400px|mini|Das Rom der Flavier als Erinnerungslandschaft des Sieges über Judäa: im Vordergrund der Titusbogen, im Hintergrund das Amphitheatrum Flavium, finanziert aus der Kriegsbeute.Fergus Millar: Last Year in Jerusalem: Monuments of the Jewish War in Rome. In: Jonathan Edmondson et al.: Flavius Josephus and Flavian Rome. Oxford 2005, S. 101–128, hier S. 118. Flavius Josephus (; geboren 37/38 n. Chr. in Jerusalem; gestorben um 100 vermutlich in Rom) war ein jüdisch-hellenistischer Historiker.

Als junger Priester aus der Jerusalemer Oberschicht hatte Josephus eine aktive Rolle im Jüdischen Krieg: Er verteidigte Galiläa im Frühjahr 67 gegen die römische Armee unter Vespasian. In Jotapata geriet er in römische Gefangenschaft. Er prophezeite dem Feldherrn Vespasian dessen künftiges Kaisertum. Als Freigelassener begleitete er Vespasians Sohn Titus in der Endphase des Krieges und wurde so Zeuge der Eroberung von Jerusalem (70 n. Chr.). Mit Titus kam er im folgenden Jahr nach Rom, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Er erhielt das römische Bürgerrecht und lebte fortan von einer kaiserlichen Pension und dem Ertrag seiner Landgüter in Judäa. Die Muße nutzte er zur Abfassung mehrerer Werke in griechischer Sprache:

eine Geschichte des Jüdischen Krieges (in diesem Artikel zitiert als: Bellum), eine Geschichte des jüdischen Volkes von der Erschaffung der Welt bis zum Vorabend dieses Krieges (zitiert als: Antiquitates), eine kurze Autobiografie als Anhang dazu (zitiert als: Vita) und als Spätwerk eine Verteidigung des Judentums gegen die Kritik zeitgenössischer Autoren (zitiert als: Contra Apionem).

Römische Historiker erwähnten Josephus nur als jüdischen Gefangenen mit einem Orakelspruch über Vespasians Kaisertum. Für alle Informationen zu seiner Biografie ist man daher auf das Bellum und die Vita angewiesen.

Erhalten blieben die Schriften des Josephus, weil sie schon in der Spätantike von christlichen Autoren als eine Art Nachschlagewerk entdeckt wurden. Bei Josephus fand der Leser des Neuen Testaments nützliche Hintergrundinformationen: Er war der einzige zeitgenössische Autor, der sich detailliert und mit eigener Ortskenntnis über Galiläa äußerte. Die Stadt Jerusalem und der Tempel dort werden ebenfalls genau beschrieben. Josephus erwähnte Johannes den Täufer und wohl auch Jesus von Nazareth – allerdings ist diese Textstelle (das sogenannte Testimonium Flavianum) christlich überarbeitet worden und der ursprüngliche Wortlaut unsicher. Im Bellum beschrieb Josephus ausführlich das Leiden der Menschen im belagerten Jerusalem. Er brach mit den Konventionen der antiken Geschichtsschreibung, die ihn zu Sachlichkeit verpflichteten, um über das Unglück seiner Heimat zu klagen. Seit Origenes deuteten christliche Theologen diese Kriegsberichte als Gottes Strafgericht an den Juden, eine Konsequenz aus der in ihren Augen von Juden verschuldeten Kreuzigung Jesu.

Für die Geschichte Judäas von etwa 200 v. Chr. bis 75 n. Chr. sind Josephus’ Werke die wichtigste antike Quelle. Sein Alleinstellungsmerkmal ist, dass er als antiker Jude über seine Kindheit und Jugend einerseits und seine Rolle im Krieg gegen Rom andererseits Auskunft gibt. Allerdings begegnet der Leser nie direkt dem jungen galiläischen Militärführer, sondern widersprüchlichen Bildern, die ein älterer römischer Bürger von seinem früheren Ich entwarf.

Die neuere Forschung befasst sich damit, wie Josephus im Rom der Flavier als jüdischer Historiker seinen Weg suchte. Die Einwohner Roms waren ständig mit dem Thema Judäa konfrontiert, denn Vespasian und Titus feierten ihren Sieg in einer aufständischen Provinz mit Triumphzug, Münzprägungen und Monumentalarchitektur, als wäre es eine Neueroberung. Josephus stellte sich der Aufgabe, als einer der Besiegten die Geschichte dieses Krieges den Siegern anders zu erzählen. Entstanden ist dabei ein hybrides Werk, das Jüdisches, Griechisches und Römisches verbindet. Das macht Josephus zu einem interessanten Autor für eine postkoloniale Lektüre.

