Die National Association for Research and Therapy of Homosexuality (kurz: NARTH) ist eine nicht-kommerzielle Vereinigung mit Sitz in Encino, Kalifornien, USA, die der Ex-Gay-Bewegung zugerechnet wird. Die Vereinigung betrachtet Homosexualität als eine veränderbare OrientierungNARTH.com Positionspapier (englisch) vom 11. April 2006. und sieht sich selbst als Interessenvertretung von Homosexuellen, die diese zu ändern wünschen. NARTH sieht die Kritik an ihren Behandlungsmethoden hauptsächlich als politisch motiviert an. Mitglieder sind nach eigenen Angaben in erster Linie Psychoanalytiker, Psychiater, Psychologen und Sozialarbeiter, die sich mit psychologischer Behandlung und Forschung über Homosexualität befassen, sowie weitere Einzelpersonen, die die Ziele von NARTH unterstützen.
Geschichte Der Psychiatrieprofessor Benjamin Kaufman sowie die Psychologen Charles Socarides und Joseph Nicolosi gründeten im Jahr 1992 NARTH für wissenschaftliche Studien über mit Homosexualität verbundene Probleme sowie „reparative Therapie“. Aus ihrer Erfahrung und der ihrer Ansicht nach politisch motivierten Haltung der American Psychological Association (APA) sahen sie deren wissenschaftliche Integrität nicht mehr gewährleistet.Benjamin Kaufman: Why NARTH? The American Psychiatric Association’s Destructive and Blind Pursuit of Political Correctness. In: Regent University Law Review, Vol. 14:423, 1. Mai 2002, , früher bei regent.edu. In der Zwischenzeit haben sich noch Vertreter anderer Theorien über die Ursache und Veränderbarkeit von Homosexualität angeschlossen.Siehe unten unter Sichtweise der Homosexualität.
Der Verein ist 2003 gemeinsam mit anderen Organisationen der Ex-Gay-Bewegung der Initiative Positive Alternatives to Homosexuality (P.A.T.H.) beigetreten.
Ende März / Anfang April 2007 wurden alle relevanten Hinweise auf den in weiten Teilen der Szene wegen seiner Fernsehauftritte in Ungnade gefallenen ehemaligen Therapeuten und Lehrer Richard Cohen, die bisher auf der NARTH-Webseite zu finden waren, herauseditiert und seine Artikel gelöscht.David Roberts: NARTH and PFOX Quietly Rid Themselves of Richard Cohen. exgaywatch.com, Stand 31. März 2007.Mike Airhart: Ex-Gay Purge at NARTH, PFOX Compared to Stalinist Era. exgaywatch.com, Stand 7. April 2007.
Der VorstandNARTH.com NARTH Vorstand Stand 19. Oktober 2007. besteht derzeit aus neun Mitgliedern, von denen vier Leiter von anderen mit dem Thema befassten religiösen Organisationen sind. Funktion Name Beruf sonstiges EngagementPräsident Joseph J. Nicolosi Psychologe Vizepräsident Jerry Harris Ehe- und Familientherapeut Direktor von LDS Family ServicesAufsichtsratsvorsitzender Benjamin Kaufman Psychoanalytiker Schatzmeister David C. Pruden Direktor von Evergreen International (LDS)Exekutivsekretär Arthur A. Goldberg Co-Direktor von JONAH (jüdisch)Beisitzerin Janelle M. Hallman Lizenzierte Beraterin Direktorin von Desert Hope MinistriesBeisitzerin Mary Beth Patton Psychotherapeutin Beisitzerin Julie Harren Ehe- und Familientherapeutin Direktorin für Veröffentlichungen Linda Ames Nicolosi Des Weiteren existiert ein 28 Personen umfassendes wissenschaftliches Beratungskomitee zu dem unter anderem Jeffrey Satinover und Gerard J. M. van den Aardweg zählen.NARTH.com Wissenschaftlicher Beirat, Stand 19. Oktober 2007.
