mini|Wolfram von Eschenbach,Autorbild als Ritter im Codex Manesse mini|Denkmal in Wolframs-Eschenbach, gestiftet 1860 von König Maximilian II. von Bayern mini|Wolfram von Eschenbach,Statue auf der Burg Abenberg
Wolfram von Eschenbach (* um 1170 bzw. 1160/1180 in Franken, wahrscheinlich in Obereschenbach (heute Wolframs-Eschenbach); † um/nach 1220) war ein deutscher Dichter. Die mittelhochdeutsche Literatur verdankt ihm mehrere epische Werke. Überdies verfasste er als Minnesänger lyrische Dichtungen. Als sein berühmtestes Werk gilt der Versroman Parzival.
Leben Was man über Wolframs Leben zu wissen meint, ist aus Hinweisen in seinen eigenen deutschsprachigen Dichtungen und aus Äußerungen zeitgenössischer Autoren und seinem Werk Parzival erschlossen. Aus seinem Namen lässt sich ableiten, dass er aus einem Ort namens Eschenbach stammte. Geographische Anspielungen im Parzival legen nahe, dass es sich um Obereschenbach bei Ansbach (heute Wolframs-Eschenbach) handelt. Es ist kein Adelsgeschlecht aus diesem Ort bekannt. Er selbst bezeichnete sich als „ritterbürtig“ (Parzival 115,11 und 337,30) und als Baiern – deshalb könnte sein Herkunftsort im damaligen bairischen Nordgau gelegen haben.Zur Problematik von wir Beier Hermann Reichert: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Band 2: Untersuchungen. S. 95–97. Albrecht, der Dichter des ‚Jüngeren Titurel‘, erwähnte ihn als seinen Freund von Bleyenfelden, einem Ort, der vermutlich mit dem heutigen, damals im Grenzgebiet des Nordgaus gelegenenGottfried Mertens: Markt Pleinfeld. Ein Blick in die Vergangenheit. Eichstätt 1984. S. 37. Pleinfeld identisch ist.
Es ist bekannt, dass Wolfram in seinem Leben an zahlreichen Höfen Dienst tat. Mit Sicherheit stand er in Verbindung mit dem Grafen von Wertheim sowie dem Landgrafen Hermann I. von Thüringen.
Niederschrift des Parzival Der Hinweis Wolframs im Parzival: „min herre der grave von Wertheim“ ist die Grundlage zu der Annahme, dass er den Versroman zum Teil im Auftrag des genannten Grafen schrieb. Die Niederschrift, die nach herrschender Meinung zwischen 1200 und 1210 erfolgte, fällt demnach in die Regierungszeit des Wertheimer Grafen Poppo II. ab 1212: „Es ist anzunehmen, daß Graf Poppo, der [seit 1190] in der Umgebung Kaiser Heinrichs VI. weilte, der als Minnesänger bekannt ist, sich ebenfalls für die höfische Dichtung der Zeit interessiert hat.“ Vermutet wird, „daß Wolfram als Ministerialer der Wertheimer Grafen Güter in Obereschenbach und Pleinfeld bei Ansbach zu Lehen hatte, denn Wertheimer Besitz und Hoheitsrechte sind an jenen Orten und in der betreffenden Zeit und auch noch später urkundlich bezeugt.“Hermann Ehmer: Geschichte der Grafschaft Wertheim. Verlag E. Buchheim, Wertheim 1989, ISBN 3-924611-11-4, S. 36.
Für die Herren von Dürn, denen die im 5. Buch des Parzival erwähnte Burg Wildenberg im Odenwald gehörte, könnte er einen weiteren Teil des Parzival verfasst haben. Neueren Forschungen zufolge unterstand die Wildenburg im fraglichen Zeitraum jedoch nicht den (infolge des Deutschen Thronstreits damals ins Ausland geflüchteten) Herren von Dürn, sondern höchstwahrscheinlich den Grafen von Wertheim, so dass sich Wolfram in seiner überlieferten Eigenschaft als deren Gefolgsmann und nicht als Gast derer von Dürn, wie bislang – ohne urkundlichen Rückhalt – angenommen wurde, auf der Burg Wildenberg aufgehalten haben könnte.
