mini|hochkant=1.25|Vespa-Roller Motorroller sind Sonderbauarten von Motorrädern, die zwischen Lenker und Sattel/Sitz einen freien Durchstieg haben, somit auch mit körperlichen Einschränkungen oder langem Rock wie ein Stuhl bequem besetzt werden können und nicht wie Fahrräder oder Pferde durch Überschwung des rechten Beines mühsam rittlings bestiegen werden müssen. Die Sitzbank ist fast immer für zwei Personen ausgelegt, Einzelsitze sind oft mit Gepäckträgern für Pizzazustellung etc. kombiniert.
Wesentlich kleinere, tragbare und nur im Stehen gefahrene mit Elektromotor betriebene Motorroller werden E-Tretroller genannt. Der engl. Begriff scooter deckt beide Bauweisen ab.
Der typische Motorroller, wie er in den 1950er-Jahren mit Vespa, Innocenti Lambretta und ähnlichen bekannt wurde, hat zwischen Lenker und Sattel einen freien Durchstieg, das heißt im Kniebereich keine festen Fahrzeugteile wie Kraftstofftank und MotorISO 3833-1977, kann bzw. muss also ohne Knieschluss zum Tank gefahren werdenDIN 70010 vom Juli 1968. Ein Roller hat oft ein Bodenblech als Trittbrett statt Fußrasten. Die Antriebseinheit samt Tank ist beim Roller komplett hinten unten. Vorne ist ein durchgehendes Beinschild bzw. eine Verkleidung zum effektiven Schutz vor Verschmutzung. Dagegen haben Motorräder Motor und Tank vorne, benötigen Öffnungen für Kühlung, etwaige Beinschilde sind auf jeder Seite einzeln.
Neben herkömmlichen Rollern mit Verbrennungsmotor setzen sich zunehmend Elektromotorroller im Markt durch.
Geschichte Der amerikanische Hersteller Autoped Company of Long Island City, New York, stellte 1915 den ersten ursprünglich als Kinderroller gedachten Motorroller her. Der erste Motorroller deutscher Produktion, ein Lizenznachbau von Autoped, wurde 1919 von Krupp in Essen hergestellt; der Krupp-Roller von nur 130 cm Gesamtlänge hatte Vorderradantrieb. Die Zschopauer Motorenwerke J. S. Rasmussen mit ihrer Marke DKW nannten ihr ab 1921 gefertigtes Sesselrad, das einige Merkmale eines Motorrollers aufwies, Golem; produziert und vertrieben wurde es von 1921 bis 1922 von Eichler in Berlin. Das 1922 entstandene DKW-Sesselrad Lomos hatte einen 142-cm³-Zweitaktmotor und ebenso wie das Golem Gebläsekühlung und Riemenantrieb; auch diese Produktion wurde an Eichler abgegeben, sie endete 1925. Beide DKW-Modelle hatten am Vorderrad eine geschobene Kurzschwinge mit Hilfsgabel.
Nachkriegszeit 1946 wurde der Motorroller durch die Vespa des italienischen Herstellers Piaggio weltweit bekannt. Innocenti mit der Lambretta folgte 1947. Die typische Form stammt von Motorrollern alliierter Luftlandetruppen, den sogenannten Welbikes. Diese Bauweise wurde bis heute von vielen Herstellern übernommen.
Motorroller waren oft in Kinofilmen der damaligen Zeit zu sehen, was ihre Verbreitung förderte, beispielsweise in Ein Herz und eine Krone (1953) mit Audrey Hepburn und Gregory Peck Happy End im September (1961) mit Rock Hudson und Gina Lollobrigida; Unter der Treppe (1969) mit Rex Harrison und Richard Burton.
Der Prototyp des Rollers Riedel Till ist im deutschen Heimatfilm Schwarzwaldmädel (1950) mit Sonja Ziemann, Rudolf Prack und Walter Müller zu sehen; Dreh-Ende war am 3. Juni 1950, im Herbst 1950 wurde die Entwicklung des Till-Rollers eingestellt.
Einen Motorroller zu fahren wurde wichtiger Bestandteil der damaligen Jugend-Subkultur (siehe dazu Mod (Subkultur)).
Einer der ersten westdeutschen Roller nach dem Krieg (1949) hieß Walba (später als Faka weiterproduziert). Noch früher war der von dem Flugzeugkonstrukteur Heinz Sombold entworfene Roller Troll mit Vorderradantrieb entstanden, der bei VMO, einem Hersteller in Lamspringe, und später von Faka produziert wurde. Der erste Rollerboom war in den Jahren des Wirtschaftswunders. 1950 nahmen die NSU Motorenwerke die Lizenzproduktion der Innocenti Lambretta auf. Die NSU Lambretta war in den 1950er Jahren der beliebteste deutsche Motorroller; 117.043 StückPeter Schneider: NSU Lambretta – Prima, Schrader Motor Chronik, ISBN 3-613-87180-7, S. 94. wurden gebaut. Weitere westdeutsche Rollertypen waren das Maicomobil, der Heinkel Tourist, die Zündapp Bella und die Dürkopp Diana. Von 1954 bis 1957 baute die Auto Union GmbH den Motorroller DKW Hobby mit stufenlosem Riemengetriebe (System Uher) in einer Auflage von 45.303 Einheiten. In Österreich dominierte Puch mit 125er- und 150er-Rollern den Markt; dazu gab es auch Kleinroller mit 50 cm³ Hubraum, u. a. Puch DS 50.
