mini|Turm der Kirche, im Vordergrund die Propstei mini|Innenraum der Erlöserkirche mini|Die Erlöserkirche links im Bild hinter dem Felsendom (Blick vom Ölberg) Die Erlöserkirche (, , ) ist eine deutsche evangelische Kirche in Jerusalem. Sie wurde in den Jahren 1893–1898 auf dem Grundriss der Kreuzfahrerkirche S. Maria Latina erbaut.Denys Pringle: The Churches of the Crusader Kingdom of Jerusalem. Cambridge 2010, S. 239.
Lage Die Erlöserkirche steht im Zentrum der Jerusalemer Altstadt, im Muristan, unmittelbar südlich der Grabeskirche. An der Nordseite der Erlöserkirche verläuft das letzte Stück der Via Dolorosa, die an der benachbarten Grabeskirche endet. Im Osten verläuft der Suq el-Lahhanin, im Süden schließen sich die Propstei und die Martin-Luther-Schule an. Westlich der Kirche liegt die für die Altstadt ungewöhnlich breite Muristanstraße (früher: Kronprinz-Friedrich-Wilhelm-Straße) und der Muristan-Basar.
Vorgeschichte Die Kirche wurde auf einem Teil des Geländes errichtet, das im Mittelalter von dem Hospiz des Johanniterordens eingenommen wurde. An gleicher Stelle stand damals die Kirche Santa Maria Latina, die zum Benediktinerorden gehörte.Pringle, S. 236 Das Benediktinerkloster und das Hospiz der Johanniter entwickelten sich in der Kreuzfahrerzeit zu zwei eigenständigen Institutionen. Die Johanniter benutzten für ihre Gottesdienste die Johanneskirche im Muristan, nach der der Orden benannt wurde.Krüger, Rom und Jerusalem, S. 65
Jerusalem war in den Zeiten nach der Reformation als Pilgerziel für Europäer nahezu vergessen. Das änderte sich erst mit dem Aufkommen der Erweckungsbewegungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Besonders der romantisierende König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen sah hier ein Betätigungsfeld. 1841 errichteten Großbritannien und Preußen ein gemeinsames Bistum Jerusalem, das bis 1886 bestand und sich dann in einen englischen und einen deutschen Zweig teilte. Die anfangs kleine, seit den 1850er Jahren stetig wachsende deutschsprachige evangelische Gemeinde in Jerusalem feierte ihre Gottesdienste anfangs in der 1849 erbauten Christuskirche, der Bischofskirche des Bistums Jerusalem.
Der Neffe des Königs, Kronprinz Friedrich Wilhelm, konnte auf der Durchreise zur Eröffnung des Suezkanals, den Grundstückstreifen am Ostrand des Muristans, an dessen nördlichem Ende die Ruine der Kirche Santa Maria Latina stand, für Preußen in Besitz nehmen. Am Sonntag, den 7. November 1869, unterzeichneten der Kronprinz, Kıbrıslı Kâmil Pascha, Mutesarrif von Jerusalem, und der norddeutsche Generalkonsul Georg von Alten an einem Tisch auf einem Trümmerhaufen des Klosters zum Vollzug der Schenkung das Übergabeprotokoll und ließen preußische Hoheitszeichen anbringen.Ejal Jakob Eisler (), Das deutsche Johanniter-Hospiz in Jerusalem, Köln: Böhlau, 2013, S. 86seq. ISBN 978-3-412-20571-3.
Im ersten Stock des Kreuzgangs des mittelalterlichen Benediktinerklosters im Muristan wurde die so genannte „Kreuzfahrerkapelle“ eingerichtet, die ab 1871 der Gottesdienstraum der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Jerusalem war.
Nach der Rückkehr des Kronprinzen erhielt der Architekt Friedrich Adler den Auftrag, die vorhandene Bausubstanz zu untersuchen. Er schlug vor, die mittelalterliche Kirche und ihre Konventsgebäude wieder zu errichten. Inzwischen war der Enthusiasmus für das gemeinsame deutsch-englische Bistum verflogen und in den Auseinandersetzungen um dessen Auflösung oder Fortbestand blieb das Bauprojekt zunächst 20 Jahre lang liegen. Als das Bistum 1886 aufgelöst wurde, standen der deutschen Seite die dadurch frei gewordenen Mittel zur Verfügung, um sie für den Bau zu verwenden. 1888 trat Kaiser Wilhelm II. die Regierung an und erwies sich von Anfang an als Förderer des Projekts. Er förderte den Wiederaufbau der ebenfalls aus ruinösem Zustand wiederhergestellten Schlosskirche in Wittenberg, eine ebenfalls von Friedrich Adler betreute Baumaßnahme. Sie wurde am Reformationstag, am 31. Oktober 1892, im Beisein des Kaisers eingeweiht: eine Demonstration evangelischer Einheit. Anschließend sandte Wilhelm II. das Wittenberger Team – neben Friedrich Adler gehörte dazu der Bauleiter und Architekt Paul Groth – nach Jerusalem, um mit dem Bau der Erlöserkirche die Demonstration evangelischer Einheit fortzusetzen und den Kaiser in eine Reihe mit Konstantin dem Großen zu stellen, der die benachbarte Grabeskirche 1500 Jahre zuvor hat errichten lassen.
