Der Hirschzungenfarn (Asplenium scolopendrium), auch einfach Hirschzunge genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Streifenfarne (Asplenium) innerhalb der Familie der Streifenfarngewächse (Aspleniaceae). Durch seine ganzrandigen Blattwedel ist der Hirschzungenfarn leicht von allen anderen europäischen Farnarten zu unterscheiden, die in der Regel ein- bis mehrfach gefiederte Wedel aufweisen.

Beschreibung mini|Sori mit Sporen Die Hirschzunge ist eine ausdauernde (mehrjährige) krautige Pflanze. Sie zeichnet sich durch ungeteilte, ganzrandige, länglich-zungenförmige, am Grund über dem Blattstiel herzförmige, vorne verschmälerte und zugespitzte, glänzend grüne Blattspreiten aus, die 10 bis 60, selten bis 100 Zentimeter groß sind und aufrecht oder bogig überhängend aus einem „Wurzelstock“ in Büscheln trichterförmig wachsen. Das Rhizom ist aufrecht oder aufsteigend, bis 6 Zentimeter lang und dicht mit Spreuschuppen besetzt. Der Blattstiel ist ein Drittel bis halb so lang wie die Spreite, am Grund purpurbraun und sonst grün. Die Blätter sind wintergrün, wobei die im späten Frühling neu hervorgebrachten Wedel frisch hellgrün aussehen, die älteren sind kräftig grün und ledrig fest. Die Blattspreite ist ganzrandig. Auf ihrer Unterseite bilden sich länglich-linealische, rost-bräunliche Doppel-Sori (Gruppen von Sporangien, welche die Sporen enthalten), die schräg zur Mittelrippe parallel über die Seitennerven angeordnet sind.

Die Sporenreife findet in den Monaten Juli bis September statt.

Die von der Blattrippe gabelig verzweigten Seitennerven werden als stammesgeschichtlich urtümliches Merkmal im Vergleich zu anderen, „moderneren“ Farnarten mit netznervigen Blättern interpretiert.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 72.

Vorkommen Verbreitung Die Verbreitung ist holarktisch und dabei disjunkt gestreut in den gemäßigten Gebieten im östlichen Nordamerika, Europa und Ostasien. In Europa kommt der Hirschzungenfarn vor allem im westlichen, atlantisch geprägten, wintermilden Teil vor. Innerhalb Deutschlands zeichnen sich Schwerpunkte im Südwesten ab, u. a. im Bereich der Schwäbischen Alb, des Rheinischen Schiefergebirges und des Alpenvorlandes. Sonst ist die Verbreitung sehr unstetig; in weiten Teilen Deutschlands fehlt der Hirschzungenfarn oder kommt nur punktuell vor. Hirschzungenfarn steht unter Naturschutz (u. a. „besonders geschützt“ nach der Bundesartenschutzverordnung) und ist eine Art der Roten Listen.

Standort mini|Bestandsaspekt (Nordhang im unteren Bühlertal) in Baden-Württemberg Hirschzungenfarn kommt in Mitteleuropa besonders an lichten bis schattigen, sickerfeuchten, nordexponierten Steilhängen kalkbödiger, basen- und humusreicher Schluchtwälder mit Eschen, Ahorn und Linden als dominanten Baumarten vor. Für diese spezielle, naturkundlich sehr wertvolle Waldausprägung, nämlich das Fraxino-Aceretum pseudoplatani, ist die Hirschzunge sogar eine „Kennart“ innerhalb der Krautschicht. Auch Blockschutthalden und feuchte, kalkhaltige Mauern, beispielsweise an Friedhöfen oder in Brunnen, werden manchmal besiedelt (Spaltenwurzler). Sie kommt auch im Asplenio-Cystopteridetum aus dem Verband Cystopterion vor und in Pflanzengesellschaften der Klasse Thlaspietea. In den Allgäuer Alpen steigt sie am Vorderen Wildengundkopf in Bayern in einer Höhenlage bis zu 1700 Meter auf. Im Kanton Wallis erreicht sie auf der Gemmi 2000 Meter.

Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3+ (feucht), Lichtzahl L = 2 (schattig), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 3 (montan), Nährstoffzahl N = 3 (mäßig nährstoffarm bis mäßig nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 2 (subozeanisch).

Taxonomie und Systematik mini|Asplenium scolopendrium var. americanum im Bundesstaat New York Die Erstveröffentlichung von Asplenium scolopendrium erfolgte 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum, Tomus II, Seite 1079. Synonyme für Asplenium scolopendrium sind Scolopendrium vulgare und Phyllitis scolopendrium

Manchmal wurde diese Art (bisheriger Name Phyllitis) zur Familie der Tüpfelfarngewächse (Polypodiaceae) gestellt.

