mini|Wirtschaftsgebäude der Seeckt-Kaserne (2018) mini|Der geschmiedete Zierbuchstabe „S“ in der Einfriedungsmauer steht für Seeckt-Kaserne

Die Seeckt-Kaserne, auch Von-Seeckt-Kaserne, ist eine ehemalige Kaserne in Celle in Niedersachsen und wurde von 1936 bis 1939 unter der Bezeichnung Generaloberst-von-Seeckt-Kaserne errichtet. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde sie in Celle wegen ihrer Nutzung durch die Nebeltruppe als Nebel-Kaserne bezeichnet.Rüsch: Zur Baugeschichte der ehemaligen Seeckt-Kaserne (...), 2018, S. 127. Die denkmalgeschützte Kaserne befindet sich am Nordrand des Ortsteils Hehlentor an den Straßen Hohe Wende (ehemals Von-Seeckt-Straße) und Sprengerstraße (ehemals Vorwerker Straße) und ist mit knapp 29 Hektar flächenmäßig deutlich größer als die Altstadt von Celle. Die Kaserne wurde nach Hans von Seeckt (1866–1936), Generaloberst und von 1920 bis 1926 Chef der Heeresleitung der Reichswehr benannt.

Geschichte Die umfangreiche Kasernenanlage der Nebeltruppe wurde von 1936 bis 1939 in zwei aufeinanderfolgenden Bauabschnitten als Sonderkaserne des Deutschen Heeres für den geplanten Chemiewaffenkrieg errichtet. Sie war bis 1945 in zwei getrennten Bereichen zugleich Standort der Nebel-Lehr- und Versuchsabteilung und der Heeresgasschutzschule.

Ausschlaggebend für den Standort war das wichtigste Heeres-Erprobungsgelände für Chemische Kampfstoffe, die etwa 50 Kilometer nördlich von Celle entfernte und 1935 in Munster-Nord eingerichtete Heeresversuchsstelle Raubkammer.Rüsch: Zur Baugeschichte der ehemaligen Seeckt-Kaserne (...), 2018, S. 129. Der Auftrag der Nebeltruppe umfasste drei Bereiche: Die Anwendung von Nebel- und chemischen Kampfstoffen; das Gasspüren und schließlich auch die Entgiftung von Soldaten, Ausrüstung und Gelände. Der Begriff „Nebel“ meinte im militärischen Zusammenhang tarnenden Kunstnebel und gasförmige Kampfstoffe. Die Nebeltruppen hatten neben dem Kampfeinsatz auch die Aufgabe zur Ausbildung, die ab 1925 an der Heeresgasschutzschule in Berlin erfolgte und 1938, mit dem Neubau, an die Heeresgasschutzschule in Celle wechselte. Ab 1941 gab es weitere Heeresgasschutzschulen in Bromberg und Thorn; seither war die Celler Einrichtung offiziell die „Heeresgasschutzschule I“.Rüsch: Zur Baugeschichte der ehemaligen Seeckt-Kaserne (...), 2018, S. 147.

In der Heeresgasschutzschule Celle wurden keine Truppenteile, sondern nur Offiziere, Unteroffiziere und Militärbaubeamte ausgebildet, die hier mehrwöchige Kurse als künftige „Schirrmeister (Ch)“ und „Technische Beamte (Ch)“ absolvierten, wobei das „Ch“ für „Chemische Kampftruppe“ stand.Rüsch: Zur Baugeschichte der ehemaligen Seeckt-Kaserne (...), 2018, S. 147. Zu den Lehrgängen gehörten externe praktische Kampfstoffübungen auf dem Truppenübungsplatz Munster-Nord und der Heeresversuchsstelle Raubkammer.

Während die allgemeinen Nebel-Abteilungen mit chemischen Kampfstoffen ausgebildet wurden, diente die 1936 in Bremen aufgestellte und 1937 nach Celle verlegte Nebel-Lehr- und Versuchsabteilung speziellen Aufgaben: Ihre 1. Batterie erprobte neue Werfergeräte und die 2. Batterie wurde zu Ver- und Entgiftungsversuchen auf dem Übungsgelände Raubkammer eingesetzt. Ende 1937 und gleichzeitig mit dem Einzug in Celle kam in jeder Nebelabteilung eine 3. Batterie hinzu, welche die Vergiftung übernahm. Entsprechend unterhielt die 3. Batterie in Celle ein eigenes Kampfstofflager auf dem Kasernengelände. Aus den Abteilungen bildeten sich in den 1940er Jahren Regimenter und Brigaden.Rüsch: Zur Baugeschichte der ehemaligen Seeckt-Kaserne (...), 2018, S. 147 f. Die in Celle erprobten Raketenwerfer der Nebeltruppen waren berüchtigte Artilleriewaffen, die als Nebelwerfer zu den sogenannten Wunderwaffen Hitlers zählten.Maltzahn: Ausschnitt aus der Geschichte der Nebeltruppe (...), 1954, S. 10 ff.Fleischer: Deutsche Nebelwerfer (...), 1995.Rüsch: Zur Baugeschichte der ehemaligen Seeckt-Kaserne (...), 2018, S. 148.

