Das Psychologische Institut der Universität Zürich geht zurück auf eine Laborgründung im Jahre 1897 und gehört daher neben den Instituten in Berlin, Bonn, Freiburg, Göttingen, Graz, Innsbruck, Kiel, Leipzig, München und Würzburg zu den ältesten Orten psychologischer Forschung. Die Psychologie entstand als Erfahrungswissenschaft, die an Universitäten betrieben wird, mit der Eröffnung der ersten psychologischen Laboratorien 1875 durch William James an der Harvard University und 1879 durch Wilhelm Wundt in Leipzig.
Geschichte mini|Ernst Meumann Vor seiner Berufung nach Leipzig forschte und lehrte Wilhelm Wundt als Professor für induktive Philosophie für zwei Semester an der Universität Zürich. Ihm folgte Wilhelm Windelband, der ebenfalls nur zwei Semester in Zürich blieb. Sein Nachfolger, Richard Avenarius, gerade bei Wundt in Leipzig habilitiert und vermutlich auf Wundts Empfehlung nach Zürich berufen, setzte die psychologische Interpretation des Philosophie-Lehrstuhls fort.
Gründung 1897 Die Gründung des Psychologischen Instituts der Universität Zürich kann auf das Jahr 1897 datiert werden, in dem Ernst Meumann als Nachfolger von Avenarius sein Psychologisches Labor eröffnete, das ihm im Rahmen seiner Berufungsverhandlungen zugesagt worden war. mini|Apparate zur Reaktionszeitmessung aus dem Archiv des Psychologischen Instituts der Universität Zürich Meumann verschmolz die empirisch-psychologischen Methoden mit erziehungswissenschaftlichen Problemen zur Experimentellen Pädagogik und bot regelmässig experimentalpsychologische Kurse an. In der Folge stieg das studentische Interesse an Psychologie (obwohl seine Lehrveranstaltungen teilweise um 5 Uhr morgens begannen). Die Hörerzahlen stiegen von 30 in den 1890er Jahren auf über 87 im Sommersemester 1905. Die Schaffung eines zweiten auf Psychologie ausgerichteten Philosophie-Lehrstuhls zog mit Gustav Störring einen weiteren Wundt-Schüler nach Zürich. Nach dem Weggang Meumanns nach Königsberg wurde – gegen die Empfehlung Wundts, der seinen Schüler Gottlob Friedrich Lipps ins Spiel bringen wollte – Friedrich Schumann berufen, der später zu den Gründern der Gestaltpsychologie gerechnet wird. Lipps kam wenig später als Nachfolger von Störring doch noch nach Zürich und sollte für 20 Jahre das Psychologische Institut prägen. Unterstützt wurde er dabei von den beiden angewandten Psychologen Arthur Wreschner (zunächst Assistent von Meumann, später Extraordinarius) und Julius Suter (später Gründer des Psychotechnischen Instituts in Zürich, heute das Institut für Angewandte Psychologie).
Nach dem Tod von Lipps 1931 sorgte die antipositivistische Stimmung an der Philosophischen Fakultät dafür, dass sein Lehrstuhl mit dem rein geisteswissenschaftlich arbeitenden Eberhard Grisebach aus Jena wiederbesetzt wurde, das psychologische Labor wurde aufgegeben und Psychologie als Prüfungsfach gestrichen. Eine Gruppe von Studierenden ersuchte den Erziehungsrat, wieder einen psychologischen Lehrstuhl zu schaffen und Psychologie als Hauptfach anzubieten, was zunächst nicht von Erfolg gekrönt war. Allerdings wurde 1938 der Privatdozent Suter, in dessen Wirken die Anfänge der Arbeitspsychologie in Zürich gesehen werden können, auf ein Extraordinariat berufen.
Wiederaufbau ab 1947 Mit der Berufung von Wilhelm Keller (von Habermas als einer seiner Lehrer bezeichnet) setzte ein Wiederaufschwung der Psychologie an der Philosophischen Fakultät ein. Obwohl er selbst eher philosophisch arbeitete, trug er als Direktor mit zum Ausbau des Psychologischen Instituts bei. Er wirkte darauf ein, dass im Herbstsemester 1948 Psychologie erstmals als Hauptfach gelehrt wurde. Bereits 1975 studierten 750 Studierende im Hauptfach und 220 im Nebenfach. Bei der Besetzung vier weiterer Lehrstühle wurde darauf geachtet, dass sowohl die empirische (Hans Biäsch, Ulrich Moser, Gerhard Schmidtchen) als auch die theoretische Psychologie (Detlev von Uslar) bedient wurde.
Bis Ende des Jahrhunderts werden neben Wiederbesetzungen auch neue Lehrstühle geschaffen (Etablierung der Psychologischen Methodenlehre und je ein zusätzliches Ordinariat in der klinischen und in der Sozialpsychologie). Die auf den zweiten klinischen Lehrstuhl berufene Inge Strauch war nicht nur die erste Professorin am Psychologischen Institut, sondern die erste Frau überhaupt, die an der Philosophischen Fakultät ein Ordinariat innehatte. Nach ihr wurde Mitte 2018 eine Gastprofessur benannt, die 2022 endete.
Wachstum ab 2002 mini|550x550px|Entwicklung der Lizenziats- und Master-Abschlüsse am Psychologischen Institut der Universität Zürich 1990–2020 Um die Jahrtausendwende wird die Psychologie in den Jahresberichten der Universität Zürich wiederholt als "traditionelles Engpassfach" erwähnt, womit das numerische Betreuungsverhältnis von Studierenden zu Dozierenden gemeint ist, dass sich aufgrund der hohen studentischen Nachfrage des Fachs Psychologie zusehends verschlechtert. Folgerichtig werden ab 2002 gleich acht neue Ordinariate besetzt. Seit 2006 sind alle Lehrstühle in einem gemeinsamen Gebäude in Zürich-Oerlikon (Binzmühlestrasse 14) auf dem Campus Oerlikon untergebracht.