Je nach Autor gibt es zwei Unterarten und zwei Varietäten: Asplenium scolopendrium subsp. antri-jovis (Syn.: Biropteris antri-jovis , Phyllitis antri-jovis ): Sie kommt auf Kreta, auf den Kykladen und in der Türkei vor. Nach Euro+Med ist sie ein Synonym von Asplenium scolopendrium subsp. scolopendrium. Asplenium scolopendrium L. subsp. scolopendrium: Sie tritt außer der var. scolopendrium auch noch in weiteren Varietäten auf: Asplenium scolopendrium var. americanum : Sie kommt in Höhenlagen von 0 bis 100 Metern in den US-Bundesstaaten Ontario, Alabama, Michigan, New York sowie Tennessee und im mexikanischen Bundesstaat Nuevo León vor. Sie ist tetraploid mit 2n = 144. Asplenium scolopendrium var. lindenii : Sie kommt in den mexikanischen Bundesstaaten Oaxaca und Chiapas vor und tritt auch auf Hispaniola auf. Die Varietät lindenii ist nach einigen Autoren aber nur ein Synonym der var. americanum.

Kultivierung und Verwendung mini|Zier-Varietät mit krausen Blatträndern Es gibt zahlreiche in Gärten kultivierte Zierformen der Hirschzunge, die beispielsweise stark wellig gekräuselte Blattränder aufweisen.

Die BlätterDieter Lehmann: Zwei wundärztliche Rezeptbücher des 15. Jahrhunderts vom Oberrhein. Teil I: Text und Glossar. Horst Wellm, Pattensen/Han. 1985, jetzt bei Königshausen & Neumann, Würzburg (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, 34), ISBN 3-921456-63-0, S. 194 („hirtz czüngen, daz krüt“). der Hirschzunge (oder lateinisch Scolopendria, vor allem in der pharmazeutischen Literatur des Mittelalters) fanden früher als Wundmittel und bei Milzkrankheiten Verwendung.

Geschichte Antike Im 16. Jahrhundert disputierten die Väter der Botanik darüber, wo der Hirschzungenfarn in den Werken der antiken Autoren zu suchen sei.Otto Brunfels. Contrafeyt Kreüterbuch. Straßburg 1532, S. 171–172 (Digitalisat) – Hieronymus Bock. Kreüterbuch. Straßburg 1539, Teil I, Kapitel 188 (Digitalisat) – Leonhart Fuchs. De historia stirpium. Basel 1542, S. 294–295 (Digitalisat) und New Kreütterbuch. Basel 1543, Kapitel 111 (Digitalisat)

mini|Wiener Dioskurides 6. Jahrhundert. Links: Scolopendrion (Blatt 290v). Rechts: Phyllitis (Blatt 367v) Zur Auswahl standen folgende Pflanzen: Theophrastos von Eresos: TrichomanesTheophrast. Naturgeschichte der Gewächse. Ausgabe: Kurt Sprengel. Theophrast’s Naturgeschichte der Gewächse. Friedrich Hammerich, Altona 1822, Teil I Übersetzung, Buch 7. Kapitel 14 (Digitalisat) Teil II Erläuterungen, S. 284–285 (Digitalisat), Dioskurides: PhyllitisDioskurides. De Medicinali Materia libri quinque. In der Übersetzung von Julius Berendes. Des Pedanius Dioskurides Arzneimittellehre in 5 Büchern. Enke, Stuttgart 1902, Buch III, Cap. 111: Phyllitis (Digitalisat), «Asplenon» „… einige nennen es «Skolopendrium»“Buch III, Cap. 141: Asplenon (Digitalisat), HemionitisBuch III, Cap. 142: Hemionitis (Digitalisat), Plinius: Lingua herbaPlinius. Naturalis historia. Übersetzt und erläutert von Philipp H. Külb. Metzler, Stuttgart 1840–1864. Buch XXIV, § 170: Lingua herba (CVIII) (Digitalisat), LingulicaBuch XXV, § 133: «Lingulica» (LXXXIV) (Digitalisat), AsplenionBuch XXVII, § 34: «Asplenion» (XVII) (Digitalisat), Galen: AsplenumGalen. De simplicium medicamentorum temperamentis ac facultatibus, lib. VI, Kapitel I, 67: Asplenum (Ausgabe Kühn 1826, Bd. XI, S. 841) (Digitalisat), PhyllitisDe simplicium medicamentorum temperamentis ac facultatibus, lib. VIII, Kapitel XXI, 10: Phyllitis (Ausgabe Kühn 1826, Bd. XII, S. 152) (Digitalisat).

