mini|Julius Streicher in seiner Zelle im Zellengefängnis Nürnberg, 24. November 1945rahmenlos|hochkant|zentriert|Unterschrift von Julius Streicher, 1935

Julius Sebastian Streicher (* 12. Februar 1885 in Fleinhausen bei Augsburg; † 16. Oktober 1946 in Nürnberg) war ein deutscher Publizist und Politiker (DSP, NSDAP).

Julius Streicher war ab 1925 NSDAP-Gauleiter von Mittelfranken (1936 umbenannt in Gau Franken).

Er war Gründer, Eigentümer und Herausgeber des antisemitischen politpornografischen Hetzblattes Der Stürmer. Der herausgebende Verlag blieb bis Kriegsende in Streichers Eigentum und machte ihn zum mehrfachen Millionär.. Zudem war Streicher 1933 Herausgeber des Nürnberger NS-Parteiorgans Fränkische Tageszeitung.Joachim Lilla: Streicher, Julius. In: Joachim Lilla: Staatsminister, leitende Verwaltungsbeamte und (NS-)Funktionsträger in Bayern 1918 bis 1945. Online bei bavarikon.de, abgerufen am 26. Juni 2023. Wegen Korruptionsvorwürfen im Zusammenhang mit Arisierungen verlor er 1940 all seine Parteiämter.

Streicher gehörte zu den 24 im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg Angeklagten und wurde 1946 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tod durch den Strang verurteilt und hingerichtet.

Leben Familie, Jugend und Erster Weltkrieg Streicher war eines von neun Kindern des Volksschullehrers Friedrich Streicher und dessen Frau Anna Streicher, geborene Weiss. Nach Abschluss der achtjährigen Volksschule absolvierte er ebenfalls eine Ausbildung zum Volksschullehrer. Von 1904 bis zu seiner Dienstentlassung 1923 arbeitete er in diesem Beruf. Bereits als Lehrer sei er durch Jähzorn und diktatorisches Gehabe aufgefallen, so der ehemalige Schüler und spätere SPD-Reichstags- und Bundestagsabgeordnete Josef Felder.Wolfgang Thierse: Ansprache des Bundestagspräsidenten beim Trauerstaatsakt für Josef Felder im Reichstagsgebäude in Berlin am 7. November 2000 (online); ganz ähnlich auch eine frühere Schülerin, siehe Franz Pöggeler: Der Lehrer Julius Streicher. Zur Personalgeschichte des Nationalsozialismus. Peter Lang, Frankfurt am Main 1991, S. 29. Im Jahr 1909 ließ sich Streicher nach Nürnberg versetzen, wo er 1913 Kunigunde Roth, die Tochter eines Bäckers und Brauers in Bamberg, heiratete. Mit ihr hatte er zwei Söhne, Lothar (* 1915) und Elmar (* 1918). Kunigunde Streicher starb 1943. Im Mai 1945 heiratete er Adele Tappe, die seit Mai 1940 seine Sekretärin gewesen war.

Im Ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst beim 6. Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment. Er war Adjutant bei der Gebirgs-MG-Abteilung und erst Gefreiter, ab 1917 Leutnant der Reserve bei den Radfahrtruppen, wo er wegen Disziplinlosigkeit verwarnt wurde. An der Westfront sowie in Rumänien und Italien erhielt Streicher das Eiserne Kreuz zweiter und erster Klasse.Richard J. Evans: Hitlers Komplizen. Helfer und Vollstrecker: Das Dritte Reich in 24 Porträts. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2025, S. 413

