Nathan und seine Kinder ist ein Jugendroman von Mirjam Pressler aus dem Jahr 2009. Die Handlung spielt in Jerusalem im Jahr 1192 zur Zeit des dritten Kreuzzugs. Die Geschichte um den jüdischen Kaufmann Nathan ist eine moderne Adaption des Ideendramas Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing aus dem Jahr 1779. Der Roman wurde 2009 als bestes Kinder- und Jugendbuch mit dem Internationalen Buchpreis Corine ausgezeichnet und war für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010 nominiert.

Entstehungsgeschichte Das Werk entstand aus dem Bedürfnis der Autorin, das Theaterstück Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing als Roman darzustellen, der für die Gegenwart verständlich ist. Ihre Töchter hätten das Stück in der Schule behandelt und es nicht verstanden.Interview mit Mirjam Pressler: Mir tun junge Menschen leid, wenn sie gar nicht lesen. In: Planet Interview. 14. Juli 2009. Deshalb habe sie es sich zum Ziel gesetzt, das Stück, das „heute schwer lesbar ist“,Mirjam Pressler: Nathan und seine Kinder. Beltz & Gelberg, Weinheim 2009. S. 219 f. so umzuschreiben, dass die Geschichte „nicht verloren“ geht. Insbesondere sei es ihr ein Anliegen gewesen, die Figuren, die in Lessings Ideendrama typisiert wirken, „etwas plastischer darzustellen, lebendiger“. So hat sie (weibliche) Hauptfiguren aufgewertet (z. B. Daja, Recha, Sittah) und neue Nebenfiguren hinzuerfunden (z. B. Geschem, Zipora). Zudem sei das Wissen von der „Geschichte der Kreuzzüge“, das Lessing „wohl noch voraussetzen“Mirjam Pressler: Nathan und seine Kinder. Beltz & Gelberg, Weinheim 2009. S. 219. konnte, heute weitgehend verloren. Deshalb habe sie sich bemüht, „diesen Hintergrund zu erhellen und, soweit es für das Verständnis der Handlung notwendig ist, einzubauen.“Mirjam Pressler: Nathan und seine Kinder. Beltz & Gelberg, Weinheim 2009. S. 219. Bei der Recherche habe sie sich besonders von zwei historischen Quellen beeinflussen lassen: Amin Maalouf: Der Heilige Krieg der Barbaren. Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber und Wilhelm von Tyros: Geschichte der Kreuzzüge und des Königreichs Jerusalem.

Inhalt

Geschem Während sich Nathan auf einer Handelsreise in Damaskus befindet, bricht in seinem Haus ein Feuer aus. Der behinderte Geschem ist unfähig einzugreifen und wird Zeuge, wie ein unbekannter Tempelritter Recha, Nathans Tochter, aus den Flammen rettet. Geschem verliert das Bewusstsein und glaubt aufwachend, dass Recha tot sei. Erst allmählich erkennt er, dass sie wohlauf ist und in den Armen des inzwischen heimgekehrten Nathan liegt, der sich erfolglos nach der Identität des Retters erkundigt. Nach dem Abendmahl begibt sich der von Schlaflosigkeit geplagte Geschem in den Innenhof. Dort wird er von Nathan nach seinem Namen und seiner Herkunft befragt. Er erzählt ihm, dass er seine Eltern nicht kenne und keinen Namen habe. Nathan erbarmt sich des Jungen und lässt ihn den Namen Geschem (hebräisch Regen) annehmen, Geschem Ben Abraham oder Ibn Ibrahim – je nachdem, zu welcher Religion sich der Junge bekennen wird.

Daja Daja erinnert sich in der Nacht nach dem Feuer, wie sie vor 14 Jahren aus dem deutschen Gunzenhausen nach Jerusalem kam. Als Waise bei ihrer Großmutter aufgewachsen, ließ sie sich leicht von der Begeisterung anstecken, den Kreuzzug ins ferne Jerusalem anzutreten. Die Euphorie verfliegt bald, als viele im Tross umkommen, darunter ihre Freundin Bernhilde und Gisbert, der Mann, den sie kurz zuvor geheiratet hatte. Endlich in Jerusalem angekommen, fühlt sich die unglückliche Witwe schutzlos und verloren in der fremden Stadt. So wird sie von Nathan angesprochen, der auf der Suche nach einer Erzieherin und Gesellschafterin für seine Tochter ist. In dieser Funktion wird sie in Nathans Haushalt aufgenommen. Am Ende wird ihr klar, warum sie ausgerechnet heute von ihren Erinnerungen geplagt wird: Ohne Recha hätte sie ihren Beruf und dazu jeglichen Grund verloren, weiterhin in Nathans Obhut leben zu dürfen.

