I’m Thinking of Ending Things ist ein amerikanischer Film aus dem Jahr 2020 von Charlie Kaufman nach der gleichnamigen Romanvorlage von Iain Reid (auf Deutsch unter dem Titel The Ending). Die winterliche Fahrt eines jungen Paares zu den Eltern des Mannes kippt immer mehr ins Surreale. Sie wird begleitet von zahlreichen kulturellen Verweisen und der inneren Stimme der Frau, die darüber nachdenkt, Schluss zu machen.

Handlung

Eine junge Frau denkt darüber nach, Schluss zu machen, ein Gedanke, der sie seit Tagen verfolgt und so bezwingend ist, als sei er ihr von jemandem eingegeben worden. Die Beziehung zu ihrem Freund Jake währt gerade erst sieben Wochen, doch sie meint bereits zu wissen, worauf alles hinauslaufen werde. Dennoch scheut sie die Trennung und fährt mit Jake aufs Land zur Farm seiner Eltern, um diese kennenzulernen. Der Winter ist eingebrochen und ihre Fahrt wird von stärker werdendem Schneefall begleitet, der sie besorgt, denn sie möchte unbedingt noch am Abend in die Stadt zurückkehren. Immer wieder unterbrochen wird die Szenerie von Bildern eines alten, einsamen Hausmeisters, der am Morgen mit der angstvollen Gewissheit aufwacht, dass es soweit sei.

Auf der Fahrt zitiert Jake Zeilen aus William Wordsworths Ode Andeutung der Unsterblichkeit aus Erinnerungen an die frühe KindheitWilliam Wordsworth: Ode: Intimations of Immortality from Recollections of Early Childhood in der englischen Wikisource. und spielt ein Lied aus dem Musical Oklahoma!, das regelmäßig an der Schule des alten Hausmeisters aufgeführt wird. Die junge Frau, die mit unterschiedlichen Namen belegt wird – Lucy, Louisa, Lucia und Ames – trägt ihrerseits ein selbstgeschriebenes Gedicht über die Schrecken der Heimkehr namens Bonedog vor.Eigentlich handelt es sich um: Eva H. D.: Bonedog. In: Rotten Perfect Mouth. Mansfield Press, Toronto 2015, ISBN 978-1-77126-081-7. Volltext von NetflixFilms auf Twitter. Auf der Farm führt er sie zuerst zu den Tieren in die Scheune. Blutflecken auf dem Boden künden noch von einem erst kürzlich an Madenbefall verendeten Schwein.

Jakes Eltern verändern während des Besuchs mysteriöserweise immer wieder ihr Alter, sind in einem Moment jung und frivol, im anderen alt und gebrechlich. Doch auch die junge Frau wandelt während der Konversation immer wieder ihren Beruf, ist mal Physikerin, mal Schriftstellerin, mal Malerin, wobei sie Bilder von Ralph Albert Blakelock als ihre eigenen ausgibt. Über ihr Kennenlernen mit Jake gibt es unterschiedliche Versionen, eine davon ist einem fiktiven Liebesfilm von Robert Zemeckis entnommen. Auf einem alten Kinderfoto von Jake erkennt sie sich wieder. Immer wieder erhält sie Anrufe von ihrer eigenen Nummer. Als sie abhebt, erklärt die Stimme eines angsterfüllten Mannes, dass nur noch eine Frage zu klären bleibe.

Trotz eines einsetzenden Schneesturms fahren Jake und die junge Frau noch in der Nacht zurück. Sie diskutieren über John Cassavetes’ Filmklassiker Eine Frau unter Einfluß, bis sie an einem Eisstand namens Tulsey Town anhalten, wo sie von Schülerinnen der Schule des Hausmeisters bedient werden. Eine ängstliche Verkäuferin mit Ausschlag versucht die junge Frau davon abzuhalten, sich weiter vorwärts in der Zeit zu bewegen, doch sie fahren weiter. Das Eis schmeckt beiden nicht wie erwartet. Jake hält an der Schule, um die Eisbecher wegzuwerfen. Nach einer Diskussion über den Liedtext von Baby, It’s Cold Outside kommt es zu einer kurzen Annäherung samt Kuss zwischen den beiden, bis Jake glaubt, einen Spanner, den Hausmeister der Schule, gesehen zu haben und die Frau alleine lässt, um ihn zur Rede zu stellen.