Die Zusammenführung von zentralen Stellen der Nebeltruppe ließ die Stadt Celle zur „Metropole der Nebler“ und „Hochburg der Nebelei“ werden.Rüsch: Zur Baugeschichte der ehemaligen Seeckt-Kaserne (...), 2018, S. 148Maltzahn: Ausschnitt aus der Geschichte der Nebeltruppe (...), 1954, S. 5.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde 1945 die Seeckt-Kaserne von der britischen Rheinarmee übernommen, die sie in Trenchard Barracks umbenannte und dort bis zum Jahr 2012 verschiedene Truppenteile stationierte.

Die Kasernenbauten werden derzeit (2020) in Teilen als Flüchtlingsunterkunft und städtischer Bauhof genutzt. Der weitaus größte Teil der Kaserne ist noch im Eigentum der Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, – steht leer und verwahrlost zunehmend. Entwicklungskonzepte wurden erarbeitet und Verkaufs-Exposés veröffentlicht. Nachnutzungsideen, u. a. für eine in Celle fehlende Hochschule, konnten bisher nicht umgesetzt werden.

Tarnung und Verdrängung Die Celler Öffentlichkeit interessierte sich ab 1936 für das unübersehbar große Bauprojekt der Seeckt-Kaserne, worauf die Verwaltungen von Militär und Stadt mit gezielt verharmlosenden Zeitungsberichten und Veranstaltungen reagierten. Kurz vor Eröffnung der Heeresgasschutzschule unternahm die Militärverwaltung einen Propagandavorstoß und verfasste eine Informationsschrift über die besondere Tätigkeit in der neuen Kaserne, die Anfang November 1938 in den Lokalzeitungen veröffentlicht wurde.Rüsch: Zur Baugeschichte der ehemaligen Seeckt-Kaserne (...), 2018, S. 152 ff., mit ausführlich belegten Zitaten. Darin wurde die eigentliche Aufgabe und Tätigkeit der neuen Celler Kaserne ausgeblendet, dass mit chemischen Waffen umgegangen wurde, die eine – seit dem Ersten Weltkrieg bekannte – besonders grausame Kriegsführung darstellten. Vermeidungen und Verharmlosungen des eigentlichen Kasernenzwecks waren im System der nationalsozialistischen Aufrüstungspolitik deswegen notwendig, weil das Regime wegen der völkerrechtlichen Ächtung von chemischen Kampfstoffen auf Geheimhaltung achten musste.

Der erste Teil der militärischen Öffentlichkeitsarbeit in Celle war die begriffliche Verharmlosung der Aufgaben in der Seeckt-Kaserne. Dazu zählte die vielfach verwendete „Nebel“-Tarnbezeichnung für sämtliche Bereiche der chemischen Kampfführung: „Nebel-Kaserne“, „Nebel-Lehr- und Versuchsabteilung“, „Nebeltruppe“, „Nebelwerfer“, „Nebelmittel“, „Nebelmunition“ und „Nebelschießen“. Dabei wurde der Einsatz der künstlichen Gelände- und Truppenvernebelung, der als taktische Aufgabe tatsächlich auch geübt wurde, zur Tarnkappe für chemische Kampfstoffe und für den damit befassten Militärapparat.

Der zweite Teil der verharmlosenden Doppelstrategie war die Sprachregelung des Militärs, in der ausschließlich die passiven Schutzaufgaben der Celler Kaserne und ihrer Gerätschaften betont wurden, das heißt die „Anwendung von Gegenmitteln“ und von „Gasschutzgeräten“, worunter „Gasmasken“ sowie „Sauerstoffgeräte, Entgiftungsmittel, Gasanzüge usw.“ zu verstehen seien. Die somit betonten „Schutz“aufgaben begründeten auch die Bezeichnung als Heeresgas„schutz“schule – anders als im internen Sprachgebrauch, wie etwa die BauantragspläneRüsch: Zur Baugeschichte der ehemaligen Seeckt-Kaserne (...), 2018, S. 154. von 1937/38 verraten, die den Titel „Heeresgasschule“ tragen.

Die besonderen militärischen Aufgaben und Ziele der Soldaten in der Seeckt-Kaserne, der Chemiewaffenkrieg und die Entwicklung von Werferwaffen waren in Celle ein offenes Geheimnis. Es gab traditionell enge und persönlichen Verbindungen der Stadtbevölkerung zur Garnison und außerdem öffentliche Begrüßungsfeiern mit Ansprachen und Paraden zum Einzug der neuen Militärverbände. Zu diesen Anlässen öffneten sich die Kasernen für das Publikum. Mindestens einmal gab es 1943 eine demonstrative, öffentliche Zurschaustellung von Nebelwerfern bei einer Truppenvereidigung auf der Stechbahn, dem innerstädtischen „Aufmarschplatz“ der Stadt Celle.Rüsch: Zur Baugeschichte der ehemaligen Seeckt-Kaserne (...), 2018, S. 154.