Politische Anfänge Ab Februar 1919 war er Mitglied des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, einer antisemitisch-völkischen Organisation. Im Januar 1920 trat er der daraus hervorgegangenen ebenfalls antisemitischen Deutschsozialistischen Partei (DSP) bei, deren Wochenzeitung Deutscher Volkswille er herausgab, und war von April 1920 bis 1921 Mitglied des DSP-Reichsvorstandes. Um 1921 wohnte Streicher eine Zeitlang im Forsthaus von Ipsheim, von wo aus er zu Versammlungen im Bereich des Aischgrunds fuhr und dort gegen Juden und Sozialisten gerichtete Reden hielt. Nach einer Rede Streichers am 26. März 1922 in Neustadt an der Aisch wurde dort eine Ortsgruppe der Deutschen Werkgemeinschaft gegründet, woraus am 16. März 1923 die dortige NSDAP-Ortsgruppe hervorging, deren Chronik auch den Antisemitismus Streichers dokumentiert.Wolfgang Mück: NS-Hochburg in Mittelfranken: Das völkische Erwachen in Neustadt an der Aisch 1922–1933 (= Streiflichter aus der Heimatgeschichte. Sonderband 4). Verlag Philipp Schmidt, 2016, ISBN 978-3-87707-990-4, S. 10 und 27–31. Nach der Auflösung der DSP im Herbst 1922 gründete Streicher am 20. Oktober 1922 in Nürnberg in Anwesenheit Adolf Hitlers die Ortsgruppe der NSDAP. In seinem nach seiner Verhaftung am Ende des Zweiten Weltkriegs verfassten „politischen Testament“ schilderte Streicher die Begegnung mit Hitler – die anders als von ihm dargestellt nicht die erste gewesen war – als „größte[n] Ruf in meinem Leben“. Daneben war die NSDAP nach einer Zeit voller Rückschläge das wirkungsvollste Vehikel für Streichers Politik und Anschauungen. Zudem hatte Hitler ihm angeboten, seine Schulden – Streichers Zeitung befand sich in finanziellen Schwierigkeiten – zu begleichen und ihm einen Kredit zu gewähren. Er wurde fortan einer von Hitlers ergebensten Gefolgsleuten. 1923 nahm er am Hitler-Ludendorff-Putsch teil.Richard J. Evans: Hitlers Komplizen. Helfer und Vollstrecker. Das Dritte Reich in 24 Porträts. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2025, S. 414 f.

Entlassung als Lehrer und weiteres Wirken bis 1933 Nachdem er bis dahin sowohl bei seinen politischen als auch bei seinen antisemitischen Betätigungen stets von der Schulbürokratie gedeckt worden war, war er nun unhaltbar geworden und wurde vom Schuldienst suspendiert. Die förmliche Entlassung als Volksschullehrer folgte 1928, er erhielt jedoch weiterhin zwei Drittel seines Gehalts.Richard J. Evans: Hitlers Komplizen. Helfer und Vollstrecker: Das Dritte Reich in 24 Porträts. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2025, S. 417 Seit 1923 war er ausschließlich politisch tätig. Gemeinsam mit Hermann Esser und Max Amann verdrängte er Alfred Rosenberg aus der Leitung der Großdeutschen Volksgemeinschaft, einer Tarnorganisation, die die Geschäfte der verbotenen NSDAP in Bayern weiterführte.Albrecht Tyrell (Hrsg.): Führer befiehl … Selbstzeugnisse aus der „Kampfzeit“ der NSDAP. Dokumentation und Analyse. Droste, Düsseldorf 1969, S. 70. Wegen „nationalkommunistischer Umtriebe“ erließ Staatskommissar Gustav von Kahr am 12. Januar 1924 einen Schutzhaftbefehl gegen Streicher, der eine Woche später verhaftet und bis Ende Februar in Landsberg inhaftiert wurde.Franco Ruault: „Neuschöpfer des deutschen Volkes“. Julius Streicher im Kampf gegen „Rassenschande“. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2006. S. 225. Streicher war Mitglied des Nürnberger Stadtrats und von 1924 bis 1932 auch Abgeordneter im Bayerischen Landtag, zunächst im Völkischen Block (April bis August 1924) und ab August 1925 als Angehöriger der neu gebildeten NS-Fraktion. Damit hatte er Immunität vor Strafverfolgung erlangt, die jedoch mehrmals aufgehoben wurde. Ein früher Vertrauter Streichers, der von Parteigenossen als „geistiger Leiter des Nürnberger Gaues“ angesehen wurde, war Ludwig Franz Gengler.Franco Ruault: „Neuschöpfer des deutschen Volkes“. Julius Streicher im Kampf gegen Rassenschande. Peter Lang, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-631-54499-0, S. 267. Wegen „fortgesetzten Vergehens der Beleidigung in Tateinheit mit einem fortgesetzten Vergehen der üblen Nachrede“ wurde Streicher am 16. Dezember 1925 vom Landgericht Nürnberg-Fürth zu einer zweimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt.Bayerischer Landtag: Verhandlungen 1919-1933. Streicher Julius, bei keiner Fraktion. Zeitraum 1925-1926. Bayerische Staatsbibliothek, Digitale Sammlungen. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) ließ prüfen, inwieweit „Der Stürmer“ gegen deutsches Recht verstieß, und dokumentierte dessen verfälschte und sinnentstellende Zitate aus dem Talmud, darunter die Behauptung, der Talmud fordere zu sexuellem Missbrauch und zu Ritualmorden auf und gestatte Juden den Meineid vor nichtjüdischen Gerichten.Donald L. Niewyk: Jews and the Courts in Weimar Germany. In: Jewish Social Studies, Jg. 37 (1975), Nr. 2, S. 99–113, hier S. 103–104. Als genug belastendes Material beisammen war, klagte der CV Streicher und den „Stürmer“-Redakteur Karl Holz an. In diesem „Talmudprozess“ verurteilte das Schwurgericht Nürnberg Streicher und Holz am 4. November 1929 wegen „Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft“ zu Gefängnisstrafen, Holz zu 3½ Monaten, Streicher zu 2 Monaten.Alfred Hirschberg: Das Urteil von Nürnberg. Holz zu 3½ Monaten, Streicher zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt. In: CV-Zeitung (CVZ), Jg. 1929, Nr. 45 vom 8. November, S. 600–601. Der von der Anklage benannte Gutachter im Prozess war der Rabbiner Max Eschelbacher.Art. Eschelbacher, Max, Dr. jur. In: Joseph Walk: Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918–1945. Herausgegeben vom Leo Baeck Institute, Jerusalem. Saur, München 1988, ISBN 3-598-10477-4, S. 197. Die Verteidigung benannte Erich Bischoff als Gutachter.Martin Finkenberger: Art. Bischoff, Erich Oswald. In: Brigitte Mihok (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus, Band 8: Nachträge und Register. de Gruyter Oldenbourg, Berlin 2015, ISBN 978-3-11-037932-7, S. 44–46, hier S. 45.