Name

So stellte sich Josephus in seinem ersten Werk dem Leser vor. Er trug den häufigen hebräischen Namen und transkribierte ihn als in das Griechische, mit nicht aspiriertem p, wohl weil auf -phos endende griechische Personennamen eher selten sind.Flavius Josephus: Aus meinem Leben (Vita). Kritische Ausgabe, Übersetzung und Kommentar. Hrsg. von Folker Siegert, Heinz Schreckenberg, Manuel Vogel, Tübingen 2011, S. 13. Dabei blieb er aber den hebräischen Namenskonventionen treu, so dass sich hypothetisch der Name rekonstruieren lässt, unter dem er in seiner Jugend bekannt gewesen sein dürfte: .

Den römischen Namen Flavius Iosephus verwendete Josephus in seinen Schriften selbst nicht. Er ist erst bei christlichen Autoren ab dem späten 2. Jahrhundert bezeugt.. Heinz Schreckenberg: Josephus (Flavius Josephus). In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 18, Sp. 761–801, hier Sp. 766. Vgl. Clemens von Alexandria: Stromata 1,147,2; Minucius Felix: Octavius 33,4; Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte 1,5,3. Angesichts Josephus’ enger Anbindung an Kaiser Vespasian nach dem Jüdischen Krieg ist allerdings tatsächlich anzunehmen, dass dieser ihm das römische Bürgerrecht verlieh. Vermutlich übernahm Josephus dabei, wie es allgemein üblich war, das Praenomen und das Gentilnomen seines Patrons, der mit vollem Namen Titus Flavius Vespasianus hieß, und hängte seinen bisherigen nichtrömischen Namen Iosephus als dritten Namensbestandteil (Cognomen) an. Demnach ist anzunehmen, dass sein römischer Name Titus Flavius Iosephus lautete, auch wenn das Praenomen Titus in den antiken Quellen nicht bezeugt ist.Werner Eck: Flavius Iosephus, nicht Iosephus Flavius. In: Studia Classica Israelica. Band 19, 2000, S. 281–283, hier S. 283 (PDF).

Leben Herkunftsfamilie und Jugend mini|Mosaikboden einer Villa in der Jerusalemer Oberstadt (Herodianisches Quartier). Die Ausgrabungen zeigten hellenistische Wohnkultur verbunden mit jüdischen Besonderheiten, wie dem Bilderverbot. Josephus gab an, im ersten Regierungsjahr des Kaisers Caligula geboren zu sein; an anderer Stelle erwähnte er, dass sein 56. Lebensjahr das 13. Regierungsjahr des Kaisers Domitian gewesen sei. Daraus ergibt sich ein Geburtsdatum zwischen dem 13. September 37 und dem 17. März 38.Oliver Gußmann: Das Priesterverständnis des Flavius Josephus, Tübingen 2008, S. 200 Anm. 5. Vgl. Flavius Josephus: Aus meinem Leben (Vita) 5 und ders.: Jüdische Altertümer 20, 237. Die Familie gehörte zur Jerusalemer Oberschicht und hatte Grundbesitz im Umland der Stadt.Flavius Josephus: Aus meinem Leben (Vita) 422. Vater und Mutter stammten der Vita zufolge aus dem priesterlich-königlichen Geschlecht der Hasmonäer, wobei das bei der Mutter nicht weiter ausgeführt wird. Der Vater Matthias gehörte der ersten von 24 Priesterdienstklassen an. Auf die Hasmonäer konnte sich Matthias allerdings nicht in rein patrilinearer Generationenfolge zurückführen. Er stammte von einer Tochter des Hohepriesters Jonatan ab.Oliver Gußmann: Das Priesterverständnis des Flavius Josephus, Tübingen 2008, S. 210 f. Die Korrektheit der josephischen Angaben zu seiner hasmonäischen Abstammung wird angezweifelt, vgl.

Ernst Baltrusch vermutet, dass Josephus seine traditionelle jüdisch-priesterliche Sozialisation in der Autobiografie so darstellen wollte, dass sie für die römische Leserschaft als aristokratischer Bildungsweg verständlich war – fremd und vertraut zugleich:Ernst Baltrusch: „Kein Stein auf dem anderen.“ Josephus, der Tempel und das historiographische Konzept. In: Görge K. Hasselhoff, Meret Strothmann (Hrsg.): Religio licita? Rom und die Juden. Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2017, S. 135–158, hier S. 140f. Baltrusch verweist für diese Strategie auf Homi K. Bhabha: Of Mimicry and Man. The Ambivalence of Colonial Discourse. In: Frederick Cooper / Ann Laura Stoler (Hrsg.): Tensions of Empire. Colonial Cultures in a Bourgeois World. University of California Press, Berkeley u. a. 1997, S. 152–162.