Sichtweise der Homosexualität Auf ihrer Homepage stellt NARTH fest, dass sie mit der American Psychological Association (APA) darin übereinstimmt, dass „biologische, psychologische und soziale Faktoren“ die sexuelle Identität bei den meisten Leuten in einem frühen Lebensalter formen. NARTH legt jedoch die Betonung mehr auf die psychologischen Einflüsse. Als exemplarische Beispiele für psychologische Faktoren werden Probleme in der frühen Familienbeziehung, sexuelle Verführung sowie ein wahrgenommenes Missverhältnis mit gleichgeschlechtlichen Gleichaltrigen angeführt, welche in eine Störung der Geschlechtsidentität münden können. Nach der Ansicht von NARTH ermutigt die Gesellschaft verunsicherte Jugendliche, sich selbst als schwul zu bezeichnen. Diese Ermutigung könne auch eine Beeinflussung darstellen, welche zu einer homosexuellen Entwicklung führe.The Three Myths About Homosexuality. NARTH.com, Stand 19. September 2004. NARTH erkennt an, dass biologische Faktoren wie pränatale Hormoneinflüsse oder genetische Faktoren die sexuelle Orientierung beeinflussen können, sagt aber auch, dass solche Faktoren nicht bedeuten, dass Homosexualität normal, Teil des menschlichen Designs, unvermeidbar oder unveränderbar sei. Laut NARTH unterstützen die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungen die Theorie, dass Homosexualität keine gesunde, natürliche Alternative zur Heterosexualität sei. In dieser Theorie sieht NARTH eine „uralte kulturelle Norm“.
Da NARTH zur Zeit ihrer Gründung hauptsächlich die reparative Therapie vertrat, spielt diese immer noch eine große Rolle. Wie die Washington Post berichtet, sind Vertreter der reparativen Therapie darin einig, dass sie Homosexualität „nicht als angeboren ansehen, sowie darin, dass sie sie niemals als normal bezeichnen“. Psychologen der reparativen Therapie, die stets bemüht sind zu betonen, dass sie die „Freie Wahl“ ihrer Klienten unterstützen, sehen darin jedoch keinen Widerspruch zu ihrer Ansicht, dass Homosexualität pathologisch sei. Homosexuelle seien somit aus ihrer Sicht „dem Schicksal verfallen, ein jämmerliches, ungesundes Leben zu führen“. NARTH betont jedoch auf ihrer Webseite, dass nur manche der in ihr vertretenen Therapeuten Homosexualität als pathologisch betrachten, während andere die Frage der Pathologie von Homosexualität offenlassen.
Nach David Leaman soll man sich nicht selbst als homosexuell bezeichnen, solange man nicht aktiv einen „homosexuellen Lebensstil“ gewählt hat; denn gewisse Zweifel an seiner Sexualität bedeuten noch nicht, dass man homosexuell ist.David Leaman: What do clinical studies say? – Questions and Answers. NARTH, 20. April 2006.
Über die genauen Ursachen von Homosexualität gibt es unter den Mitgliedern unterschiedliche Ansichten.Joseph Nicolosi: What is Homosexuality? – Reorientation Therapists Disagree. NARTH.com, 21. September 2004. Einige halten den Zustand für eine Entwicklungsstörung, insbesondere für eine „Geschlechtsidentitätsstörung“ nach ihrer Auslegung, welche zu einer romantischen Idealisierung und Sexualisierung derjenigen Eigenschaften führt, welche der Einzelne in sich als mangelhaft erfährt. Diese Ansicht ist bei Vertretern von Reorientierungstherapien im Ex-Gay-Bereich weit verbreitet. Andere, wie zum Beispiel Uriel Meshoulam, enthalten sich eines Urteils zur Pathologie und meinen, dass man einfach nur die subjektiven Probleme des Klienten ansprechen und ihnen bei ihren unglücklichen Konstruktionen und Einstellungen zu ihrer Sexualität helfen soll. Viele lernen dadurch, sich selbst und ihre Sexualität neu zu definieren und ihr Potential zu erweitern. Wieder andere wie etwa Mark Stern sehen Homosexualität nicht als Funktionsstörung, sondern als verfehltes Potential – Homosexuelle verschlössen sich gegenüber einem Teil ihrer selbst und sagten „Nein“ zur Fortpflanzung. Der Gründer und Leiter Joseph Nicolosi vertritt den Standpunkt, Homosexualität sei eine Entwicklungsstörung und potentiell vermeidbar. Sie basiere auf einer Art Geschlechtsidentitätsdefizit und repräsentiere einen „Drang zur Reparatur“ dieses Defizits.
