mini|Der Selbstmörder. Gemälde von Édouard Manet aus dem Jahr 1877.
Der Suizid durch Schusswaffenanwendung ist eine Form des Suizides, bei der ein Mensch sich das Leben nimmt, indem er sich selbst in der Absicht zu sterben eine Verletzung mit einer Schusswaffe zufügt. In Deutschland werden rund 7,5 % der erfassten Suizide mit Hilfe von Schusswaffen vollzogen (Stand 2018).Von 11.065 erfassten Suiziden in der BRD im Jahr 2018 wurden 836 mit Schusswaffen durchgeführt (= 7,5553 %).
Häufigkeit und quantitative Relevanz
In der Bundesrepublik Deutschland ist der Suizid durch Schusswaffenanwendung nach dem Suizid durch Erhängen, der Selbstvergiftung mit Medikamenten und dem Suizid durch Sprung in die Tiefe gegenwärtig die am vierthäufigsten angewandte Methode zur Selbsttötung unter allen offiziell erfassten tödlich endenden Suizidhandlungen (Stand: Erhebungen für die Jahre 1998 bis 2018).„Informationssystem der Gesundheitsberichterstattung des Bundes“: Sektion „Gesundheitliche Lage“ -> Untersektion -> „Sterblichkeit“ -> Unterabschnitt „Mortalität und Todesursachen“ -> Tabelle „Sterbefälle, Sterbeziffern (ab 1998)“.
In den Jahren 1998 bis 2018 sind in der BRD beständig zwischen knapp über 680 und knapp über 900 Personen durch suizidalen Schusswaffengebrauch gestorben. Die höchste Zahl an Personen, die in einem Jahr durch Suizid durch Schusswaffengebrauch starben, lag bei 907 Personen im Jahr 2004, während die geringste Zahl der Suizidtoten durch Schusswaffengebrauch im Jahr 2018 mit 687 registriert wurde.„Informationssystem der Gesundheitsberichterstattung des Bundes“: Sektion „Gesundheitliche Lage“ -> Untersektion -> „Sterblichkeit“ -> Unterabschnitt „Mortalität und Todesursachen“ -> Tabelle „Sterbefälle, Sterbeziffern (ab 1998)“.
In den 21 Jahren 1998 bis 2008 lag die Zahl der Suizidtoten durch Schusswaffenanwendung pro Jahr in drei Jahren knapp über 900 Personen (1998, 1999 und 2004), in sieben Jahren zwischen 800 und 900 Personen (2000–2003, 2005, 2007, 2008), in neun Jahren zwischen 700 und 800 Personen (2006, 2009–2011, 2013–2017), und in zwei Jahren (2012 und 2018) leicht unter 700 Personen. Seit dem Jahr 2004 ist die Marke von 900 Suizidtoten pro Jahr durch Schusswaffenanwendung und seit dem Jahr 2008 ist die Marke von 800 Suizidtoten pro Jahr durch Schusswaffenanwendung nicht mehr überschritten worden.„Informationssystem der Gesundheitsberichterstattung des Bundes“: Sektion „Gesundheitliche Lage“ -> Untersektion -> „Sterblichkeit“ -> Unterabschnitt „Mortalität und Todesursachen“ -> Tabelle „Sterbefälle, Sterbeziffern (ab 1998)“.
Ein Ansteigen der Zahl der Suizidtoten durch Schusswaffen während zweier Jahre in Folge war zum letzten Mal in den Jahren 2002 bis 2004 festzustellen. Seither ist die Zahl in der Tendenz rückläufig, wobei kein Mal mehr ein Ansteigen während zweier aufeinanderfolgender Jahre auftrat und in der Summe in elf von fünfzehn Jahren ein Rückgang der Zahlen der Toten durch suizidale Schusswaffenanwendung erfolgte, während in drei Jahren (2006 auf 2007; 2009 auf 2010 und 2014 auf 2015) ein geringfügiger und in einem Jahr (2012 auf 2013) ein signifikanter Zuwachs zu verzeichnen ist.„Informationssystem der Gesundheitsberichterstattung des Bundes“: Sektion „Gesundheitliche Lage“ -> Untersektion -> „Sterblichkeit“ -> Unterabschnitt „Mortalität und Todesursachen“ -> Tabelle „Sterbefälle, Sterbeziffern (ab 1998)“.
