Ronald Brooks Kitaj RA (* 29. Oktober 1932 in Chagrin Falls bei Cleveland, Ohio; † 21. Oktober 2007 in Los Angeles, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Maler, Grafiker und Zeichner, der sich Ende der 1950er Jahre in England niederließ. Kitaj zählte zu den wichtigsten Vertretern der britischen Pop-Art. Er begann mit verrätselten Allegorien und wandte sich in seinem späteren Werk einer verständlicheren figürlichen Darstellungsweise zu, die als „School of London“Nachruf: RB Kitaj. In: The Telegraph vom 24. Oktober 2007, englisch, abgerufen am 23. Mai 2013. - Darin: „… wurde er ein führendes Mitglied einer Gruppe von Künstlern, bekannt (ein von ihm geschaffener Begriff) als The School of London; neben solchen Zeitgenossen wie Frank Auerbach, Leon Kossoff, Francis Bacon und Lucian Freud erhob er die englische Malerei auf eine internationale Signifikanz.“ bekannt wurde.

Leben Frühe Jahre R. B. Kitaj wurde als Ronald Brooks-Benway geboren, einziger Sohn des Ungarn Sigmund Benway und der russisch-jüdischen Emigrantentochter Jeanne Brooks. Der Vater verließ die Familie bereits kurz nach der Geburt des Kindes und die Ehe wurde 1934 geschieden. Die Mutter heiratete 1941 den aus Österreich eingewanderten Chemiker Dr. Walter Kitaj, dessen Nachnamen Ronald erhielt. Mit 17 Jahren heuerte Kitaj als Matrose auf einem norwegischen Frachter an. Von 1949 bis 1954 fuhr er wiederholt als Handelsmatrose zur See, er erhielt 1951 das Seemannspatent.

1950 begann er seine Ausbildung zum Künstler am Cooper Union Institute in New York, 1951/52 nahm er das Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien unter Albert Paris Gütersloh und Fritz Wotruba auf. Dort lernte er Elsie Roessler kennen, die er 1953 heiratete. Zurück in Amerika studierte Kitaj kurzzeitig an der Cooper Union, kehrte jedoch noch im selben Jahr mit seiner Frau nach Wien zurück und setzte sein Studium an der Akademie fort. Im Anschluss folgten einige Reisen durch Europa. 1954 verbrachte das junge Paar den Winter in der katalanischen Hafenstadt Sant Feliu de Guíxols. 1955 wurde Kitaj zur US Army eingezogen und war in Darmstadt und Fontainebleau stationiert.

Karriere als Künstler Ein G.I. Bill Stipendium ermöglichte es Kitaj, 1957 nach Großbritannien zu gehen, zuerst an die Ruskin School of Drawing and Fine Art in Oxford, 1959 an das Royal College of Art in London. 1959 wurde sein erstes Kind, Lem (der spätere Drehbuchautor Lem Dobbs) geboren. Es entstanden enge Freundschaften mit seinen Kommilitonen Derek Boshier, Patrick Caulfield, Peter Phillips und vor allem mit Allen Jones und David Hockney. Er lernte auch den Philosophen Richard Wollheim kennen. Kitaj nahm 1960 und 1961 an der Young Contemporaries Exhibition in den RBA (Royal Society of British Artists) Galleries teil. Von 1961 bis 1967 unterrichtete Kitaj als Zeichenlehrer in London, an der Ealing School of Art und der Camberwell School of Art sowie als Tutor an der Slade School of Fine Art.

Inspiriert von Robert Rauschenberg, dem damaligen Star der amerikanischen Kunstszene, befasste sich Kitaj in den frühen 1960ern verstärkt mit den Ausdrucksmöglichkeiten der Pop Art, blieb aber seinem eigenen grafisch-zeichnerischen Stil treu. 1962 arbeitete er mit Eduardo Paolozzi zusammen, dem schottischen Pionier des britischen Pop, und entwickelte erste Collagen. R. B. Kitaj hatte 1963 seine erste Einzelausstellung, in der Marlborough New London Gallery. Im Folgejahr adoptierten Kitaj und seine Frau ein zweites Kind, die Tochter Dominie.

1964 nahm Kitaj erstmals an der Dokumenta (documenta III) in Kassel und an der Biennale in Venedig teil. Anlässlich seiner ersten amerikanischen Ausstellung in der Marlborough-Gerson Gallery in New York kehrte der Künstler 1965 nach neun Jahren Exil in die USA zurück. Kitaj hatte erste Einzelausstellungen in Museen, 1965 am Los Angeles County Museum of Art und 1967 im Stedelijk Museum in Amsterdam. 1967 übernahm er eine Gastprofessur an der University of California in Berkeley. 1968 kehrte Kitaj nach England zurück, wo seine Freundschaft mit Jim Dine entstand. Im selben Jahr nahm Ronald B. Kitaj an der 4. documenta in Kassel teil. 1969 verübte seine Frau Elsie Suizid.