Überwiegend beziehen sich die Angaben von NARTH auf männliche Homosexualität. Weibliche Homosexualität wird selten erwähnt.
Kritik Im Gegensatz dazu sind führende psychiatrische und psychologische Fachgesellschaften der Ansicht, Homosexualität stelle keine Störung dar.Committee on Lesbian, Gay, & Bisexual Concerns : Just the Facts About Sexual Orientation & Youth: A Primer for Principals, Educators and School Personnel (PDF; 259 kB) 2008, apa.org – Mit einer Liste unterstützender Organisationen. Stand 5. Februar 2010Answers to Your Questions About Sexual Orientation and Homosexuality – Is Homosexuality a Mental Illness or Emotional Problem? apa.org, Stand: 24. Oktober 2007. Der bei Ex-Gay-Watch mitwirkendeTimothy Kincaid: “Ex-gay” lies and God’s love. In: The Advocate, 9. Oktober 2006. Timothy Kincaid kritisiert dort die Ansichten von NARTH scharf. Manche Mitglieder von NARTH zeigten eine verblüffende Ignoranz gegenüber in der heutigen Zeit lebenden homosexuellen Menschen und manche demonstrierten eine Abscheu, die durch Begriffe ausgedrückt werde, die er als hasserfüllt beschreibt.
Auf der Webseite von NARTH gibt es mehrerez. B. Ross Olson: Pediatrician Says Childhood Gender Identity Disorder Requires Treatment – Not Sex-Change Surgery. Veröffentlicht auf NARTH.com, 20. Oktober 2007.Christopher H. Rosik: Conversion Therapy Revisited: Parameters And Rationale For Ethical Care. The Journal of Pastoral Care, Frühjahr 2001, S. 47–67. Veröffentlicht auf NARTH.com, 20. Oktober 2007. Dokumente, in denen der seit 1983 aus der APA ausgeschlossene,Max Seigel: Letter from American Psychological Association to Paul Cameron, dropping him from membership. psychology.ucdavis.edu, 2. Dezember 1983. in zahlreichen Studien mit wissenschaftlich stark umstrittenen Methoden bis unwissenschaftlich agierende Paul Cameron ohne Hinweis auf seine wissenschaftliche Fragwürdigkeit als Mitautor von Quellen zitiert wird.Jim Burroway: NARTH Web Site Promotes Discredited ‘Research’ of Paul Cameron. exgaywatch.com, 30. April 2007.
In einem Artikel von Dean Byrd, president elect von NARTH, wird der Genetiker Francis Collins in einer Art und Weise zitiert, die den Eindruck erweckt, Collins sei der Meinung, dass Homosexualität geändert werden könne, da sie nicht genetisch determiniert sei.A. Dean Byrd: “Homosexuality Is Not Hardwired” – Concludes Dr. Francis S. Collins, Head Of The Human Genome Project. Veröffentlicht auf NARTH.com, 20. Oktober 2007. Collins stellte daraufhin richtig, dass der gegenwärtigen Forschungsstand sehr wohl darauf hinweise, dass Homosexualität eine Korrelation mit genetischen Faktoren habe. Es seien zwar auch andere Faktoren als DNA involviert, aber er habe keineswegs impliziert, dass diese Faktoren sich verändern ließen.David Roberts: Major Geneticist Francis Collins Responds to NARTH Article. exgaywatch.com, 25. Mai 2007. Laut dem Reorientierungstherapeuten Warren Throckmorton ist letztere Aussage zum derzeitigen Stand der Forschung diejenige, die an das Publikum weitergeben werden sollte.Warren Throckmorton: Geneticist Francis Collins comments on Narth article. wthrockmorton.com, 25. Mai 2007. Insbesondere sei zu bedenken, dass es auch irreversible Formen des Lernens gibt, z. B. die Prägung, also Verhaltensweisen, die zwar nicht angeboren bzw. genetisch fixiert, aber dennoch nicht veränderlich sind.