Unter einem Phraseologismus, einem Phrasem oder einem Idiom versteht man in der Sprachwissenschaft eine zu einer festen Form verwachsene Wortfolge. Die Bedeutung eines solchen sprachlichen Fertigbausteins geht in der Regel über die rein wörtliche Bedeutung seiner einzelnen Bestandteile hinaus. Ein Phraseologismus kann daher nicht wortgetreu in andere Sprachen übersetzt werden.Natalie Gschiel: Französische Phraseologismen und ihre deutsche Übersetzung: Dargestellt am Roman Je m’en vais von Jean Echenoz. Diplomarbeit, Klagenfurt 2013 Volltext
Zu der Kategorie der Phraseme gehören vor allem Redensarten und Sprichwörter. Die Teildisziplin der Linguistik, die sich mit Phrasemen befasst, heißt Phraseologie.
Parömiologie ist die spezielle Bezeichnung für Sprichwort-Forschung. Parömiologen untersuchen Sprichwörter sowohl unter linguistischen als auch unter volkskundlichen Gesichtspunkten.
Das Kunstwort Phraseologismus ist von Sprachwissenschaftlern aus terminologischen Gründen aus den Wortformen („Ausdruck“), („Wort“) und dem Suffix -ismus () in den 1980er Jahren gebildet worden.Wolfgang Fleischer: Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache. VEB Bibliografisches Institut, Leipzig 1982, ISBN 3-484-73032-3. Phraseologismen sind und waren immer geschichtlicher Entwicklung unterworfen. Gegenwartssprachliche Phraseologismen sind leichter verständlich, wohingegen historische schwieriger zu erschließen sind. Die Teildisziplin der Phraseologie, die sich mit solchen historischen Phraseologismen befasst, nennt sich entsprechend historische Phraseologie.
Die Phraseologie ist in ihrer Gesamtheit eine weit erforschte Thematik, die seit den 1980er-Jahren zunehmend das Interesse von Sprachforschern weckt. Jedoch werden Wortverbindungen der Phraseologie nicht immer auf gleiche Weise definiert bzw. die Begrifflichkeiten nicht einheitlich verwendet.
Merkmale Die drei Hauptkriterien, die zur Beschreibung von Phraseologismen verwendet werden, sind Polylexikalität Festigkeit (Stabilität) und Idiomatizität
Weitere (sekundäre) nennenswerte Eigenschaften eines Phraseologismus sind Bildlichkeit, Bildhaftigkeit, Lexikalität, Unschärfe und Expressivität (also etwa Ausdrucksstärke, Aussagekraft).
Polylexikalität Ein Phraseologismus muss aus mindestens zwei lexikalischen Einheiten bestehen. Eine Maximalgröße existiert nicht (gehen sie in ihrer Struktur allerdings über Satzlänge hinaus, gehören sie nicht mehr zum phraseologischen Bestand). In der Forschung ist man sich uneinig darüber, ob Phraseologismen Autosemantika (bedeutungstragende Wörter) beinhalten müssen, oder ob eine minimale feste Wortverbindung auch aus zwei Synsemantika (bedeutungslose oder -schwache Wörter) bestehen kann. Dieses Postulat, dass ein Phraseologismus aus mindestens zwei Komponenten bestehen muss, kann jedoch durch das Vorhandensein von sogenannten Einwortphraseologismen scheinbar in Frage gestellt sein: Ein „Haarspalter“ ist deshalb phraseologisch, da er „Haare spaltet“ und ohne diesen Phraseologismus nicht denkbar ist.
Festigkeit Die Festigkeit (oder Stabilität) kommt als formale, lexikalische und semantische Festigkeit vor. Unter formaler Festigkeit versteht man die Eigenschaft eines Phraseologismus, syntaktisch nicht umstellbar zu sein (z. B. „Hab und Gut“ versus „Gut und Hab“). Durch die lexikalische Festigkeit werden die einzelnen Komponenten als nicht austauschbar markiert (z. B. „wie Katz und Maus“ versus „wie Katz und Ratte“). Die semantische Festigkeit besagt, dass der phraseologische Ausdruck als ganzer die Bedeutung trägt, im Gegensatz zur freien Bedeutung, wo die einzelnen Komponenten Bedeutungsträger sind.