Noch während Wolframs Arbeit am Parzival erscheint als sein Mäzen Hermann I., Landgraf von Thüringen, ein bedeutender Förderer der deutschen Literatur seiner Zeit. Bemerkungen über Landgraf Hermann und den thüringischen Hof finden sich öfter als über andere historische Personen: Die Schilderung von Problemen am dortigen Hof im sechsten Buch des Parzival setzt voraus, dass Wolfram dort, gleichzeitig mit Walther von der Vogelweide, anwesend war; das dreizehnte Buch nennt Kontakte mit dem thüringischen Hof, die Wolfram während seiner Abwesenheit unterhielt; den Willehalm schrieb er im Auftrag Hermanns. Dessen Tod erwähnt er im Willehalm; nicht lange danach brach er die Arbeit an diesem Werk ab.Parzival 297,16 ff.; 639,12; Willehalm 3,8 f.; 417,22 ff. Ulrich von Türheim, der den Willehalm fortsetzte, behauptet, Wolfram sei über dem Werk verstorben. Dies legt nahe, dass der fragmentarische Charakter des Willehalm auf den Tod Hermanns oder Wolframs zurückzuführen ist.
Wissen und Bildung Umstritten ist, über welche Bildung Wolfram verfügte.Vgl. auch Herbert Grundmann: Dichtete Wolfram von Eschenbach am Schreibtisch? In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 49, 1967, S. 391–405. Und dazu: Dennis H. Green: Excursus III: Dichtete Wolfram von Eschenbach am Schreibtisch? In: Dennis H. Green, Leslie P. Johnson (Hrsg.): Approaches to Wolfram von Eschenbach. Bern 1978, S. 265–271. Er gibt sich programmatisch als Verächter des gelehrten Buchwissens.Vgl. auch Edwin H. Zeydel: Wolfram von Eschenbach und „diu buoch“. In: Euphorion. Band 48, 1954, S. 210–215. Einer Äußerung im Parzival wird oft die Bedeutung unterlegt, er bezeichne sich selbst als Analphabeten. Diese Interpretation ist nicht wahrscheinlich; außerdem ist die betreffende Aussage wohl eher eine Kritik an einem nicht namentlich genannten Dichter, der seine schriftliche Quelle zu hoch wertet (offensichtlich Hartmann von Aue), und dient der Konstruktion einer spezifischen Autor-Rolle: der Rolle des Laiendichters, dessen Wertschätzung man als Ausdruck des wachsenden Selbstbewusstseins der höfischen Laiengesellschaft verstehen kann, für die Wolfram tätig war. Unbestreitbar ist, dass er über umfassende Kenntnisse aus der lateinischen Bildungstradition verfügte. Sein Werk ist durchsetzt mit sachkundig behandeltem Wissensstoff aus allen Bereichen (Naturkunde,Otto Unger: Die Natur bei Wolfram von Eschenbach. Philosophische Dissertation Greifswald, Greifswald 1912.Ulrich Eisenecker: Die Naturkunde im „Parzival“ Wolframs von Eschenbach. Magisterarbeit Universität Mannheim 1983. Geographie,Paul Kunitzsch: Die orientalischen Ländernamen bei Wolfram (Wh. 74,3 ff.). In: Werner Schröder (Hrsg.): Wolfram-Studien, II. Berlin 1974, S. 152–173. MedizinBernard D. Haage: Wolfram von Eschenbach. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1503.Bernhard D. Haage: Chirurgie nach Abū l-Qāsim im „Parzival“ Wolframs von Eschenbach. In: Clio Medica. Band 19, 1984, S. 193–205. Vgl. auch Bernhard D. Haage: Die Abulkasim-Rezeption bei Wolfram von Eschenbach. In: Bernhard D. Haage: Studien zur Heilkunde im „Parzival“ Wolframs von Eschenbach. 1992, S. 183–1975.Bernhard D. Haage: Studien zur Heilkunde im „Parzival“ Wolframs von Eschenbach. Kümmerle Verlag, Göppingen 1992 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 565), ISBN 3-87452-806-5. und AstronomiePaul Kunitzsch: Die Planetennamen im ‘Parzival’. In: Zeitschrift für deutsche Sprache. Band 25, 1969, S. 169–174.) und mit theologischen Reflexionen. Ausgedehnt waren auch seine Kenntnisse der zeitgenössischen französischen Sprache und Literatur.
Werk Heute gilt der Parzival als Wolframs berühmtestes Werk, häufig stuft man es als das wichtigste Epos dieser Zeit ein. Es ist das erste in deutscher Sprache erhaltene Werk, dessen Motiv der Heilige Gral ist. Geschildert wird die Geschichte zweier Helden: einerseits Parzivals Leben von seiner Kindheit über die Zeit als Artusritter bis zum Gralskönigtum, andererseits Gawans Geschichte, die das Gefüge des Artuskreises nicht übersteigt. Als Forschungsthese wird häufig angenommen, dass der Parzival die Immanenz der höfischen Gesellschaft durch die Abbildung auf eine universale Ebene aufbrechen soll.
