Richard Hönigswald (* 18. Juli 1875 in Magyaróvár, Österreich-Ungarn; † 11. Juli 1947Wolandt, Gerd, "Hönigswald, Richard" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 345-346 Online-Version in New Haven (Connecticut)) war ein österreichisch-deutsch-amerikanischer Philosoph jüdischer Herkunft, der als Vertreter eines realistischen Kritizismus dem weiteren Kreis des Neukantianismus zuzurechnen ist.
Hönigswald verband, ausgehend von Kant, die philosophische Erkenntnistheorie mit Fragen nach der Geltung, nach den philosophisch relevanten Grundbedingungen der Psychologie und der Pädagogik und entwickelte eigenständige Konzepte zur Theorie des Organismus und in der Sprachphilosophie.
Leben Hönigswald wuchs in einer jüdischen Familie in Ungarisch-Altenburg auf.Die biographischen Informationen sind enthalten in: Wolfdietrich Schmied-Kowarzik: Richard Hönigswalds Philosophie der Pädagogik. Königshausen & Neumann, Würzburg 1995, S. 203–205, und Roswitha Grassl: Einleitung. In: Roswitha Grassl, Peter Richart-Wiles: Denker in seiner Zeit. Ein Personenglossar zum Umfeld Richard Hönigwalds. Königshausen & Neumann, Würzburg 1997, S. 1–3. Sein Vater, Heinrich Hönigswald (1842–1909), war praktischer Landarzt „von weltoffener Liberalität“ mit Interessen für die Psychologie, der mit dem örtlichen Abt befreundet war. Seine Mutter war Marie Hönigswald (1844–1910), geborene Goldberg.Archiv für Systematische Philosophie. Richard HönigswaldGerd Wolandt: Hönigswald, Richard. Deutsche Biographie. Seine ersten schulischen Erfahrungen sammelte er in seiner Heimatstadt Wieselburg-Ungarisch Altenburg am Piaristen-Gymnasium, hiernach wechselte er in die Oberklasse des Benediktiner-Gymnasiums in Raab, wo er am 11. Juni 1892 seine Matura mit Auszeichnung ablegte.Roswitha Grassl: Der junge Richard Hönigswald: Eine biographisch fundierte Kontextualisierung in historischer Absicht. Königshausen & Neumann, Würzburg 1998, ISBN 3-8260-1489-8, S. 37.
Sein Studium der Medizin an der Universität Wien begann er mit dem WS 1892/93 bis zum WS 1900/01, hiernach folgte eine Pause, bis er im SS 1901 sein Studium beendete; im Jahre 1902 schloss sich seine Promotion an.Hönigswald wurde am 22. März 1902 in Wien mit der Bewertung valde laudabile promoviert, Verleihung des Diploms eines Doktors der gesamten Heilkunde In Wien wurde er stark durch die neopositivistischen Lehren des Physiologen Sigmund Exner geprägt.Andreas Köhn: Der Neutestamentler Ernst Lohmeyer: Studien zu Biographie und Theologie. Mohr Siebeck, Tübingen 2004, ISBN 3-16-148376-6, S. 25–29.
Hierauf folgte ein Studium der Philosophie bei Alexius Meinong in Graz und bei Alois Riehl in Halle. Seine Promotion an der Universität in Halle bei Alois Riehl im Jahr 1904 hatte das Thema Über die Lehre Humes von der Realität der Außendinge. Hönigswald ließ sich am 7. November 1904 auf den evangelischen Glauben taufen. Im Jahr 1906 wechselte er nach Breslau, wo er nach der Habilitation zum Thema Beiträge zur Erkenntnistheorie und Methodologie zunächst als Privatdozent tätig war. Im Wintersemester 1910/11 wurde er zum Titularprofessor an der Universität Breslau ernannt. Am 25. Mai 1914 heiratete er seine erste Ehefrau Gertrud Grunwald. Im Januar 1915 stellte er als Österreicher den Antrag auf Einbürgerung in Preußen. Im April wurde er als Arzt zu Lazarettdiensten zwangsverpflichtet. Im selben Jahr noch wurde der Sohn Heinrich geboren (der spätere Linguist Henry M. Hoenigswald). Am 10. Juni 1916 wurde Hönigswald dann Nachfolger von William Stern auf dem Extraordinariat für Philosophie, Psychologie und Pädagogik und am 9. Dezember 1919 zum ordentlichen Professor für die gleichen Fächer ernannt. Am 3. Oktober 1921 starb seine erste Frau.
