mini|Ostfassade des Zeustempels in Olympia, Rekonstruktion mini|Zeustempel im Jahr 2006
Der Zeustempel von Olympia war der dominierende Bau im olympischen Heiligtum und wurde in den Jahren von etwa 480/470 bis 456 v. Chr. errichtet. Der etwa 64 Meter lange, 28 Meter breite und 20 Meter hohe Tempel zählt zu den bedeutendsten Bauwerken der frühklassischen Architektur. Er war der größte Tempel auf der Peloponnes und zur Zeit seiner Errichtung der größte Tempel des griechischen Mutterlandes überhaupt.Ein früher anhand von wenigen Resten als noch größer erschlossener Tempel in Korinth erreichte die Größe des Olympischen Tempels nicht: Christopher Pfaff: Archaic Corinthian Architecture, ca. 600 to 400 B.C. In: Charles K. Williams II., Nancy Bookidis (Hrsg.): Corinth: Results of Excavations. Band 20: Corinth, the Centenary, 1896–1996. American School of Classical Studies at Athens, Princeton (NJ) 2003, S. 117. Am fünften Tag der Olympischen Spiele zogen alle Athleten und Zuschauer in feierlicher Prozession dorthin, um auf dem religiösen Höhepunkt der Spiele am nördlich des Tempels gelegenen Brandaltar des Zeus Rinder zu opfern, die anschließend in einem gemeinsamen Festschmaus verspeist wurden.
Geschichte mini|Rekonstruktion des Zeustempels (um 1900) Zwischen etwa 480/470 und 456 v. Chr. leitete der ansonsten unbekannte und angeblich aus der Gegend stammende Libon die Bauarbeiten an dem Zeustempel.Pausanias 5, 10, 3: . Im Allgemeinen folgt man der Angabe des Pausanias, der Tempel und das Bildnis des Zeus () seien aus der Beute eines Sieges, den die Eleer um das Jahr 472 v. Chr. über Pisa errungen hatten, errichtet worden.Pausanias 5, 10, 2. Die Urheberschaft der Eleer muss hingegen angesichts der immensen Kosten, die mit mehreren Hundert Talenten für Tempel und Statue des Zeus veranschlagt werden kann, zweifelhaft bleiben. Der hierfür notwendige Reichtum der Stadt lässt sich trotz intensiver archäologischer Forschungen in Elis nicht erkennen, was ebenso für die besiegte Pisatis gilt. Zudem wurde Pisa bereits hundert Jahre früher, also 572 v. Chr., während der Herrschaft des Pyrrhos von Elis zerschlagen und einverleibt.Pausanias 6, 22, 4; vgl. auch Strabon 8, 362; Mait Kõiv: Early History of Elis and Pisa: Invented or Evolving Traditions? In: Klio. Band 95, 2013, S. 315–368. Von einer Neugründung Pisas vor jener des 4. Jahrhunderts v. Chr., die zur Schlacht auf der Altis führte, ist jedoch nichts bekannt. Implizit oder explizit wird davon ausgegangen, dass die Eleer bestenfalls den Tempel, nicht aber noch das fast zwei Jahrzehnte später geschaffene Zeusbildnis finanzieren konnten.Vergleiche etwa: Gisela M. A. Richter: The Sculpture and Sculptors of the Greeks. Yale University Press, New Haven (Conn.) 1967, S. 226; Burkhard Fehr: Zur religionspolitischen Funktion der Athena Parthenos im Rahmen des delisch-attischen Seebundes. In: Hephaistos 1, 1977, S. 73 Anm. 38; abweichend von der allgemeinen Forschungsmeinung wurde jüngst die Hypothese aufgestellt, der Bau sei eine Stiftung der Spartaner und ihrer Verbündeten: András Patay-Horváth: Die Bauherren des Zeustempels. In: Hephaistos. Band 29, 2012, S. 35–50.
Im Jahr 456 v. Chr. muss der Tempel soweit fertiggestellt gewesen sein, dass die Spartaner einen goldenen Schild samt Stiftungsinschrift am Fries der Tempelfront anbringen lassen konnten. Sie lautete nach Pausanias:
Die Schlacht von Tanagra, in der die Spartaner im ersten Peloponnesischen Krieg die Athener und deren Verbündete besiegten, fand 457 v. Chr. statt. Dieses Datum ist der einzige gesicherte Zeitpunkt, der mit der Errichtung des Tempels verbunden werden kann.Werner Gauer: Die Perserkriege und die klassische Kunst. In: Egert Pöhlmann, Werner Gauer (Hrsg.): Griechische Klassik: Vorträge bei der interdisziplinären Tagung des Deutschen Archäologenverbandes und der Mommsengesellschaft vom 24.27.–10.1991 in Blaubeuren. H. Carl, Nürnberg 1993, S. 178.
