Die Echten Finsterspinnen (Amaurobius) bilden eine Gattung der Familie der Finsterspinnen (Amaurobiidae) innerhalb der Ordnung der Webspinnen. Zu der Gattung zählen mit der Fensterspinne (A. fenestralis), der Kellerspinne (A. ferox) und der Ähnlichen Fensterspinne (A. similis) auch die bekanntesten Arten der Familie. Einzelne Arten der Echten Finsterspinnen werden im englischen Sprachraum auch häufig als lace-weaver spiders, lace-webbed spiders oder lace-web spiders (übersetzt etwa „Schnurweberspinnen“) genannt.

Die Arten der Gattung sind mehrheitlich holarktisch verbreitet. Viele von ihnen bewohnen Wälder, einige kommen auch in menschlichen Siedlungen vor und sind demzufolge teilweise, überwiegend oder sogar gänzlich synanthrop. Die Echten Finsterspinnen legen wie alle Finsterspinnen Trichternetze an, die von den Vertretern dieser Gattung besonders unter Steinen und Baumrinde oder im Siedlungsbereich auch in Mauerritzen oder in Kellern angelegt werden. Die Weibchen deponieren hier auch ihre Eikokons und bewachen sie bis zum Schlupf. Sie sterben kurz nach dem Schlupf und dienen den Jungtieren als erste Nahrung.

Merkmale mini|links|Männchen der Ähnlichen Fensterspinne (A. similis) Die Echten Finsterspinnen erreichen je nach Art eine Körperlänge von vier bis 15 Millimetern. Die Arten der Gattung sind recht kräftig gebaut. Sie verfügen über eine bräunliche Grundfärbung.

Das Prosoma (Vorderkörper) weist kaum Setae (Haare) auf. Der Kopfbereich des Peltidiums bzw. des Carapax, des Rückenschildes des Prosomas, ist deutlich dunkler als der hintere Teil. Die Cheliceren (Kieferklauen) der Echten Finsterspinnen erscheinen vergleichsweise massig. Das Calamistrum (Kammartige Struktur zum Kämmen von Wollfäden) an den Metatarsen (Fersenglieder der Tarsen, bzw. Fußglieder) des vierten Beinpaares besteht aus Borsten, die in zwei Reihen gegliedert sind. Bei den Männchen ist es degeneriert (teilweise zurückgebildet).

mini|Cribellum der Fensterspinne (A. fenestralis) Auf dem Opisthosoma (Hinterleib) ist eine keilförmige und dunkelbraun gefärbte sowie gelblich umrandete Zeichnung vorhanden, in deren Zentrum sich etwa bei der Kellerspinne (A. ferox) und der Ähnlichen Fensterspinne (A. similis) zusätzlich ein dunkles Herzmal befindet. Flankiert wird diese Zeichnung auf beiden Seiten im vorderen Drittel von je einem hellen Längsband. Die Längsbänder verbinden sich auf den hinteren zwei Dritteln des Opisthosomas zu einer Reihe mehr oder weniger deutlich voneinander abgegrenzten Winkelflecken. Das für die Finsterspinnen typische Cribellum (Organ zum Herstellen von wollartigen Fangfäden) ist auch bei den Echten Finsterspinnen zweigeteilt.

Genitalmorphologische Merkmale mini|links|Bulbi der Kellerspinne (A. ferox) Die Bulbi (männlichen Geschlechtsorgane) der Echten Finsterspinnen besitzen eine dorsal (rückseits gerichtet) angelegte Tibiaapophyse (chitinisierter Fortsatz), die, anders als bei anderen Finsterspinnen, keine Verlängerungen aufweist.

mini|Epigyne der Fensterspinne (A. fenestralis) Die Epigyne (Epigyne) ist bei den Arten der Gattung querlaufend und verfügt im Gegensatz zu der Epigyne von Vertretern anderen Gattungen der Familie keine Unterteilung.

Gattungen mit den Echten Finsterspinnen ähnlichen Arten mini|links|Weibchen der Baumstumpfspinne (Callobius claustrarius) Die Arten der Finsterspinnen können mit denen anderer Spinnengattungen verwechselt werden. Ein Beispiel ist die Gattung der Baumstumpfspinnen (Callobius), die ebenfalls zur Familie der Finsterspinnen gezählt wird, in Europa jedoch nur mit einer Art, der gleichnamigen Baumstumpfspinne (C. claustrarius), vertreten ist. Anders als bei den Echten Finsterspinnen ist das erste Beinpaar der Baumstumpfspinnen nicht verlängert. Die Bulbi der Baumstumpfspinnen verfügen außerdem über eine verlängerte Tibiaabophyse und die Epigyne der Baumstumpfspinnen ist in zwei Läppchen unterteilt.