1969/70 wurde Kitajs umfangreiches grafisches Werk in ganz Deutschland gezeigt, in Berlin, Stuttgart, München, Düsseldorf, Lübeck und Bonn und in Hannover. 1969 arbeitete er mit Roy Lichtenstein an einem Projekt für die Ausstellung Art and Technology im Los Angeles County Museum of Art. Er lebte kurzfristig in Hollywood, wo er sich mit den bedeutenden kalifornischen Malern Richard Diebenkorn und Lee Friedlander anfreundete. Dort lernte er auch die Malerin Sandra Fisher kennen, die bald darauf in London Kitajs Lebensgefährtin wurde. Die beiden heirateten 1983.

Ab Mitte der 1970er pendelte Kitaj zwischen England und den USA: 1976 wurden Kitajs Arbeiten in der Wanderausstellung Pop Art in England gezeigt, die in Hamburg, München und New York stattfand; in der Londoner Hayward Gallery organisierte er währenddessen eine große Ausstellung von 48 Londoner Künstlerkollegen und Freunden, die er The Human Clay nach einer Gedichtzeile von W. H. Auden nannte. Im Vorwort des Ausstellungskatalogs verwandte Kitaj erstmals den Begriff „School of London“ für diese figürlichen Arbeiten, die in provokantem Gegensatz zur bis dato vorherrschenden modisch-abstrakten Bildsprache der westlichen Kunstwelt standen. Die umstrittene und heftig diskutierte Ausstellung markierte einen Höhepunkt in Kitajs Schaffen.

In den ausgehenden 1970er Jahren hielt sich der Künstler vorwiegend in den USA auf. 1978 wurde er Artist in Residence am Dartmouth College in New Hampshire, im Anschluss zog er mit seiner Familie ins New Yorker Greenwich Village. Er malte jetzt vornehmlich nach Modell und die Pastellmalerei dominierte. Kitaj wurde nach der großen Retrospektive dieser Arbeiten bescheinigt, dass er sich seinem Vorbild Degas in dieser Technik annäherte.

1982 wurde Kitaj in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen und auch mit der Ehrendoktorwürde der University of London ausgezeichnet. Im selben Jahr starb Kitajs Stiefvater Walter. Die Familie zog kurzfristig nach Paris. 1984 wurde Kitajs zweiter Sohn Max geboren. Als dritter Amerikaner nach Benjamin West und John Singer Sargent wurde Kitaj in die britische Royal Academy of Arts aufgenommen (1991).Awards R.B. Kitaj, marlboroughgallery.com, abgerufen am 21. Dezember 2015.

Spätere Jahre und Tod Ende der 1980er Jahre befasste sich Kitaj künstlerisch vor allem mit seiner eigenen Identität. Er war in eine solche Krise geraten, dass er sein eigenes Werk radikal in Frage stellte. Er bezeichnete sich selbst ob seiner mütterlicherseits jüdischen Herkunft als „Ewiger Jude“ und befasste sich mit der Thematik des Holocaust, wobei er sein eigenes Leben auf die Vertreibung des jüdischen Volks reflektierte und außerdem kontinuierlich die Thematik der sozialen Migration und die Problematik des „Nicht-Sesshaften“ aufgriff. Überdies kam ihm durch seine europäisch-amerikanische Ambivalenz eine gewisse Außenseiterposition als Künstler zu.

1990 erlitt Kitaj einen leichten Herzinfarkt. Die große Retrospektive seiner Malerei in der Tate Gallery 1994 erhielt vernichtende und, wie Kitaj fand, ignorante Kritiken. Zu einer Katastrophe wurde die Ablehnung für Kitaj durch zwei Todesfälle. Sandra Fisher starb 1994 überraschend an einem Hirn-Aneurysma, kurz darauf starb seine Mutter. Ein verbitterter Kitaj machte die Kritiker für den Tod seiner Frau verantwortlich. 1997 verließ Kitaj London und zog mit seinem Sohn Max nach Los Angeles, um seinem ersten Sohn nahe zu sein. In den folgenden Jahren thematisierte er in seinen Bildern vorwiegend den Tod, er malte Engel und stilisierte seine Frau Sandra und sich selbst zu Lichtgestalten. Kitaj wählte am 21. Oktober 2007 den Freitod.Jonathan Jones: Did art critics kill RB Kitaj?, guardian.co.uk, 8. Januar 2010, abgerufen am 7. Januar 2012.

