mini|hochkant|Howard Carter (1924)

Howard Carter (* 9. Mai 1874 in Kensington; † 2. März 1939 ebenda) war ein britischer Ägyptologe, der 1922 im Tal der Könige in West-Theben das bislang einzige, nahezu intakte Pharaonengrab (KV62), das des Tutanchamun, entdeckte.

Leben Herkunft und Ausbildung Howard Carter wurde 1874 in Brompton, Kensington, London, als jüngstes von 11 Kindern des Tiermalers und Zeichners der Illustrated London News Samuel John Carter und seiner Frau Martha Joyce (Sands) Carter geboren. Er wuchs in Swaffham auf. Aus gesundheitlichen Gründen wurde Carter zu Hause unterrichtetN. Reeves: Faszination Ägypten. München 2001, S. 160. und erlernte von seinem Vater die Zeichenkunst. Sein Talent im Zeichnen ermöglichte ihm über Percy E. Newberry den Einstieg in die Archäologie.

Die frühen Jahre in Ägypten mini|hochkant|Gaston Maspero

Durch Newberry arbeitete Carter anfänglich für drei Monate im British Museum,T. Hoving: Der goldene Pharao. Tut-ench-Amun. Bayreuth 1984, S. 19. bevor er 1891 im Alter von 17 Jahren mit Unterstützung von Lady Amherst seine Arbeit als Zeichner und Maler für den Egypt Exploration Fund (später: Egypt Exploration Society) begann. Unter Leitung von Percy E. Newberry zeichnete er einige Bilder aus den Grabanlagen von Beni Hassan. Für den berühmten Ägyptologen Flinders Petrie arbeitete er 1892 in Amarna und fertigte zahlreiche Zeichnungen an.N. Reeves: The Complete Tutankhamun. London 1995, S. 40. Die Zusammenarbeit mit dem „härtesten und strengsten aller Lehrer“T. G. H. James: Tutanchamun. Köln 2000, S. 48. dauerte bis Mai 1892. Carter kam an diesem Ort durch die kunstvollen Entdeckungen erstmals mit der Amarna-Zeit in Berührung und Petrie nahm ihn im Februar 1892 zur Besichtigung des 1891 entdeckten Königsgrabes von Echnaton mit. Für Carter war das Grab sehr enttäuschend, wie er an Newberry schrieb. Nach über vier Monaten hatte Howard Carter erste Erfahrungen als Ausgräber gesammelt. Flinders Petrie beschrieb Carter danach als „gutmütigen Kerl, dessen Interesse sich ganz auf Malerei und Naturgeschichte konzentriert … es hat keinen Sinn, ihn zum Ausgräber auszubilden.“T. G. H. James: Tutanchamun. Köln 2000, S. 46.

Von 1893 bis 1899 kopierte er für Édouard Naville Malereien, Reliefs und Inschriften im Totentempel der Königin Hatschepsut in Deir el-Bahari. Während der Zeit mit Petrie und Naville lernte er die Grundlagen der Archäologie und Ägyptologie und das Lesen der Hieroglyphen.T. Hoving: Der goldene Pharao. Tut-ench-Amun. Bayreuth 1984, S. 20.

Durch Förderung des Direktors der ägyptischen Altertümerverwaltung (Service des Antiquités d'Egypte), Gaston Maspero, wurde Howard Carter 1899 Oberinspektor der Altertümerverwaltung in Oberägypten und Nubien. Im selben Jahr machte er die Bekanntschaft von Theodore Davis. Als Oberinspektor reorganisierte Carter die Verwaltung des Dienstes unter Sir William Garstin und Maspero. 1902 begann er seine Arbeit mit der Aufsicht über die Ausgrabungen von Theodore Davis im Tal der Könige. In diese Zeit fallen unter anderem die Freilegungen der Gräber von Thutmosis IV. (KV43) und das der Hatschepsut (KV20). Carter ließ Reparatur- und Restaurierungsarbeiten in den Gräbern von Amenophis II. (KV35), Ramses I. (KV16), Ramses III. (KV11), Ramses VI. (KV19) und Ramses IX. (KV6) im Tal der Könige durchführen und sowohl diese Gräber als auch das Grab Sethos’ I. (KV17) im Jahr 1903 mit elektrischem Licht ausstatten.Nicholas Reeves, Richard H. Wilkinson: Das Tal der Könige. Geheimnisvolles Totenreich der Pharaonen. Econ, Düsseldorf 1997, ISBN 3-430-17664-6, S. 72.

