Eine Diskothek (auch Discothek, kurz Disko oder Disco, in Deutschland umgangssprachlich auch Disse genannt) ist ein Gastronomiebetrieb, in dem regelmäßig, vor allem an Wochenenden, Tanzveranstaltungen stattfinden. Die Tanzmusik wird in der Regel nicht von Bands aufgeführt, sondern durch DJs (Discjockeys) von Tonträgern eingespielt. Veraltete Bezeichnungen sind Tanzlokal oder Tanzbar. Viele Diskotheken bezeichnen sich nach englischsprachigem Vorbild als Club bzw. Klub. In Discos treffen sich vor allem junge Leute zum Tanzen, aber auch zur Anbahnung und Pflege sozialer Kontakte.Gisela Steins (Hrsg.): Handbuch Psychologie und Geschlechterforschung. 2010, ISBN 978-3-531-16391-8, S. 216. Hinsichtlich der Betriebszeiten gleichen Diskotheken oft einem Nachtclub. mini|Disko-Veranstaltung in einer Betriebskantine in der DDR, 1977.
Bezeichnung Das Wort Diskothek (aus , nach altgriechisch dískos ‚Scheibe‘ und thḗkē ‚Behältnis, Kasten, Kiste‘; Analogbildung zu Bibliothek wie auch Videothek, Audiothek, Mediathek) bezeichnete ursprünglich eine Sammlung von Tonträgern wie Schallplatten, Tonbänder, Musikkassetten oder CDs. In der Hörfunkstudiotechnik wurde der Begriff auch auf Studiopulte mit Plattenspielern übertragen, an denen der Moderator während der Sendung die Schallplatten selbst auflegen konnte.
Heute bezeichnet der Begriff Diskothek in der Regel eine feste gastronomische Einrichtung, in deren Mittelpunkt zwei Elemente stehen: das Spielen von Musik von Schallplatte oder anderen Tonträgern, und das Tanzen. Die Musik wird üblicherweise von einem Discjockey aufgelegt oder gemischt. Darüber hinaus besteht meist ein Barbetrieb.
Neben festen Disco-Lokalen wird auch eine einzelne, von Privatpersonen oder Vereinen organisierte Tanzveranstaltung, etwa in einem Mehrzweckraum oder Festzelt, gelegentlich als Disco bezeichnet (Zeltdisco, Feuerwehrdisco). Solche Veranstaltungen werden üblicherweise nur an einem Wochenende, einem Abend oder doch zumindest in großen zeitlichen Abständen durchgeführt.
Die Bezeichnung Disco bezieht sich auch auf Räume, die für eine regelmäßige oder auch nur gelegentliche Durchführung von Tanzpartys hergerichtet worden sind, aber auch für andere Zwecke verwendet werden können. Solche Discoräume findet man beispielsweise in Jugendzentren, Jugendherbergen oder in kirchlichen Gemeinderäumen.
In den meisten Sprachen trägt die Diskothek einen ähnlichen Namen wie im Deutschen, im Französischen heißt sie discothèque, im Japanischen , disuko (das u ist fast stumm). Im Englischen spricht man jedoch vom Club oder Nightclub; dieser Begriff umfasst sowohl Diskotheken im deutschen Sinn, also Einrichtungen, in denen DJs Platten auflegen, als auch Orte mit Live-Auftritten von Bands und Sängern. Das Wort disco bezeichnet im Englischen vor allem den Musikstil Disco.