Unmittelbar interpretierend und den Gegensatz Parzival–Gawan auf der universalen Ebene ausgleichend Friedrich von der Leyen:Wilhelm Hertz: Erzählungen des Mittelalters. Parzival. (Originalausgabe: W. H.: Parzival von Wolfram von Eschenbach. Cotta Stuttgart, 1930.) Band 1, Mundus-Verlag, Stuttgart 2002. Mit dem Nachwort von Friedrich von der Leyen, 1912, S. 431 f.
Wolfram benutzte bei der Abfassung des Parzival das Werk Perceval von Chrétien de Troyes, sein Werk ist (teilweise) eine sehr freie Bearbeitung des Perceval. Chrétiens Werk ist allerdings Fragment geblieben, es bricht in der Gawan-Handlung ab. Für das Ende von Wolframs Werk (das Ende der Gawan-Handlung, Parzivals orientalischen Bruder und seine Berufung zum Gralskönig) und auch für den Beginn (die Geschichte der Eltern Parzivals) ist keine Quelle nachweisbar, so dass allgemein Wolfram als direkter Urheber dieser Teile angesehen wird. Wolfram schreibt im Parzival jedoch, dass er Chrétiens Darstellung – die er nach eigener Angabe kannte – für falsch halte, und behauptet, dass er eine andere Quelle benutzt habe, einen provenzalischen Dichter namens Kyot. Über KyotVgl. auch Edwin H. Zeydel: Wolframs „Parzival“, „Kyot“ und die Katharer. In: Neophilologus. Band 37, 1953, S. 25–35. ist allerdings sonst nichts bekannt. In der Rezeptionsgeschichte des 20. Jahrhunderts dominiert die Auffassung, dass diese Quelle und deren Autor nicht existiert haben, sondern eine Fiktion Wolframs sind.
Daneben existiert eine Tradition, die im Parzival die Wiedergabe einer mündlich überlieferten Historie erblickt. Herbert Kolb hält Wolframs Gewährsmann Kyot für nachweisbar. Falsch ist die Theorie des Schweizer Anthroposophen Werner Greub (1909–1997), der in der Historisierung des Parzival so weit geht, dass die wichtigsten Schauplätze der Gralssuche lokalisierbar seien, die sich ihm zufolge im 9. Jahrhundert abgespielt hätte.
Weitere Dichtungen: In der nicht vollendeten Reimpaarerzählung Willehalm erzählt Wolfram die Geschichte Wilhelms des Heiligen, die ebenso Züge des höfischen Romans wie der heldenepischen Chanson de geste hat und durch die Betonung des Reichsgedankens und der Auseinandersetzung zwischen Christen und Heiden endzeitliche Züge erhält. Das Werk beruht auf einem provenzalischen Legendenstoff, der von Wolfram frei bearbeitet wurde. Das strophische Titurel-Fragment erzählt, als eine „Abzweigung“ des Parzival, Szenen aus der tragischen Liebesgeschichte von Sigune und Schionatulander. Wolfram verfasste neun Minnelieder; davon bilden die fünf Tagelieder den Höhepunkt dieser literarischen Gattung. Das Lied Guot wîp, ich bite dich minne entstand um 1200.
Wolframs Sprache unterscheidet sich vom Stil Hartmanns von Aue. Sie ist bildhaft, reich an Ironie und Pointen, wobei seine Syntax gedrängt und sperrig erscheint. Den von seinen Vorgängern entwickelten Erzählstil baut er aus. Typisch für ihn ist das sogenannte „hakenschlagende Erzählen“ sowie die Technik der Hybridisierung.
Wirkung Wolfram war der wirkungsreichste deutschsprachige Dichter des Mittelalters. Wolframs Titurel-Fragment hatte eine enorme Nachwirkung im späten Mittelalter: Die dafür erfundene Strophenform (die sog. Titurelstrophe) wurde von vielen Dichtern adaptiert. Das Fragment selber wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts von Albrecht zu einem ausführlichen Roman erweitert. Dieser Jüngere Titurel galt im Spätmittelalter als Wolframs eigenes Werk und begründete seinen Ruhm als bedeutendster aller Ritterdichter. Der Parzival ist die einzige Reimpaar-Dichtung, die noch nach 1470 im Buchdruck mehrere Auflagen erlebte. Der Stoff des Parzival bot Richard Wagner die Hauptquelle für die Schaffung des Librettos seiner Oper Parsifal. Wolfram selbst tritt als Figur in Wagners Oper Tannhäuser auf.
Die Literaturwissenschaft des 19./20. Jahrhunderts befasste sich sehr intensiv mit Wolfram, wobei sie ihn allerdings zeitweise nationalistisch überhöhte und gegen den angeblich „welschen“ Gottfried von Straßburg auszuspielen suchte.