mini|Die Straße Garlick HillEcke Great St. Thomas (1961)
Garlick Hill, zu deutsch „Knoblauchhügel“, bezeichnet eine Straße in der City von London sowie das auf dieser Erhebung befindliche Viertel. Die Gegend war mehr als 100 Jahre lang Mittelpunkt einer der bedeutendsten Welthandelsplätze für Pelzfelle (Rauchwaren), 23 Jahre mit dem Schwerpunkt des Auktionshauses Beaver House. Das geografische Viertel, im Süden von der Themse begrenzt, reicht bis zur Bow Lane im Norden, Basing Lane im Westen und Turn Base Lane im Osten.Edward Pugh: London, by David Hughson. J. Stratford, London. 1806. Abgerufen am 15. Juni 2020.
Die Straße mini|Garlick Hill, Ecke Great St. Thomas Apostle (2005)
Die nahe der Themse gelegene, 156 Meter lange Straße Garlick Hill erhielt ihren Namen von der hier früher ansässigen „Garlick Hythe“, einer Werft, an der, folgt man dem Namen, in besonderem Umfang Knoblauch entladen wurde.Streetlist.co: Garlick Hill in The City. Abgerufen am 14. Juni 2020.Gillian Bebbington: Street Names of London. Batsford, London, 1972, S. 139 (englisch). ISBN 978-0-333-28649-4 Im Norden reicht sie bis zur fünffachen Kreuzung mit der U-Bahnstation „Mansion House“, im Süden endet sie an der Skinners Lane. Das Straßenstück Skinners Lane, vormals Maiden Lane, war auf Vorschlag des seinerzeit dort ansässigen Rauchwarenhändlers Francis Weiss (1893–1982) in Skinners Lane, deutsch Kürschner- oder Gerbergasse, umbenannt worden.Johanna Kroll: Am 1. Juni 1974: 100 Jahre Firma Max Weiss & Son, London. In: Pelz-International Nr. 6, Juni 1974, S. 47 ff. Wie die meisten Gassen des Viertels ist die Straße Garlick Hill recht schmal, für Kraftfahrzeuge ist sie nur in nördlicher Fahrtrichtung zugelassen.
Der englische Schriftsteller Geoffrey Chaucer (um 1343–1400) wurde in dem Viertel geboren. Er wuchs in einem Umfeld auf, in dem Englisch und Französisch gleichermaßen gesprochen wurde, da hier viele Händler aus Bordeaux lebten. Sie verkauften im 14. Jahrhundert Gascogne-Weine in der Preislage nicht über vier Pence die Gallone, Rheinweine nicht über 6 Pence.
Der walisische Schriftsteller Leslie Thomas beschrieb das Viertel im Jahr 1965 ironisierend: „Die Romantik Londons besteht nicht nur in ihrer Vergangenheit. Es gibt herzerwärmende Szenen im heutigen London …:“
„Garlick Hill ergießt sich von den neuen Betonfassaden der City steil herab und nimmt einen ganzen Wasserfall vom alten London mit. Höfe, von Gaslaternen spärlich beleuchtet, gepflasterte Gassen, dunstige Gänge, Kneipen und geduckte Gebäude fallen hier zur Themse ab. Leute gucken verstohlen um die Ecken und verschwinden in seltsamen Löchern unter den Gebäuden, wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. Durchgänge führen in andere Durchgänge und diese wiederum nirgendhin - an eine Querwand. Da ist eine Kirche mit einem richtigen Skelett im Schrein und in alten Stein gemeißelte Erinnerungen an »Ye Late Dreadfull Fyer«.“ […]
„Es ist der Geruch von Nerz, Biber, Eisfüchsen, Leoparden, Tigern und Polarbären, der Weihrauch der Millionäre, der hier von den Stellagen und Regalen der gebeizten Felle in die Nase steigt. »der Geruch?«, sagt Rubin in der Salt Beef Bar, wo er in sein Sandwich beißt, »ich sage ihnen, es ist der unangenehmste Geruch der Welt. Wenn wir heimkommen, können uns unsere Ehefrauen nicht ausstehen, thank god, und alle Hunde folgen uns auf der Straße«.“
„Juden von Leipzig und Budapest, von Riga und Leningrad, von all den früheren großen Pelzzentren sind hier gelandet, um in diesen schmalen Gassen zu arbeiten und Geschäfte zu machen. Auch Armenier und Deutsche und Litauer rennen rein und raus in des anderen Geschäft oder Laden, gestikulierend und drohen zu sterben, wenn der Preis noch weiter steigt, sie rauchen Zigarren und klagen in ihren pelzgefütterten Mänteln: »Sie können mir glauben, mir ist heiß wie in einem Ofen«.“Leslie Thomas: Street of Mink. In Evening News, undatierter Zeitungsausschnitt, Datierung (1965) und Zuordnung anhand eines Leserbriefs von Jury Fränkel vom 19. November 1965 (Durchschrift) (Sammlung C. & G. Franke) (englisch).