Nach dem Zweiten Weltkrieg trafen sich die Ehemaligen der Nebel-Kaserne und der Nebeltruppen ab 1949 regelmäßig in Celle zu sogenannten „Nebeltreffen“, was die begrifflichen Verharmlosungen fortsetzte.Rüsch: Zur Baugeschichte der ehemaligen Seeckt-Kaserne (...), 2018, S. 155.

Lageplan mini|hochkant=1.8|Lageplan der Seeckt-Kaserne zur Zeit nach der Fertigstellung im Jahr 1939 Legende zum Lageplan der Seeckt-Kaserne zur Zeit der Erbauung 1936–1939, mit Angaben zu den damaligen Gebäudefunktionen (siehe Abbildung):Rüsch: Zur Baugeschichte der ehemaligen Seeckt-Kaserne (...), 2018, S. 166.

A: Stabshaus

B: Mannschaftshaus

C1, C2: Lehrgebäude D1, D2, D3, D4: Gas- und Übungsräume, Mustersammlung E1: Wirtschaftsgebäude E2: Mannschaftshaus F1: Offiziersheim F2 bis F7: Quartiere für Offiziere F8: Unteroffizierhaus

G1, G2: Fahrzeughallen G3, G5, G6: Kraftfahrzeughallen für drei Batterien H: Pferdestall I: Beschlagschmiede J: Krankenstall, Werkstatt K: Reithaus KD: Kriegerdenkmal (1940 errichtet) L: Kohlenschuppen M1: Wirtschaftsgebäude M2, M3, M4: Mannschaftshäuser für 3 Batterien N: Stabsgebäude und Wache O1: Werkstatt O2: Kraftfahrzeughalle für den Stab Q: Exerzierhaus

X1: drei Tankstellen X2: zwei Kleinkaliberschießstände X3: Gasraum X4: Lagerhaus für Übungsstoffe der 3. Batterie X5: zwei Exerzierplätze Z1 bis Z5: Zufahrten

Architektur Planung und Bauausführungen der Kasernenanlage leitete als Architekt Klaus Petersen (1901–1990) vom Heeresbauamt Hannover II.Rüsch: Zur Baugeschichte der ehemaligen Seeckt-Kaserne (...), 2018, S. 143 ff; dort auch Nennung der weiteren an den Planungen beteiligten Personen und Institutionen.

Zunächst entstanden im Westen der großen Kasernenanlage die Unterkünfte und Funktionsbauten für die Nebel-Lehr- und Versuchsabteilung. Zeitlich und räumlich unmittelbar anschließend folgte im Osten die Heeresgasschutzschule mit Unterkünften, einem Offiziersheim sowie eigenen Funktionsbauten. Beide Bereiche wurden getrennt von außen über Tore und Zufahrten erschlossen. Die Gesamtanlage ist an den Straßenzügen von einer Einfriedung aus der Erbauungszeit umgeben.Zur Beschreibung der baulichen Anlagen und Architektur siehe allgemein und detailliert mit Quellen belegt: Rüsch: Zur Baugeschichte der ehemaligen Seeckt-Kaserne (...), 2018, S. 131–143.

Der westliche Abschnitt mit der Nebel-Lehr- und Versuchsabteilung wurde baulich wie eine kleine Heereskaserne für drei Batterien ausgestattet: In seinem nördlichen Teil gibt es vier ähnlich gestaltete, in Nordsüd-Richtung ausgerichtete Gebäude – ein Stabsgebäude und drei Mannschaftsgebäude. Dazwischen steht mittig und quer angeordnet ein Wirtschaftsgebäude (Küchen- und Speisehaus). Im südlichen größeren Teil liegen um einen großen Hof herum drei bis zu 245 Meter lange Kraftfahrzeughallen und ein „Exerzierhaus“ sowie um einen zweiten kleineren Hof eine weitere Kraftfahrzeughalle für den Stab und eine Werkstatt. Solche architektonisch eher unscheinbar wirkenden technischen Gebäude waren der Funktionskern der Nebel-Lehr- und Versuchsabteilung, denn sie dienten dem Fuhrpark und den Waffensystemen: In den Hallen standen nicht nur Personenkraftfahrzeuge, sondern auch schwere Ent- und Vergiftungsfahrzeuge sowie die sogenannten Nebelwerfer, womit es den notwendigen Hin- und Hertransport zu den nahegelegenen Erprobungs- und Übungsplätzen bei Munster-Nord ermöglichte.