mini|Weibchen der Gewöhnlichen Bodentrichterspinne (Coelotes terrestris) Die Echten Finsterspinnen werden außerdem nicht selten mit den Bodentrichterspinnen (Coelotes) verwechselt, die einst zu den Finsterspinnen gerechnet wurden, mittlerweile jedoch zur Familie der Trichterspinnen (Agelenidae) gezählt werden. Sie unterscheiden sich jedoch im Wesentlichen durch das bei allen Trichterspinnen fehlende Cribellum. Gleiches gilt auch für die ebenfalls zu den Trichterspinnen gehörende Gattung der Scheinbodentrichterspinnen (Inermocoelotes).

Gelegentlich werden die Echten Finsterspinnen auch mit Arten der zur Familie der Kugelspinnen (Theridiidae) zählenden Gattung der Fettspinnen (Steatoda) verwechselt, denen sie entfernt ähneln.

Vorkommen mini|links|Männchen von Amaurobius erberi, gefunden in einem Haus in Südtirol. Die Arten der Echten Finsterspinnen sind überwiegend in der Holarktis verbreitet. Lediglich sechs Ausnahmen sind bekannt. Dazu zählen Amaurobius andhracus, Amaurobius nathabhaii und Amaurobius sharmai, die allesamt in Indien vertreten sind. Weitere Ausnahmen sind die in Argentinien vorkommende Art Amaurobius thoracicus, die in Eritrea vorkommende Art Amaurobius tristis und die in Mikronesien vorkommende Art Amaurobius yanoianus.

mini|In freier Natur sind verschiedene Arten der Echten Finsterspinnen besonders in Wäldern unter Steinen und Baumrinde vorfindbar. Die Habitate (Lebensräume) der Echten Finsterspinnen können recht vielfältig sein. Häufig angenommen werden unter anderem besonders von der Fensterspinne (A. fenestralis) und auch von der Kellerspinne (A. ferox) sowie der Ähnlichen Fensterspinne (A. similis) beliebige Waldbiotope. Die Ähnliche Fensterspinne bewohnt zusätzlich auch Strauchlandschaften. Auffällig ist die besonders bei diesen drei Arten vorkommende und verschieden ausgeprägte Synanthropie (Bevorzugung menschlicher Siedlungen). Diese Arten besiedeln mitunter auch Siedlungsbereiche, wo sie nicht selten an Gebäuden und auch in Gärten oder Gebäudekellern gefunden werden können. Im Herbst findet man häufig Männchen, die auf der Suche nach Weibchen sind, auch in Häusern vor. Weitere künstliche Lebensräume der Arten bilden Ruderal- und Brachflächen sowie bei der Ähnlichen Fensterspinne zusätzlich Steinbrüche.

Nach schweren Regenfällen, die die Spinnen veranlassen, ihre dann überfluteten Unterschlupfe zu verlassen, sind zahlreiche Individuen von Echten Finsterspinnen freilaufend anzutreffen.

Arten im deutschsprachigen Raum mini|Die Kellerspinne (A. ferox) ist auch in Mitteleuropa flächendeckend verbreitet und überdies die größte in Europa vorkommende Finsterspinne. Von den insgesamt 35 in Europa vorkommenden Arten der Echten Finsterspinnen sind sieben im deutschsprachigen Raum vertreten. Die Arten und die jeweiligen Länder sind folgende: Dickpalpen-Finsterspinne (A. crassipalpis) – Deutschland & Schweiz Amaurobius erberi – Schweiz & Österreich Fensterspinne (A. fenestralis) – Deutschland, Österreich & Schweiz Kellerspinne (A. ferox) – Deutschland, Österreich & Schweiz Östliche Finsterspinne (A. jugorum) – Deutschland, Österreich & Schweiz Dunkle Finsterspinne (A. obustus) – Österreich Ähnliche Fensterspinne (A. similis) – Deutschland, Österreich & Schweiz

Bedrohung und Schutz Die Bestandsgefährdung der Arten der Echten Finsterspinnen variiert je nach Größe des Verbreitungsgebiets und Anpassungsfähigkeit der jeweiligen Art. In Deutschland gelten die Fensterspinne (A. fenestralis), die Kellerspinne (A. ferox) und die Ähnliche Fensterspinne (A. similis) allgemein als häufig und werden in der Roten Liste gefährdeter Arten Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands als „ungefährdet“ eingestuft. Die Dickpalpen-Finsterspinne (A. crassipalpis) und die Östliche Finsterspinne (A. jugorum) gelten als extrem selten. Genaue Analysen zu den Beständen beider Arten in Deutschland fehlen allerdings, weshalb eine Kategorieneinteilung bei diesen nicht möglich ist.

