Organisten Franz Bärnwick verschriftlicht.Franz Bärnwick Die Große Orgel im Münster zu Weingarten in Württemberg. Konrad Baier Verlag, Weingarten 1922, . Bei der Restaurierung durch Kuhn konnte jedoch keine Spur eines Geheimhebels gefunden werden; bei früheren Umbauten (vermutlich durch Gotthold Weigle, 1912) soll allerdings ein Sperrventil entfernt worden sein. Bei der Restaurierung wurde ein solches Ventil an einem geheimen Ort eingebaut.Friedrich Jakob: Die große Orgel der Basilika zu Weingarten. Verlag Orgelbau Kuhn Männedorf 1986, S. 91f.

Das Thema wurde durch Karl Weinberger literarisch in seinem Mysterienspiel Vox humanaKarl Weinberger: Vox humana. Ein Mysterienspiel in vier Aufzügen. Konrad Baier Verlag, München/Weingarten 1930, . aufgegriffen und 1930 durch die Weingartner Bevölkerung auf dem Münsterplatz uraufgeführt.

Umbauten 1878–1954 1878 baute Carl G. Weigle, dessen Firma seit 1861 für die Instandhaltung des Instruments zuständig war, für das I. und II. Manual sowie für das Pedal Barkerhebel ein. Wie Smets berichtete, sei im Jahre 1905 die Orgel plötzlich unspielbar gewesen und habe „nur ein Wimmern hören lassen“; nach zweitägiger Suche habe man den Geheimhebel, der mittels Zug die Orgel wieder zum Klingen bringt, entdeckt – diesen habe der Meister vorgesehen, „um im Fall eines Streits die letzte Karte auszuspielen“. 1908–1910 baute Weigle ein elektrisches Gebläses samt Magazinbalg ein („großer Umbau“). Schließlich erfolgte ein weiterer Eingriff im Jahr 1912, als der Tonumfang auf elektrischen Kegelladen (Pedal C–d1) erweitert wurde. Auf der Seitenempore wurde im Rahmen der Überholungsarbeiten an der Orgel dann ein Hochdruckwerk nach dem patentierten System von Weigle errichtet, um „die Tonkraft“ des als zu schwach empfundenen Instruments zu steigern, wofür separate Registerzüge in den Spieltisch eingebaut wurden. Weigle soll auch den „Geheimhebel“ (also das Sperrventil) an schwer zugänglicher Stelle gefunden haben, woraufhin er entfernt wurde. Später wurde das Kronpositiv mit elektrischer Traktur angeschlossen.

1954 erfolgte eine Generalüberholung durch Steinmeyer, wobei nochmals die Windversorgung geändert und der Pedalumfang von d1 auf f1 erweitert wurde. Im Zuge der Arbeiten wurde das Hochdruckwerk durch ein schwellbares Zusatzwerk mit sieben Registern ersetzt; die Arbeiten übernahmen die Firmen Albert Reiser und Gebr. Späth. Bei der großen Restaurierung wurden diese Zusatzwerke wieder entfernt.

Restaurierung durch Kuhn 1981–1983 1983 wurde die insgesamt nur verhältnismäßig wenig veränderte Orgel durch Orgelbau Th. Kuhn AG (Männedorf am Zürichsee) restauriert und dabei größtenteils auf den Stand von 1750 zurückversetzt. Lediglich der originale Pedalumfang wurde von C–g0 auf C–d1 erweitert und die ungleichschwebende Temperatur „entschärft“, um ein breiteres Literaturspiel zu ermöglichen.

