mini|hochkant|Mechtild Borrmann (2018) Grenzgänger ist ein Roman der deutschen Schriftstellerin Mechtild Borrmann aus dem Jahr 2018. Der Text handelt von der fiktiven Henriette Bernhard, geborene Schöning, die in der Nachkriegszeit in der Eifel nahe der Grenze zu Belgien aufwächst, wo damals die Schmuggellinien der Aachener Kaffeefront verliefen. Sie kämpft für ihre Familie und die gerechte Aufarbeitung ihrer Vergangenheit.
Inhalt Velda 1945 bis 1951 Die Eltern Herbert und Maria Schöning leben im fiktiven Ort Velda und haben vier Kinder: Henni, Matthias, Johanna und Fried. Als Vater Herbert traumatisiert aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrt ist, hat er zitternde, nervöse Hände und verliert nach kurzer Zeit aus diesem Grund seine Arbeit als Uhrmacher. Er ist nach dem Arbeitsverlust sehr gläubig und findet Anschluss beim katholischen Ortspfarrer Lenkes, wodurch die Familie Schöning sich immer mehr entfremdet. Mutter Maria muss sich eine Arbeit in der Gaststube suchen, weil Herbert keine anständige Arbeit mehr findet. Weil Tochter Henni ihr dort hilft, kann sie nicht mehr zur Schule gehen.
Fünfzehn Monate später stirbt Hennis Mutter an einer Eileiterschwangerschaft. Herbert Schöning versucht für Henni und ihre Geschwister ein neues Zuhause zu finden, da er mit seiner Arbeit in der Kirche des Ortes viel zu wenig verdient, um sich um seine Kinder kümmern zu können. Henni ist wütend darüber. Sie schreibt dem Bischof in Aachen einen Brief mit der Frage, weshalb es in den umliegenden Gemeinden Küsterstellen gebe, nur in Velda nicht.
Um ihre Familie zu unterstützen, übernimmt Henni die Arbeit ihrer verstorbenen Mutter in einer Gaststube. Eines Tages ertappt sie Gastwirt Erich Wolter dabei, wie er Kaffeeschmuggler bezahlt. Sie fragt ihn, ob sie auch schmuggeln kann. Am selben Abend kann Henni ihren Vater überreden, dass er sie und ihre Geschwister vorläufig behält. Am nächsten Tag erfährt Henni, dass sie beim Kaffeeschmuggel dabei sein kann. Vor dem Schmuggeln erklärt Erich Wolter ihr die Regeln für die Schmuggeltour und den Treffpunkt.
Henni erfährt, dass noch viele weitere Leute von Velda beim Schmuggeln dabei sind. Ihr erster Schmuggel verläuft gut und Henni ist erstaunt und zufrieden über ihren Verdienst. Mit einem Schmuggel verdient sie bedeutend mehr, als ihre Mutter bei ihrer Arbeit in der Gaststube in einer Woche verdient hat.
Henni darf nach ihrer ersten Schmuggeltour weiterhin dabei sein und beschließt, am nächsten Tag einen Rucksack zu kaufen. Nach zwei weiteren Schmuggeltouren bekommt sie einen Brief aus Aachen. Als Antwort auf ihren Brief schreibt der Bischof, „dass im Etat für Velda eine Küsterstelle enthalten ist.“ (S. 90) Henni ist empört und teilt dies mit Frau Wittler. Diese geht zusammen mit Herrn Kopisch und Bauer Kämper zum Pfarramt, um Pastor Lenkes zur Rede zu stellen. Henni wird daraufhin vom Vater geschlagen, da er mit dem Verhalten seiner Tochter nicht einverstanden ist. Er unterstützt seine Tochter nicht, sondern befürwortet die Meinung von Pastor Lenkes.
Henni erhält durch ihre heimlichen Schmugglertouren genügend Geld, um Lebensmittel zu kaufen und wird vom Dorf bewundert. Auch ihr Vater hört viel Lob über sie. In einer fatalen Nacht stirbt Werner Kopisch auf einer der Schmugglertouren. Henni macht sich große Sorgen über die Einnahmen, weil die restlichen Schmuggler von Velda wegen der großen Gefahr nicht mehr schmuggeln gehen. Die Idee, den Kaffee über das Venn-Plateau, ein Moor, zu schmuggeln, keimt in ihr auf, da sie das Gebiet seit ihrer Kindheit gut kennt. Den Schmuggeltouren von Henni über das Venn-Plateau schließen sich immer mehr Leute an.