Bei diesen antiken Autoren fanden sie dazu folgende Anwendungsempfehlungen: für das Asplenon, Asplenium bzw. Skolopendrium: erweicht die Milz (Dioskurides – Plinius – Galen), zerkleinert Steine (Dioskurides – Galen), bewirkt zeremoniell angewendet Unfruchtbarkeit bei Frauen (Dioskurides – Plinius), hilft gegen Schluckauf (Dioskurides – Plinius), hilft gegen Dysurie (Dioskurides) und gegen Gelbsucht (Dioskurides); für die Phyllitis: hilft gegen Dysenterie und Durchfall (Dioskurides – Galen), gegen den Biss giftiger Tiere (Dioskurides); für die Hemionitis: erweicht mit Essig getrunken die Milz (Dioskurides); für die Lingua herba: bewirkt mit Schweineschmalz verwendet Glanz der Haare (Plinius)

mini|Splenion – Scolopendria. Links: Pseudo-Apuleius, Kassel 10. Jh.Pseudo-Apuleius, Kassel, 10. Jahrhundert (Digitalisat) Mitte: Gart der Gesundheit 1485Gart der Gesundheit, Mainz 1485, Kapitel 351 (Digitalisat) Rechts: Hortus sanitatis 1491Hortus sanitatis, Mainz 1491, I,458 (Digitalisat) Weitere historische Abbildungen:Links: Scolopendria. Hortus sanitatis, Ausgabe Straßburg 1497. Rechts: Verwendung desselben Druckstocks zum Kapitel Hyrtzzung im Kleinen Destillierbuch, Straßburg 1500 (Bildlink) mini|Hirschzunge. Abbildungen. Links: Vitus Auslasser 1479.Vitus Auslasser. Kräuterbuch 1479, Blatt 111r (Digitalisat) Rechts: Otto Brunfels 1532.Otto Brunfels. Contrafeyt Kreüterbuch. Straßburg 1532, S. 171–172 (Digitalisat) Weitere historische Abbildungen: Herbarius Moguntinus, Mainz 1484, Cap. 138 (Digitalisat)Leonhart Fuchs. New Kreütterbuch. Basel 1543, Kapitel 111 (Digitalisat)Hieronymus Bock, Ausgabe Straßburg 1546, Teil I, Kapitel 188 (Digitalisat)

Spätantike und arabisches Mittelalter Die spätantiken Kräuterbücher Pseudo-Apuleius und (Pseudo-) Dioscorides de herbis femininis sowie die Kräuterbücher des arabischen Mittelalters rezipierten Dioskurides Aussagen zum «Asplenium» / «Skolopendrium».Franzesco Gonzaga. Herbarium Apulei Platonici. Rom 1481/82 Herba Splenion (Digitalisat) – Kai Brodersen: Apuleius, Heilkräuterbuch / Herbarius, lateinisch und deutsch. Marix, Wiesbaden 2015, Anhang: KonkordanzlisteH. F. Kästner (Hrsg.): Pseudo-Dioscorides de herbis feminis. In: Hermes. Band 31, 1896, S. 578–636 (616) (Digitalisat)Avicenna. 10.–11. Jh. Kanon der Medizin. Übersetzung und Bearbeitung durch Gerhard von Cremona und Arnaldus de Villanova. Überarbeitung durch Andrea Alpago (1450–1521). Venedig 1556, Buch II, Kapitel 638 Scolopendria (Digitalisat)Pseudo-Serapion. 13. Jh., Druck. Venedig 1497, Kapitel CXCIII: Scolofendrion (Digitalisat)Abu Muhammad ibn al-Baitar. 13. Jh. Kitāb al-jāmiʿ li-mufradāt al-adwiya wa al-aghdhiya – Große Zusammenstellung über die Kräfte der bekannten einfachen Heil- und Nahrungsmittel. Übersetzung. Joseph Sontheimer unter dem Titel Große Zusammenstellung über die Kräfte der bekannten einfachen Heil- und Nahrungsmittel. Hallberger, Stuttgart 1842, Band II, S. 31: Skolofendrion – Asplenon (Digitalisat)

Lateinisches Mittelalter und Neuzeit Im Macer floridus (11. Jahrhundert) und in dessen deutscher Übersetzung (Deutscher Macer, 13. Jahrhundert), den Standardwerken der Kräuterheilkunde des lateinischen Mittelalters, wurde der Hirschzungenfarn nicht aufgeführt. In den Hildegard von Bingen zugeschriebenen Physica-Manuskripten des 14. bis 15. Jahrhunderts wird die Anwendung der „Hirtzunge“ (lateinisch Lingua cervinaWouter S. van den Berg (Hrsg.): Eene Middelnederlandsche vertaling van het Antidotarium Nicolaï (Ms. 15624–15641, Kon. Bibl. te Brussel) met den latijnschen tekst der eerste gedrukte uitgave van het Antidotarium Nicolaï. Hrsg. von Sophie J. van den Berg, N. V. Boekhandel en Drukkerij E. J. Brill, Leiden 1917, S. 236.Vgl. auch Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 402 (hirszunge/hirßzunge, mittellateinisch auch cerviglossa).) aber ausführlich beschrieben: