mini|hochkant=1.4|Astronomische Prager Rathausuhr, eine Astrolabiumsuhr Eine astronomische Uhr ist eine mechanische Uhr, die außer der Uhrzeit auch astronomische Sachverhalte wie die Lage von Sonne und Mond über dem Horizont und im Tierkreis, die Mondphasen und in seltenen Fällen auch die Stellungen der großen Planeten am Himmel anzeigt. Astronomische Uhren wurden im späten Mittelalter zunächst im Innern von Kirchen aufgestellt. Einige ihrer meist handwerklichen Konstrukteure waren auch als Erfinder und Instrumentenbauer tätig. Ab der Renaissance wurden monumentale Uhren an Rathäusern, Stadttoren oder an Türmen angebracht. Große Zimmeruhren entstanden zumeist erst im Barock. Sie wurden auch als Tischuhren oder ab dem 20. Jahrhundert als Armbanduhren nachgebaut.
Die astronomischen Uhren haben wie moderne Uhren mit ihren Komplikationen neben dem Stundenzeiger zusätzliche Zeiger und manchmal zusätzliche Zifferblätter. Eine sehr anschauliche Variante sind die älteren Astrolabiumsuhren, bei denen unter anderem die Rete (Sternenscheibe) eines Astrolabiums mit Hilfe des Uhrwerks gleichmäßig gedreht wird.
Entstehung Vorgänger aller astronomischen Uhren war das verloren gegangene von Giovanni de Dondi gebaute Astrarium, das mehrere Zifferblätter verwendete. Eine der ersten Astrolabiumsuhren gab es im Straßburger Münster, die aber bereits durch einen zweiten Neubau ohne Astrolabium ersetzt ist.Roger Lehni: Die Astronomische Uhr des Strassburger Münsters. Edition La Goélette, Paris 1992. ISBN 2-906880-21-3. S. 5. Einige wenige Astrolabiumsuhren sind noch annähernd im originalen Zustand erhalten und laufen zum Teil auch noch, wie die Prager Rathausuhr und die Berner Zytglogge-Uhr. Die Vielzahl der späteren, bevorzugt an Rathäusern angebrachten, Uhren ohne Astrolabium ist überwiegend im originalen Zustand erhalten und in Betrieb. Die prunkvollen Zimmeruhren aus dem Barock befinden sich meistens in naturwissenschaftlichen Sammlungen und Museen.J. Altermatt: Die astronomische Konsolen-Zimmeruhr von 1609 des Schlösschens Aarhof in Solothurn. In: Chronométrophilia No 47, Winter 1999. Sie sind ebenfalls ohne Astrolabium und haben manchmal mehrere Zifferblätter (Mehrzifferblattuhren). Der vom Astrolabium übernommene Tierkreis wurde hier zu einer festen Zifferblattskala. Uhren mit einem derart skalierten Zifferblatt heißen auch Tierkreisuhren.
Varianten-Überblick Astronomische Uhren können aus verschiedenen Jahrhunderten stammen, verschieden groß sein und verschiedenen Zwecken dienen. Sie unterscheiden sich deshalb in ihrem Aussehen und in dem, was und wie sie es anzeigen. Die folgende Bilder-Aufstellung gibt einen ungefähren Überblick.
Allgemeines Astronomische Uhren zeigen nicht nur die Uhrzeit und astronomische Sachverhalte an, sondern sind als Prestigeobjekte oft reichlich verziert und manchmal zusätzlich mit einem Glockenspiel und einem Figurenspiel ausgerüstet. Sie können „eine Art wissenschaftliches Kirchenmöbel mit quasisakralem Charakter“ sein.Manfred Schukowski unter Mitarbeit v. Wolfgang Erdmann u. Kristina Hegner: Die Astronomische Uhr in St. Marien zu Rostock, 2., erw. u. aktualis. Aufl. Königstein i. Ts. 2010 (= Die Blauen Bücher), S. 9
Sie dienten neben der Darstellung der damals aktuell erforschten Himmelsbewegungen auch dazu, die Betrachter zum tieferen Nachdenken über die Zeit und – besonders in Kirchen – über die eigene Vergänglichkeit anzuregen. Dazu wurden zum Beispiel Figurenspiele benutzt, die diese Zusammenhänge deutlich machen sollten; so findet man die Darstellung des menschlichen Lebens von der Kindheit bis zum Tod, die in je 24 Stunden einmal durchlaufen wird.
Manche der Uhren enthalten auch Elemente von Sonnenuhren oder zeigen Abbildungen des Sternhimmels analog zum Nokturnal.
