mini|Puranas auf Palmblättern aus dem 16. Jahrhundert mini|Puranas-Manuskript aus dem späten 18. Jahrhundert Die Puranas (Sanskrit, n., , wörtl.: „alte Geschichte“) gehören zu den wichtigsten heiligen Schriften des Hinduismus. Sie sind nach den Veden in der Zeit von 400 n. Chr. bis 1000 n. Chr. entstanden, greifen jedoch oft auf ältere Inhalte zurück.

Von den im Brahmavaivartapurana genannten 400.000 Puranas, wie etwa dem Devi Bhagavata, werden 18 als Haupt-Puranas angesehen und 18 als Neben-Puranas. Die Haupt-Puranas wiederum werden unterteilt in drei Gruppen entsprechend den drei hinduistischen Hauptgottheiten Brahma, Vishnu und Shiva:

Brahma-Puranas: Brahmapurana Brahmanandapurana Brahmavaivartapurana Markandeyapurana Bhavishyapurana Vamanapurana

Vishnu-Puranas: Vishnupurana Bhagavatapurana Naradiyapurana Garudapurana Padmapurana Varahapurana

Shiva-Puranas: Shiva- oder Vayupurana Lingapurana Skandapurana Agni Matsyapurana Kurmapurana

Puranas wurden auf Sanskrit, Tamil und den meisten indischen Umgangssprachen verfasst. Auch im Jainismus gibt es Puranas. Da Puranas traditionell durch mündliche Rezitation weitergegeben werden, gibt es keine feststehende Version der Puranas, denn in der mündlichen Rezitation werden zumeist auch von den Texten abweichende Formen erzählt, um beispielsweise den Text spannender zu machen, leichter verständlich oder um einen regionalen Bezug zu schaffen. Aus diesem Grund gibt es auch unterschiedliche Textausgaben der Puranas, wodurch es schwierig erscheint, eine feststehende Version dieser Texte zu finden.Cush, Robinson, York 2008, S. 634–636. miniatur|hochkant=1.5|Illustration aus einem Manuskript des Bhagavatapurana

Bedeutung Die Puranas gelten ihren Anhängern als Offenbarungen göttlichen Ursprungs. Die Puranas sind die ersten Schriften des Hinduismus, in denen einer persönlichen Gottheit devotionale Verehrung zukommt, weshalb sie auch als Quelle in Bezug auf die Theologie des Bhakti-Weges angesehen werden.Cush, Robinson, York 2008, S. 637, 639. Alle Puranas sind primär der Anbetung einer Gottheit gewidmet und beschreiben Zeremonien und Feste (vrata) zu deren Verehrung, insbesondere liefern sie auch den rituellen und sozialen Rahmen der Bhakti-Bewegung.Cush, Robinson, York 2008, S. 637, 639. In den meisten dieser Werke gibt es auch größere Kapitel über Rechte und Pflichten der Kasten, die vier Lebensstadien, und die Opfer für die Toten (shraddha) sowie ausführliche ethische und spirituelle Unterweisungen.

Oft sind Kosmogonien und genealogische Listen der Königshäuser aufgezeichnet, die bis zu den Helden des Mahabharata zurückreichen. Als historische Quelle sind die Puranas jedoch nur mit großer Vorsicht zu gebrauchen. Dennoch gilt das Vishnupurana als gute Quelle zur Maurya-Dynastie und das Vayupurana zur Gupta-Zeit. Die aufgezählten Herrschernamen bieten einen Anhalt für die Datierung des jeweiligen Purana. Der persische Gelehrte al-Bīrūnī gibt etwa um 1030 eine vollständige Liste aller 18 Puranas.

Nach Ansicht des Philosophen Ramanuja führt zur wahren Erkenntnis nur das Veda-Studium, wohingegen die Puranas nur bei der Reinigung von Sünden helfen. In diesem Sinn sind die Puranas heilige Texte der zweiten Klasse. Sie waren ursprünglich keine von Brahmanen kreierte Literatur. Die Sutas (Wagenlenker und Barden) dürften diejenigen gewesen sein, die zur Schaffung und Verbreitung der Puranas beigetragen haben. Erst später gingen die Puranas über in die Hände der Brahmanen.

Kulturhistorisch gesehen war es jedoch gerade ihre Volkstümlichkeit, die die Puranas so beliebt machten. Da ein Großteil der Bevölkerung vom Veda-Studium ausgeschlossen war, bekamen die Puranas für den Hinduismus eine Bedeutung wie sie die Veden für den Brahmanismus hatten. Gerade Frauen und Shudras erhielten hier eine ihnen offenstehende Literatur. Als Quelle der indischen Religionsgeschichte sind die Puranas hervorzuheben, insbesondere, da sie schon einen sektarischen Charakter aufweisen und sich auf die einzelnen Hindu-Gottheiten beziehen, deren Kultus dargestellt wird.Klaus Mylius: Geschichte der Literatur im alten Indien. Leipzig 1983, S. 146

Typen von Puranas Mahapuranas Mahapuranas beziehen sich hauptsächlich auf die Götter der Trimurti, Upapuranas beziehen sich meistens auf andere Gottheiten wie Devi, Krishna, Surya und Ganesha.