Werkaufbau Die sieben Teilwerke der Orgel gliedern sich wie folgt: In den beiden Haupttürmen, die im Prospekt einige 32′-Pfeifen des Contrabaß sowie 16′-Pfeifen des Praestant beherbergen, steht auf der untersten Ebene jeweils in C- und Cis-Seite aufgeteilt das Hauptwerk, dahinter das Großpedal. Darüber befindet sich beidseitig ohne eigene Prospektpfeifen das Oberwerk. Das Kronpositiv befindet sich weit oberhalb der Orgel über dem oberen Mittelfenster und zeigt die Octav douce im Prospekt. Die Windladen fürs Kronpositiv stehen weiter unterhalb, die Pfeifen dieses Teilwerks werden über Kondukten angesteuert. Die Seitentürme links und rechts der Orgel beherbergen die 16′ Pfeifen des zweifachen Contrabaß. In den verbindenden „Brücken“ steht der Mixturbaß 8′ und in der Brücke direkt über dem Spieltisch die 49-fache Pedalmixtur La Force. Das Echowerk, welches vom dritten Manual aus spielbar ist, ist in den Untergehäusen der beiden Haupttürme untergebracht und kann von der Kirche aus nicht eingesehen werden. Von der Orgelempore selbst sieht man im Prospekt des Echowerks die Hohlflaut. Vom vierten Manual lässt sich das (vom Betrachter aus gesehen) linke der beiden Positive in der Brüstung spielen, das den Principal doux zeigt. Hier im sogenannten Brüstungspositiv befindet sich auch die berühmte Vox humana. Das rechte Positiv gehört zum Brüstungspedal. Den Prospekt bildet hier der Octavbaß 8′.

Disposition I Hauptwerk C–c31. Praestant 16′2. Principal 8′3. Rohrflaut 8′4. Octav I–II 4′5. Superoctav II 2′+1′6. Hohlflaut 2′7. Mixtur IX–X 2′8. Cimbalum XII 1′9. Sesquialter VIII–IX 2′10. Piffaro V–VII 8′11. Trombetten 8′ II Oberwerk C–c312. Borduen II–III 16′13. Principal Tutti 8′14. Violoncell I–III 8′15. Coppel 8′16. Hohlflaut 8′17. Unda maris 8′18. Solicinale 8′19. Mixtur IX–XII 4′ II Kronpositiv C–c320. Octav douce 4′21. Viola II 4′+2′22. Cimbali II 2′+1′23. Nasat 2′ III Echowerk C–c324. Borduen 16′25. Principal 8′26. Flauten 8′27. Quintatön 8′28. Viola douce 8′29. Octav 4′30. Hohlflaut I–II 4′31. Piffaro doux II 4′32. Superoctav 2′33. Mixtur V–VI 2′34. Cornet V–VI 1′35. Hautbois 8′ IV Brüstungspositiv C–c336. Principal doux 8′37. Flaut douce 8′38. Quintatön 8′39. Violoncell 8′40. Rohrflaut 4′41. Querflaut 4′42. Flaut travers II 4′43. Flageolet 2′44. Cornet VIII–XI 2′45. Vox humana 8′46. Hautbois 4′ Carillon 2′ Tremulant Hauptpedal C–d147. Contrabaß II 32′+16′48. Subbaß 32′49. Octavbaß 16′50. Violonbaß II 16′+8′51. Mixturbaß V–VIII 8′52. Posaunenbaß 16′53. Bombard 16′ La force XLIX 4′(Frz. „Die Kraft“) Ein Effektregister, bei dem nur der tiefste Pedalton (C) durch 49-fache Mixtur verstärkt wird. Es erinnert in Aufbau und Funktion an ein Hornwerk. Carillon ped. 2′Glockenspiel für das Pedal (C–g) und das Manual (f–c3). Die Glocken des Manual-Carillons (Schalenglocken aus Bronze) befinden sich im Spieltisch, die Glocken des Pedal-Carillons sind in Weintraubenform (dem Klosternamen „Weingarten“ entsprechend) über dem Spieltisch angeordnet. Brüstungspedal C–d154. Quintatönbaß 16′55. Superoctavbaß 8′56. Flaut douce 8′57. Violoncellbaß 8′58. Hohlflautbaß 4′59. Cornetbass X–XI 4′60. Sesquialter VI–VII 3′61. Trombetbaß 8′62. Fagottbaß 8′ Koppeln: II/I, III/II, IV/III, IV/I, I/P, II/P, IV/P, Kronpositiv-Copplung, Brustpedal-Copplung Effektregister Cuculus (Kuckuck: vier Holzpfeifen mit Windantrieb) Rossignol (Nachtigall: drei Pfeifen in einer Wasserschale im Emporenboden) Tympan (Pauke: drei Holzpfeifen (16') schwebend auf den Ton G gestimmt) Cymbala (drei Glöckchen mit Windantrieb (zusammen mit Cuculus)) Anmerkungen

Technische Daten 62 Register, 6890 Pfeifen (der Sage nach ursprünglich 6666 Pfeifen, tatsächlich wohl 6631 Pfeifen). Windversorgung: