mini|hochkant=1.3|Stolperstein in Sulzbürg zur Erinnerung an die frühere Synagoge Die Liste der Stolpersteine in Mühlhausen in der Oberpfalz enthält die Stolpersteine, die vom Kölner Künstler Gunter Demnig in der Oberpfälzer Gemeinde Mühlhausen verlegt wurden. Stolpersteine erinnern an das Schicksal der Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Stolpersteine liegen im Regelfall vom letzten selbstgewählten Wohnsitz des Opfers.

Die erste Verlegung in Sulzbürg, seit 1976 ein Ortsteil von Mühlhausen, erfolgte am 27. Mai 2016.

Geschichte der Juden von Sulzbürg

Möglicherweise bestand eine jüdische Gemeinde in Sulzbürg seit dem Mittelalter. Die ersten Juden, die sich in hier niedergelassen haben sollen, waren Überlebende des Rintfleisch-Pogroms, eines Massakers an Juden in der Oberen Pfalz und anderen Teilen Altbayerns. Eine Urkunde des Jahres 1331, gefertigt von Ludwig dem Bayern, gestattete seinem Landvogt Heinrich von Dürrwangen, in Sulzbürg oder Dürrwangen zehn Juden anzusiedeln und von ihnen Steuern einzuheben. Nach der Vertreibung der Juden aus Neumarkt 1555 siedelten sich einige der Vertriebenen in Sulzbürg an. 1629 lebten acht jüdische Familien in der Gemeinde, 1705 waren es zwölf, 1755 dreißig und 1799 siebenunddreißig. Im 18. Jahrhundert war Sulzbürg eine der wenigen in Kurbayern bestehenden jüdischen Gemeinden. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden 190 jüdische Gemeindemitglieder gezählt, damals ein Drittel der Ortsbevölkerung. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts sank der Anteil der jüdischen Bevölkerung – aufgrund zunehmender Auswanderung nach Übersee – auf ein Viertel 1867, auf 22,7 Prozent 1880, auf 17,9 Prozent 1890 und schließlich auf 12 Prozent im Jahr 1910. Die jüdischen Familien lebten überwiegend vom Handel, insbesondere von Klein- und Viehhandel. Sie handelten aber auch mit Getreide und Immobilien. Die Gemeinde war Sitz eines Rabbinates, ab dem 19. Jahrhundert eines Distriktrabbinates. 1847 wurde als „alter Rabbiner“ ein Mann namens Weil genannt. Sein Nachfolger war Dr. Mayer Löwenmayer, tätig in Sulzbürg 57 Jahre lang. Zu den jüdischen Vereinen zählten der Jugendverein, der Wohltätigkeitsverein Chewra Gemillus Chessed, der Israelitische Frauenverein und der Holzfond, eine Reserve für bedürftige Gemeindeglieder. Mayer Löwenmayer starb im Februar 1895. Unter seinem Nachfolger wurde 1911 der Sitz des Rabbinats nach Neumarkt verlegt. 1931 erfolgte die Vereinigung zweier Rabiate zum Rabbinatsbezirk Regensburg-Neumarkt.

Die jüdische Gemeinde verfügte über eine Synagoge, eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. In der Mitte und der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren zeitweise bis zu drei Personen angestellt: der Rabbiner, ein Lehrer und Vorbeter sowie ein Schochet, der auch als Synagogendiener tätig war. Auf dem Kriegerdenkmal für die Gefallenen beider Weltkriege aus Sulzbürg stehen drei Namen jüdischer Mitbürger: Benno Freising (1893–1916), Siegfried Freising (1891–1914) und Heinrich Wolf (1882–1915). Weitere jüdische Gefallene waren Simon Beer (1897–1918) und Leopold Landecker (1874–1916). Auch nach dem Ersten Weltkrieg sank der Anteil der Juden an der Bevölkerung kontinuierlich. 1925 gehörten noch fünfzig Personen der jüdischen Gemeinde an, 7,1 % der Gesamtbevölkerung. Vorsteher der Gemeinde waren Seligmann Haas, Ascher Neustädter, Isak Neustädter, Emanuel Regensburger, Max Rosenbaum und Leopold Rosenwald. Kantor, Lehrer und Schochet war damals Max Rosenbaum, der gerade noch drei jüdischen Kindern Religionsunterricht erteilen konnte. In den 1920er-Jahren errichtete die Esragruppe ein Landheim mit 32 Plätzen. mini|x120px 1932 war Wolf Grünebaum Gemeindevorsteher und Emanuel Regensburger Schriftführer und Schatzmeister. 1933 lebten noch sechzehn jüdische Personen in Sulzbürg. In Folge der Pogromnacht 1938 verließen weitere Juden ihren Heimatort. Nach den Deportationen vom 2. April 1942 gab es keine Juden mehr in Sulzbürg, ausgenommen vermutlich einer in „Mischehe“ lebenden jüdischen Person. Die Juden von Sulzbürg waren allesamt deportiert worden.Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum: Sulzbürg/Oberpfalz (Bayern), abgerufen am 8. November 2020

