miniatur|Luftaufnahme von Carolinensiel (Mai 2012) miniatur|Das Carolinensiel vorgelagerte Harlesiel mit 1955 in Betrieb gegangenem Schöpfwerk Carolinensiel ist ein Stadtteil von Wittmund im gleichnamigen Landkreis in Niedersachsen. Namensgeberin des 1730 gegründeten Sielortes und Fischerdorfes war die Gemahlin Sophie Caroline des Ortsgründers Georg Albrecht von Ostfriesland.

Geografie Geografische Lage Carolinensiel ist der nördlichste Ortsteil von Wittmund. Er befindet sich zwischen Neuharlingersiel im Westen und dem östlichen Ende der Ostfriesischen Halbinsel bei Schillig. Die Entfernung nach Wittmund im Süden beträgt 13 Kilometer, wo auch die Harle ihren Ursprung hat. Carolinensiel liegt am Unterlauf der Harle, rund zwei Kilometer südlich der heutigen Mündung in die Nordsee bei Harlesiel. Zwischen beiden Ortsteilen bildete das Sieltor der Friedrichsschleuse lange Zeit den seeseitigen Abschluss des Sielhafens von Carolinensiel. Carolinensiel befindet sich westlich der „Goldenen Linie“. Diese entstand im 17. Jahrhundert als Grenze zwischen dem Fürstentum Ostfriesland und der Grafschaft Oldenburg. Heute ist sie Grenzlinie zwischen den Landkreisen Wittmund und Friesland. Dadurch gehören der ehemalige Bahnhof Carolinensiel, der Ostteil des Außenhafens Harlesiel (Fähranleger nach Wangerooge) und der Flugplatz Harle zur Gemarkung Middoge der Gemeinde Wangerland im Landkreis Friesland.

Gliederung der Gemarkung Carolinensiel Zur Gemarkung Carolinensiel gehören neben dem Hauptort auch die Siedlungen Friedrichsschleuse und Harlesiel sowie die Kleinsiedlungen bzw. Gehöfte Friedrichsgroden, Horstenau, Kleehof, Tannenwerth, Carolinengroden-Westseits, Carolinengroden-Ostseits, Seeburg, Carolinenland, Fürstinnen-Grashaus, Hespenhausen, Groß Charlottengroden, Klein Charlottengroden, Carolinengrodendeich, Werdumer Altengroden, Schiefe Grashaus und Schwarzehörn (von Nord nach Süd aufgezählt).Katasterkarten von Niedersachsen Die Siedlung Bahnhof Carolinensiel gehört aufgrund ihrer historischen Entstehung (Bau der Bahnstrecke Jever–Harle auf dem Gebiet des Großherzogtums Oldenburg) heute zur Gemarkung Middoge der Gemeinde Wangerland im Landkreis Friesland.

Geschichte Landgewinnung und Grenzziehung Wo heute Carolinensiel liegt, befand sich noch vor wenigen Jahrhunderten ein Ausläufer der Nordsee. Die Harlebucht erstreckte sich zwischen dem heutigen Neuharlingersiel und Minsen bis kurz vor Funnix und Werdum. Um 1500 begann man mit der systematischen Landgewinnung durch Eindeichung. Stück für Stück wurde der Nordsee neues, fruchtbares Marschland abgerungen.

Zur Vermeidung von Konflikten um das neue Land einigten sich im Jahr 1666 Fürstin Christine Charlotte von Ostfriesland und der Herr von Jever, Graf Anton Günther von Oldenburg, auf die zukünftige Grenze. Vom Treffpunkt der ostfriesischen und jeverschen Deiche am Pfahldeich südöstlich von Carolinensiel zog man auf der Seekarte mit goldener Tinte eine Linie bis zu einem Punkt genau zwischen den Inseln Spiekeroog und Wangerooge. Die „Goldene Linie“ ist heute noch die Grenze zwischen dem ostfriesischen Landkreis Wittmund und dem Landkreis Friesland. Die alte Bahnlinie (Jever Bf – Harle Bf) der ehemaligen Großherzoglichen Oldenburgischen Staatseisenbahnen (GOE) nach Harlesiel und der Fähranleger nach Wangerooge liegen schon auf friesländischem Gebiet, da sie zur Anbindung der ebenfalls friesischen/oldenburgischen Insel Wangerooge dienten. Die Grenze verläuft mitten durch das Becken des Außenhafens Harlesiel.