Elijahu Elijahu, Nathans Freund, Gehilfe und Verwalter, beschreibt die Rückkehr von der Handelsreise nach Damaskus. Er arbeitet seit ungefähr 18 Jahren bei Nathan. Die anfängliche Freude über die Rückkehr weicht bald der Panik, als Nathan erfährt, dass Recha etwas zugestoßen sein könnte. Zwar bemerkt Nathan schnell, dass es seiner Tochter gut geht, doch bei diesem Anblick erinnert sich Elijahu zurück an den Brand vor 17 Jahren. Auch damals kam Nathan von einer Reise zurück und traf zu Hause auf eine Brandruine, in der seine Frau und seine sieben Söhne verbrannt waren. Nach anfänglicher Wut auf die christlichen Brandstifter und der folgenden Trauerphase wurde Nathan von einem Klosterbruder das Waisenkind Recha übergeben, das er fortan als ein Geschenk Gottes ansieht. Er zog nach Jerusalem, in das Haus, welches jetzt in Feuer aufging. Bei der Kontrolle der gekauften Handelsware kommen Nathan und Elijahu auf Geschem zu sprechen. Es stellt sich heraus, dass dessen Behinderung ebenfalls auf einen Brand zurückzuführen ist. Nathan fordert Elijahu auf, sich um Geschem zu kümmern und ihn für den Handel auszubilden. Er war derjenige, der Geschem zu Nathan gebracht hat, der anfangs keinen Namen hatte und in der Nacht nach dem großen Brand seinen Namen mit Nathan zusammen ausgesucht hatte. Geschem bedeutet Regen.

Recha Sie kam zu Nathan, der sie wie eine eigene Tochter aufzog, als sie noch ein Säugling war. Nach dem Brand, in Nathans Haus, hat Recha einen Traum von Engeln und dem Sinn des Lebens. Sobald sie aufwacht, plagen sie Erinnerungen an den Brand. Recha versucht Daja davon zu überzeugen, dass ein Engel sie gerettet habe. Aber weder Daja noch später ihr Vater Nathan glauben ihr. So geht sie in die Stadt, um ihre alte Freundin Lea zu besuchen. Beim Gang durch die Stadt sieht sie diese mit neuen Augen an. Schließlich entscheidet sie sich, statt Lea ihren Retter, den Tempelritter aufzusuchen. Als sie ihn vor der Grabeskirche findet, gehorcht ihr Körper ihr nicht mehr, sie kann nur dastehen und seinen Körper ansehen. Nachdem er gegangen ist, bleibt Recha verwirrt und ein wenig beschämt zurück. Sie überlegt sich schlussendlich, dass es vielleicht besser wäre, ihn zum Abendessen einzuladen und kehrt nach Hause zurück.

Tempelritter Nachdem der Tempelritter Recha aus dem Feuer gerettet hat, denkt er viel über seine Vergangenheit nach. Er erinnert sich zurück an die Zeit, als er seinen guten Freund Helmfried verloren hat. Die Kreuzfahrer wollten den Waffenstillstand zwischen dem Sultan und Richard Löwenherz brechen, gerieten aber in einen Hinterhalt. Der Sultan enthauptete daraufhin alle Mitstreiter des Tempelritters, verschonte aber diesen selbst, weil er seinem Bruder Assad ähnlich sehe. Der Tempelritter erinnert sich jenes Tages, als er erfuhr, dass sein vermeintlicher Vater Konrad in Wahrheit sein Onkel ist und dass er nicht Curd von Stauffen, sondern Leu von Filnek heißt. Als er am nächsten Morgen den Weg zum Patriarchen der Stadt geht, verlangt dieser von ihm, dass er den Sultan ausspioniere. Diese Aufgabe gefällt Leu nicht, da der Sultan ihm das Leben geschenkt hat.

Al-Hafi Im Gespräch mit Al-Hafi erfahren Nathan, Daja und Recha zu ihrem Erstaunen, dass ihr Derwisch ein Vetter des Sultans ist. Zur Erklärung erzählt Al-Hafi aus seiner Kindheit, als er mit seiner Großfamilie zusammen mit dem nachmaligen Sultan in Tikrit lebte. Später habe ihn dann der mächtige Sultan in seine Dienste aufgenommen. Dessen finanzielle Lage ist prekär, weil er einen verschwenderischen Lebenswandel pflegt und den Krieg gegen die Kreuzfahrer finanzieren muss, während gleichzeitig die Schiffe mit den Steuereinnahmen aus Ägypten ausbleiben. Um die finanziellen Engpässe zu überwinden, bittet Sittah, die Schwester des Sultans, Al-Hafi, seinen reichen jüdischen Freund Nathan um Geld zu fragen.