Nach langem, vergeblichem Warten folgt ihm die Frau. Im Gebäude trifft sie auf den Hausmeister, erzählt ihm jedoch, sie sei Jake nur an einem Abend begegnet, ohne dass es zu mehr gekommen sei. Im Gegenteil habe sie sich unwohl unter seinen Blicken gefühlt und könne sich kaum noch an sein Aussehen erinnern. Schließlich sei alles schon so lange her und Jake nur einer der zahllosen Menschen, mit denen sie nicht interagiert habe. Der Hausmeister erklärt ihr, dass Jake hier drinnen sicher sei, und er bittet sie Hausschuhe anzuziehen, die sie als Jakes Hausschuhe wiedererkennt. Plötzlich sieht sie ein Paar, das ihre Rollen übernimmt und ein Traumballett tanzt, an dessen Ende, nach einer Auseinandersetzung mit einem Hausmeister-Double, der Jake-Tänzer verblutet.

Am Ende seiner Schicht verlässt der Hausmeister die Schule, hat in seinem Wagen jedoch einen Zusammenbruch. Er entkleidet sich und folgt der Vision eines madenbefallenen Schweins zurück in die Schule. Das Schwein erklärt ihm, er solle sich nicht bemitleiden. Jemand müsse das von Maden befallene Schwein sein. Man könne nur das Beste aus seinem Los machen. Letztlich sei alles eins, auch er und seine Ideen. Dann fordert das Schwein den Hausmeister auf, sich anzuziehen. Die nächste Szene spielt in einem Festsaal. Ein feierlich gekleideter, auf alt geschminkter Jake nimmt eine Auszeichnung für sein Lebenswerk als Physiker entgegen und erklärt, dass er alles akzeptiere. Schließlich singt er vor passender Kulisse den Song Lonely Room aus Oklahoma!. Das Publikum, darunter auch seine Eltern und die junge Frau – alle ebenfalls auf alt geschminkt –, feiert ihn mit stehenden Ovationen. Das Bild verblasst, und am nächsten Morgen ist Jakes Wagen vor der Schule vollständig eingeschneit.

Hintergrund

mini|hochkant|Regisseur Charlie Kaufman (2015) Obwohl Charlie Kaufman ein gefeierter und 2005 mit dem Oscar ausgezeichneter Drehbuchautor ist, war I’m Thinking of Ending Things die erste große eigenständige Regiearbeit seit Synecdoche, New York im Jahr 2008, seinem Regiedebüt, das gleichermaßen kunstvoll wie erfolglos an den Kinokassen war. Seither war er Co-Regisseur beim Animationsfilm Anomalisa und an mehreren Projekten beteiligt, die sich zerschlugen. Die Arbeit an I’m Thinking of Ending Things begann er im Bewusstsein, dass es seine letzte Chance für eine Regiearbeit sein könnte: „Ich habe seit 10 Jahren keinen Film gemacht, also sagte ich mir, ich werde etwas machen, das ich will, und kümmere mich nicht darum, ob es zu einem weiteren Job führt.“„I haven’t made a movie in 10 years, so I said I’m going to make something I want and not worry if this will lead to another job.“ Zitiert nach: Jenelle Riley: ‘I’m Thinking of Ending Things’ Director Charlie Kaufman Isn’t Trying to Mess With Your Mind. In: Variety, 26. August 2020.

Die Romanvorlage von Iain Reid gilt als psychologischer Thriller oder gar als Horrorliteratur. In der deutschen Übersetzung trägt der Roman den Titel The Ending und wird beworben mit dem Untertitel: „Du wirst dich fürchten. Und du wirst nicht wissen, warum“.Iain Reid: The Ending beim Verlag Droemer Knaur. Der Autor widerspricht allerdings dieser Einordnung und sieht I’m Thinking of Ending Things vielmehr als einen philosophischen Roman, der nur aus einer ungewöhnlichen Perspektive geschrieben sei. So müsse auch die abschließende Wendung den Leser nicht zwingend überraschen, wie dies beim Genre des Thrillers üblich ist: „Es geht nicht unbedingt um das Ende; es geht um alles, das passiert, und die Fragen, die aufgeworfen werden.“„It’s not necessarily about the end; it’s about everything that’s happening and the questions that arise.“ Zitiert nach: Genre Bender. Charlie Kaufman and author Iain Reid on i’m thinking of ending things, from page to screen. In: Netflix Queue.