Entstehung des Sielhafens mini|hochkant=2.4|Panoramaaufnahme des Carolinensieler Hafens mini|hochkant=0.7|Namensgeberin des Ortes: Fürstin Sophie Caroline, Ehefrau von Georg Albrecht von Ostfriesland mini|hochkant=0.7|Skulptur im Alten Hafen von Carolinensiel. Sie symbolisiert den „Cliner Wind“

Im Jahr 1729 wurde die Eindeichung des Carolinengroden abgeschlossen. Wo die Harle auf den Deich traf, wurde ein Sielhafen angelegt, der heutige Museumshafen. Durch das Siel unter der Brücke konnte das Binnenwasser bei Ebbe ins Meer abfließen. Am 16. März 1730 vergab Fürst Georg Albrecht von Ostfriesland die ersten Grundstücke an die ersten 23 Neusiedler. Sie umfassten nur 200 m² und lagen rund um den Hafen. Die Siedler bekamen noch 1–2 ha Land zur Selbstversorgung und genossen für zehn Jahre Steuerfreiheit. Dies war die Geburtsstunde von Carolinensiel. Namensgeberin war die Gemahlin des Fürsten, Sophie Karoline von Brandenburg-Kulmbach. Ihr machte der Fürst die Domäne Fürstinnen-Grashaus im Carolinengroden zum Geschenk, von der sie bis zu ihrem Tode 1764 Einkünfte bezog. Rund 70 Jahre nach der Gründung 1798 hatte der Ort rund 750 Einwohner, die in der Schifffahrt oder Landwirtschaft tätig waren.

Carolinensiel entwickelte sich auch wegen seiner geschützten Lage zum wichtigsten Hafen im nördlichen Ostfriesland. Durch den Bau des neuen Deichs und der Friedrichsschleuse im Jahr 1765 war er als einziger ostfriesischer Sielhafen dem Meer nicht mehr direkt ausgesetzt und vor Sturmfluten geschützt. Der Bau eines offenen Siels und einer Klappbrücke an der Friedrichsschleuse ermöglichte es den Segelschiffen, den alten Hafen problemlos zu erreichen. Von Carolinensiel aus stachen kleine Frachtensegler in See. Mit ihrem geringen Tiefgang waren sie an das Wattenmeer angepasst. Die Schiffe hatten drei bis sechs Mann Besatzung und befuhren die Nord- und Ostsee sowie das Mittelmeer. Einige von ihnen überquerten sogar den Atlantik. Die Schiffer exportierten die Agrarprodukte der Marsch: Getreide, Gemüse, Kartoffeln und Milchprodukte. Importiert wurden Holz, Steine, Kohle und Kolonialwaren aus Skandinavien und Großbritannien mit seinen Kolonien.

Blütezeit Während der siebenjährigen französischen Besetzung durch Napoleon ab 1806 kam der Handel im Hafen fast zum Erliegen. Die von Frankreich erlassene Kontinentalsperre untersagte den Handel mit Großbritannien. In dieser Zeit blühte der Schmuggel mit Tee, einem für Ostfriesen wichtigen Lebensmittel. Obwohl auf Schmuggel die Todesstrafe stand, wurde der Tee über das zu dieser Zeit zu Großbritannien gehörende Helgoland eingeführt. Bis 1997 verfügte Carolinensiel über eine Zolldienststelle (Grenzaufsichtsstelle).

Seine Blütezeit erlebte der Hafen von Carolinensiel Mitte des 19. Jahrhunderts. Um 1860 gab es hier allein 40 Kapitäne mit insgesamt 59 Schiffen, außerdem zwei Werften, vier Brauereien und zahlreiche Gaststuben. Täglich liefen um die sieben Schiffe ein oder aus. Heute liegen im Museumshafen wieder die typischen Plattbodenschiffe vor Anker und erinnern an die große Zeit der Carolinensieler Seefahrt. In den Ausstellungen des Deutschen Sielhafenmuseums Carolinensiel werden die Segelschifffahrt, das maritime Handwerk und das Leben der Kapitänsfamilien an Land dargestellt.

Anfang des 20. Jahrhunderts ging diese Epoche jedoch zu Ende. Die Segelschiffe konnten mit den größeren, schnelleren Dampfschiffen und mit der Eisenbahn nicht mehr konkurrieren. Die Carolinensieler stellten sich auf die Fischerei um. Der Sielhafen wurde nicht mehr gepflegt und setzte sich allmählich bis auf eine Entwässerungsrinne mit Schlick zu.

Fischerei miniatur|Historischer Rettungsbootschuppen miniatur|Hafen von Carolinensiel, im Vordergrund die 2005 zur 275-Jahr-Feier des Ortes aufgestellte Skulptur Im Hafen an der Friedrichsschleuse waren die Fischkutter beheimatet. Sie fingen Plattfisch und Muscheln, vor allem aber Krabben (Nordseegarnelen). Bis in die 1930er Jahre war in Carolinensiel eine Konservenfabrik ansässig, die Muscheln und Krabben bis nach Berlin verschickte. Viele Bauernfamilien im Hinterland verdienten sich ein Zubrot durch das Schälen von Granat, den Speisekrabben für den menschlichen Verzehr. Vor der Friedrichsschleuse betrieb die Firma Albrecht eine Darre, auf der kleinere Krabben, der Gammel, für die Verarbeitung zu Viehfutter getrocknet wurden. Nach dem Bau des neuen Außenhafens in Harlesiel fanden die Carolinensieler Kutter dort eine neue Heimat.

