Die Dillstrecke (seltener auch Dilltalbahn) ist eine zweigleisige, elektrifizierte Hauptbahn in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Sie führt von Siegen über Haiger, Dillenburg, Herborn und Wetzlar nach Gießen.

Geschichte Bau Die Dillstrecke besteht historisch gesehen aus zwei Teilen. Das südliche Teilstück wurde rund 50 Jahre vor dem nördlichen Abschnitt errichtet.

Südlicher Abschnitt mini|links|Dampflokomotive zwischen Dutenhofen und Gießen (1870er Jahre)

Der südliche Teil ist der südöstliche Abschnitt der durch die Cöln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft erbauten und im Januar 1862 zunächst eingleisig fertig gestellten Deutz-Gießener Bahn vom heutigen Köln-Deutz nach Gießen. Die Bevölkerung der ländlichen Region entlang der Dill verhielt sich zunächst großteils ablehnend zum Bau der Eisenbahn; sie trug aber zum wirtschaftlichen Aufschwung der Region bei und wurde von vielen Pendlern im Berufsverkehr genutzt. Die Stadt Wetzlar musste die dezentrale Lage ihres Bahnhofs hinnehmen, da die Dillstrecke eine Kurve zur Einmündung in die ein Jahr später eröffnete Lahntalbahn benötigte. Für den Vorschlag, die Strecke bei Werdorf auf das rechte Dillufer zu legen und bereits in der Wetzlarer Neustadt mit der Lahnstrecke zusammenzuführen, um den Wetzlarer Bahnhof in zentraler Lage bauen zu können, war die Bauleitung nicht zu gewinnen. Da die Eisenbahn kein Tal vorfand, das Wetzlar unmittelbar mit der Wetterau verbunden hätte, musste die Strecke nach Gießen geführt werden, womit der dortige Bahnhof zu einem Eisenbahnknoten wurde.A. Schoenwerk: Geschichtliche Heimatkunde von Stadt und Kreis Wetzlar. Pegasus Verlag, Wetzlar 1954, S. 270 Die Strecke gewann rasch an Bedeutung und war um 1870 fast vollständig zweigleisig. Die Streckenführung der Deutz-Gießener Bahn verlief von Deutz kommend in ihrem mittleren Teil ab Betzdorf (Sieg) über Burbach und Würgendorf nach Haiger, die Trasse der heutigen Bahnstrecke Betzdorf–Haiger. Angesichts der schwierigen Topografie erschien eine direkte Anbindung von Siegen an die Dillstrecke als zu aufwändig. Noch heute trägt dieser historische Streckenverlauf insgesamt zwischen Betzdorf und Gießen die Streckennummer 2651.

Nördlicher Abschnitt mini|links|Ein Dampfsonderzug mit 52 8134-0 der Eisenbahnfreunde Betzdorf auf dem Rudersdorfer Viadukt (Dezember 2012)

Erst zum 1. Dezember 1915 wurde der Abschnitt Siegen–Haiger der Strecke in Betrieb genommenEisenbahndirektion Mainz (Hg.): Amtsblatt der Königlich Preußischen und Großherzoglich Hessischen Eisenbahndirektion in Mainz vom 27. November 1915, Nr. 58. Bekanntmachung Nr. 769, S. 377. (Streckennummer 2800), womit auch Hagen, Gießen und damit Ruhr- und das Rhein-Main-Gebiet sowie Ziele im Süden Deutschlands direkt verbunden waren. Die Strecke verkürzte sich dadurch um rund 30 Kilometer. Das war vor allem im Kohleverkehr wichtig. Dazu mussten der knapp 2652 m lange Rudersdorfer Tunnel sowie zwei große Brücken, das Rudersdorfer und das Niederdielfener Viadukt, errichtet werden. Der ursprünglich geplante viergleisige Ausbau zwischen Siegen und Dillenburg fiel dem Ersten Weltkrieg zum Opfer. Aufgrund der Ingenieurleistungen und dieser Kunstbauten ist die gesamte Trasse der Strecke zwischen dem Bahnhof Haiger und der hessisch/nordrhein-westfälischen Landesgrenze, die im Rudersdorfer Tunnel verläuft, ein Kulturdenkmal nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz.Eisenbahn in Hessen, S. 1012

Ausbau Im Jahr 1965 wurde die Elektrifizierung der gesamten Dill- und Ruhr-Sieg-Strecke abgeschlossen. Der mit E10 1270 des Bw Heidelberg Hbf bespannte Eröffnungszug Dsts 11277 Frankfurt (Main) Hbf–Hagen Hbf verließ den Bahnhof Gießen-Bergwald am 14. Mai 1965 um 09:07 Uhr und wurde an der Strecke und in den Unterwegsbahnhöfen von zahlreichen Bürgern gefeiert.