Letzter Rabbiner von Sulzbürg war Magnus Weinberg (1867–1943). Er betreute auch die jüdischen Mitbürger in Feucht, Freystadt, Mühlhausen, Neumarkt und Regensburg. 1942 wurde er gemeinsam mit seiner Ehefrau nach Theresienstadt deportiert. Dort fanden beide den Tod. An ihrem letzten Wohnort in Würzburg erinnern Stolpersteine an das Ehepaar.

Stolpersteine in Sulzbürg In Sulzbürg wurde ein Stolperstein zur Erinnerung an die 1938 geschändete und 1942 aufgegebene Synagoge verlegt sowie neun Stolpersteine für die Opfer der Shoah, allesamt jüdische Mitbürger der Gemeinde.

Stolperstein Inschriften Standort Name, Leben 120pxHIER ERBAUTUM 1710DIE SYNAGOGE1799 NEUBAU1938 VERWÜSTET1942 AUFGEGEBEN Vorderer Berg / EngelgasseDie Synagoge von Sulzbürg wurde nach einer Überlieferung 1677 erbaut, laut einer anderen Quelle 1706. Davor war zumindest ein Betraum vorhanden, denn Juden siedelten sich spätestens in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Sulzbürg an. Die erste Synagoge der Ortschaft war vermutlich ein Anbau an eines der Judenhäuser. Das heute noch bestehende Synagogengebäude stammt aus dem Jahr 1799. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts waren zeitweise bis zu drei Personen angestellt, der Rabbiner, ein Lehrer und Vorbeter sowie ein Schochet (Schächter), der auch als Synagogendiener tätig war. 1849 wurde die Synagoge renoviert. Aus dem 20. Jahrhundert liegen mehrere Berichte aus jüdischen Periodika über Höhepunkte des geistlichen Lebens vor. 1903 wurde eine Parochet gespendet, ein Toraschrein-Vorhang. 1908 wurde eine Prinzregentenfeier veranstaltet, bei welcher der Rabbiner eine Rede hielt und „der Chor funktionierte ausgezeichnet“. 1909 wurde der Gemeindegesang beim Gottesdienst eingeführt. 1924 wurde das 125-Jahr-Jubiläum gefeiert und im Anschluss daran wurde die Synagoge aufwendig renoviert. 1926 erfolgte die Wiedereinweihung. Im Rahmen der Novemberpogrome des Jahres 1938 wurden Inventar und Ritualien vernichtet, das Synagogengebäude wurde beschädigt. Zwölf Torarollen wurden mit Beilen zerschlagen. Ein Gemeindemitglied wurde auf brutale Weise verprügelt, verhaftet und in das KZ Dachau deportiert. Ihm wurde angedroht, man werde ihn mit einem Torawimpel um den Hals in der Synagoge aufhängen. Die Patenschaft für diesen Stein hat die Gemeinde Mühlhausen übernommen.Alemannia Judaica: Sulzbürg (Gemeinde Mühlhausen, Kreis Neumarkt in der Oberpfalz), abgerufen am 18. Juni 2020120pxHIER WOHNTESIMON FREISINGJG. 1857ZWANGSUMZUG1940 REGENSBURGJÜDISCHES ALTERSHEIMTOT 19.1.1941 Vorderer Berg 18 wurde 1857 geboren. Er hatte zumindest einen älteren Bruder, Isidor (1856–1931). Er war Kaufmann und handelte mit Eisenwaren und Geschirr. 1888 kaufte er ein Anwesen im benachbarten Freystadt und eröffnete dort einen Handelsbetrieb. Freising heiratete Doris Hellmann (1860–1925).Mittelbayerische: Es ist ein Urlaub mit Geistern, Beitrag von Wolfgang Endlein, 22. Juli 2015, mit einer Abbildung des Grabsteines von Doris Freising Das Ehepaar hatte sieben Kinder: Carl (1886), Gustav (1888), Julius (1890), Siegfried (1891), Benno (1893), Ida (1895) und Thekla (1900). Im Jahr 1897 kehrte die Familie nach Sulzbürg zurück. Auch das Geschäft wurde hierher verlegt.Mittelbayerische: Die Freisings – eine jüdische Geschichte, Beitrag von Heide Inhetveen, 17. Juni 2014 Alle Kinder gingen auf die jüdische Schule in Sulzbürg. 1913 erhielt die Familie das Heimatrecht. Im Ersten Weltkrieg rückten alle fünf Söhne ein. Zwei kamen nicht mehr zurück: Siegfried fiel bereits 1914, Benno nahm sich 1916 das Leben. Gustav wurde verwundet, Carl mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Simon Freising musste sechs Jahre nach der Machtergreifung Hitlers und der NSDAP Haus, Hof und Garten verkaufen. Er zog im Frühjahr 1940 nach Regensburg und fand Unterkunft in einem sogenannten Altersheim für jüdische Menschen. In Wahrheit handelte es sich um Sammellager, eingerichtet um die bevorstehende Deportation zu erleichtern. Er war 83 Jahre alt. Sein Sohn Carl musste monatlich 90 Reichsmark für die Unterbringung des Vaters anweisen. Simon Freising starb am 19. Januar 1941 in Regensburg. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof der Stadt bestattet.

