Das Peer Assessment Rating (Peer-Assessment-Rating-Index, PAR-Index) beschreibt den Schweregrad einer Zahnfehlstellung mit einer einzigen Zahl. Der Ausdruck bedeutet zu Deutsch etwa „Bewertung durch kollegiale Überprüfung“ (siehe „Peer Assessment“). Durch Vergleich des PAR-Index zu Beginn einer Behandlung mit dem Index am Ende der Behandlung kann die Qualität kieferorthopädischer Behandlungen festgestellt werden. Er wird daher in der englischen Literatur teilweise auch als „Index of Orthodontic Treatment Outcome“ bezeichnet.W. C. Shaw, S. Richmond, K. D. O’Brien: The use of occlusal indices: A European perspective. In: American Journal of Orthodontics and Dentofacial Orthopedics. 1995, Band 107, S. 1–10.

Entstehung des PAR-Index Der PAR-Index wurde 1987 von einer aus zehn erfahrenen Kieferorthopäden bestehenden Arbeitsgruppe der „British Orthodontic Standards Working Party“ entwickelt. Nachdem der Index unter verschiedenen Gesichtspunkten überprüft und insbesondere die Gewichtung der einzelnen Komponenten, die den Index ausmachen, in einem aufwändigen Verfahren festgelegt wurde, wurde er im Jahr 1992 von einer Gruppe um Stephen Richmond publiziert.W. C. Shaw, S. Richmond, K. D. O’Brien, I. B. Buchanan, R. Jones, C. D. Stephens, C. T. Roberts, M. Andrews: The development of the PAR Index (Peer Assessment Rating): reliability and validity. In: European Journal of Orthodontics. April 1992, Band 14, 2, S. 125–139.W. C. Shaw, S. Richmond, C. T. Roberts, M. Andrews: The PAR Index (Peer Assessment Rating): methods to determine outcome of orthodontic treatment in terms of improvement and standards. In: European Journal of Orthodontics. Juni 1992, Band 14, 3, S. 180–187.

Der PAR-Index besteht aus mehreren Komponenten. In den ursprünglichen Publikationen wurden 13 Komponenten genannt, die in späteren ÜberarbeitungenS. Richmond, K. D. O’Brien, I. B. Buchanan, D. Burden: An Introduction to Occlusal Indices. Mandent Press, 1992, Reprint 1994.S. Richmond: Evaluating Effective Orthodontic Care. First Numerics Ltd., Cardiff, 2005, Reprint 2014, ISBN 0-9549670-1-1. umgruppiert und auf letztlich 5 Komponenten zusammengefasst worden sind.

In Österreich ist die Verwendung des PAR-Index seit 1. Juli 2015 zur Beurteilung der kieferorthopädischen Behandlungsqualität durch die Sozialversicherungen verpflichtend vorgesehen.Gesamtvertrag Kieferorthopädie für Leistungen gemäß § 153a ASVG (§ 94a GSVG, § 95a BSVG, § 69a B-KUVG) und den Richttarif gemäß § 343c ASVG, abgeschlossen zwischen der Österreichischen Zahnärztekammer und dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger. 2015.Amtliche Verlautbarung der österreichischen Sozialversicherung (Hauptverband) Nr. 66/2015, 7. Änderung der Mustersatzung 2011. 2015.Gabriele Watzer, Armin Watzer: IOTN und PAR-Index in Österreich – Handbuch für die korrekte und vorschriftsmäßige Anwendung. Herausgegeben vom Verband Österreichischer Kieferorthopäden, 2020, ISBN 978-3-9519790-0-7. Zur Ermittlung der Behandlungsnotwendigkeit nach sozialversicherungsrechtlichen Kriterien wurde gleichzeitig die Anwendung des IOTN (Index of Orthodontic Treatment Need) vorgeschrieben.

Aufbau des PAR-Index Der PAR-Index besteht aus fünf Komponenten: Oberes und unteres Frontzahnsegment (Frontzahn-Komponente) – Beurteilt werden: Kontaktpunktverschiebungen, Lücken, impaktierte Zähne Bukkale Okklusions-Komponente – Beurteilt werden: sagittale Verzahnung im Seitzahnbereich, transversale Verzahnung im Seitzahnbereich, vertikale Verzahnung im Seitzahnbereich Sagittaler Überbiss (Overjet-Komponente) – Beurteilt werden: sagittaler Überbiss, frontaler Kreuzbiss Tiefbiss / offener Biss (vertikale Überbiss-Komponente) – Beurteilt werden: frontaler Tiefbiss, frontal offener Biss Mittellinien-Komponente – Beurteilt wird: Mittellinienverschiebung zwischen Ober- und Unterkiefer

In jeder dieser Komponenten werden Punkte für Abweichungen von der Normokklusion vergeben. Beurteilt werden nur bleibende Zähne. Für jede Komponente ist ein Gewichtungsfaktor angegeben. Die Punkte innerhalb einer Komponente werden jeweils mit diesem Faktor multipliziert. Die so erhaltenen Punkte der 5 Komponenten werden zuletzt zur Gesamtpunktezahl des PAR-Index addiert.