Als die Patrouillen um das Plateau zunehmen, geben die Männer den Schmuggel endgültig auf, da schon drei Leute von ihnen erwischt wurden. Henni kann aufgrund ihrer Aufgaben im Haushalt nicht in eine Fabrik arbeiten gehen. Sie geht daraufhin nachts weiter über das Plateau. Um mehr Geld zu verdienen, begleiten die Zwillinge Matthias und Johanna Henni auf ihren Schmuggeltouren, nachdem sie Henni dazu überredet haben, sie begleiten zu dürfen. Auf einer weiteren Tour im März 1950 tauchen auf einmal Zöllner auf, die auf die Schmuggler schießen. Dabei wird Johanna tödlich getroffen. Der Zöllner aus Velda, Ludwig Merk, ist dabei gewesen. Nach dem Tod von Johanna schickt Hennis Vater die beiden Brüder Matthias und Fried ins Heim und Henni kommt in eine Fürsorgeerziehung, später in eine Besserungsanstalt. Der Vater gibt Henni die Schuld am Unglück der Familie.
Aachen 1950 bis 1960 In der Besserungsanstalt gibt es eine klare Hierarchie. Die Hilfserzieherinnen wollen, dass Henni klein bei gibt, doch dies tut sie nicht, sondern nimmt alle zusätzlichen Arbeiten und Schläge entgegen. Einige Zeit später darf Henni in einer Fabrik arbeiten gehen, wo sie vom Vorarbeiter Weder sexuell belästigt wird. Als sie sich dagegen wehrt, wird ihr nicht geglaubt und sie muss die Konsequenzen tragen. Sie bekommt einen Eintrag in ihre Akte und kann nicht zu ihrer Familie zurückkehren. Durch viel Glück kann Henni sich bei der Familie Castrup als Haushaltshilfe vorstellen und erhält die Arbeitsstelle. Henni fährt nach Velda und entdeckt ein Grab mit den drei Namen Maria, Johanna und Matthias. Sie versteht nicht, weshalb ihr Bruder Matthias tot ist und fragt ihren Vater, wo Fried nun ist. Er gibt ihr keine konkrete Antwort und gibt ihr wiederum die Schuld an der ganzen Situation. Henni hält dies nicht aus und schlägt deshalb ihren Vater.
Um herauszufinden, wo Fried Schöning ist, geht Henni zum Jugendamt. Jedoch erhält sie dort keine Auskunft. Daraufhin holt sich Henni Hilfe bei Karla Castrup, doch Karla kann ihr nicht helfen. Karla und Henni sind in der Zeit, seit Henni bei der Familie Castrup arbeitet, enge Freundinnen geworden. Henni erlebt wieder Glücksmomente und kann wieder lachen. Im Mai 1957 lernt sie Georg Bernhard kennen. Die beiden verlieben sich. Henni erzählt ihm von ihrer Vergangenheit. Als die Familie Castrup nach Düsseldorf zieht, gibt Henni ihre Arbeitsstelle auf und heiratet Georg Bernhard.
Kornelimünster 1960 bis 1970 Nach der Heirat ist Hennis Nachname nun Bernhard. Sie wird Mutter von zwei Kindern. Eines Tages taucht im Hof der Familie Bernhard Fried auf, der kleine Bruder von Henni. Henni weiß sofort, wer er ist. Die beiden sprechen über ihren Vater und darüber, wie Matthias starb. Henni wird zornig und möchte die Todesumstände von Matthias aufklären. Der Tod von Matthias nimmt stetig mehr Platz im Leben der Familie Bernhard ein. Dies bereitet Georg große Sorgen. Henni will eine gerichtliche Anhörung zum Tod von Matthias.
Kornelimünster 1969 bis Frühjahr 1970 Henni besucht im November 1969 Dr. Recken, der als Arzt mehrmals im Heim gewesen ist, in dem Matthias verstorben ist. Sie befragt Dr. Recken zu den damaligen Umständen. Dr. Recken ist zuerst sehr abwehrend. Als seine Frau ihn aber etwas drängt, erzählt er, was er weiß. Er sagt, dass Matthias damals, als er ihn untersucht habe, schon sehr unterkühlt und ausgezehrt gewesen sei, hohes Fieber gehabt habe und bereits im Delirium gewesen sei. Der Doktor erzählt auch, dass er sich zweimal an das Jugendamt gewendet habe, doch nach dem zweiten Mal vom Heim nicht mehr als Doktor aufgeboten worden sei. Er erklärt sich bereit dazu, vor Gericht als Zeuge auszusagen. Henni und Georg versuchen daraufhin, ein letztes Mal eine Anhörung vor Gericht zu erreichen. Dies gelingt. Während der Anhörung soll Thomas Reuter aussagen, ein alter Freund von Fried und Matthias, welcher auch im Heim gewesen ist. Doch der bekommt Angst, verfällt in einen Schockzustand und kann nicht richtige Aussagen machen. Die Klage gegen das Heim wird daraufhin nicht zugelassen. Henni ist außer sich. Sie droht ihrem Vater und der Schwester Angelika. Nach dem ganzen Chaos braucht Henni Zeit für sich und fährt mit dem Zug nach Hause. Unterwegs beschließt sie, das ehemalige Haus der Familie Castrup aufzusuchen. Als sie spät am Abend zum Bahnhof zurückkehrt, erfährt sie, dass eine Ordensfrau vor den Zug gestoßen worden ist. Als Henni einige Zeit später mehr Informationen zum Unfall bekommt, keimt in ihr der schreckliche Verdacht auf, dass Fried die Tat begangen haben könnte. Sie hat das Gefühl, dass sie Unglück über ihn gebracht habe, so wie sie es der ganzen Familie brachte. Die Polizei besucht sie am nächsten Tag und zieht sie als Täterin in Betracht, da eine Zeugin sie am Tag der Tat am Bahnhof gesehen habe.
