Angol ist eine Stadt im sogenannten „kleinen Süden“ von Chile. Sie liegt an dessen Nordgrenze im Norden der Región de La Araucanía (Araucanía, frühere IX. Region).
Geografie und Klima mini|links|110px Die Stadt liegt am Zusammenfluss der Flüsse Río Picoiquén, Río Rehue und Río Malleco, die sich hier zum Río Vergara vereinigen, der seinerseits etwa 30 Kilometer weiter nördlich in den Río Bío Bío mündet. Sie ist etwas mehr als 100 Kilometer Luftlinie von Temuco im Süden entfernt. Angol ist die Hauptstadt der Provinz Malleco, die das nördliche Drittel der Region Araukanien umfasst.
Im Westen der Stadt beginnt das Marmorgebirge, ein Teil der Mittelgebirge Chiles, die das chilenische Längstal zwischen dem Andenabhang und dem Mittelgebirgskamm an der Küste abschließen.
Das Klima in Angol ist mediterran bis gemäßigt kontinental.
Die Karte links zeigt die Lage der Gemarkung Angol (rot) und der Provinz Malleco (hellgrau) in der Region La Araucanía.
Bevölkerung Die Bevölkerung ist in den vergangenen 15 Jahren von knapp 49.000 im Jahr 2002 auf über 53.000 Einwohner im Jahr 2017 angewachsen, von denen 4.351 im ländlichen Außenbereich des Gemeindegebiets leben.
2002 deklarierten sich rd. 2.400 Einwohner als Angehörige der indigenen Volksgruppe der Mapuche; sonstige ethnische Sondergruppen gibt es keine.
Der Anteil evangelischer Christen (einschließlich Evangelikale) liegt in Angol wie in ganz Araukanien aus historischen Gründen (Einwanderung von Protestanten im 19. Jahrhundert) zwischen 23 % und 25 % und ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (2002: 15 %) überdurchschnittlich.
Wirtschaft Die Ökonomie ist land- und forstwirtschaftlich geprägt. Mehr als die Hälfte der rd. 19.000 (2013: 18.709) Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind im Bereich Land- und Viehwirtschaft, Jagd und Forstwesen beschäftigt. Ortsansässige Landwirte halten rd. 18.000 (2007: 17.603) Stück Vieh, davon mehr als 11.000 Rinder, ca. 3.500 Schafe und Ziegen, knapp 2.500 Schweine und fast 800 Pferde. Fast 62 % des Außenbereichs der Gemeinde entfällt auf landwirtschaftliche Flächen (68.690 ha), die restliche Fläche ist bewaldet.
Rund 30 % des chilenischen Apfel-Exports kommen aus Angol. Daneben werden viele andere Feldfrüchte und Gemüse angebaut, z. B. Tomaten und Walnüsse. Zusätzlich werden auch Blumen, besonders Orchideen angebaut. In der Umgebung der Stadt gibt es mehrere größere Eukalyptus-Plantagen.
Mehr als drei Viertel aller bestehenden Unternehmen sind Kleinstunternehmen (absolut etwa 2.000) mit keinem oder nur sehr wenigen Beschäftigten (2013: 726); dies entspricht dem Durchschnitt in der Region Araukanien, liegt aber deutlich über Landesdurchschnitt. Es handelt sich großteils um Kleinbauern oder Tagelöhner. 2007 besaßen 450 Männer und 62 Frauen eine Festanstellung im Landwirtschafts- und Forstgewerbe. Die Einkommensarmut (Prekariat) ist der amtlichen Statistik zufolge im Zeitraum von 2011 bis 2013 von 28 % auf 14 % gesunken und liegt jetzt auf gesamtchilenischem Niveau, jedoch um fast die Hälfte niedriger als im Durchschnitt der Region Araucanía, wo der Index im gleichen Zeitraum von 40 % auf 28 % sank. Bausubstanz und Wohnsituation sind im Landes- und Regionsvergleich sehr gut (weniger marode Gebäude, weniger überbelegter Wohnraum).
Geschichte mini|Kampf zwischen Spaniern und Araukanern (1546) Präkoloniale Geschichte Aus vorspanischer Zeit sind in Angol archäologische Zeugnisse der nach einem Fundort in der Nähe von Angol benannten El-Vergel-Kultur zu besichtigen. Diese Kultur entwickelte sich im 11. bis 13. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung nördlich des Toltén-Flusses und gehört zu den nachgewiesenen sesshaften Kulturen dieser Region, die in großem Umfang Keramik produzierten. Angol gehörte neben Temuco und Pucón im 13. Jahrhundert zu ihren Siedlungsschwerpunkten. Bestattungsriten und Textilfunde lassen auf kulturelle Einflüsse aus dem andinen Norden schließen.Daniel Frei: Die Pädagogik der Bekehrung: Sozialisation in chilenischen Pfingstkirchen. Lit Verlag, Zürich und Berlin 2011, S. 36. Nachfahren dieser Kultur waren auf der Insel Mocha bis ins 17. Jahrhundert ansässig.Daniel Quiroz, Marco Sánchez: La secuencia Pitrén-El Vergel en la Isla Mocha: soluciones de continuidad y distinciones culturales. In: Sociedad Chilena de Arqueología: Actas del XVI Congreso Nacional de Arqueología Chilena. Concepción (Chile) 2005, S. 369–378 (hier bes.: 369, 377). Eine Abteilung des Landwirtschaftsmuseums in Angol auf dem Fundo El Vergel ist der prähispanischen Vorgeschichte gewidmet und stellt Funde aus der Umgebung aus.