Zusätzlich lassen sich weitere Arten der Festigkeit ausmachen, welche die genannten erweitern:
Die psycholinguistische Festigkeit, welche besagt, dass Phraseologismen wie andere Lexeme im mentalen Lexikon fest verfügbar sind und reproduziert werden können. Unter pragmatischer Festigkeit versteht man die Eigenschaft von Phraseologismen, an bestimmte Situationen (Routinen) gebunden zu sein.
Die Festigkeit ist ein relatives Kriterium, das heißt, dass Phraseologismen in unterschiedlichem Maß modifiziert werden können. Dies geschieht vor allem in der mündlichen Alltagssprache, in Medientexten (z. B. in der Werbesprache) und in literarischen Texten (einschließlich Liedtexten).
Idiomatizität Unter der Idiomatizität versteht man die semantische Umdeutung einzelner Komponenten oder des ganzen Phraseologismus. Die einzelnen Komponenten geben ihre freie Bedeutung zugunsten einer neuen Bedeutung auf. Die Idiomatizität ist ebenfalls ein relatives Merkmal, denn sie ist einerseits abhängig von Kontext und Vorwissen (vor allem wenn unikale Komponenten auftreten, also Wörter, die in der heutigen Sprache keine freie Bedeutung mehr haben, z. B. „Maulaffen feilhalten“, „jemanden ins Bockshorn jagen“), andererseits ist sie graduell stufbar. So existieren Voll-Idiome (Ausdruck als ganzer ist umgedeutet, z. B. „jemandem reinen Wein einschenken“) Teil-Idiome (nur einzelne Komponenten sind umgedeutet, andere bleiben in ihrer wörtlichen Bedeutung, z. B. „blinder Passagier“) Nicht-Idiome oder Kollokationen (die Komponenten werden nicht umgedeutet, z. B. „Zähne putzen“)
Der Germanist Harald Burger stellt fest, dass phraseologische Ausdrücke zwei gemeinsame Merkmale haben: Zum einen bestehen sie aus mehr als einem Wort und zum anderen handelt es sich um Kombinationen von Wörtern, die uns als Deutschsprechenden genau in dieser Kombination (eventuell mit Varianten) bekannt sind. Solche Ausdrücke, die diese beiden Eigenschaften besitzen, werden von Burger „Phraseme“ genannt. Dabei sei darauf hingewiesen, dass einige Linguisten den Begriff „Phrasem“ statt „Phraseologismus“ verwenden, wobei allerdings häufig das gleiche sprachliche Phänomen gemeint ist. Nach Werner Scholze-Stubenrecht handelt es sich bei Phraseologismen um eine „unscharfe Gruppe sprachlicher Erscheinungen“ (Scholze-Stubenrecht 2014: 285), die sich durch Uneinheitlichkeit in der Terminologie auszeichnen.
Die lexikalischen Bestandteile der Phraseme werden Komponenten genannt. Als Beispiele für Phraseologismen werden von Burger u. a. genannt: jmdm. einen Korb geben, an jmdm. einen Narren gefressen haben, sich die Haare raufen, blinder Passagier, hin und her und Guten Appetit. Der Ausdruck Guten Appetit kann insofern als Phraseologismus verstanden werden, als dass es sich um eine feste Höflichkeitsformel zur Einleitung einer gemeinsamen Mahlzeit handelt und nicht um eine willkürliche Zusammenstellung zweier Komponenten. Der Ausdruck wird demnach nicht als freie Wortverbindung verstanden.
Weite und enge Auffassung von Phraseologismen Es ist anzumerken, dass in der Linguistik eine Unterscheidung zwischen Phraseologie im weiteren Sinne und Phraseologie im engeren Sinne vorgenommen wird. Nach Burger bilden diejenigen Phraseme den Bereich der Phraseologie im weiteren Sinne, die die Eigenschaften Polylexikalität und Festigkeit besitzen. Unter Polylexikalität ist zu verstehen, dass ein Phrasem aus mehr als nur einem Wort besteht, also mehrere Komponenten aufweist. Es handelt sich also um Mehrworteinheiten, d. h. es sind mindestens zwei Komponenten nötig, um eine phraseologische Wortverbindung auszumachen. Festigkeit beschreibt die Eigenschaft, dass wir das Phrasem in genau dieser (oder in einer ähnlichen) Kombination von Wörtern kennen und es in der Sprachgemeinschaft in dieser Form gebräuchlich ist. Es wird also in seiner Form häufig wiederholt. Dies wird als zentrales Kriterium der Phraseologie verstanden. Busch/Stenschke definieren Phraseologismus ebenfalls als „eine Verbindung von zwei oder mehr Wörtern, die in der Sprachgemeinschaft ähnlich wie ein Lexem als feste Verbindung mit einer eigenen, festen Bedeutung verwendet wird“. Hierbei wird klar das Hauptaugenmerk auf die Festigkeit solcher Verbindungen gelegt. Phraseologismen zeichnen sich demnach durch ihre Lexikalität aus.