Sein Vertrag für Oberägypten endete 1904 und er wurde als Oberinspektor nach Unterägypten versetzt. Ein Jahr später kam es in Sakkara zu einem Zwischenfall mit betrunkenen französischen Touristen, die von Petrie eine Führung durch die Mastaba verlangten und in die Quartiere der Studentinnen und Petries Frau eindrangen. Nach Handgreiflichkeiten mit einem ägyptischen Wächter meldeten die Franzosen den Vorfall Maspero. Carter hatte den Ägyptern ausdrücklich die Erlaubnis gegeben, sich zu wehren. Da er daraufhin eine Entschuldigung an den französischen Generalkonsul verweigerte, wurde Carter von Maspero entlassen.T. Hoving: Der goldene Pharao. Tut-ench-Amun. Bayreuth 1984, S. 21; T. G. H. James: Howard Carter: The Path to Tutankhamun. London 1992, S. 114. Danach war Carter bis 1908 als Künstler (Aquarellmaler), Antikenhändler, Touristenführer und Dolmetscher in Luxor tätig. Er zeichnete unter anderem Objekte aus dem nur zum Teil beraubtem Grab des Juja und der Tuja (KV46), welches 1905 von James Edward Quibell gefunden worden war.N. Reeves: The Complete Tutankhamun. London 1995, S. 41.

mini|hochkant|links|George Herbert, 5. Earl of Carnarvon

1907 begann die Zusammenarbeit mit Lord Carnarvon, den Howard Carter über Gaston Maspero kennengelernt hatte. Carter führte für Carnarvon Ausgrabungen in Theben und an einigen Stätten im Nildelta durch. Bei Dra Abu el-Naga entdeckten sie Grabanlagen aus der Zeit des Mittleren Reiches bis in die Ptolemäische Zeit, die sie auch publizierten.G. Carnarvon, H. Carter: Five years’ explorations at Thebes. London 1912. In Theben leiteten sie weitere Ausgrabungen am Totentempel der Königin Hatschepsut in Deir el-Bahari und an einem Tempel von Ramses IV. Im Delta folgten Arbeiten bei Sakha und Tell el-Balamun. Carter entdeckte in dieser Zeit die Gräber von Amenophis I. (Grab AN B in Dra Abu el-Naga) und ein unbenutztes Grab von Königin Hatschepsut. 1915 führte er Arbeiten am Grab von Amenophis III. (WV22) durch. Die Arbeiten an WV22 blieben unveröffentlicht.N. Reeves, R. H. Wilkinson: Das Tal der Könige. Geheimnisvolles Totenreich der Pharaonen. Düsseldorf 1997, S. 111. 1910 ließ Carter mit finanzieller Hilfe von Lord Carnarvon ein neues Grabungshaus und ein neues Wohnhaus für sich selbst bei Elwat el-Diban am nördlichen Ende von Dra Abu el-Naga erbauen. 1912 erwarb er für Lord Carnarvons Privatsammlung Antiken auf dem Antikenmarkt.

1914 gab Theodore M. Davis seine Grabungslizenz für das Tal der Könige aus gesundheitlichen Gründen zurück, die Lord Carnarvon im Juni desselben Jahres erhielt, aber erst am 18. April 1915 von Georges Daressy und Howard Carter unterschrieben wurde.T. G. H. James: Howard Carter: The Path to Tutankhamun. überarbeitete Neuauflage: London 2006, S. 477. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs konnten die Arbeiten im Tal der Könige nicht wie geplant aufgenommen werden. Lord Carnarvon kehrte nach England zurück und Howard Carter arbeitete in dieser Zeit als Dolmetscher für das britische Militär. Im Dezember 1917 folgte eine Reihe von Kurzgrabungen im Tal der Könige, deren Ergebnisse für Carter enttäuschend waren. Im Gegensatz zu Theodore M. Davis war er jedoch fest der Meinung, dass das Tal der Könige keinesfalls erschöpft war und das Grab des Tutanchamun noch zu finden sei. In der Grabungssaison 1917/18 förderte er eine Reihe von „Checklisten“ für das Begräbnis von Ramses VI. und ein Depot mit Calcitgefäßen, die Öl für die Einbalsamierung von Merenptah enthalten hatten, zutage. Wegen der dürftigen Ergebnisse, aber sehr hohen Kosten für die Arbeiten im Tal der Könige drohte Lord Carnarvon die Finanzierung und damit die Grabungen zu beenden. Bei einem letzten Gespräch auf Highclere CastleHighclere Castle: The Path to Discovery. Auf: highclerecastle.co.uk; abgerufen am 21. Oktober 2015. bot Howard Carter sogar an, eine komplette Grabungssaison aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Ein möglicher Fund würde jedoch Carnarvon zugerechnet, der immer noch die Grabungslizenz innehatte. Lord Carnarvon stimmte einer weiteren und zugleich letzten Grabungssaison und deren Finanzierung zu.N. Reeves: The Complete Tutankhamun. London 1995, S. 50.