Spanische Gründungen im Grenzland Die Geschichte der spanischen Ansiedlung begann am 24. Oktober 1553 mit der Gründung des Grenzforts Los Confines durch den Konquistador Francisco Gutiérrez de Altamirano noch zu Lebzeiten Pedro de Valdivias, des ersten Führers der chilenischen Kolonie, dessen Tod im Dezember 1553 die Spanier in eine schwere Krise stürzte. Das Fort bestand deshalb nur zwei Monate. Im März 1555 errichtete Valdivias Nachfolger Francisco de Villagra etwas weiter westlich des alten Platzes ein neues Fort mit dem Namen Angol de Los Confines. Auch diese Befestigung musste noch im selben Jahr aufgegeben werden. Im Januar 1559 gründete der Gouverneur García Hurtado de Mendoza, der mit einem starken Kontingent aus Peru herbeigeeilt war und den Bestand der Kolonie sicherte, den Platz unter dem Namen San Andrés de Angol zum dritten Mal und verlieh ihm im April die Stadtrechte. Diese Ansiedlung bestand bis 1600. Angol lag damals im Kriegsgebiet und war ständigen Angriffen der indianischen Ureinwohner Araukaniens, der Vorfahren der heutigen Mapuche ausgesetzt.
Kontaktzone zwischen den Kulturen mini|Historischer Lageplan (1637) Am 18. April 1600 wurde Angol komplett von den Araukanern zerstört. 1610 wurde die Stadt an derselben Stelle unter dem Namen San Luis de Angol wiedergegründet und blieb zwei Jahre bestehen. 1637 wurde die Stadt durch den Gouverneur Francisco Laso de la Vega wiedergegründet und erhielt den offiziellen Namen San Francisco de la Vega de Angol. 1638 kamen Franziskaner (OFM) nach Angol. Schon 1641 wurde die Stadt jedoch aufgrund der Bedingungen des Friedensschlusses von Quillín wieder aufgegeben, mit dem der Arauco-Krieg für eine gewisse Zeit beigelegt werden konnte. In diesem Vertrag erkannten die Spanier erstmals in der Geschichte des spanischen Überseereiches die Eigenständigkeit der indigenen Mapuchenation an und akzeptierten den Fluss Bío Bío als Südgrenze ihrer Kolonie. Südlich davon blieben längerfristig nur die Stadt Valdivia und der Küstenstreifen der heutigen Provinz Arauco unter spanischer Kontrolle. Im Grenzland, zu dem die Gegend von Angol gehörte, kam es zu einem von gelegentlichen kriegerischen Auseinandersetzungen unterbrochenen Handels- und Kulturaustausch zwischen den Spaniern und der sich formierenden Indianernation der Mapuche, die von einem tiefgreifenden sozialen Wandel erfasst wurde. Neben der Aufzucht und Nutzung des Pferdes übernahmen die Araukaner zahlreiche weitere ihnen nützlich erscheinende Errungenschaften der Kolonisatoren, ohne wie die Indios nördlich der Grenze dem spanischen Unterdrückungs- und Zwangsarbeitssystem zu unterliegen.Daniel Frei: Die Pädagogik der Bekehrung: Sozialisation in chilenischen Pfingstkirchen. Lit Verlag, Zürich 2011, S. 41 f.