Daja Auf dem Weg zu einer Trauerfeier treffen Nathan, Daja und ihr Gefolge zufällig auf den Tempelritter. Nathan dankt ihm auf Knien für die Rettung seiner Tochter. Der Tempelritter ist Nathan gegenüber sehr schroff und weist dessen Dank zurück. Daja meint, dass er sehr überheblich sei. Nachdem Nathan sie beruhigt hat, lädt er den Ritter in sein Haus zum Abendessen ein. Reuevoll nimmt dieser die Einladung an. Während des Gastmahles reden beide sehr viel unter anderem über eine biblische Vision einer perfekten Welt und gehen als Freunde auseinander. Daja bemerkt, dass Recha während dieser Zeit sehr still ist und stellt fest, dass sich diese in den jungen Tempelritter verliebt hat.

Recha In Gedanken bei ihrem Retter schläft Recha ein und träumt von ihm. Auch am anderen Morgen kehrt sie nach dem Frühstück so schnell wie möglich in ihr Zimmer zurück, um dort in Ruhe an ihren Helden zu denken. Schließlich besucht sie Lea, eine ihrer Freundinnen.

Sittah Sittah, Melek, Al-Hafi und Saladin bereiten sich mit ihrem Hofstaat auf ein feierliches Treffen im Rahmen der Friedensverhandlungen mit dem Unterhändler des englischen Königs Richard Löwenherz vor. Das Treffen dient zur Besprechung, ob Sittah einen Vetter des Königs und Melek die Prinzessin von England heiraten sollte. Dabei handelt es sich um einen Kompromiss. Zunächst hatte Löwenherz Jerusalem, das Territorium westlich des Jordans und das heilige Kreuz beansprucht. Dies lehnte Saladin ab. Da al-Hafi und Saladin die vorgeschlagene Verheiratung für eine Kriegslist halten, ist Saladin bei dem Treffen vorsichtig. Als der Unterhändler ausrichtet, dass auf Wunsch des Königs nur eine Heirat stattfinden könne, wenn Sittah zum Christentum übertritt, lässt ihn Saladin gehen und sagt ihm, er müsse es sich noch überlegen. In der Zwischenzeit schlägt Abu Hassan Saladin vor, dass er sich mit anderen muslimischen Fürsten verbünden solle. Demgegenüber erklärt al-Hafi, dass nicht genügend Geld in der Staatskasse vorhanden sei, um im Krieg aktiv zu werden. So kommt die Idee auf, dass man sich das Geld von reichen Juden besorgen könnte.

Abu Hassan Sein Vater Ammar hat Abu Hassan und dessen Brüdern früh das Kämpfen und den Hass auf andere Religionen beigebracht. So wird Abu Hassan Hauptmann in Saladins Heer und gewinnt Ansehen, als er bei Tiberias von den Christen das heilige Kreuz erbeutet, an dem angeblich Christus gestorben ist. Doch Abu Hassan kehrt sich mit der Zeit immer mehr von Saladin ab. Dieser ist seiner Meinung nach nicht hart genug zu den Juden und zu den Christen. So hat sich Abu Hassan einer Gruppe angeschlossen, die Saladin stürzen und ermorden möchte. Er ist ein Muslim.

Tempelritter Der Tempelritter leitet eine Gruppe von Pilgern durch die Stadt. Dabei geht ihm Recha nicht mehr aus dem Kopf, obschon sie Jüdin ist und er ein Keuschheitsgelübde abgelegt hat. Während des Marsches denkt der Tempelritter abermals an seine Kindheit und Jugend zurück, die von Ausgrenzung geprägt waren. Nach einigen Jahren, in denen er erst zum Pagen, dann zum Ritter ausgebildet wurde, kehrte er nach Hause zurück. Hier erfuhr er, dass sein angeblicher Vater nur der Bruder seiner Mutter ist, welche ihn schon sehr früh verlassen hatte, um einem Mann ins Heilige Land zu folgen. Nach dieser Offenbarung verlässt er die Heimat und schließt sich den Tempelrittern an, um ins Heilige Land aufzubrechen. Aus seinen Tagträumen aufwachend, stellt der Tempelritter fest, dass er die Pilger unbewusst zu Rechas Haus geführt hat.

Al-Hafi