Astronomische Uhren in Deutschland und naher Umgebung Arten-Übersicht Von den vielfältigen öffentlichen astronomischen Uhren in Deutschland lassen sich am ehesten die in den Kirchen Norddeutschlands vorhandenen zu einer Gruppe zusammenfassen. Manfred Schukowski bildet die „Familie der Hanseuhren“Manfred Schukowski: Wunderuhren: astronomische Uhren in Kirchen der Hansezeit. Thomas Helms Verlag, Schwerin 2006. ISBN 3-935749-03-1. oder die „Ostsee-Uhrenfamilie“Manfred Schukowski unter Mitarbeit von Wolfgang Erdmann und Kristina Hegner: Die Astronomische Uhr in St. Marien zu Rostock. 2., erw. u. aktualis. Aufl. Königstein i. Ts. 2010 (= Die Blauen Bücher), S. 9–13. (ohne Uhr in Münster, aber inklusive Uhren in Lund und Danzig). In Süddeutschland entstand eine geringere Zahl der älteren Astrolabiumsuhren, dafür mehr jüngere Tierkreisuhren als in Norddeutschland. In Analogie zum Begriff Hanse-Uhren lassen sich die meistens an Rathäusern süddeutscher und benachbarter ausländischer Städte angebrachten großen astronomischen Uhren beiden Alters als reichsstädtische Uhren bezeichnen. Eine vorwiegend in Süddeutschland zu findende Besonderheit sind Monduhren. Dabei handelt es sich um normale Uhren, die von einer separaten Anzeige für die Mondphasen begleitet sind. Tierkreis- und Mehrzifferblattuhren sind oft auch zusätzlich damit ausgerüstet. Eine Anzeigemethode benutzt eine Kugel, die zur Hälfte aus einer Wand herausragt und sich um ihre mit der Wand bündige Achse dreht. Sie ist zur Hälfte hell (Vollmond), zur anderen Hälfte dunkel (Neumond) gefärbt.Die Monduhr in Sigmaringen. Bei einer anderen Methode dreht sich eine Scheibe unter einer Öffnung im Zifferblatt. Auf ihr befinden sich zwei über den Durchmesser aufgebrachte helle Kreisflächen, der Rest ist dunkel.Die Monduhr in Schwäbisch Hall
Hanse-Uhren
Es handelt sich um folgende Uhren:Manfred Schukowski: Uhren und Kirchen aus hansischer Zeit. In: Deutsche Gesellschaft für Chronometrie (DGC), Jahresschrift 2009, Liste auf S. 70 Rostock – Marienkirche: Erbaut 1472 von Hans Düringer, 1643 restauriert Bad Doberan – Münster: nur Zifferblatt erhalten Stralsund – Nikolaikirche: älteste im Originalzustand erhaltene Uhr, außer Betrieb Lübeck – Marienkirche: nicht mehr erhalten, unhistorischer Neubau Münster – St.-Paulus-Dom: Anzeige der Uhrzeit im Gegenuhrzeigersinn Stendal – Marienkirche: nicht mehr erhalten, restauriert ist ein späterer Umbau Lund (Schweden) – Dom: nicht mehr erhalten, rekonstruiert Wismar – Marienkirche: nicht mehr erhalten Danzig (Polen) – Marienkirche: nicht mehr erhalten, rekonstruiert Tangermünde – St. Stephan: Erbaut 2023 durch Volker Schulz und Thomas Leu
Die Hanseuhren befinden sich alle im Inneren von Kirchengebäuden. „Sie sind so gestaltet, dass sie in ihren ikonographischen Aussagen zum Bestandteil der christlich-religiösen Ausstattung ihrer Gotteshäuser wurden.“Manfred Schukowski: Uhren und Kirchen aus hansischer Zeit. In: Deutsche Gesellschaft für Chronometrie (DGC), Jahresschrift 2009, S. 70.
Die älteren Uhren unter ihnen sind Astrolabiumsuhren. Sie sind mit Ausnahme der Uhr in Münster vom Himmelsnordpol aus projiziert (sogenannte südliche Projektion). Die umgekehrt projizierte Uhr in Münster dreht folglich als Ganzes – auch zur Anzeige der Uhrzeit – im Gegenuhrzeigersinn.Astrolabium, Uhr und Uhrzeiger-Sinn
Bei den jüngeren Uhren beziehungsweise Ersatzuhren und Umbauten ist der Tierkreis (Rete) nicht mehr drehend. Es handelt sich um Tierkreisuhren, bei denen die von Schukowski so genannte „Schnittpunktanzeige“ zur Analoganzeige geworden ist. Damit ist gemeint, dass nicht am Schnittpunkt des Sonnen- und Mondzeigers mit dem drehenden und exzentrischen Tierkreis, sondern, dass deren Lage über dem ruhenden und zentrischen Tierkreis abgelesen wird. Der die Sterne repräsentierende Tierkreis kann gespiegelt sein, damit Sonnen- und Mondzeiger im Uhrzeigersinn drehen, wie in Stendal. Unterhalb einiger hansischer Uhren ist eine drehende Kalenderscheibe angebracht.
Jüngere Uhren befinden sich in den Hansestädten Lübeck, Stendal (späterer Umbau), Danzig und Rostock (zweite Uhr). Zuletzt wurde 2023 die astronomische Uhr in Tangermünde in Betrieb genommen.