Nordseebadeort Mit der ersten Badesaison auf Wangerooge im Jahr 1804 begann auch für Carolinensiel die Geschichte des Nordseetourismus. Der Ort wurde zur Durchgangsstation für die Badegäste der Inseln. Die Fährschiffe nach Wangerooge und Spiekeroog legten zunächst von der Friedrichsschleuse ab. Die Großherzogliche Oldenburgische Eisenbahn (GOE) eröffnete 1888 die Bahnlinie von Jever nach Carolinensiel (1988 Stilllegung). 1890 wurde sie zum Fähranleger in Harlesiel verlängert. Der Zugfahrplan richtete sich nach den Gezeiten. Der Versuch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Carolinensiel selbst als Seebad zu etablieren scheiterten noch an der Konkurrenz der Inseln.

Die Entwicklung hin zum Nordseebad begann 1953 mit dem Bau des neuen Deichs, des Schöpfwerks und des Hafens in Harlesiel. Durch die Aufschüttung von 20.000 m³ Sand schuf man einen eigenen Badestrand. In der Folgezeit kamen Strandhalle, Campingplatz und Meerwasserfreibad hinzu. Die Gemeinde Carolinensiel mit Harlesiel fusionierte am 1. Juli 1968 mit den Gemeinden Berdum und Funnix zur Gemeinde Harlesiel.Ortschronisten der Ostfriesischen Landschaft: Carolinensiel, Stadt und Landkreis Wittmund (PDF; 1,1 MB), eingesehen am 9. Januar 2012. Diese wurde wiederum am 16. Juli 1972 nach Wittmund eingemeindet. Bis 1989 unterhielt die Deutsche Bundesbahn neben dem Bahnhof Carolinensiel auch einen Bahnhof in Harlesiel an der Bahnstrecke Jever–Harle, der Flugplatz Harle nahm 1973 seinen Betrieb auf. Die Konzentration von Bahnstation, Fähranleger und Flugplatz im Umkreis von 500 Metern war einmalig. Aufgrund ihrer geografischen Nähe zu Harlesiel erhielten Bahnstation, Fähranleger und Flugplatz die Bezeichnung Harlesiel bzw. Harle, obwohl sie östlich der Goldenen Linie, einer historischen Herrschaftsgrenze, liegen. Dadurch befinden sie sich heute in der Gemarkung Middoge der Gemeinde Wangerland im Landkreis Friesland. 1980 wurde das Haus des Gastes an der Kurpromenade fertiggestellt, 1983 der Ort als Nordseebad Carolinensiel-Harlesiel staatlich anerkannt. 1984 öffnete das Deutsche Sielhafenmuseum seine Türen, und von 1986 bis 1990 wurden der Museumshafen und die Friedrichsschleuse wiederhergestellt. Seit Oktober 2021 ist Carolinensiel-Harlesiel offiziell als Nordseeheilbad anerkannt.

In Carolinensiel, Friedrichsschleuse und Harlesiel kann mit den drei Deichen und den drei Häfen die Geschichte vom Frachthafen über den Fischereistandort bis hin zum Nordseebad noch heute hautnah erlebt werden.

Ortsentwicklung miniatur|Carolinensiel, 2005 miniatur|Friedhof und Kirche in Carolinensiel miniatur|Panorama des Hafens, 2009

Mit der Eindeichung des Bereiches wurde 1617 begonnen, die mit der Gründung des Ortes Carolinensiel im Jahr 1730 beendet war. Obwohl die Grundstücke überregional zur Verteilung ausgeschrieben wurden, meldeten sich nur Personen aus der näheren Umgebung in der Hoffnung auf bessere ökonomische Verhältnisse. Die Entwicklung des Ortes folgte einem detaillierten Plan, die Häuser waren am Hafen meist einstöckig und im rückwärtigen Bereich zweistöckig. Der Plan ermöglichte eine siedlungs-architektonische Einheit durch die Verschmelzung von Hafen, Deichnische, Verkehrslinien und Häuserzeilen.

Durch seine sehr gute Verkehrsanbindung und fruchtbaren Marschen erlebte der Ort bereits zu seiner Gründerzeit einen wirtschaftlichen Aufschwung, so dass bereits 1758 der Bebauungsplan nicht mehr eingehalten werden konnte und der Ort entlang der Hauptstraßen zu wachsen begann. Die Ansiedlung bekam ein zunehmend fleckenmäßiges Aussehen.