Werk R. B. Kitaj hatte einen wesentlichen Anteil am Wiederaufleben einer realistischen, figurativen Malerei (Neue Figuration) in England, die durch die großen Namen Francis Bacon oder Lucian Freud bekannt wurde. Durch sein europäisches Exil blieb er in der amerikanischen Kunstwelt lange Zeit unbekannt, aber er beeinflusste die britische Pop-Art der 1960er Jahre und später auch einzelne konzeptuelle Künstler. Zusammen mit Freunden wie Frank Auerbach oder Leon Kossoff stellte er sich in den 1970ern der immer noch vorherrschenden Abstraktion entgegen. Stilistische Formalerschließung als Prinzip wies er radikal zurück. Auch sein verrätseltes, allegorisches Frühwerk ließ er nicht mehr gelten und sah dann dadaistische/duchampistische Kunst nur noch als Ausdruck von Unvermögen und Denkfaulheit. Kitaj ging immer einen ganz eigenen Weg hin zu einer kritischen, engagierten und selbstanalytischen Kunst. Politischer Radikalismus kam in seiner Malerei und in den Serigraphien der 1960er Jahre zum Ausdruck.

In der Los-Angeles-Serie verlieh der Künstler seiner Sehnsucht nach seiner verstorbenen Frau Ausdruck. In Nose to Nose, einem Gemälde von 2003, zeigte Kitaj sich und Sandra Fisher in einer erotischen Szene. Zwei Flügel, die charakteristisch für die Schechina und damit die Anwesenheit Gottes sind, stellen den Bezug der erotischen Vereinigung zur jüdischen Mystik her.

Ausstellungen Einzelausstellungen 1963: Marlborough New London Gallery, London 1965: Marlborough-Gerson Gallery, New York 1965: Los Angeles County Museum of Art, Los Angeles 1967: Stedelijk Museum, Amsterdam 1967: Cleveland Museum of Art, Cleveland 1969: Galerie Mikro, Berlin 1969: Württembergischer Kunstverein, Stuttgart 1969: Galerie van de Loo. München 1970: Kestnergesellschaft, Hannover 1970: Overbeck-Gesellschaft, Lübeck 1970: Galerie Niepel, Düsseldorf 1970: Städtische Kunstsammlungen, Bonn 1995: Tate Gallery, London 1995: Metropolitan Museum of Art, New York 2007: Pallant House Gallery, Chichester, West Sussex 2012: Jüdisches Museum Berlin, BerlinObsessionen Jüdisches Museum Berlin, abgerufen am 12. November 2012 Katalog 2013: Hamburger KunsthalleR. B. Kitaj. Die Retrospektive 19. Juli - 27. Oktober 2013.

Gruppenausstellungen 1960-'61: Young Contemporaries, RBA Galleries, London. Er gewinnt 1960 den Arts Council Prize der YC. 1961-'63: John Moore′s Exhibition, Liverpool. Kitaj gewinnt in beiden Jahren Preise. 1962: Kompass II, Stedelijk van Abbe Museum, Eindhoven 1962–'63: Premio Marzotto, European Community Traveling Exhibition 1964: documenta III, Kassel 1964: Biennale Venedig 1964: Britische Malerei der Gegenwart, Düsseldorf 1965: The English Eye, Marlborough-Gerson Gallery, New York 1967: University of California, Berkeley 1967: John Moore’s Exhibition, Liverpool. Kitaj sitzt 1969 in der Jury. 1967: Pittsburgh International, Carnegie Institute 1967: Peter Stuyvesant Foundation Collection Exhibition, Tate Gallery, London 1967: Gemeentemuseum Den Haag 1967: Kompass III, Stedelijk van Abbe Museum, Eindhoven 1968: The Obsessive Image, ICA, London 1968: Prints from London, Walker Art Center, Minneapolis 1968: Junge Generation Großbritannien, Akademie der Künste, Berlin 1968: 4. documenta, Kassel 1969: Kunsthalle, Basel 1973: mit Jim Dine, Cincinnati Art Museum, Cincinnati 1976: Hayward Gallery, London 1977: documenta 6, Kassel 1995: Biennale Venedig 2024: Sex. Jüdische Positionen im Jüdischen Museum Berlin; Gemälde Nose to Nose, Los Angeles, 2003

Ehrungen 1984 Wahl zum Mitglied (NA) der National Academy of Design, New York (abgerufen am 29. Juni 2015) 1991 Aufnahme in die Royal Academy of Arts, London 1995 Auszeichnung mit dem „Goldenen Löwen“ der Biennale in Venedig 1998 Mitglied der American Academy of Arts and Sciences

Literatur Ausstellungskataloge (Auswahl) R. B. Kitaj: Pictures With Commentary: Pictures Without Commentary, Marlborough Fine Art, Marlborough New London Gallery, London, 1963. 4°,34 S. R. B. Kitaj, Marlborough-Gerson, New York, 1965.