mini|Antike Ersatzfigur aus dem Westgiebel Nach 438 v. Chr. begann der Bildhauer Phidias das kolossale Zeusbild des Tempels aus Gold und Elfenbein zu fertigen. In diesem Zusammenhang gestaltete man den Innenraum des Tempels tiefgreifend um, wofür sogar die Säulen abgebaut und in verändertem Achsabstand neu errichtet wurden.Arnd Hennemeyer: Der Umbau des Phidias im Zeustempel von Olympia. In: architectura. Zeitschrift für Geschichte der Baukunst – Journal of the History of Architecture. Band 43, Heft 1, 2013, S. 1–18. Der Tempel muss bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. erheblichen Reparaturen unterworfen gewesen sein, vermutlich in der Folge des Erdbebens von 374 v. Chr. Bauteile des Zeustempels wurden in den Fundamenten der Echohalle und in einem später aufgegebenen Hallenfundament gefunden. Teile des Gebälks der Ostfassade wurden in späterer Reparatur in der Westfassade verbaut. Teilweise müssen ganze Gebäudeteile ab- und wieder aufgebaut worden sein, insbesondere auch die östliche Vorhalle vor der Cella. Ausbesserungen und Erneuerungen betrafen auch die Giebelfiguren.Hans Schrader: Die „Ersatzfiguren“ im Westgiebel des Zeustempels zu Olympia. In: Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Instituts. Band 25, 1929, S. 82–108. Mindestens 37 Säulentrommeln des Tempels selbst wurden zu Gebälkstücken umgearbeitet und am Tempel wieder eingesetzt, gleiches gilt für 17 Gebälkstücke, die nach einer Umarbeitung als Säulentrommeln am Tempel wiederverwandt wurden. Auch in der Zeit Agrippas, vor allem aber unter Diokletian fanden größere Instandhaltungsarbeiten statt.Zu den Instandsetzungsarbeiten des 4. Jahrhunderts v. Chr. siehe Arnd Hennemeyer: Die Wiederherstellung des Zeustempels in klassischer Zeit. In: Vinzenz Brinkmann (Hrsg.): Zurück zur Klassik. Ein neuer Blick auf das Alte Griechenland. Ausstellungskatalog Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main 2013. München 2013, S. 126–129; Arnd Hennemeyer: Kontinuität und Wandel. Beobachtungen am Zeustempel von Olympia. In: Iris Gerlach – Dietrich Raue (Hrsg.): Sanktuar und Ritual Heilige Plätze im archäologischen Befund. Rahden/Westf. 2013, S. 19–26.
Der Tempel stand aber bis ins 6. Jahrhundert n. Chr. aufrecht. Theodosius I. ordnete zwar 391 n. Chr. die Schließung aller heidnischer Kultplätze an, jedoch wurde der Kultbetrieb in Olympia wohl bis zum Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. aufrechterhalten. Dass Theodosius II. die Olympischen Spiele im Jahr 426 verbot, lässt sich nicht beweisen. Möglicherweise führte lediglich ein Tempelbrand während der Regierungszeit Theodosius’ II., von dem die Scholia in Lucianum berichten,Scholia in Lucianum 41,9 (Digitalisat) zum Ende der Spiele.Zur Diskussion siehe Sofie Remijsen: The End of Greek Athletics in Late Antiquity. Cambridge University Press, 2015, S. 47–50; Franz Alto Bauer: Phidias in Konstantinopel? Reale und virtuelle Präsenz eines Künstlers und seines Kunstwerks (= Ananeosis. Band 1). Schnell & Steiner, Regensburg 2024, S. 70 (mit weiteren Hinweisen zur Forschung; Open Access). Zwei Erdbeben in den Jahren 522 und 551 zerstörten den Tempel dann endgültig, warfen die Säulen in die Positionen, in denen sie heute noch überwiegend zu sehen sind. In der Zeit bis zu seiner Ausgrabung wurde die Ruine von Bewohnern der Gegend mit schlichten Häusern und Gebäuden teilweise überbaut, Steinraub setzte der Ruine ebenfalls zu. Im Laufe der Jahrhunderte verschwand ein Großteil des Tempels unter den Ablagerungen des Alpheios und den Erdmassen des Kronoshügels, die infolge von Erdbeben immer wieder die Altis, den Heiligen Hain von Olympia, überdeckten.