Die Mahapuranas werden in den Puranas selbst als die ältesten puranischen Schriften angesehen. Die Mahapuranas sollen zwar aus 18 solcher Puranas bestehen, jedoch unterscheiden sich die jeweiligen Listen der als Mahapuranas angegebenen Schriften. Es wird angenommen, dass die Mahapuranas tatsächlich früher entstanden sind als die Upapuranas. Obwohl Mahapuranas auch Mahatmyas zu bestimmten Orten enthalten können, sind sie über ganz Indien verbreitet.Knut A. Jacobsen, Johannes Bronkhorst (Hrsg.): Brill’s Encyclopedia of Hinduism. Vol. II. Leiden (u. a.), Brill 2010, S. 139f

Upapuranas Die Upapuranas sollen traditionell auch aus 18 dieser Schriften bestehen, es gibt jedoch wesentlich mehr als 18 Upapuranas. Die Upapuranas und die Mahapuranas besitzen keine deutlichen Unterscheidungskriterien, jedoch wird angenommen, dass die Upapuranas später entstanden sind. Außerdem sind sie anderen Göttern als der Trimurti gewidmet und beziehen sich häufiger auf bestimmte Orte.Knut A. Jacobsen, Johannes Bronkhorst (Hrsg.): Brill’s Encyclopedia of Hinduism; Vol. II. Leiden (u. a.), Brill 2010, S. 140

Sthalapuranas Sthalapuranas beziehen sich auf bestimmte geographische Orte. Häufig handelt es sich um einen bekannten Ort, der im Titel des Puranas erwähnt wird. Beschrieben werden Tempel und sakrale Plätze, von denen angenommen wird, dass die Götter dort bestimmten Aktivitäten nachgehen und die als Pilgerorte dienen.

Sthalapuranas wurden auf Sanskrit, Tamil und in anderen Umgangssprachen verfasst und es gibt Hunderte von ihnen. Shtalapuranas sind über ganz Indien verbreitet. Ein Beispiel für ein Shtalapurana wäre das Chidambaram Mahtymya, das von Chidambaram, dem dortigen Shiva-Tempel und dem Gott Shiva handelt und deren Heiligkeit erklärt.Knut A. Jacobsen, Johannes Bronkhorst (Hrsg.): Brill’s Encyclopedia of Hinduism; Vol. II. Leiden (u. a.), Brill 2010, S. 140

Jatipuranas Jatipuranas beziehen sich wie Shtalapuranas auf einen einzelnen Topos. Jatis sind Subkasten, die die kleinste Unterteilung einer Kaste darstellen. Jatipuranas handeln vom Ursprung und der Geschichte einer bestimmten Jati. Jatipuranas sind häufig in den indischen Umgangssprachen verfasst, auch wenn viele auf Sanskrit vorliegen. Aufgrund der Verwendung von Umgangssprachen wird angenommen, dass Jatipuranas wahrscheinlich verbreiteter sind und häufiger rezitiert werden als die Mahapuranas und Upapuranas. Viele der Jatipuranas sind wahrscheinlich erst am Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden.

Jatipuranas handeln zumeist vom Ursprungsmythos der Abstammungslinie und beziehen sich auf eine hinduistische Gottheit, die mit diesem Mythos verbunden ist und von der jeweiligen Subkaste verehrt wird. Diese Gottheit ist häufig Vishnu, Shiva oder ein Mitglied der Familie dieser Götter.

Viele Jatipuranas wurden von Brahmanen geschrieben, die den Ursprungsmythos niedriger Subkasten verklären, um der Jati einen höheren Status in den Augen von höheren Kasten zu verleihen, die dem Sanksrit-Hinduismus verpflichtet sind. In diesen Erzählungen wird manchmal dargestellt, dass die Jati früher einer höheren Kaste angehörte, nun aber, aufgrund eines Ritualfehlers oder einer ungewollten Verletzung eines Heiligen oder Gottes, einen niedrigeren Status hat.

