Umm Ubtulah ist eine über Jahrtausende wiederholt genutzte Fundstelle, die sich in eindrucksvoller Lage an einer großen Schleife des tief eingeschnittenen Wadi el-Hasa in Jordanien, Gouvernement al-Karak, befindet. Die Stadt Kerak liegt 14 Kilometer in südöstlicher Richtung; das rückwärtige römische Kleinkastell Rujm el-Faridiyyeh an der Via Nova Traiana liegt östlich und ist rund 11 Kilometer entfernt. Die meisten heute sichtbaren baulichen Überreste werden als Teile eines großen römischen Militärlagers gedeutet, die Teil des Limes Arabicus gewesen sein können.Duane W. Roller: Newsletter from the Levant (Southern Section), 1982. In: American Journal of Archaeology 2, 88, 1984, S. 217–228; hier: S. 219.
Name Ihren heutigen Namen verdankt die Stätte den in der Region lebenden Beduinen. Die in Zusammenarbeit mit dem jordanischen Antikendienst tätige Wadi el Hasa Archaeological Survey (WHS – „Archäologische Untersuchungen im Wadi el-Hasa“), der die Entdeckung Umm Ubtulahs gelang, war von 1979 bis 1983 mit einer fachübergreifenden Mannschaft an einer systematischen archäologischen Untersuchung der Südflanke des Wadi el-Hasa unter der Leitung des kanadischen Biblischen Archäologen Burton MacDonald tätig. Wie MacDonald betonte, hatten die Wissenschaftler der Fundstelle zunächst die Bezeichnung „Umm Umtulah“ gegeben. Dies war in Anlehnung das, was sie von den Beduinen gehört hatten. Doch dieser Name ergab, wie sie selbst feststellen mussten, im Arabischen keinen Sinn. Später, in Amman, schlugen Arabisten vor, dass der Fundplatz „Umm Ubtulah“ heißen könnte, da die örtlichen Beduinen den Buchstaben „b“ in „m“ tauschten. Nun ergab der Name einen Sinn und bezog sich auf eine Pflanze, die wahrscheinlich in Verbindung mit den Wassern des Wadi el-Hasa bei der Fundstelle wuchs oder noch immer wächst.Burton MacDonald: Umm Ubtulah: A Nabataean and/or Roman Military Site Along the North Side of the Wadi el Hasa in Southern Jordan. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 28, 1984, S. 183–189; hier: S. 183.
Lage Die an der Nordseite des stark mäandrierenden Wadi el-Hasa durch fluviatile Erosion tief eingeschnittene Schleife wird in ihrer Mitte von der den steilen Anstieg des Gleithanges beherrschenden Befestigung überzogen. Die Anlage befindet sich etwa elf Kilometer östlich von der Stelle, an der die Via Traiana Nova das Wadi kreuztDavid L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 162–163; hier: S. 163. und erstreckt sich anschließend nach oben hin weiter über die Kammspitze des die Flussschleife beherrschenden Bergrückens. Anfang Juni 1982, als MacDonald Umm Ubtulah erstmals erforschte, war das umliegende Land auf drei Seiten von fruchtbaren landwirtschaftlichen Flächen umgeben: im Süden, Osten und Westen. Die damals in unmittelbarer Nähe der Fundstelle angebaute Kulturpflanze war Weizen. Sowohl bei ihren Untersuchungen 1982 als auch 1983 konnten die Wissenschaftler feststellen, dass das Wadi reichlich Wasser führte.Burton MacDonald: Umm Ubtulah: A Nabataean and/or Roman Military Site Along the North Side of the Wadi el Hasa in Southern Jordan. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 28, 1984, S. 183–189; hier: S. 184. Wie es bereits Glueck 1936 beschrieben hatte, fanden die Wissenschaftler der WHS östlich unterhalb der Fundstelle im Wadi eine große Wasserstelle, die von damals dort tätigen Landarbeitern „Birkat Umm Ubtulah“ genannt wurde, vor. Die Vegetation entlang beider Seiten des Wadis war 1982/1983 sehr üppig, teils undurchdringlich und das Vogelleben sehr reichhaltig. Die Beduinen der Region hüteten sowohl Schafe als auch Ziegen und die Wissenschaftler konnten bei ihren Besuchen der Fundstelle jeweils eine große Kamelherde auf dem Plateau am Südufer des Wadi beobachten.Burton MacDonald: Umm Ubtulah: A Nabataean and/or Roman Military Site Along the North Side of the Wadi el Hasa in Southern Jordan. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 28, 1984, S. 183–189; hier: S. 185.