Diese Glosse von Leslie Thomas veranlasste den ansonsten humorvollen Pelzhändler Jury Fränkel zu einem empörten Antwortschreiben wegen ihres „geschmacklosen Inhalts“, neben anderem: „Je mehr die Felle rochen, zu umso schöneren Pelzen wurden sie und erfreuten viele Frauen, spornten sie zu neuem Familienglück an und leimten oft angeknackste Gefühle“.Leserbrief an: Mr. Leslie Thomas, c/o Evening Newa, Carmelite House, London E.C.4, 19. November 1965 (Sammlung C. & G. Franke).
Am Fuß des Garlick Hill, an der Ecke der Skinners Lane und schräg gegenüber dem „Royal Bank Centre“, befindet sich die Pfarrkirche „St James Garlickhythe“. Ihre erste Erwähnung fand die Kirche um 1100, nach dem großen Brand von London wurde sie 1682 neu errichtet. Abgesehen von „St Paul’s Cathedral“ hat sie den höchsten Deckenraum der Stadt. Zur Kirche gehören zwei Tafeln, die Mitarbeitern der als Pelzhandelsgesellschaft gegründeten „Hudson’s Bay Company“ gedenken, die in den beiden Weltkriegen ihr Leben verloren haben. Zuletzt abgerufen am 7. Oktober 2019.
Einige Jahre lang wurde in einem Sarg in der Kirche die einbalsamierte, mumifizierte Leiche eines jungen Mannes gezeigt, der 1839 bei Ausgrabungen gefunden wurde. Da niemand wirklich wusste, um wen es sich handelte, bezeichnete ihn der Volksmund im Lauf der Jahre als „Old Jimmy Garlick“.Peter Underwood: Haunted London. Amberley Publishing, Gloucestershire, 2009, ISBN 978-1-84868-262-7 (englisch). Abgerufen am 15. Juni 2020.
Im Jahr 1742 eröffneten „Keens & Sons“ auf der Straße die erste Senffabrik Londons. Keens ist inzwischen eine Marke von „McCormick Foods Australia Pty Ltd“, der australischen Niederlassung des amerikanischen, weltweit größten Gewürzherstellers „McCormick & Company“.. Abgerufen am 14. Juni 2020. Das Haus Nr. 20, ehemals ein Schwerpunkt der Weinhändler, beherbergt das Hotel mit Restaurant „Vintry & Mercer“.Homepage Vintry & Mercer. Abgerufen am 14. Juni 2020. Das Hotel, Restaurant und Pub „Three Cranes“ (Drei Kraniche), befindet sich in dem georgianischen Gebäude Hausnummer 28.Homepage Three Cranes, (englisch). Abgerufen am 15. Juni 2020.
Der Abriss der Hausnummern 21 und 26 begann Anfang Februar 1988, „Eine entzückende Kollektion alter Londoner Architektur und nicht zuletzt das Ende einer Epoche des Londoner Zentrums“.Garlick Hill has come down. In: Winckelmann International - Fur Bulletin 2114, Winckelmann Publications Ltd. London, 5. Februar 1988, S. III.
Die Kürschner mini|Pelzsalon eines Londoner Kürschners (Ende 19. Jh.)
Von jeher hatte die Kürschnerei in London eine große Bedeutung., sowohl im Einzel- wie auch im Großhandel. Der Detailhandel befand sich hauptsächlich im Westend, der Großhandel in den Querstraßen der Cheapside und in der Aldersgatestreet.
Anders als in den meisten Weltzentren des Rauchwarenhandels, wie vormals am Leipziger Brühl oder im New Yorker Pelzdistrikt und später im Pelzzentrum Niddastraße in Frankfurt am Main, hatten sich die Londoner Kürschner mit Einzelhandel nicht wesentlich im Viertel der Pelzgroßhändler angesiedelt. Das mag zum einen daran gelegen haben, dass die Kürschner, die immer vor allem den örtlichen Bedarf bedienten, bereits vor dem Weltgroßhandel in der Londoner City tätig waren. Vor allem aber bietet sich der Garlick Hill mit seinen schmalen Gassen nicht vorrangig für repräsentative Ladenlokale an. Der Markt der Skinner befand sich auf der St. Mary Axe bei der Kirche St. Andrew Undershaft, in der Nähe des heutigen Wolkenkratzers 30 St Mary Axe. Ein weiterer Platz mit Kürschnern war Budge Row, aber auch das spätere Welt-Rauchwarenhandelszentrum Garlick Hill. Sowieso waren in früheren Zeiten die Londoner Kürschner gleichzeitig auch Rauchwarenhändler. Wie Francis Weiss bemerkte, waren die vom König gnädig als „werte Männer unserer Stadt London genannt Skinner“ bezeichneten aber ohnehin nur „einen Steinwurf weit“ vom modernen Pelzhandelszentrum entfernt.
