mini|Büste von Juliette Récamier im Musée des Beaux-arts, Lyon, 1804–1808 Büsten der Julie Récamier sind vom französischen Bildhauer Joseph Chinard (1756–1813) geschaffene Büsten der Pariser Salonnière Julie Récamier (1777–1849). Die in unterschiedlichen Materialien gefertigten Porträtwerke erfreuen sich bis heute großer Beliebtheit und befinden sich an unterschiedlichen Standorten auf der ganzen Welt.
Beschreibung Die Größen der Büsten unterscheiden sich stark, was auf ihre verschiedenen Ausführungen zurückzuführen ist. Auch ihr Material ist nicht einheitlich, so gibt es Versionen in Gips, Terrakotta, Bronze und Marmor.
Alle Büsten zeigen den oberen Körperabschnitt von Julie Récamier, meistens oberhalb der Hüfte beginnend. Der Kopf der Dargestellten ist leicht zur Seite geneigt, ihr Blick auf den Boden gerichtet. Ein Kamm hält ihr mithilfe von Tüchern und Haarbändern hochgestecktes Haar. Der Kamm ist einem Pfeilbündel nachempfunden. Auf den Haarbändern sind kleine Amoretten mit Pfeil und Bogen abgebildet. Die Armreifen lassen ebenfalls auf eine antikisierende Darstellung schließen. Mit beiden Händen hält die Dargestellte ein dünnes Tuch, das um ihre Schultern gelegt ist. Der Übergang zwischen Tuch und dem Gewand, das ihren Oberkörper bedeckt, ist fließend. Dennoch ist Julie Récamier nur ansatzweise verhüllt, ihre linke Brust bleibt entblößt und die Konturen ihres Körpers sind gut sichtbar. Während sie mit den Händen ihre nackten Körperstellen bedecken zu wollen scheint, deutet der Finger ihrer rechten Hand auf die deutlich sichtbare Brustwarze. mini|Kopfdetail der Büste von Julie Récamier im Berliner Bode Museum.
Ikonographie Die vielseitige Ansicht der Büste führt zu einer Erzählstruktur, die sich beim Umschreiten des Werkes aufbaut. So lässt sich zum Beispiel nur aus einem bestimmten Blickwinkel entdecken, dass eine der Brüste unbedeckt ist.
Eine Besonderheit der Büste sind die ausgearbeiteten Arme der Dargestellten, die so zum ersten Mal in der französischen Büstenplastik vorkommen. Die Armhaltung adaptiert den Gestus der Venus Pudica, der „schamhaften Venus“. Dieser aus der antiken Kunst stammende Bildtypus ist häufig bei Darstellungen der Venus oder Aphrodite zu finden, die ihre Brüste oder ihre Geschlechtsorgane mit den Händen bedeckt. Der Gestus lenkt die Aufmerksamkeit der Betrachter auf die jeweilige Körperregion, deutet jedoch gleichzeitig ein Schamempfinden der Dargestellten an. Diese von Chinard gewählte Darstellungsweise untermauert die Antikenliebe der damaligen Zeit, aber auch die Idealisierung der Madame Récamier, die auf diese Weise mit der Liebesgöttin Venus gleichgesetzt wird. Durch den Rückbezug auf antikisierende Motive wie die Venus Pudica, war es Joseph Chinard möglich, die Porträtierte mit entblößter Brust zu zeigen. Ohne den Verweis auf die römische Göttin hätte eine solche Darstellung Empörung hervorgerufen.
Die Büste der Julie Récamier enthält noch einige weitere Verweise auf die römische Mythologie. So ist das Pfeilbündel in ihren Haaren ein Hinweis auf Amor, die Personifikation der Liebe. Bei einigen Darstellungen, zum Beispiel bei den beiden Terrakottabüsten im Berliner Bode Museum und im J. Paul Getty Museum in Los Angeles, lassen die pompejanischen Amoretten auf dem metallenen Stirnband Julie Récamiers weitere Assoziationen zur Liebesgöttin Venus zu. Die Hochsteckfrisur wurde auch Tituskopf genannt und war ein wichtiger Bestandteil der Mode à la grecque im Directoire beziehungsweise im Französischen Konsulat.
Obwohl Porträtbüsten mit Armen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Frankreich unüblich waren, gibt es historische Darstellungen, an denen Chinard sich orientiert haben könnte. Ein Beispiel ist die Marmorbüste Dame mit dem Sträußchen von Andrea del Verrocchio im Bargello in Florenz. Joseph Chinard verbrachte einen Studienaufenthalt in Italien und könnte von der in Florenz ausgestellten Plastik inspiriert worden sein.
