Die Gesellschaft für Muttersprache (Estn. Emakeele Selts) ist eine 1920 gegründete wissenschaftliche Gesellschaft zur Förderung und Pflege der estnischen Sprache.
Gründung Nach der Staatsgründung Estlands und der Etablierung neuer Fächer an der Universität Tartu wurde 1920 der finnische Sprachwissenschaftler Lauri Kettunen auf den neugegründeten Lehrstuhl für Ostseefinnische Sprachen berufen. In dieser Funktion gründete er gemeinsam mit Studierenden und Fachkollegen 1920 die Gesellschaft für Muttersprache, die sich der Pflege des soeben zur Staatssprache erklärten Estnischen widmen sollte.
In den Jahren 1920–1946 war die Gesellschaft mit der Universität Tartu verbunden und vornehmlich wissenschaftlich ausgerichtet. So änderte sie 1925 ihren Namen in Akademische Gesellschaft für Muttersprache (estn. Akadeemiline Emakeele Selts). Sie zählte 1940 44 Mitglieder.Laut Tätigkeitsbericht, veröffentlicht in: Eesti Keel 1–2/1940, S. 51. Im Gegensatz zu vielen anderen Gesellschaften wurde sie nach der Sowjetisierung Estlands nicht liquidiert, sondern verlor 1952 lediglich ihren Zusatz „Akademisch“. Als „Gesellschaft für Muttersprache“ durfte sie jedoch weiterhin existieren, nun allerdings der Estnischen Akademie der Wissenschaften unterstellt (1946–1998, danach assoziiert). In der Sowjetzeit war die Gesellschaft „als einzige zugelassene geisteswissenschaftliche Gesellschaft ein Sammelbecken für alle nationalen Wissenschaften.“Ülo Tedre: Emakeele selts Nõukogude aastail, in: Keel ja Kirjandus 8/2000, S. 582. Dementsprechend stieg die Mitgliederzahl auf über 400 an.Ülo Tedre: Emakeele selts Nõukogude aastail, in: Keel ja Kirjandus 8/2000, S. 580.
Heute hat die Gesellschaft rund 350 Mitglieder.Eesti Entsüklopeedia 12. Tallinn: Eesti Entsüklopeediakirjastus 2003, S. 116.
Tätigkeit Gewissermaßen als Grundkapital erhielt die Gesellschaft von der älteren, 1907 gegründeten Eesti Kirjanduse Selts (Estnische Literaturgesellschaft) wertvolles Dialektmaterial.Reet Kasik: Stahli mantlipärijad. Tartu: Tartu Ülikooli Kirjastus 2011, S. 120. Die Dialektforschung bildete im Folgenden den Hauptschwerpunkt der Arbeit der Gesellschaft, bis 1940 waren über 700.000 Karteikarten mit lexikalischen Belegen erstellt worden.Mati Erelt: Emakeele selts 80, in: Keel ja Kirjandus 5/2000, S. 313.
Weitere Tätigkeitsgebiete waren die Spracherneuerung in EstlandCornelius Hasselblatt: Geschichte der estnischen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2006, S. 361–364. sowie die allgemeine Sprachpflege. Zur Verbesserung der Publikationsmöglichkeiten ihrer Forschungsergebnisse gründete die Gesellschaft 1922 die linguistische Zeitschrift Eesti Keel. Heute führt die Gesellschaft vor allem Vortragsveranstaltungen durch und organisiert wissenschaftliche Tagungen. Außerdem fungiert sie als Herausgeberin von Buchreihen und Zeitschriften.
Publikationen Akadeemilise Emakeele Seltsi aastaraamat (‚Jahrbuch der Akademischen Gesellschaft für Muttersprache‘), 1921–1926 Eesti Keel (‚Estnische Sprache‘, linguistische Fachzeitschrift), 1922–1940 Emakeele Seltsi Aastaraamat (‚Jahrbuch der Gesellschaft für Muttersprache‘), 1955– Kodumurre (‚Heimatdialekt‘, populärwissenschaftliche Zeitschrift), 1960–2002 Oma Keel (‚Die eigene Sprache‘, populärwissenschaftliche Zeitschrift), 2000–
Vorsitzende Lauri Kettunen: 1920–1924 Andrus Saareste: 1925–1933, 1935, 1936–1941 Julius Mägiste: 1934, 1936 Arnold Kask: 1944, 1968–1982 Johannes Voldemar Veski: 1946–1968 Huno Rätsep: 1982–1989 Tiit-Rein Viitso: 1989, 1993–1997 Eeva Ahven: 1989–1990 Henn Saari: 1990–1992 Jüri Viikberg: 1992–1993 Mati Erelt: 1997–2006 Helle Metslang: seit 2006
Sekundärliteratur Mati Erelt: Emakeele selts 80, in: Keel ja Kirjandus 5/2000, S. 313–316. Ülo Tedre: Emakeele selts Nõukogude aastail, in: Keel ja Kirjandus 8/2000, S. 578–582.
Weblinks Homepage der Gesellschaft (estnisch) Publikationen der Gesellschaft im estnischen Digitalarchiv DIGAR
Einzelbelege
Kategorie:Organisation (Sprachwissenschaft) Kategorie:Estnische Sprache Kategorie:Sprachpolitik (Estland) Kategorie:Organisation (Tallinn) Kategorie:Organisation (Sprache) Kategorie:Kulturelle Organisation (Estland) Kategorie:Estnische Geschichte Kategorie:Finnougristik Kategorie:Vereinsgründung 1920