Lebensweise mini|links|Weibliche Echte Finsterspinne beim Verzehren von Beute, rechts eine bereits ausgesogene Kleinlibelle. Die Echten Finsterspinnen sind wie alle Finsterspinnen nachtaktiv und halten sich in ihren Lebensräumen besonders am Erdboden, in Felsspalten und unter Steinen, Moospolstern und Rinden abgestorbener Bäume auf. Im Siedlungsbereich werden dabei je nach Art besonders Mauerritzen, Gebäudekeller, Fenster und seltener auch Garten- oder Parkanlagen angenommen. Zum Zwecke des Nahrungserwerbs legen die wie fast alle Spinnen räuberisch lebenden Echten Finsterspinnen für die Familie übliche Spinnennetze an, um Beutetiere zu fangen.

Netzbau und Beutefang mini|Trichternetz der Fensterspinne (A. fenestralis) Die Spinnennetze der Echten Finsterspinnen sind sehr grobmaschig gebaut und überdies mit cribellaten (wollartigen) Fangfäden versehen. Weiter hinten enden die Gespinste in einem gut ausgebauten Versteck, das als Aufenthaltsort der Spinne dient. Die Spinnennetze als solche entsprechen wie bei allen Finsterspinnen dem Funktionsprinzip des Trichternetzes. Gerät ein Beutetier in die Fangfäden, schnellt die Spinne hervor und versetzt ihm mit den Cheliceren einen Giftbiss. Das gelähmte Beutetier wird dann von der Spinne in den Unterschlupf geschleppt und dort verzehrt. In das Beutespektrum der Echten Finsterspinnen fallen beliebige Gliederfüßer, dabei insbesondere Insekten und Asseln, jedoch auch andere Spinnen.

mini|links|Weibchen der Ähnlichen Fensterspinne (A. similis) beim Netzbau Entsprechend der nachtaktiven Lebensweise werden die Fangnetze lediglich nachts angefertigt oder bearbeitet. Dabei werden frisch aus den Spinnwarzen ausgetretene Seidenfäden mit schnellen Bewegungen des vierten Beinpaares aufgetragen. Frisch angelegte Netze der Echten Finsterspinnen haben ein schnurartiges Erscheinungsbild und weisen einen bläulichen Farbton auf.

Lebenszyklus mini|Geschlechtsreifes Männchen einer Echten Finsterspinne, das ein arteigenes Weibchen aufsucht. Der Lebenszyklus der Echten Finsterspinnen ist wie bei anderen Spinnen in mehrere Etappen gegliedert. Die Phänologie (Aktivitätszeit) beläuft sich bei den Echten Finsterspinnen auf das ganze Jahr.

Geschlechtsreife Männchen suchen ab Spätsommer bis Herbst nach Verliesen von arteigenen Weibchen. Ist dies geschehen, führt das Männchen ein Balzverhalten aus. Dafür trommelt es mit den Pedipalpen auf die Netzfläche des Spinnennetzes vom Weibchen. Bei der Kellerspinne (A. ferox) kommt es zusätzlich zu einem Balztanz, bei dem es mit den Beinen und dem Opisthosoma deutlich sichtbar zuckt. Bei erwiderter Paarungsbereitschaft erscheint das Weibchen (bei der Kellerspinne etwa erst oftmals nach mehreren Stunden). Die eigentliche Paarung fällt je nach Art unterschiedlich aus. Bei der Fensterspinne (A. fenestralis) etwa dauert sie zumeist nur wenige Sekunden. Bei der Kellerspinne hingegen verläuft die Paarung langwieriger und komplexer. Bei dieser Art klettert das Männchen auf den Rücken seiner Geschlechtspartnerin, dreht sich um die eigene Längsachse und führt den ersten Bulbus in die Epigyne des Weibchens ein. Während der Übertragung der Spermatheken schwillt die Tasterblase an dem Taster, dessen Bulbus gerade eingeführt wird, stark an und fällt kurze Zeit danach wieder in sich zusammen. Dieser kurze Paarungsakt dauert lediglich zwei Sekunden und endet mit einer Trennung beider Geschlechtspartner. Anschließend beginnt der zweite Teil der Paarung, wofür das Männchen dieses Mal auf die Bauchseite des Weibchens klettert und nun den anderen Bulbus einführt und sich der Übertragungsprozess wiederholt. Zum Abschluss der Paarung bei der Kellerspinne wird vom Männchen mithilfe dessen Bulbus der Männchen eine weißliche Substanz übertragen, die in der weiblichen Geschlechtsöffnung hängen und sichtbar bleibt.

mini|Jungtier einer Echten Finsterspinne