Weiteres trat hinzu: Seit 1892 befand sich die Bahnstrecke Jaffa–Jerusalem in Betrieb. Erstmals war Jerusalem damit relativ leicht erreichbar, sowohl für die am Bau Beteiligten als auch für externes Baumaterial. Außerdem war das archäologische Interesse an dem Untergrund, auf dem hier gebaut werden sollte, im Rahmen der aufkommenden modernen Archäologie und der Leben-Jesu-Forschung erheblich gestiegen.
Gebäude Bau mini|Erlöserkirche um 1900 Paul Groth (1859–1955) traf 1893 in Jerusalem ein und legte im gleichen Jahr den Grundstein für den Bau der Erlöserkirche. Als örtliche eingeführte Baufirma zogen die Bauleiter die Bauunternehmer Johannes Wennagel (1846–1927) und Sohn Joseph Wennagel (1878–1949Joseph Martin Wennagel wirkte später als Architekt der Bagdadbahn und im Ersten Weltkrieg bei der Osmanischen Militärbahn in Palästina. Er führte 1930/1931 den Bau der Deutschen Schule Sarona im Bauhaus-Stil aus. Vgl. Brigitte Hoffmann, “Treffpunkt - Gemeinde aktuell: Jahresrückblick 2007 – Die Wennagel-Story (27. April)”, auf: Tempelgesellschaft: Freie Christliche Gemeinschaft; abgerufen am 18. September 2025.) aus Sarona hinzu.Groth lieferte später die Entwürfe für die Immanuelkirche (Tel Aviv-Jaffa), 1903/1904 erbaut, wo ebenfalls Wennagels die Bauarbeiten ausführten. Vgl. Ejal Jakob Eisler (), Der deutsche Beitrag zum Aufstieg Jaffas 1850–1914: Zur Geschichte Palästinas im 19. Jahrhundert (= Abhandlungen des Deutschen Palästina-Vereins; Band 22), Wiesbaden: Harrassowitz, 1997, S. 134. ISBN 3-447-03928-0. Er begann zunächst damit, den Bauplatz vorzubereiten. Dabei konnte er einige wenige Bauteile der mittelalterlichen Kirche Santa Maria Latina bergen. Die vorgefundenen mittelalterlichen Fundamente erwiesen sich allerdings als zu schwach, um den Neubau zu tragen. Sie mussten völlig neu errichtet werden. Dies geschah auf dem Grundriss der mittelalterlichen Kirche. Für die neuen Fundamente wurden 11 Meter tiefe Gräben durch die Tellstruktur des Baugrundes bis auf den anstehenden Fels ausgehoben. Dabei stießen die Ausgräber vermeintlich auf die Jerusalemer Stadtmauer aus der Zeit Jesu. Heute weiß man, dass es nur eine Stützmauer in dem ursprünglich stark abschüssigen Gelände war, denn die Mauer hat nur eine auf Sicht angelegte Seite. Diese „Stadtmauer“ schien der Beweis zu sein, dass das Gelände, auf dem die Grabeskirche heute steht, tatsächlich damals vor der Stadtmauer lag. Damit schien die Authentizität der tradierten Überlieferung zum Ort von Golgota bestätigt zu sein. Die Erlöserkirche beherbergte so quasi eine bauliche „Reliquie“ in ihrem Untergrund. Obwohl ihr Grundriss mit dem der mittelalterlichen Kirche Santa Maria Latina identisch ist, ist das Bodenniveau der Erlöserkirche etwa zwei Meter höher als das ihres Vorgängerbaus. Das entspricht in etwa dem Geländeauftrag, der hier in der Zwischenzeit stattgefunden hatte.