mini|Zeustempel, Ausgrabung 1875/76 Ab 1806 setzten erste kleinere Ausgrabungen des Tempels ein, in großen Teilen freigelegt wurde er 1829 durch die französische Expédition scientifique de Morée. Systematische Untersuchungen des Zeustempels begannen aber erst mit Beginn der deutschen Ausgrabungen in Olympia im Jahre 1875, die zunächst bis 1881 dauerten. Zwischen 1906 und 1909 versuchte Wilhelm Dörpfeld durch weitere Nachgrabungen Probleme der Datierung zu klären, was ihm jedoch nicht gelang, so dass er in den Jahren 1921–1923 und 1927/28 neue Anstrengungen unternahm. Doch erst zu Beginn der 1940er Jahre, vor allem aber von 1952 bis 1966 konnten durch Einzelbeobachtungen und Untersuchungen etwa zu Proportion und Entwurf oder zu einzelnen Baugliedern wie den Löwenkopfwasserspeiern neue Erkenntnisse zu Architektur und Stellung des Zeustempels gewonnen werden.
Die aktuellen Forschungen des Deutschen Archäologischen Instituts widmen sich auf Grundlage neuerlich durchgeführter, exakter Vermessungen verschiedenen Fragen zu Maßsystem und Metrologie, zu Problemen der Cellagestaltung, zu Maßnahmen optischer Verfeinerung sowie zu Umfang und Datierung nachweisbarer Reparaturtätigkeiten. Insgesamt wird eine der heutigen Zeit adäquate Publikation des Zeustempels angestrebt.
Architektur Von dem Tempel ist eine ausreichende Anzahl an Baugliedern erhalten, um sein einstiges Aussehen weitgehend rekonstruieren zu können. Als Baumaterial diente ganz überwiegend ein in der Umgebung von Olympia anstehender poröser Muschelkalk, der trotz seiner groben Oberflächenstruktur äußerst exakt geschnitten und verarbeitet wurde. Alle sichtbaren Oberflächen wurden mit einem dünnen, nur etwa 1 mm starken Stuck überzogen und einzelne Bauglieder farbig gefasst. Besondere Bauglieder wie Dach und Dachränder, Giebelfiguren und reliefierte Bauteile wurden in Marmor ausgeführt.
mini|Unterbau und Aufgang der Ostseite des Zeustempels Unterbau Der Bau erhob sich auf einem über 3 Meter hohen Fundament, das ringsum bis zur Oberkante der Euthynterie als oberster und bereits halb sichtbarer Lage des verdeckten Fundaments mit Erde angeschüttet wurde. Es folgte ein dreistufiger Unterbau, die Krepis, dessen untere Stufenhöhen 48 Zentimeter betrugen, während die oberste Stufe, die zugleich den Stylobat, das heißt die Standfläche der Säulen, bildete, um 8 Zentimeter erhöht und somit besonders betont wurde. Die Krepis hatte eine Gesamthöhe von 1,52 Metern. Der Tempel erhob sich somit optisch auf einem künstlich geschaffenen Hügel, der ihn über das übrige Gelände der Altis hinaushob und seine Bedeutung unterstrich. Eine Rampe in der Mitte der östlichen Tempelfront erleichterte den Zugang.
Grundriss mini|Olympia, Grundriss des Zeustempels Auf der Stufe des Stylobats hatte der langrechteckige Tempel eine Größe von 27,68 × 64,12 Metern und war somit der größte nachweisbare Tempel auf der Peloponnes. Der Tempel hatte eine Peristasis genannte Ringhalle von 6 × 13 Säulen, war also ein hexastyler Peripteros. Die Säulen der Front waren hierbei mit einem unteren Durchmesser von 2,256 Metern leicht stärker gebildet als die Säulen der Langseiten von 2,231 Metern. Die Achsabstand der Säulen, das Joch, betrug 5,22 Meter, wurde an den Ecksäulen jedoch um 43 Zentimeter reduziert, um mittels dieser Kontraktion den dorischen Eckkonflikt auszugleichen.
Im Gegensatz zu älteren Tempeln wurde der 46,84 × 16,39 Meter große Naos schlüssig in das Jochsystem der Säulenstellung eingebunden. Die Außenseiten der Naoswände lagen in den Säulenachsen der zweiten und fünften Frontsäulen. Der Naos wies eine Vorhalle, den Pronaos, und eine rückwärtige Halle, den Opisthodom, auf, die jeweils von Anten gefasst und mit je zwei Säulen in antis von der Peristase abgesetzt wurden. Die Antenstirnen fluchteten mittig in das zweite und elfte Joch der Langseiten. Dadurch ergaben sich Breiten der Ptera, also den Umgängen der Peristase, von 3,24 Metern an den Langseiten, aber 6,22 Metern an den Schmalseiten. Gedeckt war deren Boden ursprünglich mit quadratischen Porosplatten, die man später mit einem Mörtelestrich überdeckte. In römischer Zeit wurde der Boden mit sechseckigen Achaten ausgelegt, von denen sich Reste im östlichen Pteron erhalten haben.