Die voralpine Staufen-Höllengebirgs-Decke ist in den Nördlichen Kalkalpen die wichtigste tektonische Untereinheit des Tirolikums.

Etymologie Die Staufen-Höllengebirgs-Decke, manchmal auch nur separat als Staufen-Decke oder als Höllengebirgs-Decke bezeichnet, ist nach dem Gebirgsstock des 1782 Meter hohen Staufens und dem Höllengebirge benannt.

Vorkommen mini|300px|Der Nordabbruch des 1771 Meter hohen Hochstaufens über Schloss Staufeneck

Laut Spengler (1928) löst sich die Staufen-Höllengebirgs-Decke noch westlich des Inns in der Unnutz-Pendling-Antiklinale – einem Sattel aus Wettersteinkalk – von der Lechtal-Decke des Bajuvarikums. Gen Osten gewinnt sie zunehmend an Ausdehnung und greift nacheinander über nördliche Teile des Bajuvarikums, so dass sie bei Salzburg die gesamte Breite der Kalkalpen einnimmt.

Ihre nördliche Deckengrenze streicht östlich des Inns von Ebbs in nordöstlicher Richtung über Kössen bis an den Staufen östlich von Inzell, wo sie auf die Flyschzone stößt. Ihre Deckenstirn verläuft hinter Kössen als Wettersteinkalkzug über den Hochkienberg, den Nordabfall des Rauschbergs bei Ruhpolding bis hin zum Nordabfall des Staufens. Sie ist deutlich in Form einer steil stehenden Anpressungs- bis Überschiebungsfläche zu erkennen. Östlich von Salzburg grenzt die Staufen-Höllengebirgs-Decke bis zum Zug des Schobers und der Drachenwand direkt an den Flysch. Die Grenze zieht sodann vom Nordabfall der Drachenwand, wo darunter die bajuvarische Langbathscholle erscheint, in die Nordabfälle des Schafberges und des Höllengebirges. Hier wird die Langbathscholle erneut überschoben. Östlich vom Traunsee verläuft der Deckenordrand dann vom Nordabfall des Traunsteines längs des Flyschrandes bis zum Almtal, dann weiter über Windfangkogel (Nordabfall), Stoßberg, Kremsmauer (Nordabfall) und Sengsengebirge bis zum Krestenberg, wo die zur Staufen-Höllengebirgs-Schubmasse gehörigen Wettersteinkalke schließlich untertauchen.

Im Süden reicht die Staufen-Höllengebirgs-Decke zwischen Inn und Lammertal bis an den Südrand der Kalkalpen, der hier durch die Grauwackenzone markiert wird. Ab der Saalach ist dann bis zum Erreichen des Dachsteinmassivs noch die Werfener Schuppenzone dazwischengeschaltet, die ihrerseits ebenfalls noch zum Tirolikum gerechnet wird (Martiner Schuppenland bzw. Werfen-Sankt Martiner Schuppenzone mit Werfener Schichten). Die riesige Dachstein-Decke mit ihren beiden umrahmenden Hallstätter Decken überfährt darauf die Staufen-Höllengebirgs-Decke nordöstlich des Tennengebirges. Östlich der Dachstein-Decke wird der Deckensüdrand von der Totes-Gebirge-Decke gestellt, die in etwa der Linie Rettenbachtal – Offensee – Kasberg – Steyrling folgt. Die Totes-Gebirge-Decke wird aber oft nur als unselbständiger, da abgesenkter Teil der Staufen-Höllengebirgs-Decke angesehen.

Die Staufen-Höllengebirgs-Decke besitzt eine Ost-West-Erstreckung von rund 200 Kilometer. Sie misst an ihrer breitesten Stelle am Meridian von Ruhpolding etwa 35 Kilometer.

Gebirgsgruppen und Berggipfel mini|300px|Gebankter Dachsteinkalk am Birnhorn (2634 m) in den Leoganger Steinbergen

Folgende Gebirgsgruppen bilden Teil der Staufen-Höllengebirgs-Decke (von West nach Ost): Wilder Kaiser, Zahmer Kaiser, Chiemgauer Alpen, Loferer Steinberge, Leoganger Steinberge, Hochkalter, Watzmann, Steinernes Meer, Hagengebirge, Hochkönig, Tennengebirge, Hoher Göll, Salzkammergutberge, Höllengebirge und Sengsengebirge.

Unter den zahlreichen Berggipfeln seien nur die markantesten herausgegriffen: Birnhorn (2634 m), Ebenseer Hochkogel (1591 m), Eibenberg (1598 m), Ellmauer Halt (2344 m), Erlakogel (1575 m), Feuerkogel (1592 m), Großer Hundstod (2594 m), Großes Ochsenhorn (2511 m), Großes Teufelshorn (2363 m), Hochkalter (2607 m), Hochkönig (2941 m), Hochsengs (1838 m), Hochstaufen (1771 m), Hörndlwand (1684 m), Hoher Göll (2522 m), Hoher Spielberg (1584 m), Leonsberg (1745 m), Maiereck (1647 m), Osterhorn (1748 m), Raucheck (2430 m), Rauschberg (1671 m), Schönfeldspitze (2653 m), Sonntagshorn (1961 m), Steinplatte (1869 m), Watzmann (2713 m) und Zwiesel (1781 m).