Ermittlung der Punktezahl Oberes und unteres Frontzahnsegment (Frontzahn-Komponente) Es werden die anterioren Segmente des Ober- und Unterkiefers von Eckzahn bis Eckzahn hinsichtlich folgender Kriterien beurteilt: Kontaktpunktverschiebungen Es werden die Kontaktpunktverschiebungen benachbarter bleibender Zähne vermessen. Je größer die Verschiebung, desto mehr Punkte werden vergeben.

PAR-Punkte in der Frontzahn-Komponente Ausmaß der Kontaktpunktverschiebung, Messbereich: Zähne 3 bis 3 Punkte 0 mm – 1 mm 0 >1 mm – 2 mm 1 >2 mm – 4 mm 2 >4 mm – 8 mm 3 >8 mm 4 Impaktierter Zahn (verlagert oder Lücke ≤4mm) 5

Bukkale Okklusions-Komponente Die Verzahnung im Seitzahnbereich wird in der sagittalen Relation (Messbereich: Zähne 3 bis 8), in der vertikalen Relation (Messbereich: Zähne 3 bis 8) und in der transversalen Relation (Messbereich: Zähne 4 bis 8) beurteilt. Sagittale Relation Es wird beurteilt, ob, von bukkal betrachtet, eine satte Höcker-Fossa-Verzahnung vorliegt. Leichte Abweichungen werden mit einem PAR-Punkt bewertet, eine Höcker-Höcker-Verzahnung wird mit 2 PAR-Punkten bewertet. Dabei ist es unerheblich, ob eine Verschiebung in Richtung Angle-Klasse II oder III vorliegt. Rechte und linke Seite werden getrennt beurteilt.

Vertikale Relation Ein offener Biss von mehr als 2 mm an mindestens zwei antagonistischen Zahnpaaren im Messbereich einer Seite wird mit einem PAR-Punkt bewertet. Tiefbiss im Messbereich bleibt unbewertet. Rechte und linke Seite werden getrennt beurteilt. Transversale Relation Es werden Kreuzbiss, Kopfbiss und Scherenbiss beurteilt. Je mehr Zähne betroffen sind, umso mehr PAR-Punkte werden vergeben. Rechte und linke Seite werden getrennt beurteilt.

PAR-Punkte in der bukkalen Okklusions-Komponente Ausmaß der Abweichung Punkte Sagittale Relation (anterior-posterior), Messbereich: Zähne 3 bis 8 Gute Verzahnung 0 Weniger als halbe Prämolarenbreite Abweichung 1 Halbe Prämolarenbreite Abweichung (Höcker-Höcker-Verzahnung) 2 Vertikale Relation (offener Biss), Messbereich: Zähne 3 bis 8 Kein offener Biss 0 Seitlich offener Biss >2 mm bei mindestens 2 Zahnpaaren 1 Transversale Relation (Kreuzbiss, Kopfbiss, Scherenbiss), Messbereich: Zähne 4 bis 8 Kein Kreuzbiss 0 Kreuzbisstendenz (Kopfbiss) 1 Einzelner Zahn im Kreuzbiss oder Scherenbiss 2 Mehr als ein Zahn im Kreuzbiss 3 Mehr als ein Zahn im Scherenbiss 4

Sagittaler Überbiss (Overjet-Komponente) Beurteilt wird der positive sagittale Überbiss (Overjet, Schneidezahnstufe, Messbereich: Zähne 2 bis 2) sowie der frontale Kreuzbiss (negativer sagittaler Überbiss, Messbereich: Zähne 3 bis 3). Positiver Overjet Gemessen wird die Distanz vom labialsten oberen Schneidezahn zu seinem antagonistischen Schneidezahn im Unterkiefer, und zwar parallel zur Okklusionsebene und radial zum Zahnbogen. Frontaler Kreuzbiss Der negative Overjet entspricht einem frontalen Kreuzbiss. Beurteilt werden Schneide- und Eckzähne. Je nachdem, wie viele Zähne betroffen sind, werden mehr oder weniger PAR-Punkte vergeben.

Wenn Punkte sowohl für einen vergrößerten positiven Overjet als auch für einen frontalen Kreuzbiss vergeben werden können, so werden diese addiert.

