mini|Erscheinung der Weißen Frau am Totenbett Die Weiße Frau ist ein Gespenst, das in mehreren Schlössern europäischer Adelsfamilien gespukt haben soll.
Die ältesten Berichte über die Erscheinung stammen aus dem 15. Jahrhundert, die größte Verbreitung fand der Glaube an den Geist im 17. Jahrhundert. Obwohl Ähnlichkeiten zu anderen weiblichen Geistern des europäischen Volksglaubens – zum Beispiel der irischen und keltischen Banshee – bestehen, ist die weiße Frau ein Phänomen, das erst in der hochadligen Kultur der Frühen Neuzeit entstand und für diese typisch war. Die Wundergläubigkeit im Zeitalter der Gegenreformation ließ das Gespenst zu einem Standesattribut werden, das so wie Wappen und Abstammungssagen die Bedeutung des Geschlechts unterstreichen konnte. Besonders bekannt ist die Weiße Frau der Hohenzollern.
Häufig gilt die Weiße Frau als Geist eines weiblichen Vorfahren des betreffenden Geschlechts. Im Allgemeinen gilt sie, sofern man sie nicht herausfordert, nicht als böswillig oder gefährlich. Ihr Erscheinen verursacht dennoch häufig Schrecken, da es familiäre Katastrophen, insbesondere die Todesfälle von Familienmitgliedern, ankündigt. In solchen Fällen erscheint sie manchmal auch in schwarz gekleidet.
Die Sagen über die Weiße Frau werden bis heute als Folklore verbreitet und in modernen Medien verarbeitet.
Die „Weiße Frau“ der Hohenzollern Plassenburg mini|hochkant|Grabstein der Kunigunde von Orlamünde in der St.-Laurentius-Kirche in Großgründlach Die bekannteste Sage über die Weiße Frau hat ihren Ursprung auf der Plassenburg ob Kulmbach und ist mit der Familie Hohenzollern verknüpft. Burgherrin Kunigunde, Witwe des Grafen Otto von Orlamünde, hatte sich in Albrecht den Schönen, Sohn des Nürnberger Burggrafen Friedrich IV., verliebt. Dieser ließ verbreiten, er würde sie heiraten, wenn nicht vier Augen im Wege stünden. Damit waren seine Eltern gemeint, die eine solche Verbindung ablehnten. Kunigunde missverstand jedoch die Nachricht und bezog sie auf ihre zwei Kinder, ein Mädchen von zwei und einen Jungen von drei Jahren. Sie stach den Kindern mit einer Nadel in den Kopf und tötete sie.
In der gereimten Klosterchronik des Melkendorfer Pfarrers Johann Löer von 1559 findet sich folgende Schilderung:Zitiert nach Minutoli: Die Weiße Frau 1850, S. 2
Und dacht, die Kindlein, die ich hätt' Werden gewiß die Augen sein, die mich berauben des Buhlen mein! Und wurd' das Weib so gar bethört, Daß sie ihre eigen Kinder ermördt, Und jämmerlich ihres Lebens beraubt, Daß sie es mit Nadeln in ihr Haubt Stach in ihre Hirnschall, Die zart und weich überall.
Albrecht sagte sich daraufhin von ihr los. Kunigunde unternahm eine Pilgerfahrt nach Rom und erlangte vom Papst die Vergebung ihrer Sünde, mit der Auflage, ein Kloster zu stiften und dort einzutreten. Zur Buße rutschte sie auf den Knien von der Plassenburg in das Tal von Berneck und gründete das Kloster Himmelkron, in dem sie als Äbtissin starb. In einer lokalen Variante der Sage aus Himmelkron bestand das Kloster zur Zeit der Mordtat bereits und die beiden Kinder wurden darin begraben. Kunigunde erblickte, auf den Knien rutschend, auf einem Hügel zwischen Trebgast und Himmelkron das Kloster und starb dort vor Erschöpfung.Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates Bd. 1, 1868/71, S. 15
Julius von Minutoli findet diese Geschichte bei den Chronisten Kaspar Brusch, Enoch Widmann, Martin Hofmann, Lazarus Carl von Wölkern und Gotthilf Friedemann Löber im Wesentlichen übereinstimmend erzählt.Siehe Abschnitt Quellen zu den genauen Bibliographischen Angaben. Dennoch kann die Sage, jedenfalls was die Gräfin Kunigunde betrifft, keine historische Grundlage haben, da diese nachweislich kinderlos starb.Minutoli: Die Weiße Frau 1850, S. 2ff
Auch habe der Hofadel die Weiße Frau im Jahr 1486 auf der Plassenburg erscheinen lassen, um den „Odela“ (möglicherweise Markgraf Albrecht Achilles) zum Umzug nach Neustadt an der Aisch zu bewegen.Max Döllner: Entwicklungsgeschichte der Stadt Neustadt an der Aisch bis 1933. Ph. C. W. Schmidt, Neustadt a.d. Aisch 1950. (Neuauflage 1978 anlässlich des Jubiläums 150 Jahre Verlag Ph. C. W. Schmidt Neustadt an der Aisch 1828–1978.) S. 196.
