mini|Otto von Bismarck, Fotografie von Jacques Pilartz, 1890.
Der Artikel Otto von Bismarck in Bad Kissingen behandelt die Kuraufenthalte von Reichskanzler Otto von Bismarck von 1876 bis 1893 in Bad Kissingen, das 1973 Große Kreisstadt des 1939 gebildeten unterfränkischen Landkreises Bad Kissingen werden sollte, beziehungsweise im Jahr 1874 in Hausen, das 1972 Stadtteil von Bad Kissingen werden sollte.
Bismarcks erster Kissinger Kuraufenthalt und Attentat (1874) mini|links|Das Attentat am 13. Juli 1874 mini|250px|Gedenktafel in der Bismarckstraße in Bad Kissingen
Otto von Bismarck war bei seinem ersten Kuraufenthalt in Bad Kissingen im Gästehaus von Edmund Diruf in der damaligen Saalestraße (heute Bismarckstraße 16) untergebracht.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 362–363.Peter Ziegler: Prominenz auf Promenadenwegen – Kaiser, Könige, Künstler, Kurgäste in Bad Kissingen. 2004, S. 114–122. Beim Gebäude handelt es sich um ein zweigeschossiges Haus im klassizistischen Stil. Heute befindet sich in dem Anwesen der Kissinger Hof.
Vor diesem Anwesen verübte der Böttchergeselle Eduard Kullmann am 13. Juli 1874 ein Attentat auf den Reichskanzler und feuerte zwei Schüsse ab, die lediglich zu einem Streifschuss an Bismarcks Hand führten.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 364–375.Peter Ziegler: Prominenz auf Promenadenwegen – Kaiser, Könige, Künstler, Kurgäste in Bad Kissingen. 2004, S. 115–117.Birgit Schmalz, Helena Scharf: Bismarck in Bad Kissingen. 2011, S. 11–13. In einer spontanen Rede an die Kurgäste erklärte Bismarck, die Sache sei zwar gerade nicht kurgemäß, aber das Geschäft bringe es eben so mit sich. Kullmanns Motiv für das Attentat auf Otto von Bismarck war dessen Kulturkampf gegen die katholische Kirche. Die Szene des Attentats wurde in der Folge mehrfach – angeblich nach Angaben von Augenzeugen – zeichnerisch dargestellt.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 365–367.
Der evangelische Stadtpfarrer hielt noch am gleichen Nachmittag einen Dankgottesdienst zum Überleben des Reichskanzlers ab; die jüdische Gemeinde sprach in der Synagoge ein Dankgebet.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 371. Durch ein Missverständnis geriet ein katholischer Geistlicher fälschlicherweise in den Verdacht, Bismarcks Kutsche aufgehalten und damit das Attentat ermöglicht zu haben.Peter Ziegler: Prominenz auf Promenadenwegen – Kaiser, Könige, Künstler, Kurgäste in Bad Kissingen. 2004, S. 116.
Im Gegensatz zum Attentat auf Otto von Bismarck in Berlin am 7. Mai 1866 durch Ferdinand Cohen-Blind löste das Attentat in Bad Kissingen in den bürgerlichen Kreisen Empörung aus.
Noch im Jahr 1874 fertigte Bildhauer Michael Arnold eine Gedenktafel aus carraranischem Marmor an.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 50.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 375.Werner Eberth: Michael Arnold. Ein Bildhauer des Spätklassizismus. 2001, S. 110. Die Tafel befindet sich an der Wand des ehemaligen Anwesens der Dres. Diruf.
Als Folge des Attentats musste sich Bezirksamtmann von Röder wegen des offenbar mangelhaften Personenschutzes für Bismarck rechtfertigen. Ferner führte das Attentat dazu, dass Bismarck seine künftigen Kuraufenthalte nicht mehr in Bad Kissingen, sondern im nahe gelegenen Hausen (heute Stadtteil von Bad Kissingen) absolvierte.
Als Sechsjähriger wurde Schriftsteller, Diplomat und Mäzen Harry Graf Kessler, der später als Student im Jahre 1890 an einem Festakt zu Ehren Bismarcks in Hausen teilnahm, Augenzeuge des Attentats.Peter Ziegler: Prominenz auf Promenadenwegen – Kaiser, Könige, Künstler, Kurgäste in Bad Kissingen. 2004, S. 123–132. Bereits im Jahr 1870 waren seine Eltern in Bad Ems Zeugen jener Szene zwischen dem preußischen König Wilhelm I. und dem Botschafter Vincent Benedetti geworden, die zur Emser Depesche und damit zum Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 führte.