Reichsstädtische Uhren
Astrolabiumsuhren Eine öffentliche Astrolabiumsuhr hat nur die alte Reichsstadt Ulm. Nahe ausländische Städte mit einer Astrolabiumsuhr sind Prag, Winterthur (nur Zifferblatt erhalten, Nachbau im Turmuhrenmuseum von Mindelheim), Bern und Straßburg (zwei nicht mehr erhaltene Ausführungen, heute Tierkreis-/Mehrzifferblattuhr). Außer in Straßburg (im Münster) befinden/befanden sich alle diese Uhren an Rathäusern und Türmen.
Tierkreis- und Mehrzifferblattuhren
Aschaffenburg: 12-Uhr + R-Tierkreis (Sonne) + Mondkugel + Wochentage (Planetensymbole), 1957 Esslingen: 12-Uhr + R-Tierkreis (Sonne, Mond) + Mondscheibe + Figurenspiel, 16. Jh. Heilbronn: 12-Uhr + R-Tierkreis (Sonne, Mond) und Wochentage (Planetengötter) + Mondscheibe und Zeiger für Mondalter, 16. Jh. Köln (Uni): 12-Uhr und Mondkugel + R-Tierkreis (Sonne) + Planeten (Planetarium), 1932 München (Deutsches Museum): 12-Uhr und R-Tierkreis (Sonne) + Wochentage (Planetengötter), ca. 1932 Tübingen: 12-Uhr + R-Tierkreis (Sonne, Mond, Drachenzeiger) + Mondscheibe Schaffhausen (Fronwagturm): 12-Uhr und L-Tierkreis (Sonne, Mond, Drachen) und Wochentage (Planetensymbole) + Mondkugel Sion – Rathausturm: 24-Uhr und Tier/Monatskreis (Sonne und Mond) und 60-min + Mondkugel Solothurn (Roter Turm): 2×12-Uhr und L-Tierkreis (Sonne, Mond), 1525 Zug (Zytturm (Zug)): 12-Uhr und R-Tierkreis mit Sonne und Mond und Wochentage mit Planetengöttern + Mondkugel
Abkürzungen: nach einem + folgt ein weiteres Zifferblatt 12- bzw. 2×12- bzw. 24-Uhr : Uhr mit 12- bzw. 2×12- bzw. 24-Stundenskala L- bzw. R-Tierkreis : links bzw. rechts umlaufender Tierkreis (Sonne, Mond, ..) : mit Sonnen- und Mond- und ..-zeiger
Monduhren (Auswahl) Als Monduhr wird eine, meist mechanisch betriebene, astronomische Uhr verstanden, die von der 12-Stunden-Anzeige getrennte Mondphasen-Anzeige auf einem separaten Zifferblatt anzeigt. Die folgende Aufzählung listet einige Städte mit einer entsprechenden Uhr auf: Bad Schmiedeberg | Görlitz | Hann. Münden | Marburg | Naumburg | Ochsenfurt | Plauen | Weißenfels
mit Mondkugel: Bad Tölz | Hannover | Kaufbeuren | Kirchheim/Teck | Markgröningen | Mindelheim | Nürnberg | Sigmaringen
mit Mondscheibe: Bad Biesingen | Heilbronn | Schwäbisch Hall | St. Georgen | Stuttgart
als Äquatorialsonnenuhr: in der Sammlung des Württembergisches Landesmuseum Stuttgart.
Bedeutende besondere astronomische Uhren Überall in Europa wurden besonders zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert großartige astronomische Uhren hergestellt. Bekannte und wichtige Uhren finden sich unter anderem in den folgenden Städten:
Astrolabiumsuhren
Bern
mini|Astrolabiumsuhr in Bern am Zytgloggeturm (Zeitglockenturm), südliche Projektion
In Bern befindet sich der Zytglogge-Turm (Berndeutsch für Zeitglocken-Turm), ein als Wehr- und Wachtturm mit Stadttor im 13. Jahrhundert erbauter Uhrturm, zu dem um 1530 ein automatisches Figurenspiel sowie eine astronomische Kalenderuhr hinzugefügt wurden. Zu dem Spielwerk zählen ein krähender Hahn, ein kleiner Hofnarr sowie ein Parade-Aufmarsch von 7 Bären, des Berner Wappentiers (einen für jeden Wochentag). Hoch oben im Dach des Turms betätigt sich ein aus Holz geschnitzter vergoldeter Ritter (Hans von Tann) an der großen Stundenglocke als Stundenschläger. Das Kalendarium zeigt die Mondphase, den Stand von Sonne und Mond, die Sternbilder und die Planetenstellungen ebenso an wie den aktuellen Monat, Tag, die Stunde und sogar den Namen des Wochentages.
Stralsund mini|links|Astrolabiumsuhr in der Stralsunder St.-Nikolai-Kirche, südliche Projektion
Die astronomische Uhr in der Stralsunder St.-Nikolai-Kirche ist eine aus dem 14. Jahrhundert stammende Astrolabiumsuhr in südlicher Projektion. Sie wurde im 16. Jahrhundert beschädigt und ist seitdem nicht gangbar. Sie ist aber die einzige fast komplett im originären Zustand erhaltene Astrolabiumsuhr; es fehlen nur wenige Teile des Uhrwerkes.