Drei seiner Kinder konnten die Shoah überleben, die Söhne Gustav und Julius sowie Tochter Ida. Gustav gelang die Flucht nach Brasilien, wo er ein kleines Zigarrengeschäft aufbaute und eine Familie gründete.Mittelbayerische: 162 Messingtafeln erinnern an NS-Opfer, 9. Juli 2014 Auch die 18-jährige Enkeltochter Anna Ruth, geboren 1920 als älteste Tochter seines ältesten Sohnes Carl, konnte rechtzeitig in die Vereinigten Staaten flüchten. Sie heiratete einen Mann namens Falek, hatte mindestens einen Sohn, Jerry, und mindestens einen Enkelsohn, Tristan.

Sein ältester Sohn, Carl, dessen Frau, deren Sohn Alfred und deren jüngere Tochter Doris wurden mit dem ersten Transport vom 2. April 1942 nach Piaski deportiert, heute in Ostpolen gelegen, und dort oder in einem der nahegelegenen Vernichtungslager im Rahmen der Shoah ermordet. Auch seine jüngste Tochter, Thekla, wurde vom NS-Regime ermordet. Seine Schwägerin, Emilie Freising, geborene Gutmann (1864–1943) verlor in Theresienstadt ihr Leben. In Regensburg wurden Stolpersteine für Carl und seine Familie sowie für Emilie Freising verlegt.Stolpersteine Regensburg: Lebensspuren zu Familie Freising, abgerufen am 15. Juni 2020 In Nürnberg liegt ein zweiter Stolperstein für Thekla.120px HIER WOHNTETHEKLA FREISINGJG. 1900UNFREIWILLIG VERZOGEN1940 NÜRNBERGDEPORTIERT 1942IZBICAERMORDET Vorderer Berg 18 wurde am 24. Oktober 1900 in Sulzbürg geboren. Sie war das jüngste Kind von Simon Freising und Doris, geborene Hellmann. Thekla Freising hatte fünf Geschwister: Carl (1886), Gustav (1888), Julius (1890), Siegfried (1891), Benno (1893) und Ida (1895). Sie wurde am 24. März 1942 von Nürnberg nach Izbica deportiert. Thekla Freising hat die Shoah nicht überlebt.Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945: Freising, Thekla, abgerufen am 8. November 2020

Vor dem Haus Tuchergartenstraße 15 in Nürnberg liegt ein weiterer Stolperstein für Thekla Freising. 120px HIER WOHNTEMARTHANEUSTÄDTERGEB. LÖWENBERGERJG. 1888SEIT 1922 EINGEWIESEN INMEHRERE HEILANSTALTEN'VERLEGT' 4.12.1940GRAFENECKERMORDET 4.12.1940'AKTION T-4' Hinterer Berg 14 , geborene Löwenberger, wurde am 13. November 1888 in Michelbach an der Lücke geboren. Am 25. August 1919 heiratete sie Siegfried Neustädter. Nicht lange nach der Hochzeit erkrankte sie an der Spanischen Grippe, die mehr Todesopfer forderte als der gesamte Weltkrieg. Martha Neustädter überlebte, blieb jedoch gelähmt. Ab 1922 war sie in verschiedenen Heilanstalten untergebracht. In den Akten wurde sie als „grazile, freundliche Frau“ beschrieben. Martha Neustädter wurde am 4. Dezember 1940 in die Tötungsanstalt Grafeneck verlegt und dort noch am selben Tag ermordet.Wolfgang Appell: Juden in Erlangen, Band III, Jüdische Euthanasie-Opfer der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen, veröffentlicht am 3. Mai 2016nordbayern.de: Fünf neue Stolpersteine in Neumarkt und Sulzbürg, 30. Oktober 2019