Phraseologie im engeren Sinne beschreibt hingegen Wortverbindungen, bei denen zu den beiden Eigenschaften Polylexikalität und Festigkeit noch eine dritte hinzukommt, und zwar die der Idiomatizität. Das bedeutet, dass die Komponenten eines Phrasems „eine durch die syntaktischen und semantischen Regularitäten der Verknüpfung nicht voll erklärbare Einheit bilden“. Demnach sind phraseologische Wortverbindungen im engeren Sinne Ausdrücke, deren Bedeutung nicht aus der Bedeutung der einzelnen Bestandteile hergeleitet werden kann, da diese Komponenten oft nicht wörtlich verstanden werden können. Zieht man die feste Wortverbindung Öl ins Feuer gießen als Beispiel heran, wird erkennbar, dass es nicht wirklich darum geht, Öl in Feuer zu gießen, sondern darum, einen Konflikt zu verschärfen. Die Gesamtbedeutung des Phrasems kann folglich nicht aus den einzelnen Bestandteilen erschlossen werden, da der Ausdruck eine übertragene Bedeutung aufweist. Phraseologische Ausdrücke haben insofern eine eigene, feste Bedeutung. Daher lernen wir diese sprachlichen Phänomene als zusammengehörige Einheiten, weil sie als feste Verbindungen verwendet werden und uns das Wissen über die Bedeutungen der einzelnen Bestandteile nicht die Bedeutung des gesamten Ausdrucks verstehen lässt.
Des Weiteren werden die morphologischen Eigenschaften der Phraseme von einigen Linguisten z. T. unterschiedlich charakterisiert. Lüger empfindet Phraseme als eine „sprachliche Ausdruckseinheit aus wenigstens zwei Wörtern, wobei mit dem Begriff ‚Wort‘ nur Lexeme mit eigenständiger Bedeutung (Autosemantika) […] gemeint sind“ (Lüger 1999: 6). Demnach seien Funktionswörter auszuschließen. Er betrachtet also Wortverbindungen wie auf Anhieb oder bis zum Hals nicht als Phraseme. Ausdrücke wie Rotes Kreuz oder Schwarzer Markt wären seiner Auffassung nach als Phraseme zu bewerten (vgl. Lüger 1999: 6). Nach Wolfgang Fleischer ist bei Phrasemen mindestens ein Inhaltswort zu erwarten, das „Basiselement“ (Fleischer 1997: 83). Das bedeutet, dass bei der phraseologischen Verbindung auf Anhieb das Wort Anhieb das Basiselement des Phrasems darstellt. Manche Linguisten verstehen nur ganze Sätze als Phrasem und verwenden für nicht satzwertige Wortverbindungen andere Begrifflichkeiten (vgl. Lothar Lemnitzer 1997: 89).
Zudem wird die Idiomatizität häufig als semantisches Kriterium der Phraseologie angeführt. Dabei wird unterschieden zwischen idiomatischen Verbindungen (auch Idiome genannt), teil-idiomatischen und nicht-idiomatischen Wortverbindungen. Unter nicht-idiomatischen Wortverbindungen werden von manchen Linguisten, darunter auch Burger (2015), Kollokationen verstanden. Ausdrücke wie etwas über Bord werfen und roter Faden sind als voll-idiomatisch zu bewerten, während blinder Passagier ein Teil-Idiom ist und Maßnahmen treffen und stolzer Vater als nicht-idiomatisch zu charakterisieren sind. Idiomatizität wird oft mit Nichtmotiviertheit gleichgesetzt, was bedeutet, dass Wortverbindungen wie etwas über Bord werfen nicht motiviert, also nicht verständlich und intransparent sind, wohingegen stolzer Vater durch die eindimensionale Lesart motiviert ist. Nicht-idiomatische Verbindungen sind demnach motiviert, da sie wörtlich verstanden werden können und ihre Bestandteile eine eigene Bedeutung haben, woraus sich die Gesamtbedeutung einer solchen Verbindung erkennen lässt.