Verbindung zwischen Julie Récamier und Joseph Chinard Joseph Chinard fertigte in den Jahren zwischen 1795 und 1812 mehrere Porträtbüsten von Juliette Récamier an. Wie es zu dem Auftrag der zahlreichen Darstellungen kam, ist nicht bekannt. Vermutlich ist die erste Version bei einem längeren Aufenthalt Joseph Chinards in Paris entstanden. Der Künstler wohnte ab 1805 einige Zeit bei Julie Récamier und ihrem Mann, dem Bankier Jacques-Rose Récamier, in der Pariser Rue Basse-du-Rempart. Récamier und Chinard verband ihre gemeinsame Herkunft aus Lyon. Joseph Chinard hatte zu dieser Zeit hauptsächlich Privatkunden, fertigte aber um 1800 auch Büsten von Napoleon Bonaparte und König Ludwig XVI. an und genoss in der französischen Gesellschaft hohes Ansehen. Um 1802 stellte er einige seiner Werke im Pariser Salon aus. Vor Chinard hatte noch kein anderer Künstler Julie Récamier modelliert. Sie war bis zu diesem Zeitpunkt lediglich 1800 von Jacques-Louis David liegend auf einer Récamière porträtiert worden, ein Möbelstück, das aufgrund der ikonischen Darstellung und der großen Berühmtheit der jungen Frau später nach Julie Récamier benannt wurde.
Versionen Die folgenden Büsten werden Joseph Chinard zugeschrieben:
Bronze-Büste mit Kopfhaube Die am frühesten entstandene Büste, die Chinard von Julie Récamier anfertigte, schuf er 1796, sie ist nicht signiert. Vermutlich hat sie sich bis zum Tod Chinards 1813 in seinem Atelier befunden und dort für weitere Abgüsse und Modellierungen gedient. Anschließend gelangte sie in die Sammlung des Grafen de Penha-Longa in Paris und wurde 1911 in der Galerie Georges Petit in Paris verkauft. Der Verbleib der Büste ist unbekannt. Bei dieser Büste ist der Sockel sehr stark herausgearbeitet und deutlich als solcher erkennbar. Die Haarpracht der Dargestellten ist weniger detailliert als in späteren Versionen und zu großen Teilen vom Seidentuch auf ihrem Kopf verdeckt. Ebenso wie die Gipsbüste in Lyon trägt Julie Récamier hier einen dünnen Zopf, der über ihrer linken Schläfe einen Haarknoten bildet.
Bemalte Gipsbüste im Musée des Beaux-Arts, Lyon Die Gipsbüste im Musée des Beaux-Arts in Lyon (Inv.-Nr.: A2961) entstand 1798. Sie ist nicht signiert und unbezeichnet und misst 72 × 36 × 25,5 cm. Ursprünglich war sie im Besitz von Clémence Sophie de Sermézy, einer Schülerin von Joseph Chinard. Später war die Büste im Besitz von M. de Beaufort und ging 1864 als Spende an das Museum in Lyon über. Diese Version trägt einen dünnen Zopf, der über der linken Schläfe zu einem Haarknoten zusammengefasst ist. Der Rest der Haare ist, anders als bei den anderen Büsten, nicht nach vorne, sondern nach hinten gekämmt und türmt sich auf dem Kopf der Dargestellten auf. Der Sockel der Büste scheint ihren Oberkörper ergänzen zu wollen und bildet eine Wespentaille. Das Seidentuch bedeckt, wie bei allen anderen Büsten, lediglich ihre rechte Schulter und entblößt ihre linke Brust.
Terrakottabüste im J. Paul Getty Museum, Los Angeles Die Terrakottabüste im J. Paul Getty Museum (Inv.-Nr. 88.SC.42) entstand 1801/1802, sie misst 63,2 × 32,4 × 24,1 cm. Das Werk wurde vor 1821 von Julie Récamier an Jean Anthelme Brillat-Savarin verschenkt. Später gelangte es in den Besitz des Museums. Der Sockel wird hier, im Gegensatz zur Gipsbüste in Lyon, vom Seidentuch umspielt, zudem ist der Bauchnabel der Dargestellten angedeutet. Dadurch entsteht die Illusion, es könne sich statt einem Sockel um den nackten Bauch der Julie Récamier handeln. Die Haare der Dargestellten sind über ihrem Tuch nach vorne gekämmt, diese Büste trägt keinen Haarknoten über der Schläfe. Auf einem Stirnband, das leicht von den um ihren Kopf geschlungenen Tüchern verdeckt sind, lassen sich pompejanische Amoretten mit Pfeil und Bogen erkennen. mini|Kopie von Franz Krügers Porträt (1835) des Prinzen August von Preußen (1779–1843) vor dem Porträt der Madame Recamier von Francois Gérard. mini|Büste von Juliette Récamier, im Bode Museum, Berlin, 1801–1805. Terrakottabüste im Bode-Museum, Berlin Eine Terrakottabüste von Julie Récamier befindet sich im Berliner Bode-Museum (Inv.-Nr. M216). Die Darstellung misst 56 × 33 × 26 cm und wurde 1957 im Berliner Kunsthandel erworben. Ihre Entstehung wird auf den Zeitraum zwischen 1801 und 1805 datiert. Sie ist nicht signiert, jedoch mit „Mme. Récamier“ bezeichnet.