„Krieg bis zum Tod“ mini|Grenzziehung vor und nach der Kampagne von 1868–1870 Durch Tomás Marín González de Poveda wurde Angol 1695 noch einmal von Kolonisten besiedelt, die den Ort unter dem Namen Santo Tomás de Colhue wieder aufbauten. Bei zwei großen Mapucheaufständen 1723 und 1766 wurde die Siedlung jedoch erneut niedergebrannt und konnte sich nach der letzten Zerstörung nicht mehr erholen. Die Unabhängigkeitskriege und die zwischen 1810 und 1830 in Chile herrschende politische Unsicherheit führten im Grenz- und Indianergebiet zu einem bandenkriegsartigen, unübersichtlichen Guerillakrieg zwischen kleinen Gruppen und Stammesverbänden unterschiedlicher Loyalität. Ein Großteil der chilenischen Mapuche stellte sich auf die Seite der Royalisten gegen die chilenischen Patrioten, allerdings überlagerten häufig innere Konflikte die Wahl der Kriegspartei. Eine Wiederbesiedlung Angols oder anderer aufgegebener spanischer Orte im Indianergebiet kam unter diesen Umständen nicht in Frage. Die Kämpfe der sogenannten Guerra a la Muerte („Ausrottungskrieg“) gegen die Reste der Royalisten lösten verschiedene Wanderungsbewegungen aus, deren Ziele vor allem auf der östlichen Andenseite lagen. Auch Klimakatastrophen wie die große Dürre von 1828 bis 1832 trugen zur Unruhe bei.Daniel Frei: Die Pädagogik der Bekehrung: Sozialisation in chilenischen Pfingstkirchen. Lit Verlag, Zürich 2011, S. 50–52.Martha Bechis: The last step in the Process of “Araucanization of the Pampa”, 1810–1880: Attempts of Ethnic Ideologization and “Nationalism” among the Mapuche and Araucanized Pampean Aborigines. In: Claudia Briones, José Luis Lanata: Archaeological and Anthropological Perspectives on the Native Peoples of Pampa, Patagonia, and Tierra del Fuego to the Nineteenth Century. Bergin & Garvey, London 2002, S. 121–131 (hier: 122, 124).
Ausgangspunkt des Indianerkrieges Erst im Rahmen der 1861 ausgerufenen Kampagne zur „Befriedung“ (Pazifikation) Araukaniens, in Wahrheit ein expansiver Vernichtungskrieg, gewannen die Bestrebungen des jetzt unabhängigen chilenischen Staates zur Ausschaltung der Indios im nominell beanspruchten Süden des Landes an Intensität. Auch als Folge der chaotischen Unabhängigkeitskonflikte wurden die Mapuche von den in Chile herrschenden Eliten als Entwicklungshindernis und nicht als zu integrierendes Element des neuen Staates wahrgenommen. Am 7. Dezember 1862 errichtete der chilenische Staatspräsident José Joaquín Pérez Mascayano in Angol einen militärischen Stützpunkt und machte ihn zum Ausgangspunkt der Bekämpfung und Vertreibung widerständiger Mapuchegruppen aus dem Grenzgebiet. Dieser Tag gilt heute als Datum der Stadtgründung. Zwischen 1868 und 1870 wurden die Indianer stark dezimiert und bis zum Río Toltén zurückgedrängt.Bericht (PDF; 14,3 MB) des Kriegsministers Francisco Echaurren Huidobro vom 26. Juli 1869 an den chilenischen Kongress über die Kampagne gegen Indianer im Süden des Landes; bes. S. 21–27. Angol lag nun im militärisch gesicherten Hinterland und war keine bloße Grenzbefestigung mehr. Die Stadt erhielt den Charakter einer zivilen Ansiedlung und bekam 1871 die Stadtrechte. 1875 wurde das Gebiet von Angol einem Militärgouverneur unterstellt und zur Besiedlung freigegeben;René Peri Fagerstrom: Reseña de la colonización en Chile. Ed. Andrés Bello, Santiago de Chile 1989, S. 81. 1876 wurde die Eisenbahnverbindung nach Santiago eröffnet. Damit wurde Angol zum strategischen Umschlagplatz für die Truppenbewegungen während der letzten Phase des Krieges ab 1881, die unter dem Kommando des chilenischen Heereschefs Cornelio Saavedra Rodríguez (1823–1891) besonders brutal geführt wurde und mit der endgültigen Unterwerfung und Besetzung Südchiles und der Wiedergründung der Stadt Villarrica im Süden der heutigen Region Araukanien im Jahr 1883 endete. Bei der anschließenden Besiedlung der frei gewordenen Gebiete mit Neueinwanderern aus Europa, die zum beträchtlichen Teil aus deutschsprachigen Ländern stammten, spielte der Eisenbahntransport über Angol ebenfalls eine wichtige Rolle.René Peri Fagerstrom: Reseña de la colonización en Chile. Ed. Andrés Bello, Santiago de Chile 1989, S. 94. In dem Gebiet zwischen dem Río Bío Bío im Norden und dem Río Imperial im Süden, zu dem auch Angol gehört, ließen sich in den ersten Jahren vor allem Einwanderer aus der Schweiz nieder.René Peri Fagerstrom: Reseña de la colonización en Chile. Ed. Andrés Bello, Santiago de Chile 1989, S. 82.
Erdbeben mini|hochkant=1.2|Chilenische Soldaten und Angehörige der US-Luftwaffe errichten im März 2010 nach dem großen Erdbeben ein Feldhospital in Angol.