miniatur|Hauptgebäude der Universität Helsinki
Das Bildungssystem in Finnland ist überwiegend staatlich organisiert und steht auf allen Ebenen in den beiden Landessprachen Finnisch und Schwedisch zur Verfügung. Nach den PISA-Studien ab dem Jahr 2000 gilt es in Europa als besonders erfolgreich, befand sich allerdings in den letzten Jahren nicht mehr an der Spitze dieses Rankings.
Allgemeine Ziele und Daten Zentrales Ziel ist es, die Bildungsmöglichkeiten für alle Bürger zu gewährleisten, unabhängig von Alter, Wohnort, wirtschaftlicher Situation, Geschlecht oder Muttersprache. Die Grundlage gibt das Schulgesetz: Die Regierung beschließt die nationalen Ziele und Stundentafeln. Oberste Schulbehörde in Finnland ist das Bildungsministerium, daneben gibt es keine spezielle Aufsichtsbehörde. Festgelegte Ziele und die statistische Erhebung ermöglichen eine effiziente Kontrolle über die Qualität. Die Rahmenpläne und Standards werden vom Zentralamt für Unterrichtswesen (finnisch Opetushallitus, schwedisch Utbildningsstyrelsen) vorgegeben, während die Koordinierung und Qualitätssicherung den Bildungseinrichtungen selbst obliegt.
Der Unterricht ist ebenso kostenlos wie soziale Leistungen, warmes Schulessen, Unterrichtsmaterial, Schulbücher für den Unterricht in Vorschule und Einheitsschule (Lernmittelfreiheit). Auch den Schülertransport gewährleistet der Bildungsträger.
In Finnland gibt es etwa 2700 Schulen (sinkende Tendenz) mit insgesamt etwa 900.000 Schülern, davon etwa 150.000 in der gymnasialen Oberstufe mit den Klassen 10 bis 12. An den finnischen Hochschulen studieren etwa 320.000 Studenten (Ausländeranteil: 6 %https://erudera.com/statistics/finland/finland-international-student-statistics/), davon an den finnischen Fachhochschulen etwa 153.000 Studenten (2020).
Der Erfolg wurde seit 2000 mehrfach in den PISA-Studien sichtbar, wobei die beste Position in Europa inzwischen an Estland übergegangen ist. Hervorzuheben ist die niedrige Analphabetenquote in Finnland, die bereits vor dem II. Weltkrieg mit weit unter 1 % die niedrigste weltweit war. In der russischen Zeit war Finnland noch besonders rückständig, teilweise gab es in dieser Phase nur kirchliche Wanderschulen.
mini|Hauptfront der Deutschen Schule Helsinki Es gibt in Finnland nur ganz wenige Privatschulen, darunter z. B. Rudolf-Steiner-Schulen. Die älteste Privatschule ist die Deutsche Schule Helsinki. Internate wurden bewusst abgeschafft, um wohnortnahe Schulen anzubieten. Privatschulen dürfen kein Schulgeld erheben. Daneben gibt es private Berufsschulen.
In Svenskfinland gibt es neben finnisch- auch schwedischsprachige Schulen. Die sprachlichen Minderheiten in Finnland haben ebenfalls ein Recht auf muttersprachlichen Unterricht neben Finnisch. In den samischen Verwaltungsbezirken ist eine „Grundschulbildung“ (bis Klasse 9) überwiegend in Nord-, Inari- und Skoltsamisch möglich, wenn die Erziehungsberechtigten es wünschen. Auch Flüchtlinge werden konsequent und erfolgreich in das Bildungssystem integriert.
In den Schulen wird entsprechend der beiden s.g. Volkskirchen lutherischer und orthodoxer Religionsunterricht angeboten. Etwa 85 % der Schüler nehmen am lutherischen Unterricht teil. Andere religiöse Gruppen haben theoretisch auch ein Angebotsrecht.Ubani, Martin: Religion, multiculturalism and Finnish schools, in: Ubani, Martin / Rissanen, Inkeri / Poulter, Saila (Hg.): Contextualising dialogue, secularisation and pluralism. Religion in Finnish public education, Münster 2019, 105–127.
Laut einer OECD-Studie gab Finnland im Jahr 2022 5,5 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Bildung aus, ein überdurchschnittlicher Wert. In Deutschland werden zum Vergleich etwa 4,5 % des BIP für die Bildung investiert, Finnland gibt deutlich mehr Geld für den Primarbereich aus. Eine Klasse hat eine durchschnittliche Stärke von unter 20 Schülern. In den ländlichen Gebieten im Norden und Nordosten gibt es häufig Klassen mit weniger als 10 Schülern.