In der DDR waren die Roller Pitty, Wiesel, Berlin und Troll weit verbreitet, ebenso wie die aus der Tschechoslowakei importierten Modelle Čezeta, Tatran und Manet. Außer diesen Modellen produzierte Simson die Kleinroller KR 50 und Schwalbe, die jedoch konstruktiv eher verkleidete Mokicks waren. 1986 folgte der Kleinroller SR50. Die Simson-Kleinroller wurden in großen Stückzahlen produziert.
Zu Beginn der 1950er-Jahre gab es in der Presse erregte Diskussionen über das Problem, dass Frauen als Sozia oft im Damensitz, also seitlich auf dem Roller sitzend, mitgenommen wurden, was mitunter Ursache von Unfällen war.Im Damensitz auf dem Motorroller. In: Kraftfahrzeugtechnik 6/1955, S. 210. In Deutschland dürfen deshalb seit 1956 Frauen auf dem Roller nicht mehr im Damensitz mitfahren.BGL Nr. 19 vom 30. April 1956, § 35a StVZO. Dafür stellte Vespa mit der Denfeld-Sitzbank eine Neuentwicklung zur Verfügung.Lutz-Ulrich Kubisch, Günther Uhlig: Vespa. 1. Auflage. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-613-03672-7, S. 56.
Waren 1961 noch 518.000 Motorroller in der Bundesrepublik Deutschland zugelassen, fiel deren Marktanteil 1971 auf einen absoluten Tiefstand. Anfang der 1990er-Jahre waren noch 72.000 Motorroller in der Bundesrepublik zugelassen.Boris Schmidt: Auf deutschen Straßen. In.: Motorrad Test 1992, S. 20.
Neuzeit mini|Peugeot Speedfight 3 mini|Yamaha Tricity mini|Rondelli Motorroller Die Industrie schaffte es in den 1990er-Jahren, dem Motorroller ein neues Image zu geben, das das klassische Kleinkraftrad in Form des Mokicks ablöste.
Die Roller wurden nun vor allem als Scooter und Cityflitzer verkauft. 1994 erschien der Aprilia SR 50, der erste Sportroller in der Klasse bis 50 cm³ Hubraum, der technisch auf dem neuesten Stand war.Alan Seeley, S. 13. Der Honda-CN-250-Helix-Roller mit 250 cm³ Hubraum wurde 1992 in Deutschland angeboten. Yamaha Majesty (1996) und Suzuki Burgman (1998) folgten. Es kamen „überdachte“ Roller wie der BMW C1 (2000) hinzu.
Dreirädrige Roller wie der Peugeot Metropolis 400, Piaggio MP3 (2006), Quadro Qv3, Yamaha Tricity und Kymco CV 3 550i sind neue Entwicklungsstufen des Motorrollers.
Leistungsstarke Motorroller wie die Aprilia SRV 850 und BMW C 600 Sport erschienen 2012. Die bisher gebauten Zweitaktmotoren im Bereich bis 50 cm³ Hubraum werden bei Neufahrzeugen aufgrund der seit 2016 geltenden Abgasvorschriften durch Viertaktmotoren ersetzt. Motorroller mit Zweitaktmotoren über 50 cm³ Hubraum sind seit 2003 als Neufahrzeuge nicht mehr erhältlich.Vgl. Motorrad Katalog 2004, S. 296–307. Neben den Modellen mit Verbrennungsmotor gibt es zunehmend Elektromotorroller. Insbesondere in China sind Elektroroller stark verbreitet, da Roller mit Verbrennungsmotor dort in vielen Innenstädten verboten wurden.Handelsblatt, Artikel "Gefragte Batterieroller: Elektro-Revolution im Götterland", 19. August 2010
Typeneinteilung
Motorroller werden für verschiedene Geschwindigkeiten und Führerscheinklassen angeboten. Mofa-Roller mit 49 cm³ Hubraum und 25 km/h bbH, Mokick-Roller mit 49 cm³ Hubraum und 45 km/h (DDR-Modelle wie Schwalbe oder Simsons S-Reihe bis 60 km/h mit der Fahrerlaubnis Klasse AM),Laut gilt die Regelung für Kleinkrafträder und Fahrräder mit Hilfsmotor bis 60 km/h bauartbedingte Höchstgeschwindigkeit, wenn die Fahrzeuge vor dem 28. Februar 1992 erstmals in Verkehr genommen wurden. Leichtkraftrad-Roller mit 125 cm³ Hubraum mit einer Leistung von maximal 11 kW/15 PS, Großroller mit einem Hubraum von 250 cm³ bis 840 cm³ und einer maximalen Leistung (2016) von 56 kW (76 PS).
Motor Die meisten Roller werden von Einzylindermotoren angetrieben. Wegen der verschärften Abgasvorschriften (EU-Richtlinien 97/24/EC und 2002/51/EC) werden in Zukunft weniger Zweitaktmotoren eingebaut, obwohl Einspritzanlagen sowie ungeregelte und geregelte Katalysatoren zur Anwendung kommen. Die seit dem 1. Januar 2016 auch für Motorroller geltende Abgasnorm Euro 4 wird aber inzwischen auch bei Neufahrzeugen mit Zweitaktmotoren erfüllt.
Zweitaktmotor Die Vorteile eines Zweitakters sind die höhere Leistung bei niedrigeren Drehzahlen, daraus resultierend ein besseres Beschleunigungsvermögen, generell ein breiteres nutzbares Drehzahlband, das geringere Gewicht, geringere Vibrationen sowie die einfache und kostengünstige Herstellung und Wartung. Dem prinzipbedingten Nachteil der Zweitakter, dass dem Treibstoff Motoröl beigefügt werden muss (Zweitaktgemisch), begegneten die Rollerhersteller Ende der 1980er-Jahre durch automatische Mischeinrichtungen mit Vorratsbehälter für das Schmieröl.
Luftverschmutzung durch Zweitakter Der Partikelausstoß eines Motorrollers mit Zweitaktmotor liegt weit über dem eines Pkw mit Dieselmotor. Der Stickoxidausstoß kann bei Direkteinspritzung wie bei Dieselmotoren über dem eines Viertakt-Ottomotors mit Vergaser liegen.Loretta L. Müller, Pierre Comte, Jan Czerwinski, Peter Gehr, Markus Kasper, Andreas C. R. Mayer, Barbara Rothen-Rutishauser (2010), Toxic Potential of 2- and 4-stroke Scooter and Diesel Car Exhaust Emissions in Lung Cells In Vitro PDF Ursächlich für die hohen Partikelemissionen bei den Zweitaktern ist die schlechte Verbrennung des beigemischten Schmiermittels.Rijkeboer, R., Bremmers, D., Samaras, Z., Ntziachristos, L. (2005). Particulate matter regulation for two-stroke two wheelers: Necessity or haphazard legislation?. In: Atmospheric Environment, 39, 13, 2483–2490, . Seit 1999 kommen durch die Anwendung der Abgasnorm Euro 1 ungeregelte Oxidationskatalysatoren zum Einsatz.
Eine Untersuchung eines internationalen Forscherteams hat 2014 festgestellt, dass Motorroller mit Zweitaktmotoren sowohl im Leerlauf als auch bei der Fahrt wesentlich mehr organische Aerosole ausstoßen als andere Kraftfahrzeuge. Bei den un- oder teilverbrannten Kohlenwasserstoffen waren die Werte 124-mal, bei Aerosolen bis zu 771-mal höher. Die Ergebnisse zeigen, dass Motorroller mit Zweitaktmotoren „asymmetrische Luftverschmutzer“ sind, die im „Extremfall für bis zu 96 % der organischen Abgase in den Straßen verantwortlich“ sind. Bereits das Warten hinter einem Zweitaktroller an einer Ampel kann „hochgradig gesundheitsschädlich“ sein.Platt et al., Two-stroke scooters are a dominant source of air pollution in many cities. In: Nature Communications 5, No. 3749, (2014), .Giftige Zweitakter. Auf: wissenschaft.de vom 13. Mai 2014.
Viertaktmotor mini|Suzuki Burgman 650 (2006) Bei Motorrollern ab 125 cm³ Hubraum werden seit 2003 nahezu ausschließlich Viertaktmotoren eingebaut. Die Modelle Italjet Dragster sowie Gilera Runner waren 2003 die letzten käuflichen Modelle mit einem leistungsstarken Zweitaktmotor; das Modell Vespa PX 150 erreichte mit Katalysator Euro 3. Vespa PX 150 Mittlerweile werden in immer mehr 50-cm³-Rollern Viertaktmotoren eingesetzt. Besonders leistungsstarke Modelle haben zwei Zylinder (zum Beispiel Yamaha TMAX, BMW C600 SPORT, BMW C650 GT, Suzuki Burgman AN650, Honda Silver Wing; alle liegen in der Höchstgeschwindigkeit bei rund 175 km/h und beschleunigen in 6,5 bis 8 Sekunden auf 100 km/h). Der schnellste erhältliche Roller war der Aprilia SRV 850 mit 839 cm³ und 56 kW (76 PS) Motorleistung und einer Höchstgeschwindigkeit von über 190 km/h.Motorrad Katalog 2016, S. 192.
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