Gegen den Nürnberger Oberbürgermeister Hermann Luppe (DDP) führte Streicher, unterstützt von seinem Vertrauten, dem Arzt, NSDAP-Propagandisten und „Stürmer“-Redakteur Fritz Hülf (1899–1976),Wolfgang Mück: NS-Hochburg in Mittelfranken: Das völkische Erwachen in Neustadt an der Aisch 1922–1933. Verlag Philipp Schmidt, 2016 (= Streiflichter aus der Heimatgeschichte. Sonderband 4); ISBN 978-3-87707-990-4, S. 260. einen reichsweit beachteten Prozess, bei dem er sich der Taktik der Diffamierungen und Verleumdungen bediente. Luppe bekam letztendlich Recht und konnte sich bis 1933 im Amt behaupten.Eckart Dietzfelbinger, Gerhard Liedtke: Nürnberg – Ort der Massen. Das Reichsparteitagsgelände. Vorgeschichte und schwieriges Erbe. Ch. Links Verlag, Berlin 2004, S. 25.

Ein weiteres Beispiel für den Umgang Streichers mit seinen Gegnern ist der in der Freiwirtschaftsbewegung engagierte Nürnberger Pädagoge Benedikt Uhlemayr. Unter Anwendung von Gewalt bekämpfte ihn Streicher seit Mitte der 1920er Jahre. Uhlemayr erlag 1942 den Verletzungen, die „Streichers Schergen“ ihm im Gefängnis und später auf offener Straße zugefügt hatten.Werner Onken, Günter Bartsch: Natürlich. Wirtschaftsordnung unter dem Hakenkreuz. Anpassung und Widerstand. Fachverlag für Sozialökonomie, Lütjenburg 1997, S. 34.

Zeit des Nationalsozialismus mini|Männer stehen vor einem Stürmer-Schaukasten (Gaubildarchiv Worms 1935) mini|Reichsparteitag 1935 in Nürnberg: Grundsteinlegung der Kongresshalle. mini|Die Rede Streichers vor der Nürnberger Hauptsynagoge, bei der er den Befehl zum Abbruch erteilte, 10. August 1938

Von 1932 bis 1945 war Streicher Mitglied der NSDAP-Fraktion des Reichstags. In der NSDAP war er mit Sitz in Nürnberg von 1925 bis 1940 Gauleiter des Gaues Mittelfranken, später umbenannt in Gau Franken. In dieser Eigenschaft gab er sich schon in den 1930er Jahren den Titel „Frankenführer“. In der SA hatte er den generalähnlichen Rang eines Obergruppenführers. Streicher stand in innerparteilicher Konkurrenz zu Nürnbergs Oberbürgermeister Willy Liebel, der stets um einen äußerlich korrekten Anschein bemüht war und Distanz zu Streicher hielt. Dieser reklamierte in Franken die unbedingte Führungsrolle in der Partei und im Gau.

Wirken als Antisemit