Die Provenienz der Büste ist weitestgehend unbekannt, angeblich stammt sie aus dem Besitz der Hohenzollern. Diese Herkunft ist insofern schlüssig, als dass Julie Récamier 1807 Prinz August von Preußen (1779–1843) kennengelernt hatte und sogar eine Hochzeit der beiden geplant war. Diese fand letztendlich aus diversen Gründen nicht statt, hauptsächlich deshalb, weil Julie Récamier bereits verheiratet war. Ein Gemälde des Malers Franz Krüger zeigt den preußischen General vor François Gérards Porträt von Julie Récamier. Die Darstellung zeigt die Begeisterung des Prinzen für Julie Récamier und lässt den Schluss zu, dass er auch eine Büste der Salonniere besessen haben könnte. Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, wie die Büste in den Besitz des Prinzen gekommen sein könnte, und wie sie von dort aus in den Kunsthandel gelangte.
Im Kunsthandel wurde die Büste noch als Werk von Jean-Antoine Houdon geführt und unter diesem Urheber auch zur Wiedereröffnung nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1957 erstmals im Katalog publiziert.
Diese Version ist die einzige Büste, die keinen Sockel besitzt, sondern mit glatter Oberfläche abschließt. Ebenso wie die Büste im J. Paul Getty Museum, sind auf dem Haarband der Dargestellten kleine Amoretten mit Pfeil und Bogen zu erkennen. Zudem sei an der Haarpartie der Dargestellten die Spur eines Modellierholzes erkennbar, was gegen einen Abguss spricht. Daraus schloss Ernst Heinrich Zimmermann, der zwischen 1937 und 1957 Direktor des Kaiser-Friedrich-Museum, dem heutigen Bode-Museum war, dass es sich um das Originalmodell für die später entstandene Marmorbüste, die sich nun in Lyon befindet, handle. In jüngeren Publikationen wird diese These jedoch angezweifelt. Aus einem 1977 verfassten Brief von Christian Theuerkauff, damals Hauptkustos der Skulpturengalerie, an Berthold Fricke vom Verlag Knorr & Hirth in Hannover geht hervor, dass das Museum eine „Ton-Variante nach der Lyoner Büste“ besitze. Theuerkauff steht der Einschätzung, dass es sich bei der Büste um ein Original handele, skeptisch gegenüber.Korrespondenz vom 13. Juni 1977, Archiv des Bode-Museums Berlin.
Marmorbüste im Musée des Beaux-Arts, Lyon Die Marmorbüste im Musée des Beaux-Arts in Lyon ist im Zeitraum 1804–1808 entstanden und ist die einzige Büste, die die eigenhändige Signatur Chinards auf dem Sockel trägt. Aus dem Besitz des Notars Jean Bernard, dem Vater von Julie Récamier, ging das Werk 1828 in den Besitz von Joseph-François-Marie Simonard über, einem Jugendfreund von Julie Récamier. 1867 vermachte er die Büste seiner Tochter. Im Testament Simonards befindet sich die Formulierung: "[...] die Marmorbüste der Mme Récamier, die meine intime Freundin war [...] Diese Büste, gemeißelt von Chinard, ist ein Meisterwerk." Das Museum in Lyon kaufte die Büste 1909 für 80.000 Francs an (Inventar-Nr. B.871). Ihre Maße betragen 80 × 42,5 × 30,5 cm, damit ist sie deutlich größer als die Gips- und Terrakottamodelle. Eine weitere, unsignierte Marmorversion dieser Büste befindet sich in den Collezioni Comunali d'Arte in Bologna. Sie ist dort als Kopie des Originals verzeichnet.
Marmorbüste im Rhode Island School of Design Museum