Jedenfalls trat die Weiße Frau auf der Plassenburg erstmals in Erscheinung, um fortan den Hohenzollern kommende Todesfälle und anderes bevorstehendes Unglück anzuzeigen – eine zwar bedenkliche, normalerweise aber nicht gewalttätige Erscheinung. Anders soll sie sich der Sage nach allerdings verhalten haben, als der Markgraf Georg Friedrich I., auch er ein Hohenzoller, die Plassenburg nach deren Zerstörung 1554 im Zweiten Markgrafenkrieg und anschließendem Wiederaufbau in Besitz nehmen wollte. Da ließ die Weiße Frau sich so weit gehen, mit Ketten zu rasseln, umherzutoben, Hoffräuleins zu erschrecken und schließlich den Koch und Fourier des Markgrafen zu erwürgen, was letzteren veranlasste, die Plassenburg zu verlassen.Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates Bd. 1, 1868/71, S. 16
Markgraf Christian Ernst führte 1701 Untersuchungen im Kloster Himmelkron durch. Das Grab der Äbtissin Ottilia Schenk von Siemau wurde als vermeintliche Begräbnisstätte der beiden getöteten Kinder geöffnet, erst später wurde die Inschrift des Grabmals korrekt entziffert. Auch die Grabtumba des Orlamünder Grafen Otto III. stand im Verdacht, neben dem Grafen auch die beiden Kinder zu enthalten.Theodor Zinck: Himmelkron – Beschreibung seiner Vergangenheit und Gegenwart. Bayreuth 1925.
Die historische Kritik versuchte bereits seit dem 17. Jahrhundert, die reale Person ausfindig zu machen, die als Vorbild für die Sagenerscheinung diente. Neben Kunigunde von Orlamünde wurden vor allem zwei Persönlichkeiten diskutiert: die unglückliche Witwe Bertha von Rosenberg aus Böhmen, deren historische Person von heidnischen Überlieferungen von der Perchta überlagert wurde, und die ungarische Prinzessin Kunigunde, die erst mit König Ottokar II. Přemysl von Böhmen und danach mit einem Herren von Rosenberg verheiratet war.Martin Wähler: Die Weiße Frau. S. 7–8 und 23 ff. Zu der Sage aus Himmelkron siehe
Berliner Stadtschloss mini|Die Weiße Frau erscheint Friedrich I. 1713. Im Berliner Stadtschloss wurde sie erstmals am 1. Januar 1598 erblickt. Dort soll sie Johann Georg, dem hohenzollerischen Kurfürsten der Mark Brandenburg, acht Tage vor dessen Tod erschienen sein. In diesem Fall sah man in dem Gespenst den Geist der 1575 im Juliusturm der Zitadelle Spandau verstorbenen Anna Sydow, der Mätresse von Joachim II., dem Vater des Kurfürsten, die Johann Georg entgegen seinem beurkundeten Versprechen enteignen und gefangen setzen hatte lassen.
Im Berliner Stadtschloss erschien die Weiße Frau auch weiterhin öfter: 1619 soll sie dort vor dem Tod von Johann Sigismund erschienen sein. 1651 meldeten die Frankfurter Relationen:
1660 soll sie vor dem Tod von Elisabeth Charlotte, der Mutter des Großen Kurfürsten, gesehen worden sein. Auch Luise Henriette von Oranien soll sie erschienen sein und vor dem Tod des Großen Kurfürsten 1688 dem Hofprediger Anton Brusenius. Unter dem Großen Kurfürsten soll nach einem Bericht des Historikers Karl Eduard Vehse die Weiße Frau auch einmal recht herzhaft angegangen worden sein. Konrad von Burgsdorff, ein Vertrauter des Kurfürsten und ein kaltblütiger Mann, habe eines Abends, nachdem er seinen Herrn zu Bett gebracht hatte und eine kleine Stiege zum Garten hinab gehen wollte, die Weiße Frau plötzlich auf den Stufen vor sich gesehen. Als er den ersten Schreck überwunden hatte, rief er die Gestalt an: „Du alte sakramentische Hure, hast du noch nicht genug Fürstenblut gesoffen, willst du noch mehr haben?“ Über diese despektierliche Anrede offenbar verärgert, packte ihn darauf die Weiße Frau am Kragen und warf ihn die Treppe hinunter, dass ihm die Knochen krachten. Der Zugriff auf die Weiße Frau blieb aber nicht immer erfolglos: Laut Vehse wurde sie unter Friedrich Wilhelm I. zweimal arretiert. Das eine Mal war es ein Küchenjunge, der dafür im Kleid der Weißen Frau ausgepeitscht wurde, das andere Mal ein Soldat.Zitiert in: Martin Hürlimann: Berlin. Berichte und Bilder. Berlin 1934, S. 44