Stratigraphie Schichtenfolge Die Staufen-Höllengebirgsdecke zeigt folgende Schichtenfolge (vom Hangenden zum Liegenden), die aber nicht überall verwirklicht sein muss bzw. örtliche Abweichungen erfahren kann (mit Mächtigkeitsangaben soweit bekannt): Gosau-Gruppe – Coniacium bis Lutetium – bis 2.600 Meter Grabenwaldschichten – Unteres Aptium – 20 Meter Rossfeld-Formation – Valanginium bis Aptium – bis 600 Meter Anzenbachschichten – Valanginium bis Unteres Hauterivium – 10 Meter Schrambach-Formation – Berriasium bis Aptium – 120 bis 200 Meter Neokommergel – Beriasium bis Hauterivium – 120 bis 350 Meter Aptychenschichten – Tithonium Oberalm-Formation mit Barmsteinkalk und Plassenkalk – Kimmeridgium bis Berriasium – bis 1.000 Meter und bis 700 Meter Ruhpolding-Formation (30 bis 50 Meter), Strubberg-Formation (100 bis mehr als 200 Meter) und Tauglboden-Formation (150 bis 350 Meter) – Oxfordium bis Kimmeridgium Allgäu-Formation (Fleckenmergel) – Hettangium bis Oxfordium – mehr als 100 Meter Hierlatzkalk – Unterer Lias bis Unterer Dogger (Pliensbachium) – mehr als 100 Meter Adnet-Formation und Enzesfelder Kalk (Bunte Liaskalke) – Lias – wenige Zehnermeter und wenige Meter Rhätolias-Riffkalk – Oberes Rhätium bis Unterer Lias – wenige Zehnermeter Oberrhätkalk – Oberes Rhätium – 120 Meter Kössen-Formation – Rhätium – 100 bis über 200 Meter Plattenkalk – Oberes Norium bis Unteres Rhätium – bis 300 Meter Hauptdolomit und Dachsteinkalk (in Riff- und Bankfazies) – Norium – 300 bis 2.000 Meter Raibler Schichten/Reingrabener Schiefer – Karnium – 300 Meter Wettersteindolomit/Partnach-Schichten und Reifling-Formation – Ladinium – 500 bis 2.000 Meter Gutenstein-Formation – Anisium – 20 bis über 280 Meter Reichenhall-Formation – Anisium – 110 bis 240 Meter Werfener Schichten – Skythium (Induium und Olenekium) – bis 150 Meter Alpiner Buntsandstein – Skythium – 400 bis 500 Meter Präbichl-Formation/Hochfilzener Schichten – Oberes Perm – bis 500 Meter Gröden-Formation – Oberes Perm Haselgebirge – Perm Die akkumulierten Mächtigkeiten werden eindeutig von den Karbonatplattformen des Wettersteinkalks und Dachsteinkalks beherrscht, die allein bis zu 4.000 Meter erreichen können. Die syntektonischen Gosausedimente können ebenfalls beeindruckende Mächtigkeiten vorweisen, welche aber auf kleinere Beckenbereiche beschränkt bleiben.

Sedimentäre Entwicklung Ausgehend vom Oberen Perm vor 270 Millionen Jahren war die kalkalpine Sedimentation der Staufen-Höllengebirgs-Decke auf dem passiven Kontinentalrand des südöstlichen Eurasiens erfolgt. In drei Phasen wurden auf dem Schelf bis zum Ende des Doggers vor rund 165 Millionen Jahren zuerst siliziklastische Sedimente, sodann neritische Flachwassersedimente einer Karbonatplattform und schließlich pelagische Tiefwasserkarbonate abgesetzt. Kurz vor Einsetzen des Malms begann die vierte Phase im Sedimentationsgeschehen, jetzt jedoch auf einem mittlerweile aktiven Kontinentalrand. Diese vierte Phase sah die Anfänge der Gleittektonik der Hallstätter Decken, es kam erstmals zur Deckenstapelung und im Vorfeld der eingleitenden Decken zu Flyschsedimentation. Bedingt durch fortschreitende Deckenstapelung bildeten sich ab dem Turonium/Coniacium vor 90 Millionen Jahren neue Sedimenttröge mit syntektonischer Gosausedimentation auf dem Rücken der Richtung Norden vordringenden Decken.