Hönigswald betreute unter anderem die 1924 abgeschlossene Promotion von Norbert Elias. In einer Auseinandersetzung über Immanuel Kants Annahmen zum a priori geriet der Doktorand aber mit seinem Doktorvater in Konflikt, so dass nur durch eine Abänderung der entsprechenden Passagen die Promotionsschrift erfolgreich beendet werden konnte. Ab 1924 war er Herausgeber der Schriftenreihe Wissenschaftliche Grundfragen. Philosophische Abhandlungen. Im Juni 1929 nahm Hönigswald den Ruf als Nachfolger Erich Bechers an die Universität München ab dem Sommersemester 1930 an. Am 15. Oktober 1930 heiratete er Hilde Bohn.Wie der Philosoph Hoenigswald 1939 Deutschland verlassen musste. schrimpf.com
Am 16. April 1933 musste er als gebürtiger Jude aufgrund der nationalsozialistischen Arisierungsmaßnahmen die Universität verlassen. Kollegen und Freunde, u. a. Karl Vossler, Giovanni Gentile, setzten sich für ihn ein. Dennoch erfolgte zum 1. September 1933 die Zwangsemeritierung und die Versetzung in den Ruhestand. Daran hatte auch ein diffamierendes Gutachten Martin Heideggers mitgewirkt; er schrieb an Dr. Einhauser, einen Oberregierungsrat im Bayerischen Kultusministerium, am 25. Juni 1933:
Reinhold Aschenberg spricht von einem „im Text des Machwerks offen evozierten germanofaschistischem Diskurskontext.“Reinhold Aschenberg: Ent-Subjektivierung des Menschen: Lager und Shoah in philosophischer Reflexion. Königshausen & Neumann, Würzburg 2003, S. 122. Besonders problematisch ist der Text Heideggers, weil dieser sich in einer kritischen Auseinandersetzung mit den Vertretern des Neukantianismus befand.Berühmt ist die Auseinandersetzung mit Ernst Cassirer während der Davoser Disputation, siehe z. B. Matthias Flatscher: (PDF; 166 kB), zur direkten inhaltlichen Auseinandersetzung zwischen Hönigswald und Heidegger siehe auch: Tom Rockmore: Philosophie oder Weltanschauung. Über Heideggers Stellungnahme zu Hönigswald. In: Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Hrsg.): Erkennen - Monas - Sprache. Internationales Richard-Hönigswald-Symposion Kassel 1995. Würzburg 1997, S. 171–182.
Hönigswald lebte danach zurückgezogen als Privatgelehrter in München. Kontakte hatte er noch zu Theodor Litt und dem Romanisten Karl Vossler, während die ursprünglich freundschaftliche Verbindung zu Bruno Bauch nach dessen vollständiger Zuwendung zum Nationalsozialismus komplett abbrach. Er veröffentlichte verschiedene Aufsätze in ausländischen Zeitschriften in Italien, Schweden und den Niederlanden sowie zwei Bücher in der Schweiz. Im Jahr 1938 wurde ihm der philosophische Doktorgrad aberkannt. Infolge der Novemberpogrome kam er 1938 für drei WochenEs werden verschiedentlich auch fünf Wochen genannt. bei Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Einleitung. zu: Grundfragen der Erkenntnistheorie. Meiner, Hamburg 1997) wird das konkrete Entlassungsdatum 1. Dezember 1938 genannt in das KZ Dachau und wurde erst nach internationalen Protesten wieder freigelassen. Im März 1939 konnte er mit Ehefrau, Sohn und Tochter mit Hilfe von Freunden und des Schweizer Industriellen Guido Jenny über die Schweiz in die Vereinigten Staaten emigrieren, wo er New York im Juni 1939 erreichte. 1941 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt er 1944. Hönigswald gelang es nicht, in den USA eine Anstellung an einer Universität zu erlangen oder einen Verleger zu finden, so dass er in nur sehr bescheidenen Verhältnissen seine Arbeiten fortsetzen konnte. Das materielle Auskommen der Familie in diesen Jahren sicherte eine Puppenmanufaktur, die seine Frau in diesen Jahren aufbaute.Heidelberger Handschriften 3717, 56 (Hönigswald an A. Grisebach, 31. Januar 1947) Nach Kriegsende knüpfte Hönigswald wieder Kontakte nach Deutschland, insbesondere zu seinem Freund Ernst Lohmeyer, und wurde Mitherausgeber des Archivs für Philosophie.