Forschungsgeschichte Möglicherweise wurde Umm Ubtulah bereits am 5. November 1936 durch den amerikanischen Biblischen Archäologen Nelson Glueck (1900–1971) während eines Aufklärungsfluges über das Wadi el-Hasa entdeckt. Er beschrieb die von ihm beobachtete Stelle recht genau und schätzte, dass der Fundort zeitlich der Frühen Bronze- und Frühen Eisenzeit zugeordnet werden könne.Nelson Glueck: An Aerial Reconnaissance in Southern Transjordan. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research 67, 1937, S. 19–26; hier: S. 24.
Die erste tatsächlich nachweisbare archäologische Entdeckung Umm Ubtulahs datiert jedoch auf den 22. Mai 1982, als Wissenschaftler der WHS die Fundstelle photographieren konnten. Ein Betreten der Stätte war zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht möglich. Das landwirtschaftlich wichtige, rund 40 Kilometer lange Wadi, das im Jahreszyklus zu keinem Zeitpunkt austrocknet, ist möglicherweise mit dem aus dem Alten Testament bekannten Tal beziehungsweise dem Bach von Sered identisch.In der Elberfelder Bibel: 4. Mose 21,12 sowie 5. Mose 2,13.14 Fakt ist, dass sich die Erosionsbasis und damit die Mündung des Wadi el-Hasa am Toten Meer befindet. Zum Zeitpunkt der Entdeckung widmeten sich die WHS-Expeditionen dem Nordrand der so genannten Edomitischen Hochebene im südlichen Jordanien. Ziel der jahrelangen Feldarbeit war es, ein umfassendes Verständnis für das Untersuchungsgebietes zu gewinnen, wobei die unterschiedlichsten Fundstellen vom Altpaläolithikum bis zum Ende der Osmanischen Herrschaft aufgesucht wurden.Burton MacDonald: Wadi el Hasa Archaeological Survey 1979–1981, West-Central Jordan. Wilfrid Laurier University Press, Waterloo, Ontario 1212, ISBN 1-55458-522-8. Erst Ende Mai und nochmals Anfang Juni 1982 konnten die Archäologen den Ort tatsächlich untersuchen. Bei ihrem zweiten Besuch nahmen die Wissenschaftler an zwei verschiedenen Punkten der umfangreichen Fundstelle eine erste Feldbegehung vor, um Keramikproben zu analysieren. Die Größe und mutmaßliche historische Bedeutung der bis dahin offenbar unbekannt gebliebenen archäologischen Stätte rechtfertigte im Mai 1983 für drei Tage eine Rückkehr nach Umm Ubtulah. Nun stand die Erstellung eines topographischen Plans auf dem Programm. Außerdem sollte versucht werden, mittels Feldbegehungen weitere Hinweise zur Geschichte des Ortes auszukundschaften. Wie sich bereits 1982/1983 zeigte, ist die Stelle durch Beraubung bedroht.
Baugeschichte Die gesamte archäologische Stätte wird von einer eindrucksvollen Kalksteinmauer umschlossen. Der so umfriedete Bereich umfasst in seinen weitesten Ausmaßen von Norden nach Süden 520 Meter und von Osten nach Westen 250 Meter. Die durchschnittlich 1,50 Meter breite Umfassungsmauer war 1982/1983 zumeist bereits völlig verstürzt, doch ließen sich an einigen Stellen an der Ost- und Westseite noch über einen Meter hoch erhaltene Teilbereiche studieren. Dabei wurde ein zweischaliges Trockenmauerwerk festgestellt, das im Inneren mit Schutt verfüllt war.Burton MacDonald: Umm Ubtulah: A Nabataean and/or Roman Military Site Along the North Side of the Wadi el Hasa in Southern Jordan. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 28, 1984, S. 183–189; hier: S. 186.