Kuraufenthalte in Hausen (1876–1893) mini|Die Obere Saline in Hausen mini|Otto von Bismarck mit Arzt Ernst Schweninger sowie Reichshund Tyras II
Rückkehr Bismarcks nach Kissingen Nach dem Attentat herrschte in Bad Kissingen die Befürchtung, Bismarck würde nicht mehr nach Bad Kissingen zurückkehren. Im Jahr 1876 kehrte Bismarck zurück, absolvierte ab da seine Kuraufenthalte aber in der Oberen Saline im heutigen Bad Kissinger Stadtteil Hausen.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 376–398. Bismarck sah seine Rückkehr nach Bad Kissingen bewusst als Versöhnungsgeste gegenüber Bayern, das er im Deutschen Krieg von 1866 besiegt hatte.Werner Eberth: Beiträge zur Geschichte von Hausen und Kleinbrach. Band 2. 2010, S. 104–105. Der Reichskanzler pflegte gute Kontakte zum besiegten Bayerischen König Ludwig II. und gewährte ihm finanzielle Unterstützung; der König wiederum stellte dem Reichskanzler Personal, das dieser für die Tätigung von Amtsgeschäften benötigte.Werner Eberth: Beiträge zur Geschichte von Hausen und Kleinbrach. Band 2. 2010, S. 105–107.
Der unter Überarbeitung leidende Bismarck trat die Kuren auf dringenden Rat seiner Ärzte an, um seine nervösen Reizzustände zu behandeln, die unter anderem neuralgische Gesichtsschmerzen sowie Magen- und Darmbeschwerden verursachten.Birgit Schmalz, Helena Scharf: Bismarck in Bad Kissingen. 2011, S. 7–10. Zu diesem Zweck suchte er regelmäßig das nahe der Unteren Saline gelegen Salinenbad auf, wo eigens für ihn die Bismarcks-Badewanne installiert wurde. An der Salinenpromenade entstand die in einem Pavillon untergebrachte Bismarck-Waage, in der sich gegen Gebühr jeder Kurgast wiegen lassen konnte.
Bismarcks Arzt Ernst Schweninger überwachte persönlich die Einhaltung der Badekuren durch den Reichskanzler und bewirkte eine Änderung von Bismarcks Lebensgewohnheiten in Bezug auf Ernährung, Bewegung, Ruhe, Arbeit und Schlaf. Obwohl Bismarck bisweilen über die Tyrannei dieses „Dämons in ärztlicher Spielart“ stöhnte, sagte Bismarck am 16. August 1890 dem Würzburger Redakteur Anton Memminger, Schweninger sei „überhaupt der einzige Mensch in meinem Leben gewesen, der Macht über mich gewonnen hat und dem ich nahezu unbedingt Gehorsam leiste. Oh, ich bin dem Mann zu größtem Dank verpflichtet“. Am nächsten Tag äußerte Bismarck gegenüber Vertretern der Kissinger Bürgschaft: „Nächst Gott verdanke ich mein gutes Befinden und meine Gesundheit meinem [Leibarzt] Schweninger und Kissingen“. Gegen große Widerstände verhalf Bismarck Schweninger im Jahr 1885 zu einer Professur für Dermatologie an der Berliner Charité. Neben Schweninger konsultierte Bismarck auch den Kissinger Badearzt Oskar von Diruf.
mini|hochkant|Selbstporträt von Allers, 1894
Bismarck besuchte die Kissinger Innenstadt und Kuranlagen nur selten; stattdessen bevorzugte er die Ruhe der Hausener Umgebung und unternahm Spaziergänge in das nahe gelegene Altenburger Haus oder das Kaskadental. Zu diesem Zweck wurde eigens für Bismarck im Jahr 1876 der Bismarck-Steg über die Fränkische Saale errichtet.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 386.Werner Eberth: Beiträge zur Geschichte von Hausen und Kleinbrach. Band 2. 2010, S. 114–115. Zwei Gendarmen bewachten den Steg vor Neugierigen. Laut örtlicher Überlieferung wurde der Steg nach jedem Besuch Bismarcks wieder abgebaut.Werner Eberth: Beiträge zur Geschichte von Hausen und Kleinbrach. Band 2. 2010, S. 115. Im Jahr 1890 entstand die Fotografie Momentaufnahme von Hofphotograph Fritz Schumann – 1890 des kgl. siamesischen Hofphotographen Fritz Schumann, der in der Bad Kissinger Lindesmühlpromenade ein Fotoatelier betrieb. Gelegentlich passierte Bismarck den heutigen Bad Kissinger Stadtteil Garitz bei seinen Ausflügen zur Ruine Aura und wurde dabei von den Garitzer Bürgern begrüßt.Heinrich Hack: Garitz – Ein Heimatbuch, Herausgeber: Stadt Bad Kissingen, 1986, S. 172.