In der offiziellen Statistik werden Suizidtote durch Schusswaffengebrauch traditionell zergliedert in die drei von der WHO entwickelten Indikationspunkte X72 („Vorsätzliche Selbstbeschädigung durch Handfeuerwaffe“), X73 („Vorsätzliche Selbstbeschädigung durch Gewehr, Schrotflinte oder schwerere Feuerwaffe“) und X74 („Vorsätzliche Selbstschädigung durch sonstige oder nicht näher bezeichnete Feuerwaffe“) angeführt.In den Jahren 1998 entfielen die folgenden Zahlen auf Suizide durch Schusswaffen insgesamt und (in Klammern gesetzt) die drei Unterpunkte X72-X74: 1998: 902 (273; 74; 555); 1999: 906 (258; 64; 584); 2000: 836 (246; 67; 523); 2001: 876 (258; 71; 537); 2002: 815 (245; 60; 510); 2003: 888 (236; 80; 572); 2004: 907 (248; 76; 583); 2005: 868 (241; 90; 537); 2006: 799 (246; 88; 465); 2007: 805 (242; 56, 507); 2008: 800 (217; 77; 506); 2009: 768 (253; 67; 448); 2010: 772 (238; 64; 470); 2011: 755 (237; 74; 444); 2012: 690 (216; 51; 423); 2013: 785 (280; 62; 453); 2014: 719 (203; 52; 464); 2015: 736 (200; 72; 464); 2016: 708 (220; 49; 438); 2017: 706 (132; 59; 515); 2018: 687 (127; 50; 510).
In geschlechtsspezifischer Hinsicht ist festzustellen, dass die überwältigende Mehrheit der Suizidtoten durch Schusswaffen in der BRD Männer und nur ein verschwindend kleiner Anteil Frauen sind: Von 687 Suizidtoten durch Schusswaffen im Jahr 2018 waren z. B. 669 Männer und 18 Frauen; im Jahr 2010 entfielen auf 772 Schusswaffentote im Rahmen von Suiziden 744 auf Männer und 28 auf Frauen und im Jahr 2000 auf 836 Suizidtote durch Schusswaffen 798 auf Männer und 38 auf Frauen.
Besonders hoch ist die Zahl der Suizidtoten durch Schusswaffen in den westlichen Industrieländern traditionell in den Vereinigten Staaten von Amerika, was zumeist auf das verglichen mit anderen Ländern sehr restriktionslose Waffenrecht und den damit verbundenen hohen Grad an Verbreitung von Schusswaffen in der Bevölkerung zurückgeführt wird. So wurden in den USA im Jahr 2000 16.586 Suizidtote durch Schusswaffen registriert (in der BRD mit knapp einem Viertel der Bevölkerung: 836). Im Jahr 2005 wurden in den USA 17.002 Suizidtote durch Schusswaffen (BRD: 868) registriert und im Jahr 2010 19.392 (BRD: 772). In den Jahren 2015, 2016 und 2017 wurden schließlich in den USA 22.018 bzw. 22.938 bzw. 23.854 Suizidtote durch Schusswaffen registriert (BRD in denselben Jahren: 736 bzw. 708 bzw. 706).Zahlen der US-Suizidtoten durch Schusswaffen nach: Britannica ProCon.org: „US Gun Deaths by Year“. Die Gesamtsuizidquote in beiden Ländern ist jedoch trotz der erheblich unterschiedlichen Anzahl der jährlichen Suizidtoten durch Schusswaffenanwendung traditionell sehr ähnlich: So verzeichnete die BRD im Jahr 2000 13,5 Suizidtote auf 100.000 Einwohner, während die USA im selben Jahr auf 11,3 Suizidtote pro 100.000 Einwohner kam; im Jahr 2010 standen sich 12,3 Suizidtote pro 100.000 Einwohner in der BRD und 13,2 Suizidtote pro 100.000 Einwohner in den USA gegenüber, während im Jahr 2015 12,3 pro 100.000 Einwohner in der BRD und 15,0 in den USA registriert wurden. In einigen Ländern mit extrem rigidem Waffenrecht und nahezu gar keinen Suizidtoten durch Schusswaffen, wie z. B. Südkorea und Japan, liegt die Gesamtsuizidquote in einem Regeljahr sogar ganz erheblich höher als in den Vereinigten Staaten (Südkorea 2020: 20,2 auf 100.000 Einwohner).