Josephus hatte einen vermutlich älteren, da nach dem Vater benanntenSteve Mason: Life of Josephus (= Flavius Josephus, Translation and Commentary. Band 9). Brill, Leiden / Boston / Köln 2001, S. 12. Bruder Matthias und wurde gemeinsam mit ihm erzogen. Mit etwa 14 Jahren sei er als Wunderkind bekannt gewesen; „die Hohepriester und die Vornehmsten der Stadt“ hätten sich wiederholt mit ihm getroffen, um Details der Tora erläutert zu bekommen.Flavius Josephus: Aus meinem Leben (Vita), 8–9. Ein literarischer Topos, zum Vergleich lässt sich Plutarchs Biografie Ciceros anführen: Die Eltern von Mitschülern hätten den Unterricht besucht, um Ciceros Intelligenz zu bewundern.Pnina Stern: Life of Josephus: The Autobiography of Flavius Josephus. In: Journal for the Study of Judaism in the Persian, Hellenistic, and Roman Period 41/1 (2010), S. 63–93, hier S. 73f. Vgl. Plutarch: Cicero 2. Zu diesem Motiv in weiteren antiken Biografien vgl. Louis H. Feldman: Josephus and Modern Scholarship (1937–1980), Berlin / New York 1984, S. 81; zu diesem Motiv in ebd., S. 83.

So wie ein junger Römer mit 16 Jahren das Elternhaus verließ, um sich unter Aufsicht eines Tutors auf die Teilnahme am öffentlichen Leben vorzubereiten, stilisierte Josephus den nächsten Schritt seiner Biografie: Zunächst erkundete er die philosophischen Schulen des Judentums (als solche präsentiert er Pharisäer, Sadduzäer und EssenerAlbert I. Baumgarten: Josephus and the Jewish Sects. In: Honora Howell Chapman, Zuleika Rodgers (Hrsg.): A Companion to Josephus, Chichester 2016, S. 261–272, hier S. 261f. (PDF). Steve Mason: Life of Josephus (= Flavius Josephus, Translation and Commentary. Band 9). Brill, Leiden / Boston / Köln 2001, S. 15.): „Unter strenger Selbstzucht und mit vielen Mühen durchlief ich alle drei.“Flavius Josephus: Aus meinem Leben (Vita), 11. Danach habe er sich für drei Jahre der Leitung eines Asketen namens Bannus anvertraut, der sich in der Judäischen Wüste aufhielt.Die Formulierung des Josephus lässt die Option offen, dass er nicht bei Bannus lebte, sondern diesen von Jerusalem aus öfter besuchte. Das würde die chronologischen Probleme reduzieren, die man mit diesen Angaben der Vita hat: insgesamt drei Lebensjahre für eine wie auch immer geartete Ausbildung durch Pharisäer, Sadduzäer und Essener plus drei Jahre als „Nacheiferer“ des Bannus. Vgl. den Kommentar in: Flavius Josephus: Aus meinem Leben (Vita). Kritische Ausgabe, Übersetzung und Kommentar. Hrsg. von Folker Siegert, Heinz Schreckenberg, Manuel Vogel, Tübingen 2011, S. 27, Anm. 17 und 18. Die Bannus-Episode ist ein Beispiel dafür, wie Josephus den Leser zu transkulturellen Lektüren einlud:Honora Howell Chapman: Josephus. In: Andrew Feldherr (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Roman Historians, Cambridge University Press, Cambridge 2009, S. 319–331, hier S. 320. Vgl. Albert I. Baumgarten: Josephus and the Jewish Sects. In: Honora Howell Chapman, Zuleika Rodgers (Hrsg.): A Companion to Josephus, Chichester 2016, S. 261–272, hier S. 269. Steve Mason: Life of Josephus (= Flavius Josephus, Translation and Commentary. Band 9). Brill, Leiden / Boston / Köln 2001, S. 19f.

In der jüdischen Tradition steht die Wüste als Ort religiöser Erfahrung hauptsächlich im Zusammenhang mit der in der Bibel beschriebenen 40-jährigen Wanderung der Israeliten durch die Sinai-Halbinsel nach dem Auszug aus Ägypten. Häufige Übergießungen mit kaltem Wasser, wie von Bannus praktiziert, waren im Rahmen griechisch-römischer Badekultur ohne weiteres verständlich. Die Vorstellung eines in Baumrinde gekleideten Vegetariers gab dem Ganzen allerdings eine exotische Note: Herodots Beschreibung von Indern und Skythen klingt an.