Kaufman fühlte sich auf Anhieb von der mysteriösen, traumhaften, surrealen Atmosphäre des Romans angezogen. Aus Sicht eines Filmemachers reizte ihn auch die Herausforderung, eine Handlung, die hauptsächlich im Inneren eines Autos und eines Farmhauses spielt, visuell umzusetzen. Nicht zuletzt klang das begrenzte Setting nach einem Film, der finanzierbar sein sollte.Iain Reid: Charlie Kaufman and Iain Reid on the Terrifying Art of Adaptation. In: Interview, 11. September 2020. Bei der Verfilmung nahm sich Kaufman allerdings zahlreiche Freiheiten gegenüber der Vorlage heraus. Er begründete: „Ich habe herausgefunden, dass ich am erfolgreichsten mit Adaptionen bin, wenn ich mir erlaube, sie zu nehmen und alles damit zu machen, was für mich Sinn ergibt […] Wenn ich das nicht zulasse, dann kommt am Ende etwas heraus, das sich für mich tot anfühlt.“„I’ve found that I’m most successful with adaptations when I allow myself to take it and do with it whatever makes sense to me, […] If I don’t allow that to happen, then I end up with something that feels dead to me.“ Zitiert nach: Eric Kohn: Charlie Kaufman’s Guide to ‘I’m Thinking of Ending Things’: The Director Explains Its Mysteries. In: IndieWire, 4. September 2020.

Tatsächlich erwiesen sich die Filmarbeiten als schwieriger als gedacht. Die geplanten 30 Drehtage wurden auf 24 zusammengestrichen, ein von Kaufman gewünschter Nachbau des Autos und Farmhauses ließ sich bei dem niedrigen Budget nicht realisieren. Besonders aufreibend war die Abhängigkeit vom Wetter, die Verzögerungen und Nachtdrehs notwendig machte, bei der zentralen Bedeutung des Schnees für die Stimmung des Films aber unumgänglich war. Jessie Buckley erinnerte sich an sehr intensive Dreharbeiten, bei denen für die einzelnen Szenen selten mehr als drei Takes angefertigt werden konnten.Jenelle Riley: ‘I’m Thinking of Ending Things’ Director Charlie Kaufman Isn’t Trying to Mess With Your Mind. In: Variety, 26. August 2020.

Interpretation

In der Buchvorlage von Iain Reid ist die Auflösung recht eindeutig, dass Jake und der alte Hausmeister dieselbe Person sind und sich das gesamte Geschehen nur in seinem Kopf abgespielt hat. Somit ist auch der titelgebende Gedanke, Schluss zu machen, nicht bezogen auf die junge Frau und ihre Trennung von Jake, sondern auf den alten Hausmeister, der nach einem einsamen und unerfüllten Leben aus dem Dasein scheiden will. Offenkundig wird das im Wechsel der Erzählperspektive auf den letzten Seiten, die von der ersten Person – vermeintlich aus dem Kopf der Frau – auf die dritte Person übergeht: „We’re in here together. All of us… And the girl. She. He. We. Me.“Joanna Robinson: Charlie Kaufman’s Confounding I’m Thinking of Ending Things, Explained. In: Vanity Fair, 4. September 2020.

Kaufmans Film ist weniger eindeutig, aber es gibt zahlreiche Hinweise, die ebenfalls die Identität von Jake, dem Hausmeister und der von ihm imaginierten Frau nahelegen. Etwa Jakes Kindheitsfoto, das sie zeigt, die Hausmeisteruniformen im Keller der Farm, seine Erinnerungen an die High School und das dort regelmäßig aufgeführte Musical, die nicht die eines ehemaligen Schülers sind, sondern die eines dort noch immer täglich Tätigen, und nicht zuletzt Jakes Wutausbruch, der eindeutig die Warte eines alten Mannes einnimmt und über die Lüge lamentiert, nach der die Dinge immer besser werden, nach der nichts zu spät sei und das Alter nur eine Zahl. Kaufman selbst beschrieb: „Es ist ein traumhafter Aufenthalt in seiner Psyche, in seiner Vergangenheit“.„It’s a dreamy stop into his psyche, into his past.“ Zitiert nach: Eric Kohn: Charlie Kaufman’s Guide to ‘I’m Thinking of Ending Things’: The Director Explains Its Mysteries. In: IndieWire, 4. September 2020.