Die Strecke im Kursbuch Bis 1970 wurde die Dillstrecke unter der KBS-Nummer 251 geführt. Danach wurde sie zusammen mit der Ruhr-Sieg-Strecke von Hagen nach Siegen zur Kursbuchstrecke 360. Seit der Revision des Kursbuchnummern-Systems 1992 infolge der Wiedervereinigung wurde die Dillstrecke nun unter der Nummer 445 geführt, während die Ruhr-Sieg-Strecke die Nummer 440 erhielt. Seit der Einführung des Integralen Takt-Fahrplans (ITF) im Jahre 1998 verkehren alle Züge im Schienenpersonennahverkehr über Siegen.

Die Dillstrecke übernimmt hinter dem Giersbergtunnel die Kilometrierung von der Ruhr-Sieg-Strecke aus Hagen.

Der Fernverkehr mini|links|Einer der letzten Interregios (IR 2410) auf dem Rudersdorfer Viadukt (Dezember 2002) mini|links|Im Sommer 2012 verkehrte für einige Wochen der Autoreisezug AZ 1357 von Narbonne nach Dortmund Bbf über die Dillstrecke. Hier bei der Durchfahrt in Herborn/Dillkr (Juni 2012) mini|links|Der Autoreisezug AZ 1339 der DB mit 115 261-0 bei der Durchfahrt in Herborn/Dillkr (Januar 2013)

In den 1970er Jahren gab es einzelne City-D-Züge (DC).

Um 1985 wurde Montags bis Freitags eine Schnellverbindung mit D 811/810 angeboten, die Dortmund mit Frankfurt in einer Reisezeit von unter drei Stunden verband, unterwegs nur in Siegen-Weidenau und Wetzlar hielt und aus hochwertigen, sonst nur in Intercity-Zügen geführten Wagen gebildet war.D 810 undD 811 auf fernbahn.de, abgerufen am 25. Oktober 2023. Dieser Weg war trotz der geringen Reisegeschwindigkeit zeitgünstiger als über Koblenz und entlang des Rheins. Da die Nachfrage bei diesem primär für Geschäftsreisende konzipierten Zugpaar unzureichend war, wurde es bald wieder eingestellt. Elektronische Fahrplanmedien waren damals unbekannt.

Hinzu kamen viele tägliche Schnellzug-Verbindungen zu entfernt gelegenen Zielen wie Oberstdorf.

Anfang der 1990er-Jahre wurde eine zweistündliche Schnellzug-Verbindung Frankfurt (Main) Hbf–Siegen eingerichtet, die später den Weg über Siegen-Weidenau nahm und nach Münster (Westf) Hbf verlängert wurde.

Ab 1993 wurden diese Züge der Interregio-Linie 22 Frankfurt–Münster zugeordnet, womit die Dillstrecke Teil eines modernen Fernverkehrskonzeptes wurde. Die ursprüngliche Planung des Interregio-Netzes sah vor, die Linie um die Abschnitte Hof Hbf–Würzburg Hbf–Frankfurt Hbf sowie Münster–Norddeich Mole zu verlängern. Diese Pläne wurden jedoch bis auf eine tägliche Verbindung Frankfurt–Norddeich Mole (IR „Norderney“) nicht realisiert, was der Linie 22 eher ein Schattendasein einbrachte. Sie entwickelte sich aufgrund mangelnder Fahrgastzahlen schon bald zu einem Sorgenkind der Deutschen Bahn.

Eine Besserung dieser Situation sollte 1999 mit der Verschwenkung des Nordastes ab Hagen Hbf über Wuppertal Hbf nach Düsseldorf Hbf erreicht werden. Zusätzlich wurde eine abendliche Verlängerung bis Köln Hbf eingeführt. Gleichzeitig wurde der Takt um eine Stunde verschoben und der Abend- und Wochenendverkehr massiv ausgedünnt. Diese Maßnahmen vertrieben mehr Fahrgäste, als man hinzugewinnen konnte, da die Linie 22 zuvor für Durchgangsreisende im Gegensatz zu den über Koblenz und Köln Hbf verkehrenden IC und ICE die kürzere, schnellere und günstigere Alternative darstellte. Nur der IR „Norderney“ verkehrte vorläufig weiterhin via Münster. Diese Interregios fuhren über die Verbindungskurve Bergwald an Gießen vorbei.

Da die Züge vor allem im Abschnitt Siegen–Hagen weiterhin schlecht ausgelastet waren, wurden hier zum Sommerfahrplan 2001, bis auf die Verbindung nach Norddeich, alle Fernzüge gestrichen. Seit dem Fahrplanwechsel 2002/2003 verkehrt das Zugpaar zwischen Main und Nordsee als Intercity über die Linke Rheinstrecke, womit die IR-Linie 22 vollständig eingestellt wurde. Damit verlor die Dillstrecke im Jahr 2002 ihre Bedeutung für den Schienenpersonenfernverkehr vorübergehend, auch auf der Ruhr-Sieg-Strecke wurde der Fernverkehr vorläufig aufgegeben.