Lüttich, Aachen 1970 Thomas Reuter bekommt einen Anruf von Fried, es gebe eine Anhörung zum Tod von Matthias und Thomas solle als Zeuge auftreten. Thomas zögert, da er die Vergangenheit an seine schwere Kindheit im Heim vergessen möchte. Trotzdem entschließt er sich, hinzugehen, um von den Umständen im Kinderheim zu berichten. Er gibt sich bis da die Schuld am Tod von Matthias. Thomas hatte ihn verraten und Matthias musste deshalb „unter die Treppe“. Nach mehreren Tagen im Verlies kam Matthias ins Krankenhaus. Dort verstarb er an einer Lungenentzündung.
Thomas fährt zur Anhörung. Er erfährt, dass seine Mutter ihn nicht ins Kinderheim abgegeben hatte, sondern im Kindsbett gestorben war. Dieser Bericht wirft ihn komplett aus der Bahn. Er wird vor dem Gericht als nicht glaubwürdig eingestuft und rennt davon.
Am Bahnhof möchte er in den Zug nach Lüttich steigen. Er ist verwirrt, wütend und unsicher, ob er auf dem Bahnsteig fünf war oder nicht. Erst im Zug nach Lüttich realisiert er, dass die im schwarzen Gewand gehüllte Gestalt Schwester Angelika war, die Ordensfrau, und dass diese tot ist.
Velda, Aachen 1970 Es läuft ein Prozess um den Tod der Ordensfrau und den von Herbert Schöning. Henni verteidigt sich jedoch nicht. Sie schweigt konstant. Elsa Brennecke glaubt an Hennis Unschuld. Im Herbst bekommt Elsa Besuch von Jürgen Loose, einem Jurastudenten. Sie sieht ihn dabei, wie er die Ruine des Hauses Schönings fotografiert.
Ein halbes Jahr zuvor am 11. April hatte Elsa Herbert Schöning noch im Haus gesehen. In der Nacht darauf entdeckte sie, dass Schönings Haus brennt. Beim Brand kam Herbert Schöning ums Leben. Elsa glaubt, dass Herbert Schöning mit der Zigarette eingeschlafen ist, doch die Polizei geht von Brandstiftung aus und beschuldigt Henni, da sie ihrem Vater am Verhandlungstag gedroht hatte, als es um den Tod von Matthias ging.
Jürgen Loose fragt Elsa über Hennis Leben aus und befragt sie zu der Stimmung im Dorf, nachdem Johanna erschossen worden war. Jürgen Loose geht mehr auf die Situation mit der Familie Merk ein und zeigt ein übermäßiges Interesse daran. Elsa findet heraus, dass Jürgen Loose der Sohn von Ludwig Merk ist. Sie versucht den Tod von Herbert Schöning aufzuklären, da sie weiß, dass es nicht gut um Hennis Schicksal steht, wenn sie nicht spricht. Elsa besucht daraufhin Dorothea Claus, die den Garten der Familie Schöning bis ein Jahr vor dem Hausbrand gemietet hatte. Sie findet Beweise, dass es sich nicht um Brandstiftung gehandelt haben kann. Das Benzin für den Rasenmäher hatte schon immer in der Küche im Haus gestanden und kam daher als Brandbeschleuniger nicht in Frage. Sie ruft Herrn Grüner an, der Henni an der Gerichtsverhandlung vertritt und erklärt ihm ihre Vermutung. Elsa und Dr. Grüner können Dorothea Claus überzeugen, vor Gericht auszusagen. Elsa und Dorothea treten als Zeuginnen auf. Die Aussage von Dorothea und der Bericht der Feuerwehr sorgen dafür, dass der Verdacht der Brandstiftung aufgehoben wird. Die Zeugin, die Henni am Tag des Todes der Ordensfrau am Bahnhof gesehen haben will, bestätigt dies unter Eid, aber Henni bricht ihr Schweigen nicht. Der Staatsanwalt hat keinen Zweifel daran, dass Henni die Tat begangen hat. Sie wird für den Tod der Ordensfrau verurteilt.
Aachen, Sommer bis Herbst 1970