Aus dem umfangreichen Nachlass, der unter Leitung von Hans Wagner zunächst in Würzburg, ab 1962 im Hönigswald-Archiv in Bonn und in Aachen verwaltet wird, wurden von Gerd Wolandt u. a. Arbeiten in 10 Bänden postum veröffentlicht. Neben kleineren Arbeiten beinhalten diese insbesondere die jeweils zweibändigen Schriften Die Grundlagen der allgemeinen Methodenlehre und Die Systematik der Philosophie aus individueller Problemgestaltung entwickelt, in denen vor allem das systematische Interesse Hönigwalds zum Ausdruck kommt. An Hönigwalds Werk knüpften u. a. die Philosophen Wolfgang Cramer und Hans Wagner, die Psychologen Moritz Löwi und Hermann Johannsen sowie in der Pädagogik Alfred Petzelt und Marian Heitger an.
Lehre Das philosophische Denken Richard Hönigwalds hat sich schrittweise hin zu einem systematischen Ansatz entwickelt, in dem es um das theoretische Erfassen der Wirklichkeit und das Aufzeigen der Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis und der Geltung von Aussagen geht.Überblicksdarstellungen finden sich in Hans-Ludwig Ollig: Der Neukantianismus. Metzler, Stuttgart 1979, S. 88–94, Wolfdietrich Schmied-Kowarzik: Einleitung. In: Richard Hönigswald: Grundfragen der Erkenntnistheorie. Meiner, Hamburg 1997, VII-LVI sowie Gerd Wolandt: R. Hönigswald: Philosophie als Theorie der Bestimmtheit. In: Josef Speck (Hrsg.): Grundprobleme der großen Philosophen. (Philosophie der Gegenwart II). 3. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht (UTB), Göttingen 1991, S. 43–101. Zu Beginn entwickelte er eine grundlegende an seinem Lehrer Riehl orientierte kantische Position, die zugleich eine kritische Absetzung von Positivismus und der Bewusstseinsphilosophie (Brentano, Meinong, Husserl) beinhaltete. Seine Schriften bis etwa 1915 weisen eine thematische Parallelität zu den Neukantianern Ernst Cassirer (Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft, 1906) und Bruno Bauch (Philosophie der exakten Wissenschaften, 1911) auf. Die so gewonnene Position spiegelte Hönigswald an der Philosophiegeschichte sowohl in überblickshaften Darstellungen als auch in mehreren Einzelfallstudien, bevor er sich Fragen der Denkpsychologie und daran anschließend der Pädagogik und der Sprachphilosophie zuwandte. Thematisch durch das ganze Werk zieht sich die Spannung des die Wirklichkeit erfassenden Begriffs der „Gegenständlichkeit“ zum konkreten Subjekt, von Hönigswald als „Monas“ bezeichnet. Eine ausgereifte Darstellung seiner Position erreichte er um 1930, die er in den Grundfragen der Erkenntnistheorie und noch konzentrierter in einem philosophischen Selbstporträt (Selbstdarstellung) darlegte. In den aus dem Nachlass veröffentlichten großen Schriften (Die Grundlagen der allgemeinen Methodenlehre sowie Die Systematik der Philosophie aus individueller Problemgestaltung entwickelt) findet sich schließlich eine Zusammenführung der verschiedenen Bausteine zu einer methodischen und inhaltlichen Systematik. Markante Gegenpositionen, an denen Hönigswald sich rieb, waren einerseits die auf das Endliche beschränkte Existenzialontologie Heideggers sowie andererseits der die Grenzen der Erkenntnisfähigkeit zum als absolut gedachten Geist hin überschreitende Idealismus Hegels.
Gegenständlichkeit als Bezogenheit von Gegenstand und Monas Erkenntnistheoretisches Thema Hönigswalds ist nicht die Grenzbestimmung im abstrakten „Ich denke“ (Kant), sondern die Verbindung von Erkenntnis und konkreter Subjektivität. Hiernach sind in die Untersuchung des Erkenntnisvorgangs die Grundbestimmungen der Psychologie einzubeziehen. Gegenstand der Betrachtung sind damit nicht nur wissenschaftliche, sondern alle lebensweltlichen Erkenntnisse und Erfahrungen einschließlich derer, die sich auf die Ethik, Ästhetik oder Religion beziehen. Die Frage der Letztbegründung wird bei Hönigswald zur Frage der Gegenstandskonstitution. Es reicht nicht, wie im Positivismus, sich auf empirisch erfahrbare Tatsachen zu konzentrieren, oder wie in der Philosophie der Intentionalität (Husserl, Meinong), sich mit den Strukturen des Bewusstseins überhaupt zu befassen. Es geht um die Bezogenheit von Subjekt und Objekt, die in der Gegenständlichkeit erfahren wird. Die philosophische Frage ist damit die nach der Bestimmung der Gegenständlichkeit.