Gliederung Bildungssystem Finnland Akademisch Berufsbildend Alter DoktorTohtori/Doktor Berufsleben LizenziatLisensiaatti/Licentiat MasterMaisteri/Magister BachelorKandidaatti/Kandidat FachhochschuleAmmattikorkeakoulu/Yrkeshögskola Berufsleben AbiturYlioppilastutkinto/Studentexamen BerufsfachschuleAmmattikoulu/Yrkesskola 18–19 GymnasiumLukio/Gymnasium 17 16 EinheitsschulePeruskoulu/Grundskola 15 14 13 12 11 10 9 8 7–8 VorschuleEsikoulu/Förskola 6–7
Nach der vorschulischen Erziehung ist das Bildungssystem in Finnland in drei Stufen aufgeteilt:
Untere Bildungsstufe (Einheitsschule) Mittlere Bildungsstufe (Abitur und Fachschulen) Obere Bildungsstufe (Universität und Hochschulen)
Vorschulische Erziehung und Schulpflicht Jedes finnische Kind hat bis zum Alter von drei Jahren Anspruch auf einen Kinderkrippenplatz. Eltern, die ihre Kinder selbst betreuen, werden dafür finanziell unterstützt. Für die Betreuung von Kindern stehen von Geburt bis zum 6. Lebensjahr Kindertagesstätten zur Verfügung. Obwohl 2001 schon ca. 90 Prozent der Sechsjährigen eine einjährige Vorschule besuchten, wurden die Gemeinden im selben Jahr dazu verpflichtet, allen Kindern einen Platz dafür einzuräumen.Johann C. Fuhrmann, Norbert Beckmann-Dierkes: Finnlands PISA-Erfolge: Mythos und Übertragbarkeit In: KAS Auslandsinformationen 07/2011, Berlin 2011, S. 6–22, hier: S. 11. Die allgemeine Schulpflicht beginnt in dem Jahr, in dem das Kind das 7. Lebensjahr vollendet hat, und endet nach neun Jahren mit der Einheitsschule.
Einheitsschule Seit 1999 wird die Einheitsschule nicht mehr in sechs Unter- und drei Oberstufenklassen eingeteilt. Stattdessen wird in den ersten sechs Jahren der Unterricht von Klassenlehrern geleitet (etwa 3000 Schulen), in den letzten drei Jahren von Fachlehrern (etwa 600 Schulen). Es gibt verbindliche Bildungsziele und Bewertungskriterien, die vom Opetushallitus festgelegt werden. Die Gemeinden und Schulen erstellen auf dieser Grundlage dann einen Lehrplan. Lehrer haben die Freiheit, eigene Lehrmaterialien einzusetzen und den Unterricht nach ihren eigenen Lehrmethoden zu gestalten. Es gibt keine Bewertung in Form von Noten von der ersten bis vierten Klasse. Ab der fünften darf benotet werden, erst ab der neunten müssen Noten in Verbindung mit einem Worturteil vergeben werden. Mindestens einmal im Jahr erhält jeder Schüler einen Bericht. Die Erfüllung der neunjährigen Pflichtschulzeit wird durch das Schuljahresendzeugnis der neunten Klasse zum Abschluss der Gesamtschule dokumentiert (ohne Prüfung). Mit diesem Zeugnis bewerben sich die Schüler an Oberstufenschulen (lukios) ihrer Wahl oder an Berufsfachschulen.
Der finnische Bildungsforscher Pasi Sahlberg beschreibt die finnische Schule mit den Worten, sie unterrichte weniger Stunden, biete mehr Ferien, fordere weniger Hausaufgaben, prüfe nur beim Abitur und basiere auf dem Sprichwort „Das ganze Dorf erzieht das Kind“. Nach neun Jahren kann fakultativ ein 10. Schuljahr besucht werden (etwa 1000 Schüler). Großer Wert wird auf Fremdsprachen und Sonderunterricht gelegt.
Weiterführende Schulen Nach dem Ende der Schulpflicht bestehen im Wesentlichen zwei Bildungswege. Nur 2,4 % verlassen die Schule. Über 90 Prozent aller Jugendlichen in Finnland erhalten nach drei weiteren Jahren eine Allgemeine Hochschulzugangsberechtigung (Abitur), in der allgemeinbildenden Form (Ylioppilastutkinto) oder in der beruflichen Bildung (Ammatillinen perustutkinto). In Deutschland erreichen das etwa 50 Prozent (vgl. Abiturientenquote). Um 1850 haben weniger als hundert Jungen das Abitur abgelegt, in den 1950er Jahren waren es etwa 4000 Jungen und Mädchen jährlich. Heute sind es etwa 35.000 Kandidaten.