PAR-Punkte in der Overjet-Komponente Ausmaß des positiven Overjets Punkte Ausmaß des frontalen Kreuzbisses Punkte 0 mm – 3 mm 0 Kein Kreuzbiss 0 >3 mm – 5 mm 1 Ein oder mehr Zähne im Kantbiss 1 >5 mm – 7 mm 2 Einzelner Zahn im Kreuzbiss 2 >7 mm – 9 mm 3 Zwei Zähne im Kreuzbiss 3 >9 mm 4 Mehr als zwei Zähne im Kreuzbiss 4 Messbereich: Zähne 2 bis 2 Messbereich: Zähne 3 bis 3

Tiefbiss / offener Biss (vertikale Überbiss-Komponente) Ausmaß von Tiefbiss und offenem Biss im Schneidezahnbereich werden beurteilt. Tiefbiss Gemessen wird, wie sehr ein oberer Schneidezahn einen unteren überdeckt. Es zählt die stärkste Überdeckung. Je stärker der Tiefbiss, umso mehr PAR-Punkte werden vergeben. Offener Biss Der Normalabstand von der Schneidekante eines oberen Schneidezahns zum antagonistischen unteren Schneidezahn wird gemessen. Es zählt der größte messbare Abstand. Je größer der offene Biss, umso mehr PAR-Punkte werden vergeben.

Wenn Punkte sowohl für einen Tiefbiss als auch für einen offenen Biss vergeben werden können, so werden diese addiert.

PAR-Punkte in der vertikalen Überbiss-Komponente Ausmaß des Tiefbisses, Messbereich: Zähne 2 bis 2 Punkte Ausmaß des offenen Bisses, Messbereich: Zähne 2 bis 2 Punkte Bis zu ⅓ des unteren Schneidezahns überdeckt 0 Kein offener Biss 0 >⅓ bis zu ⅔ des unteren Schneidezahns überdeckt 1 Offener Biss ≤1mm 1 >⅔ aber nicht die ganze Krone des unteren Schneidezahns überdeckt 2 Offener Biss >1 mm bis 2 mm 2 Gesamte Krone oder mehr des unteren Schneidezahns überdeckt 3 Offener Biss >2 mm bis 4 mm 3 Offener Biss >4 mm 4

Mittellinien-Komponente Die Abweichung der Zahnbogenmitten von Ober- zu Unterkiefer wird beurteilt, indem bestimmt wird, ob die obere Mitte (Kontakt der oberen mittleren Schneidezähne) mit der unteren Mitte (Kontakt der unteren mittleren Schneidezähne) übereinstimmt, bzw. wie sehr sich die obere Mitte über einen unteren Schneidezahn projiziert. Je nachdem, wie stark die Abweichung der Mittellinien ist, werden mehr oder weniger PAR-Punkte vergeben.

PAR-Punkte in der Mittellinien-Komponente Ausmaß der Mittellinienverschiebung Punkte Mitten stimmen überein oder Verschiebung bis ¼ der Breite eines unteren Schneidezahns 0 Verschiebung um mehr als ¼ bis ½ der Breite eines unteren Schneidezahns 1 Verschiebung um mehr als ½ der Breite eines unteren Schneidezahns 2

Gewichtung der PAR-Punkte Die für die fünf Komponenten vergebenen Punkte fließen nicht in gleicher Wertigkeit in den PAR-Index ein. Für jede Komponente ist ein Gewichtungsfaktor angegeben, mit dem die Punkte der jeweiligen Komponente zu multiplizieren sind.

Gewichtungsfaktoren Komponente Gewichtung Frontzahn-Komponente 1 Bukkale Okklusions-Komponente 1 Overjet-Komponente 6 Vertikale Überbiss-Komponente 2 Mittellinien-Komponente 4

Der PAR-Index errechnet sich aus der Summe der gewichteten PAR-Punkte aller fünf Komponenten.

Berechnung der Behandlungsqualität Eine gegebene Zahnstellung wird als „exzellent“ bezeichnet, wenn weniger als 5 PAR-Punkte vorliegen, als „akzeptabel“ bei 5 bis 10 PAR-Punkten und als „nicht akzeptabel“ bei mehr als 10 PAR-Punkten.

Die Verbesserung einer gegebenen Situation kann durch Bestimmung der Reduktion der Anzahl der PAR-Punkte ermittelt werden, was allerdings nur bei einer Ausgangssituation mit vielen PAR-Punkten zu einer sinnvollen Aussage führen kann. Daher wird üblicherweise die prozentuelle Verbesserung des ursprünglichen PAR-Werts ermittelt.

Berechnung der prozentuellen Verbesserung: x 100

Ab einer Reduktion der PAR-Punkte um 30 % kann von einer Verbesserung der kieferorthopädischen Situation gesprochen werden, ab 70 % Reduktion von einer starken Verbesserung. Gute Kieferorthopäden sollten durch ihre Behandlungen im Durchschnitt eine PAR-Index-Verbesserung von 70 % erreichen oder übertreffen.

Besonderheiten des PAR-Index in Österreich Anwendung im Einzelfall