Obere Abschnittsbefestigung mini|500px|Topographischer Gesamtplan der Fundstelle
Innenbebauung Die den frühbronzezeitlichen Fundort vollständig umschließende Einfriedung besitzt zwei deutlich abgetrennte Bereiche, die durch einen natürlichen Felsvorsprung gebildet werden. Dort ist die Befestigung von Osten nach Westen rund 115 Meter breit. In beiden Teilbereichen befinden sich regelmäßig geplante, nebeneinanderliegende Baustrukturen, die an längliche Barackenblöcke erinnern. Diejenigen im oberen Abschnitt unterscheiden sich deutlich von denen in der unteren Abschnittsbefestigung. Erstere sind breiter ausgeführt und weisen jeweils zwei hintereinander liegende Räume auf. Diese 2,70 bis 3,00 Meter breiten und rund 4,80 bis 6,40 Meter langen StrukturenBurton MacDonald: Umm Ubtulah: A Nabataean and/or Roman Military Site Along the North Side of the Wadi el Hasa in Southern Jordan. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 28, 1984, S. 183–189; hier: S. 186. weisen alle auf die nord-südlich orientierte Kammlinie des Berges hin und fluchten damit zumeist in westöstliche Richtung den Berghang hinauf. Während die Bauten im östlichen Bereich der oberen Abschnittsbefestigung aus grob gehauenen Kalksteinblöcke errichteten wurden, sind jene im südlichen Bereich aus großen Feldsteinen erbaut worden, die als Pfeiler aufrecht standen. Zwischen diesen Pfeilern, die teils noch annähernd eine Meter hoch standen, lagen kleinere Steine als Füllmaterial. Die Einfriedung dieses auf dem Kamm errichteten Sektors ist unregelmäßig und orientiert sich in ihren Konturen an den natürlichen Gegebenheiten des Berges. Im Westen sowie in nördlicher Kammlage kann vielleicht mit einem Turm gerechnet werden. Eine einzige rechteckige Baustruktur scheint in diesem Befestigungsabschnitt aus der Reihe zu springen. Dieser Bau befindet sich im südlichen Bereich am Osthang und besteht aus sechs Räumen, von denen je drei nebeneinander angeordnet sind. Er orientiert sich mit seiner Längsseite nicht zum Kamm hin aus, sondern entlang der Höhenlinien. Da an der Westseite keine baulichen Reste beobachtet wurden, könnte es sein, dass diese aberodierten oder aber aufgrund der dort herrschenden starken Nordwestwinde überhaupt keine Bauten errichtet worden sind.Burton MacDonald: Umm Ubtulah: A Nabataean and/or Roman Military Site Along the North Side of the Wadi el Hasa in Southern Jordan. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 28, 1984, S. 183–189; hier: S. 187. Im Juni 1983 konnte sich MacDonald in Amman über damals aktuelle Grabungen in Umm al-Tawabin, einer archäologischen Stätte östlich von Ghor as-Safi auf der Südseite des Wadi el-Hasa, informieren und wurde darauf hingewiesen, dass die dortigen Ergebnisse, die ähnliche bauliche Strukturen zeigten, eindeutig in die römische Epoche verwiesen.Burton MacDonald: Umm Ubtulah: A Nabataean and/or Roman Military Site Along the North Side of the Wadi el Hasa in Southern Jordan. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 28, 1984, S. 183–189; hier: S. 188–189.
Gräber Bei den Untersuchungen der WHS konnten viele zeitlich nicht näher definierte Gräber im Bereich des höchsten Punktes der oberen Abschnittsbefestigung festgestellt werden. Diese jüngeren Gräber, zu denen offenbar mindestens teilweise auch Körperbestattungen gehören, überlagern die antiken beziehungsweise prähistorischen Strukturen und wurden höchstwahrscheinlich aus Steinen errichtet, die vormals zu den oben beschriebenen Gebäuden gehört haben. Zwischen den beiden Besuchen der WHS 1982 und 1983 wurde eine dieser Bestattungen ausgeraubt.
Umfassungsmauer