Viele Forscher knüpfen an diese Gemengelage daher die Auffassung an, dass das Waffenrecht und der Grad der Verfügbarkeit von Schusswaffen nur für das Wie der Ausführung, nicht aber für das Ob eines Suizides entscheidend sind, d. h. dass ein restriktives Waffenrecht und eine geringe praktische Zugänglichkeit bzw. Verfügbarkeit von Schusswaffen zwar die Zahl der Suizide durch Schusswaffen deutlich reduzieren, nicht aber dazu beitragen, die Suizidquote an sich zu reduzieren. Praktisch wird die Datenlage häufig so interpretiert, dass eine sich aus einem strengen Waffenrecht und einem hohen Regulierungsgrad von Schusswaffen ergebende schwere Zugänglichkeit von Schusswaffen nicht dazu führt, dass Betroffene sich gar nicht umbringen, sondern dass die Unmöglichkeit oder Schwierigkeit für solche Personen an Schusswaffen zu kommen, diese lediglich dazu veranlasst, darauf zu verzichten, ihr Suizidvorhaben mit Schusswaffen auszuführen, sie aber nicht dazu bewegt, auf die Ausführung ihres Vorhabens ganz zu verzichten, so dass sie dieses, wenn sie es nicht mit Schusswaffen ausführen können, weil es ihnen nicht (oder nur sehr schwer) möglich ist, an Schusswaffen heranzukommen, anstatt mit Schusswaffen mit anderen Mitteln ausführen. Das heißt, die Schwierigkeit, an Schusswaffen heranzukommen, veranlasse Personen mit Suizidabsicht nicht dazu, ihre Absicht nicht auszuführen, sondern sie veranlasse diese nur dazu, auf andere Mittel als Schusswaffen auszuweichen, um ihr Vorhaben durchzuführen, ändere aber nichts daran, dass sie ihr Vorhaben als solches (nur eben mit anderen Mitteln als Schusswaffen) dennoch verwirklichen würden. So starben z. B. in den USA im Jahr 2014 21,386 Personen durch mit Schusswaffen ausgeführten Suiziden, während in Japan im selben Jahr lediglich sechs Personen durch Schusswaffeneinwirkung insgesamt starben (d. h. die Summe aller Sterbefälle durch Schusswaffen lag im Jahr 2014 bei sechs Personen, so dass diese Zahl sowohl Suizide mit Schusswaffen als auch Tötungen anderer Personen mit Schusswaffen umfasst).David Pakman: „Japan Had SIX Gun Deaths in 2014, Compared to 33,599 in USA“, in: Huffpost vom 12. Januar 2017. Die Gesamtsuizidquote in den Vereinigten Staaten lag im Jahr 2014 jedoch bei 12,93 Suiziden auf 100.000 Einwohner,https://afsp.org/suicide-statistics/ während die Gesamtsuizidquote in Japan im selben Jahr bei 19,5 auf 100.000 EinwohnerTomoko Otake: Suicides down, but Japan still second highest among major industrialized nations, report says", in: Japanese Times vom 30. Mai 2017. lag und somit mehr als 50 % höher war als die Suizidquote in den Vereinigten Staaten im selben Jahr.
Erscheinungsform
Bei der Typisierung des Suizides durch Schusswaffen sind grundsätzlich zwei Varianten zu unterscheiden: Einmal der aktive Suizid durch Schusswaffen, der darin besteht, dass eine Person mit Schusswaffen Suizid begeht, indem sie sich selbst erschießt (also Suizid durch Selbsterschießung) als der Standard-Variante. Und zum zweiten die vergleichsweise seltene Variante des passiven Suizides durch Schusswaffen, bei dem eine Person Suizid durch Schusswaffen begeht, indem sie eine Situation herbeiführt, in der sie ihren Todeswunsch erfüllt, indem sie eine Faktorenkonstellation herbeiführt, in der andere Personen sie erschießen. Praxisbeispiele hierfür sind beispielsweise Soldaten, die sich dem Feind gezielt präsentieren, um diesen dazu zu veranlassen sie zu erschießen, um sie töten (z. B. indem sie sich gezielt auf eine exponierte Stelle, von der sie wissen, dass sie im Sicht- und Schussfeld des Feindes liegt, stellen) oder das Phänomen des Suicide by Cop, bei dem Personen sich, in der Absicht ihren eigenen Tod herbeizuführen, gezielt Polizisten in einer bedrohlich wirkenden Weise (z. B. mit Waffen oder Waffenattrappen in der Hand, wobei sie diese in einer Weise handhaben, die wirkt, als ob sie diese gegen die Polizisten einsetzen wollen) nähern, um diese dazu zu zwingen, sie (in dem Glauben dies tun zu müssen, um Schaden von sich selbst abzuwenden) in Notwehr oder Putativnotwehr zu erschießen.
Suizid durch Selbsterschießung als Abschlusshandlung von Amokläufen
Der Suizid durch Selbsterschießung ist häufig ein Bestandteil von mit Schusswaffen durchgeführten Amokläufen. Die Selbsterschießung der Person oder der Personen, die einen Amoklauf (als einer einem bestimmten Handlungsmuster aus aufeinanderfolgenden Schritten folgenden Tat ritualisierter Gewalt) begeht/begehen, bildet dabei naturgemäß als eine Art Schlussapotheose den finalen Akt von Amokläufen, die in die Gruppe jener Sorte von Amokläufen fallen, bei denen der Täter die von ihm eingesetzten Schusswaffen nicht nur auf andere, sondern auch gegen sich selbst richtet.
So erschossen z. B. die Täter bei den Amoklauf an der Columbine High School in Denver (1999) sowie der Amokläufe von Erfurt (2002), Winnenden (2009), Sandy Hook (2012), München (2016) und Las Vegas (2017) sich zum Abschluss ihrer Amokläufe selbst.
Suizid durch Selbsterschießung im politischen Bereich