Große Erwartungen setzte die Region Lahn-Dill-Sieg nach der Einstellung des Interregios in die Ankündigung der ehemaligen Connex (heute Veolia Verkehr), ein Angebot auf neuer Relation anzubieten. So verkehrte ab dem 6. Juni 2003 einmal täglich der InterConnex von Rostock über Waren (Müritz), Berlin, Halle (Saale), Kassel, Marburg, Gießen, Wetzlar, Dillenburg, Siegen und Köln nach Neuss. Am 27. Oktober 2003 wurde die Verbindung wegen zu geringer Nutzung bereits wieder eingestellt. Connex hatte in den Wochen zuvor noch eine gegenteilige Entwicklung verkündet und die Wagenzahl von vier auf sechs erhöht. Es gilt als wahrscheinlich, dass die im eigenwirtschaftlich betriebenen InterConnex eingesetzten Loks und Wagen für die Übernahme des Flensburg-Express benötigt wurden, der als Nahverkehrslinie durch das Land Schleswig-Holstein subventioniert wurde und somit für Connex wirtschaftlich interessanter war.

Am 13. Dezember 2009 kehrte der Fernverkehr auf die Dillstrecke zurück. Erstmals fuhr täglich ein EuroCity der Linie 62 morgens von Siegen über Wetzlar, Gießen, Frankfurt, Darmstadt, Bensheim, Heidelberg, Stuttgart, Günzburg, Ulm, Augsburg, München, München Ost, Rosenheim, Prien am Chiemsee, Traunstein, Freilassing und Salzburg bis Klagenfurt mit Kurswagen nach Zagreb, der Gegenzug traf abends in Siegen ein. Das Angebot wurde zum 10. Dezember 2011 wieder eingestellt. Seit dem 11. Dezember 2011 war die Dillstrecke nach zweijähriger Bedienung durch ein einzelnes EuroCity-Paar erneut ohne Fernverkehr.

Am 18. März 2015 gab die Deutsche Bahn bekannt, sie wolle ihr Fernverkehrsangebot um 25 Prozent ausweiten.. Pressemitteilung vom 18. März 2015. Davon profitieren auch die Dill- und die Ruhr-Sieg-Strecke. Die DB beabsichtigte ursprünglich, ab dem Fahrplanwechsel 2019/2020 die IC-Linie 34 von Frankfurt über Wetzlar und Siegen nach Dortmund bzw. Münster fahren zu lassen. Im Dezember 2021 ist das realisiert worden, wurde aber mangels Rentabilität Ende 2024 teilweise und wird wahrscheinlich Ende 2026 vollständig wieder aus dem Plan genommen.https://zvis.vrr.de/bi/getfile.asp?id=65500&type=dohttps://gremien.nwl-info.de/sdnetrim/UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZRlNz-7YOCyQfeoQvHuw0CC4cTjrZcKvG-Qsgfk6b_N6/Beschlussvorlage_66-2024.pdf Diese fährt im Zwei-Stunden-Takt (seit Dezember 2024 mit Taktlücken) mit neuen Doppelstock-Intercity-Wagen (Bombardier Twindexx Vario), auch als Intercity 2 bezeichnet. Damit wurde die Dillstrecke nach der Einstellung der EC-Verbindung nach Kärnten und Kroatien im Dezember 2011 wieder an den Fernverkehr angeschlossen, womit Mittelhessen auch bessere Verbindungen nach Nordrhein-Westfalen bekam. Nach Angaben der DB seien diese Linien hauptsächlich eingerichtet worden, um auf die Konkurrenz der Fernbusse zu reagieren und weitere Städte wieder an das Fernverkehrsnetz anzuschließen. Da die Städte Wetzlar und Gießen verhältnismäßig dicht beieinander liegen und Gießen darüber hinaus bereits Fernverkehrsanschluss hat, umfährt diese IC-Linie den Bahnhof Gießen. Reisende aus Gießen haben daher weiterhin keine direkte Verbindung ins Ruhrgebiet.

Zwischen Dillenburg und Dortmund werden in den Fernverkehrszügen der Linie 34 auch Nahverkehrsfahrscheine anerkannt. Diese Handhabung ermöglicht die Schwerbehindertenfreifahrt.Nahverkehrsfreigabe auf der Strecke Dortmund–Dillenburg. In: oepnv-info.de, abgerufen am 14. Dezember 2021 und 11. Oktober 2023.