Jubiläum 2022 Im Jahr 2022 feierte das Psychologische Institut sein 125-jähriges Jubiläum. Im Zuge der Vorbereitungen auf das Jubiläum wurden die sterblichen Überreste von Richard Avenarius auf dem Friedhof Sihlfeld feierlich wiederbeigesetzt, nachdem sie seit 1925 an der Universität Zürich aufbewahrt worden waren, zunächst in der Säule mit der Büste von Avenarius vor der Aula und danach im Universitätsarchiv.
+ Professoren und Professorinnen seit Gründung des InstitutsNameProfessurNachfolger vonBeginnEndeErnst MeumannInduktive PhilosophieRichard Avenarius18971905Gustav StörringGeschichte der Philosophie19021911Arthur WreschnerPhysiologische Psychologie19101932Friedrich SchumannInduktive PhilosophieErnst Meumann19051910Gottlob Friedrich LippsSystematische Philosophie, allgemeine Pädagogik und experimentelle PsychologieGustav Störring19111931Eberhard GrisebachSystematische Philosophie, allgemeine Pädagogik und experimentelle PsychologieGottlob Friedrich Lipps19311945Julius SuterSystematische Psychologie19381952Friedrich 'Wilhelm' KellerSystematische Philosophie und PsychologieEberhard Grisebach19471974Hans BiäschPraktische Psychologie19581971Ulrich MoserAngewandte (später: Klinische) Psychologie19621990Detlev von UslarAllgemeine theoretische Psychologie19671993Gerhard SchmidtchenSozialpsychologie19681990François StollAngewandte PsychologieHans Biäsch19732004Norbert BischofAllgemeine PsychologieWilhelm Keller19751997Inge StrauchKlinische Psychologie19761999Heinz Stefan HerzkaPsychopathologie des Kindes- und Jugendalters (Psychiatrie)19772001Christian ScharfetterPsychopathologie des Erwachsenenalters (Psychiatrie)19781999René HirsigPsychologische Methodenlehre19852009Brigitte BootheKlinische PsychologieUlrich Moser19902013Heinz GutscherSozialpsychologieGerhard Schmidtchen19902012Rainer HornungSozial- und Gesundheitspsychologie19922013Urs SchallbergerAngewandte Psychologie und Persönlichkeitsforschung19922006Wolfgang MarxAllgemeine PsychologieDetlev von Uslar19942008Friedrich WilkeningAllgemeine PsychologieNorbert Bischof19972012Ulrike EhlertKlinische Psychologie und PsychotherapieInge Strauch1999Willibald RuchPersönlichkeitspsychologie und Diagnostik20022021Lutz JänckeNeuropsychologie20022022Mike MartinGerontopsychologie und Gerontologie2002Veronika Brandstätter-MorawietzAllgemeine Psychologie: Motivation2003Martin KleinmannArbeits- und Organisationspsychologie2003Klaus JonasSozial- und Wirtschaftspsychologie20032022Alexandra M. FreundEntwicklungspsychologie: ErwachsenenalterFrançois Stoll2004Andreas Maercker Psychopathologie und klinische InterventionChristian Scharfetter2005Guy BodenmannKlinische Psychologie mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familien2008Klaus OberauerAllgemeine Psychologie: KognitionWolfgang Marx2008Carolin StroblPsychologische Methodenlehre, Evaluation und StatistikRené Hirsig2011Moritz DaumEntwicklungspsychologieFriedrich Wilkening2012Johannes UllrichSozialpsychologieHeinz Gutscher2013Birgit WatzkeKlinische Psychologie mit Schwerpunkt PsychotherapieforschungBrigitte Boothe2013Urte ScholzAngewandte Sozial- und GesundheitspsychologieRainer Hornung2013Markus LandoltGesundheitspsychologie des Kindes- und Jugendalters (Kinderspital)2014Birgit KleimExperimentelle Psychopathologie und Psychotherapie (Psychiatrie)2016Nicolas LangerMethoden der Plastizitätsforschung2016Lilly ShanahanKlinische Entwicklungspsychologie (Jacobs Center)2016Nora Maria RaschlePsychologie der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen (Jacobs Center)2019Holger BrandtQuantitative Methoden der Intervention und Evaluation20192021Wiebke BleidornDifferenzielle Psychologie und DiagnostikWillibald Ruch2021Christopher HopwoodPersönlichkeitspsychologie2021Jörg GrossSozial- und WirtschaftspsychologieKlaus Jonas2022Paul SausengNeuropsychologie und Kognitive NeurowissenschaftLutz Jäncke2023Charles DriverQuantitative Methoden der Intervention und der Evaluation2024
Bekannte Absolventinnen und Absolventen Am Psychologischen Institut der Universität Zürich haben unter anderem die folgenden Persönlichkeiten studiert:
Józefa Fabianna Kodis (1893, erste weibliche Doktorierende) Helena Schapiro (1904) Moritz Schlick (1907) Jürgen Habermas (1950) Urs Leuthard (1983) Jacqueline Fehr (1991) Catalin Dorian Florescu Carlo Strenger
Weblinks Schlussworte der Antrittsrede von Wilhelm Wundt in Zürich am 31. Oktober 1874 (Audio)
Einzelnachweise
Kategorie:Universität Zürich Kategorie:Psychologische Institution Kategorie:Forschungseinrichtungsgründung 1897