Die Berufsbezeichnung „Skinner“, im 20. Jahrhundert aus dem englischen Sprachgebrauch ganz verschwunden,Elsbeth M. Veale, S. 205. wurde anfangs auf alle angewendet, die in irgendeiner Weise mit Häuten und Pelzen zu tun hatten, sie umfasste eine außergewöhnliche Vielfalt von wirtschaftlichen Aktivitäten und unterschiedlicher sozialer Klassen innerhalb der Branche. Die reichsten Londoner Skinner gehörten zu den wohlhabendsten Bürgern der Stadt. Robert Persone war einer der drei reichsten Männer Londons im Jahr 1319; die herausragendsten, wie Thomas Legge, der zweimal Londoner Bürgermeister und dreimal Abgeordneter war, hatten ihren Platz unter den bedeutendsten Bürgern ihrer Zeit. Während es in den Kreisen, welche die Stadtgesellschaft dominierten, immer Skinner gab, waren die meisten einfachere Leute, ein Ladengeschäft konnten sie sich nicht leisten. Sie lebten teils ärmlich in gemieteten Zimmern und kämpften, mit wenig oder ohne Besitz, mit Näharbeiten um ihren Lebensunterhalt. Sie verarbeiteten Kundenmaterial in ihren oder ihrer Auftraggeber Wohnungen.Elsbeth M. Veale, S. 78–81, 89.
Waren die Interessen der Kaufleute oder Kleinmeister auch unterschiedlich, die technischen Ausbildung der nächsten Generation von Meistern war immer eine wichtige Aufgabe der Arbeit der Skinner. Einige Männer, die das Handwerk als Lehrlinge erlernt hatten, wurden direkt von den Kürschnern angestellt und erwarteten normalerweise, selbst einmal Meister zu werden. Zum Nähen der Häute genügten weniger qualifizierte Kräfte, und es ist wahrscheinlich, dass für diese Arbeit nicht so umfassend ausgebildete Menschen beschäftigt waren. Lehrlinge konnten bereits während ihrer Ausbildung schnell mit dem Nähen von Pelzen beschäftigt werden. Einige von ihnen arbeiteten nach Ausbildungsbeginn zwei oder drei Jahre an den Pelzen für die Krönung Heinrichs III. im Jahr 1509 und erhielten dafür 6 Pence. pro Tag, der gleiche Lohn wie ein erfahrener Mann.Elsbeth M. Veale, S. 93. Die Mitarbeit an der Königsrobe war vielleicht die gefragteste Aufgabe der Kürschner, sie war immer auf eine beträchtliche Anzahl von Leuten verteilt. Die 281-Tage-Arbeit im Jahr 1483 für die Pelze von Richard III. wurde unter 15 Personen aufgeteilt, sie musste bis zur Krönung innerhalb von elf Tagen fertig werden.Elsbeth M. Veale, S. 81–82.
Die starke Nachfrage nach Pelzen im späten 13. Jahrhundert ermöglichte einigen Kürschnern sich ein florierendes Geschäft aufzubauen und den königlichen Markt zu erobern. Der Erwerb der teuren Importfelle, die wegen der Sortierung in großen Mengen eingekauft werden mussten, die Beschäftigung von Zurichtern und Schneidern sowie die unsichere Zeit der Lagerhaltung bis zum Weiter- oder Endverkauf erforderten viel Kapital. So entwickelten sich einige Kürschner zu Fellhändlern oder Pelzkonfektionären.Elsbeth M. Veale, S. 83–84.
Aus dem Jahr 1297 ist überliefert, dass bei einer königlichen Proklamation bezüglich Abgaben zur Reparatur der Stadtmauer 19 Skinner anwesend waren. Wie andere Gilden auch unterhielten die Kürschner eine State Barke, einen Kahn für Repräsentationszwecke bei Schiffsprozessionen, unter anderem bei einem königlichen Besuch oder nachdem ein neuer Bürgermeister gewählt wurde, des Öfteren war dies ein Kürschner. Der Brauch ist seit 1453 bekannt, die erste Erwähnung für eine eigene State Barke der Skinner findet sich für 1655, die letzte wurde im Jahr 1858 verkauft.