Die Mythen, von denen Jatipuranas erzählen, sind oft identisch mit den Mythen weiter verbreiteter Puranas. Die Jatipuranas sind zwar meistens nur für eine kleinere Region von Bedeutung, in der die jeweilige Jati zu finden ist, jedoch verbinden die brahmanischen Mythen und Erzählungen die Jati mit einer größeren, regional nicht begrenzten Tradition.Knut A. Jacobsen, Johannes Bronkhorst (Hrsg.): Brill’s Encyclopedia of Hinduism; Vol. II. Leiden (u. a.), Brill 2010, S. 140f

Mahatmyas Die häufigsten Purana-Schriften sind mit den Jatipuranas zusammen Mahatmyas, von denen es tausende gibt. Der Begriff Mahatmya bedeutet Verherrlichung. Es gibt drei Typen von Mahatmyas: solche, die sich auf einen bestimmten Ort beziehen, solche, die sich auf eine heilige Substanz beziehen, und solche, die sich auf eine bestimmte Gottheit beziehen. Mahatmyas sind zumeist in anderen Puranas enthalten, worin sie sich von den Shtalapuranas unterscheiden. Einige Puranas wie das Skandapurana enthalten sehr viele Mahatmyas, es ist jedoch üblich, die Mahatmyas aus solchen Schriften separat zu lesen.

Mahatmyas werden von Gruppen von Verehrern als devotionale Traktate benutzt. Sie sind zwar im gleichen Stil wie die Mahapuranas und Upapuranas geschrieben, jedoch unterscheiden sie sich von diesen darin, dass shastrische Sequenzen, die die Lebensführung betreffen, fehlen. Im Gegensatz zu den Mahapuranas und Upapuranas gelten Mahatmyas als begrenzt, was ihren Zweck angeht.

Das berühmteste Mahatmya ist das Devi Mahatmya aus dem Markadeyapurana.Knut A. Jacobsen, Johannes Bronkhorst (Hrsg.): Brill’s Encyclopedia of Hinduism; Vol. II. Leiden (u. a.), Brill 2010, S. 141f.

Inhalte einiger Puranas Vishnupurana Das Vishnupurana, das wahrscheinlich um 300 n. Chr. geschrieben wurde, erklärt, dass Vishnu die höchste Gottheit im Universum darstellt. Es beginnt mit mehreren Mythen über die Schöpfung des Universums. Danach werden die verschiedenen Klassen von Lebewesen aufgeführt und die sieben Kontinente, von denen Indien einer ist. Auch Höllenbereiche erscheinen im Vishnupurana. Nach diesen Beschreibungen beginnt die Zeit der Manus, Patriarchen, die Menschengruppen und andere Lebewesen erschaffen haben, daraufhin wird der Veda von Vyasa geschaffen. Als Nächstes erhalten die sozialen Klassen ihre Regeln, auch in Bezug auf die Lebensstadien und Rituale des Lebenszyklus. Nun erscheint Vishnu, der einige Häretiker von den Veden ausschließt. Nach Beschreibungen verschiedener königlicher Linien folgt eine lange Erzählung über die Geburt und das Leben Krishnas. Eine wichtige Beschreibung in diesem Abschnitt ist die Auflösung der Welt auf dreifache Art und Weise, wobei auch die Befreiung von einer persönlichen Existenz (Moksha) angesprochen wird.Cush, Robinson, York 2008, S. 639 f.

Lingapurana Das Lingapurana ist zwischen dem 5. und dem 10. Jahrhundert entstanden und besteht aus zwei Büchern mit 150 Kapiteln. Es handelt von Shiva und seiner Theologie, ist jedoch in Bezug auf diese nicht mit dem späteren Shivapurana vergleichbar, dessen Theologie, Mythologie und Rituale noch ausgearbeiteter sind als die des Lingapurana. Das Lingapurana enthält viel shastrisches Material, das von shivaitischen Ritualen und Meditation handelt.

Das Lingapurana beginnt in den ersten 35 Kapiteln mit Erzählungen über die Schöpfung und didaktischen Erläuterungen über Yoga, Visualisierungen des Gottes, Shivas Formen der Erscheinung als Lehrer in den Yugas, Stotras zur Verehrung Shivas und Verehrung des Linga.

Ebenfalls enthalten diese ersten Kapitel den berühmten Mythos, wie der Linga zum ersten Mal erschienen ist und von Vishnu und Brahma gefunden wurde, die diesen studierten und dadurch erleuchtet wurden. Nach diesem Mythos enthält das Lingapurana eine umfassende Lobpreisung Shivas.

Nach diesen ersten 35 Kapiteln werden weitere Mythen beschrieben, dann werden die tausend Namen Shivas aufgezählt, Genealogien von Königen göttlicher Natur und von Königen, die von Krishna abstammen, werden angeführt. In den nächsten Kapiteln geht es um die richtige Verehrung des Linga und um Rituale und Yoga der Pashupatas.

In den nächsten Kapiteln des ersten Buches erscheinen Mythen über Shivas Verehrer Andhaka, einen Avatara Vishnus, die Geschichte über Dakshas Opferfeier, Mythen über Shivas Sohn Ganesha und seine Geburt, Shivas Tandava und am Ende ein Mythos über Upamanyu, einen weiteren Verehrer Shivas.