Entdeckung des Grabes von Tutanchamun mini|Grundriss von KV62: 1 Schatzkammer, 2 Grabkammer mit Sarkophag, 4 Vorkammer, 5 Seitenkammer, 8 Korridor, 10 Treppe

Howard Carter traf am 27. Oktober in Ägypten ein, und die Arbeiten dieser letzten Grabungssaison begannen am 1. November 1922. Am 4. November 1922 stießen die Arbeiter im Tal der Könige im Grabungsareal am Grab Ramses’ VI. auf eine steinerne Treppenstufe. Die mit Schutt verfüllte Treppe wurde freigelegt, und am oberen Rand der vermauerten Türöffnung waren unbeschädigte Siegelabdrücke der Nekropole sichtbar: in einer Kartusche der Gott Anubis in Gestalt eines liegenden Schakals über neun Gefangenen, den sogenannten Neun Bogen, den Feinden Ägyptens. Howard Carter telegrafierte daraufhin an Lord Carnarvon:

Die Siegel beziehungsweise Kartuschen zur Zuordnung des Grabes fand Howard Carter erst nach der vollständigen Freilegung der Treppenstufen. Als 62. entdecktes Grab im Tal der Könige erhielt es die Bezeichnung KV62. Anfang 1923 äußerte sich Flinders Petrie zur Entdeckung des Königsgrabes: „Wir können von Glück sagen, dass all dies in den Händen von Carter und Lucas liegt.“ Nach T. G. H. James war dies das größte Lob, das Carter jemals hätte bekommen können.T. G. H. James: Tutanchamun. Köln 2000, S. 46. Dieser einmalige Fund stellte den Entdecker vor eine große logistische Herausforderung: Für die allgemeinen Arbeiten, die Bergung, die Katalogisierung von im Grab gefundenen Objekten, Konservierungsarbeiten sowie den Transport nach Kairo wurden elektrischer Strom, Materialien und Personal benötigt. Zu Carters Grabungsteam gehörten außer ihm und Lord Carnarvon: Arthur C. Mace, Alfred Lucas, Harry Burton, Arthur Callender, Percy E. Newberry, Alan Henderson Gardiner, James Henry Breasted, Walter Hauser, Lindsley Foote Hall und Richard Adamson.N. Reeves: The Complete Tutankhamun. London 1995, S. 56–57.

Bis zur Ankunft von Lord Carnarvon am 23. November 1922 wurde der Treppenabgang wieder mit Schutt gefüllt. Bei der erneuten Freilegung nach Carnarvons Eintreffen fanden sich die königlichen Siegel des Grabinhabers: Tutanchamun. Carter stellte nun fest, dass das Grab bereits in der Antike mindestens zweimal geöffnet und wieder versiegelt worden war. Hinter der Vermauerung lag ein mit Schutt angefüllter Gang, der bis zum 26. November freigelegt wurde. Das Grabungsteam stieß auf einen weiteren vermauerten Türeingang mit Siegeln, hinter dem sich die sogenannte „Vorkammer“ (Antechamber) befand. Die offizielle Öffnung des Grabes war am 29. November; am 16. Februar 1923 folgte die offizielle Öffnung der Grabkammer.

Am 5. April 1923 starb Lord Carnarvon und die Grabungslizenz ging an dessen Frau, Lady Almina Carnarvon, über, die Carter weiterhin volle Unterstützung zusicherte. In ihrem Namen beantragte Carter eine Verlängerung der Grabungskonzession, die von James E. Quibell, dem damaligen General-Inspekteur der Altertümerverwaltung, bewilligt wurde.

mini|Grabkammer des Tutanchamun (KV62), mit Blick auf die Westwand (Auszug aus dem Amduatbuch) und Teil der Nordwand