Der Fachverband Dehoga definiert Discotheken und Tanzlokale wie folgt: „Lokale mit Tanzmusik, verbunden mit Verkauf von Getränken, im allgemeinen zum Verzehr an Ort und Stelle, unter Umständen auch mit begleitendem Unterhaltungsprogramm.“dehoga-bundesverband.de
Geschichte Vorläufer Vorläufer der Discos entstanden in den 1930ern. Besonders in den USA entstanden Bars, in denen die Jukebox eine wichtige Attraktion war und die Gäste regelmäßig ganze Abende zu der Musik aus dieser durchtanzten.René T. A. Lysloff, Leslie C. Gay: Music and technoculture. Wesleyan University Press, 2003, ISBN 0-8195-6514-8, S. 296–299. In Marseille entstanden zu jener Zeit Bars, die tatsächlich ähnlich wie Bibliotheken funktionierten. In der Hafenstadt am Mittelmeer ließen Seeleute ihre Lieblingsplatten in Räumlichkeiten ihrer Lieblingsbars zurück; wenn sie Landurlaub hatten, konnten sie so dann in der nämlichen Bar ihre Lieblingsmusik hören.Bill Brewster, Frank Broughton: Last night a dj saved my life: the history of the disc jockey. Grove Press, 2000, ISBN 0-8021-3688-5, S. 50–55 Der erste dokumentierte Auftritt eines DJs soll 1943 in Otley, West Yorkshire, stattgefunden haben und involvierte Jimmy Savile, den späteren Moderator von Top of the Pops.Mark Jonathan Butler: Unlocking the groove: rhythm, meter, and musical design in electronic dance music. Indiana University Press, 2006, ISBN 0-253-34662-2, S. 36/37
Erste Discos in Frankreich mini|Eingang einer Diskothek in Calais
Der erste Club, der sich in Analogie zu einer Bibliothek einfach La Discothèque nannte, entstand als Bar in Paris, das während des Zweiten Weltkriegs von Juni 1940 bis August 1944 von Wehrmacht-Truppen besetzt war. Da Live-Musik unter den damaligen Umständen kaum möglich war, spielte man Jazz-Schallplatten. Eröffnet wurde die erste Disco von dem ehemaligen Jazz-Pianisten Éduard Ruault, der den Künstlernamen Eddie Barcley annahm. Er gründete mehrere Plattenfirmen und 1947 eine Jazz-Band.David Looseley: Popular music in contemporary France: authenticity, politics, debate. Berg Publishers, 2003, ISBN 1-85973-636-X La Discothèque inspirierte andere Veranstalter, in Kellern und unterirdischen Bars improvisierte Soundsysteme zusammenzubasteln, über die dann die von den Besatzern ungeliebte Jazz-Musik abgespielt werden konnte.
Nach dem Krieg eröffneten in Paris weitere Clubs, die sich darauf spezialisierten, Schallplatten aufzulegen, um ihre Kunden zum Tanzen zu bringen.Todd Souvignier: The world of DJs and the turntable culture. Hal Leonard, 2003, ISBN 0-634-05833-9, S. 114 Die erste dieser Art von Bar war das 1947 eröffnete Whisky a GoGo von Paul Pacini.connexionfrance.com Die weitere Spezialität, damals sehr ungewöhnlich für das Weinland Frankreich, war Whisky – und die Musik, die er abspielte, war ausschließlich Jazz.
1962 öffnete das Chez Castel; dort wurden ausschließlich geladene Gäste eingelassen. Im Chez Castel begann der Abend meist mit einer Filmvorführung; dann zog man sich in die Discothèque zurück und tanzte auf dem Kupfer-Stahl-Fußboden. Der Club bediente besonders die Pariser Szene, so waren z. B. Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und andere Existentialisten häufige Gäste. Andere Pariser Discos wie Chez Régine oder New Jimmy setzten Standards, an denen sich andere europäische Metropolen orientierten.
Die Idee internationalisiert sich Nach Paris war London die zweite Stadt, in der sich direkt nach dem Krieg Clubs entwickelten, in denen Menschen zur Musik von Schallplatten tanzten. London hatte nach dem Krieg eine wilde, größtenteils illegale Jazz-Szene, die sich spontan in Kellern, Abbruchgebäuden und ähnlichem traf. Die ersten britischen Allnighter fanden zu dieser Zeit in Jazzclubs statt, die erste britische Drogenrazzia 1950 im Club Eleven. Nach Pariser Vorbild gingen auch diese Clubs dazu über, zumindest an einigen Abenden Musik von Schallplatten zu spielen und entsprechende Musikanlagen zu installieren.
Zusätzlicher Input kam aus der Karibik und der dortigen Partykultur. Der erste englische Star-DJ war Count Suckle, ein jamaikanischer Einwanderer. In den USA entstanden in den 1950er Jahren Platter parties oder Sock hoppers, bei denen DJs in der Öffentlichkeit Musik auflegten. Diese waren allerdings vor allem zur Promotion für Radiosendungen gedacht und orientierten sich daher in Stil und Ablauf sehr an diesen Sendungen.
Die Disco erreicht ab 1959 die Bundesrepublik Deutschland Am 15. Mai 1959 eröffnete im niedersächsischen Osnabrück unter dem Namen Ocambo-Club eine der ersten Diskotheken Deutschlands. Dieser Club, in dem die Musik von Plattenspielern gespielt wurde, um die Illusion zu erzeugen, als seien Tanzkapellen live auf der Bühne, war nach Aussagen seines damaligen Betreibers, nach einem Vorbild in Hannover namens Mocambo Club konzipiert.Alexander Sascha Arndt: SWR 1, Juli 2015. Die Existenz des Clubs ist durch eine Anzeige und einen redaktionellen Beitrag in einem Osnabrücker Veranstaltungskalender vom Mai 1959 belegt.Gisbert Wegener: Der Ocambo Club eröffnet. In: Harald Keller, Reiner Wolf (Hrsg.): Hyde Park Memories. Oktober-Verlag, Münster 2011, ISBN 978-3-941895-16-4, S. 181.Gisbert Wegener: Platte statt Orchester. In: Harald Keller, Reiner Wolf (Hrsg.): The Beat Goes On. Der Sound. Der Style. Ausstellungskatalog. Isensee-Verlag, Oldenburg 2013, ISBN 978-3-89995-964-2, S. 101–110.