Gestalt Errichtet wurde die Erlöserkirche mit Ausrichtung nach Osten in neuromanischem Stil. Sie schloss bewusst romanische Bauteile der mittelalterlichen Kreuzfahrerkirche ein, insbesondere das frühere Hauptportal der Kirche Santa Maria Latina, das nach Norden gerichtet ist und heute nicht mehr genutzt wird. Dessen Schmuck stammt zum Teil ebenfalls noch aus dem Mittelalter. Als Material für den Neubau wurde ein leicht ockerfarbener Kalkstein aus der Umgebung von Jerusalem verwendet. Die Steine wurden als gleichmäßig große, seriell gefertigte Quader verbaut, ganz im Unterschied zum mittelalterlichen Bauen. Völlig gleichförmig sind auch die Kapitelle in der Kirche. Sie wurden nach dem Vorbild des einzig erhaltenen Kapitells des Vorgängerbaus gefertigt. mini|Westportal Die Kirche ist eine dreischiffige Basilika mit einem Querhaus, das nicht über die Flucht der Seitenschiffe hinausragt. Das Mittelschiff ist höher als die Seitenschiffe, die Vierung ist von einer Kuppel überwölbt. Alle drei Schiffe enden im Osten mit Apsiden, wobei die des Mittelschiffes tiefer als die der Seitenschiffe ausgestaltet ist. Die nördliche Außenwand und die Apsiden sind durch wenige, kleine, rundbogige Fenster durchbrochen. Das meiste Tageslicht fällt durch die Rosette der Westwand und die acht Fenster im Tambour der Kuppel. Das heutige Hauptportal im Westen der Kirche ist – ebenso wie die Westfassade – eine Neuschöpfung Friedrich Adlers. Im Tympanon des Westportals ist ein Medaillon mit dem Lamm Gottes dargestellt, begleitet von den Wappen der Hohenzollern und des Johanniterordens.
Der Turm der Kirche ist ein dominierender Bestandteil der Silhouette der Altstadt von Jerusalem. Er basiert auf einem zweiten Entwurf von Friedrich Adler, dessen erster Entwurf dem Kaiser nicht zugesagt hatte. Die Zeichnung des zweiten Entwurfs jedenfalls ist vom Kaiser als „genehmigt“ abgezeichnet und formal an den Turm der Grabeskirche angelehnt. Der Turm erhielt ein Geläut aus drei Glocken in den Schlagtönen dis1, fis1 und ais1, das auf die Glocken der Dormitio-Kirche abgestimmt ist. Gießer war Franz Schilling aus Apolda, der ebenfalls die Glocken der Himmelfahrtkirche gegossen hat.Aufnahme des Vollgeläuts Vom Turm hat man einen guten Rundblick über die Jerusalemer Altstadt.
Das Innere der Kirche ist durch sechs Pfeiler in drei Joche und das in seiner Fläche gleich große Querhaus gegliedert.
Einweihung mini|Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Victoria vor dem Westportal mini|Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Victoria nach der Einweihung in der Muristan-Straße mini|Kaiserin Auguste Victoria und Kaiser Wilhelm II. Am Reformationstag (31. Oktober) 1898 wurde die Erlöserkirche durch Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Victoria im Rahmen seiner Palästinareise eingeweiht und der Schlüssel an Friedrich Wilhelm Barkhausen, Präsident des Evangelischen Oberkirchenrats der Evangelischen Landeskirche der älteren Provinzen Preußens, übergeben. Wilhelm II. war der erste westliche Herrscher der Neuzeit, der Jerusalem betrat. Damit er das hoch zu Ross tun konnte, wurde die historische Stadtmauer neben dem Jaffator durchbrochen. Der Predigt zum Einweihungsgottesdienst lag das Bibelwort zu Grunde, das zugleich den Namen der Kirche erklärt:
Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, das solches zu seiner Zeit gepredigt würde. (1.Tim. 2,5f).
Die Bauinschrift, angebracht an der Wand des nördlichen Seitenschiffs, lautet:
Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen! Unserem Herrn Jesus Christus dem Erlöser der Welt geweiht ist dieses Gotteshaus, errichtet da, wo einst die von dem ritterlichen Orden St. Johannis vom Spital zu Jerusalem erbaute Kirche St. Maria sich erhob. Durch Jahrhunderte lag die Stätte in Schutt und Trümmern, bis sie im Jahre 1869 nach des Herrn Geburt von dem Kaiser der Osmanen dem Könige von Preußen, nachmaligen deutschen Kaiser, Wilhelm dem Großen, geschenkt und für allerhöchstdenselben von dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm, nachmaligen Kaiser Friedrich III., in Besitz genommen wurde. Auf Befehl des deutschen Kaisers und Königs von Preußen, Wilhelm II., ist diese Kirche in den Jahren 1893 bis 1898 erbaut und am 31sten Tage des Oktobermonats 1898 in allerhöchstdessen und der deutschen Kaiserin und Königin von Preußen, Auguste Victoria Gegenwart ihrer heiligen Bestimmung übergeben.
Bauliche Änderungen