Im Jahr 1893 entstand der Bildband Unser Bismarck des Hamburger Zeichners Christian Wilhelm Allers, als dieser den Reichskanzler mehrere Wochen lang auf seiner Kur begleitete.Werner Eberth: Beiträge zur Geschichte von Hausen und Kleinbrach. Band 3, 2010, S. 95–100.Werner Eberth: Beiträge zur Geschichte von Hausen und Kleinbrach, Band 6. Theresienbrunnen-Verlag, Bad Kissingen 2022, S. 168–170 Der Bildband enthält neben Darstellungen des Reichskanzlers auch Darstellungen der lokalen Kursaison 1893 sowie von Alltagsszenen der Stadt.Werner Eberth: Beiträge zur Geschichte von Hausen und Kleinbrach. Band 3. 2010, S. 98–99. Bereits im Vorjahr 1892 war Allers' Bildband Bismarck in Friedrichsruh entstanden.Werner Eberth: Beiträge zur Geschichte von Hausen und Kleinbrach. Band 3. 2010, S. 96.
Im Rahmen eines Kommers, der im Altenburger Haus am 31. Juli 1891 von mehreren Studentenschaften zur Erinnerung an die Kriegsereignisse des Deutschen Krieges von 1866 abgehalten wurde, ehrten die Studenten den anwesenden Reichskanzler mit einer Darbietung des Liedes Die Wacht am Rhein.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 305–318. Schriftsteller, Diplomat und Mäzen Harry Graf Kessler, der im Alter von sechs Jahren das Kissinger Attentat auf Bismarck als Augenzeuge miterlebt hatte, war als Student einer der Teilnehmer am Festakt.
Sicherheitsmaßnahmen und Infrastruktur Auf genaue Anweisungen der Regierung von Unterfranken und Aschaffenburg an den Kissinger Bezirksamtmann wurde der Personenschutz verschärft.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 376–380. So wurde u. a. die Gendarmeriestation Obere Saline um einen Sergeanten und zwei Mann verstärkt.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 378. Die Infrastruktur wurde um eine Telegrafenstation (die 1997 wieder entfernt wurde), jedoch um keine PoststationWerner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 379. ergänzt.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 378–379.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 108–109.
Der britische Geheimdienst, der in London Umtriebe des kommunistischen Arbeiterbildungsvereins vermutete, fing nach einem Sicherheitsbericht vom 21. Juli 1878 drei aus Kissingen stammende Briefe ab, die in Colmar aufgegeben wurden.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 382. Die Briefe bezogen sich auf Bismarcks Rückkehr nach Berlin und ließen den Geheimdienst ein dort geplantes Attentat auf Bismarck vermuten. Der im Brief erwähnte Name Gaydaburowitsch wurde im Sicherheitsbericht als „Gaetano Urschwitz oder ähnlich klingend“ beschrieben, doch konnte nicht ermittelt werden, um wen es sich dabei handelte.
Im Jahr 1881 vermutete das Bayerische Staatsministerium des Innern „Internationale Aktionen der Sozialisten“, die in London Mordpläne vorbereiten würden.Werner Eberth: Bismarck und Bad Kissingen. 1998, S. 382–384. Tatbeteiligte aus Frankreich und Italien sollten in Kissingen als „feine Kurgäste“ auftreten. Der damalige Bezirksamtmann und Badkommissar Freiherr von Braun erhielt Weisung, Zusammenkünfte von Sozialisten zu unterbinden sowie ausländische Gäste verstärkt zu überwachen. Bezirksamtmann von Braun kontrollierte zwecks möglicher Attentate durch Sozialdemokraten die Fremdenbücher persönlich; die Kissinger Kurliste wurde zwecks Kontrolle täglich nach Berlin geschickt.