Weitere Erscheinungen erfolgten vor dem Tod von Friedrich I. 1713 und dem von Friedrich Wilhelm II. 1797. Als im Winter 1839/40 der Gesundheitszustand von Friedrich Wilhelm III. bereits sehr bedenklich wurde, berichtete die Hofdame Caroline von der Marwitz:
Schließlich erschien sie auch – vielleicht etwas voreilig – vor dem ganz erfolglosen Attentat des Heinrich Ludwig Tschech auf Friedrich Wilhelm IV. 1844. Bei dieser Gelegenheit soll sie händeringend zur Nachtzeit im Schweizersaal des Stadtschlosses erschienen sein. Sie erschien auch 1888 vor dem Tod von Friedrich III.Griepentrog: Berlin-Sagen. 2010, S. 45f Sogar, als statt der Hohenzollern die Nationalsozialisten Hausherren im Berliner Schloss waren, soll sie in der Nacht zum 26. Mai 1940 noch einmal erschienen sein.Eberhard Cyran: Das Schloss an der Spree. 6. Auflage. Berlin 1995, S. 363
Heidecksburg In der Heidecksburg bei Rudolstadt (Thüringen) soll die Weiße Frau dem Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, auch er ein Hohenzoller, im Grünen Salon erschienen sein, wie sein Adjutant Karl von Nostitz-Jänkendorf berichtet. Am nächsten Tag, dem 10. Oktober 1806, fiel der Prinz in dem Gefecht bei Saalfeld.
Bayreuth mini|Porträt der Weißen Frau (In: Die Gartenlaube, 1856) Sie trat auch in anderen Schlössern des preußischen Königshauses Hohenzollern und seiner Nebenlinien auf, so in Ansbach und Bayreuth. Während sie den Mitgliedern der diversen Hohenzollern-Linien zwar stets eine ominöse, jedoch keine direkt drohende Erscheinung war, verhielt sich dies bei landfremden Eindringlingen offenbar anders: So soll sie im Frühjahr 1809 dem französischen General Jean Louis Brigitte Espagne im Bayreuther Neuen Schloss erschienen sein und gedroht haben, ihn zu erwürgen. Wenige Tage darauf fiel der General in der Schlacht bei Aspern. Auch Napoleon Bonaparte soll, als er am 14. Mai 1812 dort übernachtete, durch sie eine ungemütliche Nacht erlebt haben.Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates Bd. 1, 1868/71, S. 17. In Fontanes Effi Briest wird ein dort befindliches PorträtDas fragliche Porträt befindet sich seit 1933 auf der Plassenburg. erwähnt:
Der Vorfall mit Napoleon wird dann folgendermaßen dargestellt:
Auch Fontane erwähnt schon, dass das betreffende Porträt an einer Tapetentür hing, hinter der sich eine vom Souterrain her hinaufführende Treppe befand. Die auf der Burg Lauenstein „wohnhafte“ Weiße Frau wurde vom damaligen Eigentümer Anfang des 20. Jahrhunderts von der Plassenburg importiert, da sie wie letztere einst im Besitz der gleichen Familien Orlamünde und Hohenzollern gewesen war – ein frühes Beispiel für die Vermarktung eines bekannten Gespenstes.
Über eine weitere Weiße Frau wird von der Burg Hohenzollern berichtet. Als die Burg belagert wurde, soll sie unbehelligt nachts das Lager der Belagerer durchschritten haben. Sie ist nicht identisch mit der oben genannten Weißen Frau von der Plassenburg.
Weitere Erscheinungen Neben der Weißen Frau der Hohenzollern, die im Lauf der Jahrhunderte in den verschiedenen Sitzen und Schlössern der Familie erschien, gibt es Sagen über eine gespenstische Weiße Frau in zahlreichen weiteren Schlössern und Burgen Europas.
Deutschland Auf dem Gothaer Schloss Friedenstein soll jedes Mal, wenn dem Herzogshaus ein Unglück oder ein Todesfall bevorstand, der Geist der verstorbenen Herzogin Dorothea Maria von Anhalt, Mutter des Schlosserbauers Ernst I. von Sachsen-Gotha-Altenburg, aus der Gruft unter der Schlosskirche emporgestiegen und nächtens wehklagend durch die Räume der Residenz gewandelt sein. Dabei konnte sie jedoch nur von denjenigen gesehen werden, die das kommende Unglück direkt betraf.Andreas M. Cramer, Die Gothaer Sagen, Gotha 2005, S. 52
In Schloss Kossenblatt soll Eleonore von Dönhoff als Weiße Frau herumspuken.