Passiver Kontinentalrand mini|300px|Hierlatzkalk mit Crinoiden von der Fludergrabenalm, Salzkammergut

Die kalkalpine Schichtenfolge beginnt mit grobklastischen terrestrisch/fluviatilen Sedimenten, die über variszisch deformierten, (alt-)paläozoischen Gesteinen der Grauwackenzone diskordant abgelagert wurden. Der transgressive Kontakt ist gelegentlich noch erkennbar, häufig aber durch die alpidische Deckentektonik überprägt. Während im Ostabschnitt der Kalkalpen für diese Gesteinsabfolge der Begriff Prebichl-Formation Verwendung findet, werden im Westabschnitt verschiedene Lokalbezeichnungen oder lithologisch beschreibende Begriffe verwendet. Zuletzt wurde der Begriff Gröden-Formation aus den Südalpen für den oberpermischen Anteil übernommen.

Die siliziklastischen Sedimente des Permoskyths waren auf einem unter Dehnung stehenden Kontinentalrand des langsam wieder zerbrechenden Pangäas abgesetzt worden. Es bildeten sich die Salze, Gipse und Tone des Haselgebirg-Salinars gefolgt von Schlammsedimentation mit Sandsteinen und Tonschiefern der Werfener Schichten und den Seichtwasserkarbonaten der Reichenhall-Formation.

Ab dem Anisium setzte die zweite Phase ein. Transgressionen, Subsidenz (= Absenkung des Untergrundes i. w. S.) und synsedimentäre Bruchtektonik schoben sich kontinuierlich von Südosten gegen Nordwesten vor. Der passive Kontinentalrand hatte sich jetzt soweit gedehnt, dass auf seiner Südostseite die Neotethys (Meliata-Vardar-Ozean) vordringen konnte. Abgelagert wurden Flachwassersedimente, vorwiegend mächtige Riffkalke und Dolomite, und es entstand die mitteltriassische Wetterstein-Karbonatplattform. In Intraplattformbecken sedimentierten derweil Partnach-Schichten und die Reifling-Formation. Nach einem Intermezzo mit Sandsteinen, Tonschiefern und Mergeln der terrigen beeinflussten Raibler Schichten im Karnium schritt in der Obertrias (Oberkarn bis Oberrhät) die Flachwassersedimentation fort und es wuchs die Dachsteinkalk-Karbonatplattform heran (weiter gen Norden entstand jedoch die Fazies Hauptdolomit mit Plattenkalk), versehen mit mächtigen Riffen und lagunären Dolomiten. Die ab dem Jura vor rund 200 Millionen Jahren einsetzende dritte Phase sah das Ertrinken und langsame Zerbrechen der riesigen Karbonatplattform. Sie dauerte bis gegen Ende des Doggers vor 165 Millionen Jahren. Sedimentiert wurden relativ geringmächtige pelagische Rotkalke und Graukalke wie beispielsweise der Adneter Kalk oder die Allgäuschichten. Die Karbonatplattform war langsam in den Tiefwasserbereich eingesunken, da im Neotethys-Bereich erste Subduktionsbewegungen spürbar wurden, welche den Kontinentalrand dehnten und Richtung Ozean abgleiten ließen. Gleichzeitig riss im Nordwesten erstmals der Penninische Ozean ein und drang gegen Nordosten vor (mit Ozeanbodenbildung ab Dogger).

Aktiver Kontinentalrand mini|300px|Der Bergsturz am Plassen lässt frischen Plassenkalk erkennen

Ab der Ruhpoldinger Wende im ausgehenden Callovium änderte sich das Sedimentationsgeschehen drastisch und es begann die vierte Phase der kalkalpinen Sedimentation, die jetzt auf einem aktiven Kontinentalrand ablief und bis ins Turonium überdauern sollte. Der Meliata-Ozean war inzwischen subduziert worden, so dass nun Decken aus dem Hallstätter Faziesbereich des Kontinentalhanges auf den mittlerweile entstandenen Mikrokontinent Alcapia aufglitten. Gleichzeitig kam es zu erstmaliger Subduktion des rückwärts gelegenen Penninischen Ozeans in Richtung Alcapia. Sedimentiert wurden im Tiefwasser Radiolarite der Ruhpolding-Formation und vom Deckenvorstoß ausgelöste Flyschsedimente wie die Tauglboden-Formation. Den restlichen Malm (Kimmeridgium und Tithonium) charakterisierten einerseits als Beckenkalke abgesetzte Tiefwasserkarbonate, andererseits über den Deckenstirnen gebildete Flachwassersedimente wie die Riffkalke des Plassenkalks. In der Unterkreide entstanden bei erneut fortschreitendem Deckenvorstoß Wildflysch-artige Sedimente mit Brekzien, Sandsteinen, Mergeln und Tonschiefern – die Rossfeld-Formation. Die Flyschsedimentation überdauerte bis in die tiefe Oberkreide.

Gosau-Becken