Ausbildung auf der allgemeinbildenden Sekundarstufe II Etwa 54 % aller finnischen Schüler (2024) gehen auf die Oberstufenschulen (etwa 330) nach der neunten Klasse. In der allgemeinbildenden Sekundarstufe II werden die Schüler nach einer Aufnahmeprüfung drei weitere Jahre unterrichtet und in einem Kurssystem bis zum Abitur geführt. Oberstufenschulen (lukios) können ihre Schüler aufgrund ihrer Noten oder speziellen Eingangsprüfungen selbst aussuchen. Man kann allerdings auch zwischen zwei und vier Jahren dafür in Anspruch nehmen. Bei Nichtbestehen gibt es die Möglichkeit einer Wiederholungsprüfung (Uusinta). Die Abiturprüfung wird in Finnland zentral organisiert, und die jeweiligen Fachprüfungen werden in allen Gymnasien gleichzeitig abgehalten. Die Abiturprüfung umfasst obligatorisch Finnisch, eine Fremdsprache, Mathematik oder ein Fach aus der Geistes- oder Naturwissenschaft.
Ausbildung auf der berufsbildenden Sekundarstufe II 2019 entschieden sich über 40 Prozent aller Schüler für die berufliche Grundausbildung mit einer Abschlussprüfung an einer Berufsschule (etwa 100). Beide Abschlüsse zählen zur sekundären Bildung und gelten als allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Der Weg der berufsbildenden Sekundarstufe II kann im Rahmen einer Berufsausbildung oder einer Lehre absolviert werden. In sieben verschiedenen Sektoren werden Berufsqualifikationen angeboten. Dazu zählen: Technik und Verkehr, Handel und Verwaltung, Naturressourcen, Ernährung und Wirtschaft, Soziales und Gesundheit, Kultur und Freizeit/Sport. Neben den klassischen Berufsschulen, die eine weitgehend vollzeitschulische Berufsausbildung mit einer Ausbildungsdauer von in der Regel drei Jahren anbieten, gibt es berufsspezifische berufliche Schulen. Hierzu gehören z. B. die technischen Schulen, die landwirtschaftlichen Schulen, die Handelsschulen oder die Schulen für Sozialberufe.
Jede Berufsausbildung umfasst mindestens 20 Studienwochen Ausbildung am Arbeitsplatz sowie Kurse in den Kernfächern sowie Wahlfächer. Träger der beruflichen Bildung sind 55 Gemeinden, 70 Verbände, 95 private Gesellschaften und Stiftungen sowie fünf berufliche Sonderschulen. In Finnland werden die Auszubildenden auch Studenten genannt und können sich nach einer drei Jahre dauernden beruflichen Grundausbildung für ein nachfolgendes Studium an einer Hochschule befähigen. Der Berufsausbildungsabschluss umfasst eine größere Abschlussarbeit.
Charakteristisch für das finnische Berufsausbildungssystem sind neben der theoretischen Ausbildung Abschnitte in eigenen Werkstätten sowie ein Werkspraktikum.
Inklusion Es gibt nur wenige Förderschulen (für Gehörlose und geistig Behinderte). Schüler mit Lernschwierigkeiten, Teilleistungsstörungen (Dysphasien, LRS) und Verhaltensauffälligkeiten werden in den normalen Schulen durch Zusatzprogramme gefördert. Diese Förderung geschieht in Kleingruppen oder in Einzelförderung. Die sonderpädagogischen Maßnahmen finden nach Feststellung einer Schwäche statt. Etwa 12 % bis 13 % aller Schüler bekommen eine spezifische Förderung. Teilweise werden Schüler mit Defiziten oder Verhaltensauffälligkeiten in einzelnen Fächern zu Sonderklassen zusammengefasst und von Lehrern mit Spezialausbildung unterrichtet. Die Zahl dieser sonderpädagogischen Klassen innerhalb der Regelschulen hat sich erhöht.
Universität und Fachhochschule Das finnische Hochschulsystem besteht aus den Universitäten und den Fachhochschulen. Die Dauer eines Studiums beläuft sich auf etwa vier bis fünf Jahre. Fachhochschulen sind praxisorientierter; in den Universitäten liegt der Schwerpunkt auf der wissenschaftlichen Forschung und Lehre. In der Universität können sowohl niedere Bachelor-Examen und höhere Master-Examen sowie Lizenziaten- und Doktorprüfungen abgelegt werden.
miniatur|Hauptgebäude der Aalto-Universität in Espoo. Das Gebäude wurde von Alvar Aalto entworfen.