Eine weitere Diskothek Deutschlands entwickelte sich, direkt an der Grenze zu Belgien und den Niederlanden gelegen, aus dem Aachener Speiselokal Scotch-Club. Als dieses nicht mehr gut lief, versuchte es der Besitzer 1959 mit einer sogenannten Jockey-Tanz-Bar, in der Klaus Quirini („DJ Heinrich“) als nach eigenen Angaben erster deutscher Discjockey Schallplatten nach dem Muster von Sendungen bei Radio Luxemburg auflegen sollte.Erfindung der Disco – Deutschlands erster Plattenprinz. Spiegel Online, 19. November 2009; abgerufen am 13. Dezember 2009.
In die USA gelangte die Disco dank einem französischen Einwanderer, der 1960 Le Club in New York City eröffnete. Als in den 1970er Jahren die Discowelle um die Welt ging, gab es in Aachen bereits 42 Diskotheken. In: Aachener Zeitung online, 28. Juli 2009. Der Begriff Diskothek setzte sich im deutschsprachigen Raum als Bezeichnung für eine Musik- und Tanzeinrichtung mit moderierendem Disc-Jockey nur langsam durch. Mitte der 1960er Jahre hatte der Duden das Wort Diskothek in sein Vokabular aufgenommen. Deutschlands erste Großraumdiskothek entstand 1967 mit dem international bekannten Club Blow Up in München, der erstmals eine aufwändige Lichtshow mit hunderten Scheinwerfern aufwies, die auf den Rhythmus der Musik reagierten.
Der DJ wird mehr als der Plattenansager mini|DJ beim Vorhören über Kopfhörer in einer Diskothek der Metal-Szene (1994)
Mitte der 1960er begannen die ersten DJs, sich von der Funktion des reinen Plattenauflegers zu emanzipieren. Hatten sie bis dahin ein Stück nach dem anderen aufgelegt und zwischendurch moderiert, war es insbesondere Terry Noel, der 1965 im Arthur in New York City auflegte, der begann, das musikalische Repertoire des DJs zu erweitern und selbst neue Musik zu schaffen. Noel begann, persönlich die Kontrolle über die Lichtanlage zu übernehmen, baute ein Soundsystem auf, das ihm erlaubte, einen Sound quer durch den Raum wandern zu lassen und begann, sich bis dato unbekannte Freiheiten im Mixen von Stücken zu erlauben. Er legte mehrere Stücke übereinander, um neue Sounds zu kreieren und aus Schallplatten eine Musik zu erzeugen, die so nicht auf einer Schallplatte aufzufinden war.
Grundsätzlich aber waren diese frühen amerikanischen Discos wie auch Studio 54 und Xenon vor allem In-Plätze, in denen es weniger um Musik, sondern mehr um die anwesenden Leute ging. Disco als Musikstil und teilweise als Kunstform entwickelte sich in Underground-Clubs. Noel wechselte 1969 ins neueröffnete Salvation (später Sanctuary) an der West 43rd Street in Manhattan. Das Salvation legte mehr Wert auf Musik, war als erste Disco deutlich auf sein schwules Publikum ausgelegt und von diesem geprägt und hatte mit dem in Brooklyn geborenen Italo-Amerikaner Francis Grosso den ersten echten Star-DJ an den Mischpults.
Disco wird zum Musikstil Anfang der 1970er Jahre entwickelte sich die Disco-Music. Zu Beginn der 1970er dominierten Soul und Funk die Tanzflächen in den US-amerikanischen Städten. Ab 1973 gingen die frei improvisierenden Beat-Tänzer in den Discos wieder zur Tanzhaltung über, woraus der Discofox entstand. Um dieselbe Zeit begannen große Plattenfirmen die Szene zu entdecken und Disco-Musik zu pushen, um ihre zurückgehenden Verkäufe zu kompensieren. Die Disco-Szene erhielt deutlich mehr Geld und verbreitete sich auch in die Provinz.
Große Diskotheken wiesen eine immer aufwändigere Technik auf. Licht- und Lasershows wurden in großen Diskotheken zu Standardelementen. Berühmt waren in den 1970er Jahren Discos wie Studio 54 in New York oder Ende der 1980er Jahre der Club Fac 51 Haçienda in Manchester. In den 1980er Jahren hatten die deutschen Diskotheken Spitzenwerte von insgesamt 100 Millionen Besuchern jährlich. 2010 waren es rund 85 Millionen.
Alternative Diskotheken