mini|hochkant|Filippo Balatri am Cembalo, Ausschnitt aus einem Gemälde von Peter Jakob Horemans, 1733

Filippo Balatri (eigtl. Dionisio Filippo Balatri; * 21. Februar 1682 in Alfea (Pisa); † 10. September 1756 in Kloster Fürstenfeld)Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, Allitera Verlag, München, 2010, S. 13 war ein italienischer Kastraten-Sänger (Sopran-, später Mezzosopran), Gesangslehrer, Schriftsteller und Mönch,Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, ..., S. 126 der unter anderem in Russland und München wirkte. Er hinterließ bedeutende autobiographische Schriften.

Leben

Filippo Balatri wurde nach eigenen Angaben in Alfea (Pisa) geboren.Im Titel seiner Memoiren Frutti del Mondo…. Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, Allitera Verlag, München, 2010, S. 7 Er war der dritte Sohn von Antonio Francesco di Pietro Balatri, einem Mitglied einer verarmten Florentiner Familie und Mitglied des Stephans-Ordens. Filippos Mutter Maria Teresa Peralique war Französin und in ihrer Jugend Hofdame von Marguerite d’Orléans, der Frau Cosimos III., Großherzogs der Toskana. Filippo besuchte wie sein Bruder Ferrante (* 1677) die Schule des Stephans-Ordens und sang im Kirchenchor.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, Allitera Verlag, München, 2010, S. 14 Als er ungefähr 11 Jahre alt war, beschloss sein Vater, den musikalisch begabten Jungen durch einen Wundarzt in Lucca kastrieren zu lassen, um seine vielversprechende Sopranstimme zu erhalten. Nach eigener Aussage des Sängers war ein wichtiger Grund für diese väterliche Entscheidung „das gute Gehalt und die großzügige Altersversorgung der Kastraten im Dienst des Stephans-Ordens“.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, Allitera Verlag, München, 2010, S. 15

Seine weitere musikalische Ausbildung, sowie Unterricht in Latein und Religion, erhielt Balatri in Florenz.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 17 Hier lässt ihn der Großherzog 1698 vor dem russischen Gesandten Peter Alexejewitsch Golizyn (1660–1722) singen, mit dem er als extravagante „Leihgabe“ von Cosimo III. an Peter den Großen über Venedig, Wien und Warschau nach Moskau reist.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 18–22 und 25 Unter 200 Personen im Gefolge Golizyns war Balatri der einzige Musiker und der erste italienische Kastrat, der nach Russland kam. Seine Erlebnisse notierte er auf Anweisung des Großherzogs minuziös in einem Tagebuch.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 21

Nach einigen Monaten im Hause Golizyns in Moskau lebte Balatri einige Jahre am Zarenhof und sang täglich für Peter den Großen, wozu er sich selbst am Orgelpositiv begleitete.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 32–33 Zu seinen Pflichten gehörte außerdem vor dem russischen Adel in dessen Häusern zu singen und er gab der Maitresse des Zaren, Anna Mons (?) – in die er sich heimlich verliebte – Gesangsunterricht.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, Allitera Verlag, München, 2010, S. 39 ff, 67 ff, 72 Er begleitete den Zaren auch auf dessen Reisen und musste oft ganz ohne Begleitung singen,Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, Allitera Verlag, München, 2010, S. 35 unter anderem vor dem „großen Khan der Tataren“ – wahrscheinlich Ayuki-Khan, Herrscher der Kalmücken an der unteren Wolga.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 43–44 und 52 ff

1701 verließ Balatri Russland und reiste wiederum mit dem Gesandten Golizyn zunächst an den Kaiserhof nach Wien, wo er bis Anfang 1703 blieb und seine Gesangsausbildung bei dem Altisten Gaetano Orsini fortsetzte.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, Allitera Verlag, München, 2010, S. 68 (Jahresangabe 1701), S. 73–78 (Reise), S. 80 (Orsini), S. 83 und 86 (Jahresangabe 1703) Danach kehrte er über Venedig und Florenz zurück nach Pisa.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 83 und 85–86 In Florenz hatte er sein Debüt auf der Opernbühne in einer kleinen Rolle in Albinonis Pastorale Aminta (UA:UA = Uraufführung 15. Oktober 1703)..Irene Brandenburg: Balatri, Ballatri, Filippo, in MGG online, 1999/2016 (vollständiger Artikel nur mit Abonnement)

In Pisa sang er von 1703 bis 1713 als Sopranist in der Chiesa dei Cavalieri.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 91 Vorübergehend wurde er 1711 von Großherzog Cosimo als Dolmetscher für den russischen Gesandten Fürst Naryschkin nach Florenz gerufen.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 91-

Nach dem Tode seiner Eltern 1713 reiste Balatri mit einem nicht näher identifizierten englischen „Milord“ über Paris nach London.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 96 ff In Versailles wurde er angeblich von Ludwig XIV. empfangen, der sich von seinen Erlebnissen in Russland berichten ließ.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 108 In London sang er für Lady Burlington, die Frau von Händels bekanntem Mäzen Richard Boyle Earl of Burlington, und für den englischen Adel, aber ein geplantes Konzert für Queen Anne wurde durch den Tod der Königin verhindert.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 109 (Burlington), 110 (Queen Anne) Bei den Vorbereitungen zu diesem nicht zustandegekommenen Auftritt soll er Händel kennengelernt haben. Balatri selber behauptet in seinen Memoiren, er habe das Angebot, in London in der Oper aufzutreten, abgelehnt, aber in einem Zeitungsartikel vom Oktober 1714 heißt es, er sei in einem Pasticcio Arminio aufgetretenChristine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 112 und im November sang er eine Nebenrolle in der Oper Ernelinda (von Gasparini ?), neben Diana Vico, Elisabetta Piloti Schiavonetti und Margarita de l'Espine..Irene Brandenburg: Balatri, Ballatri, Filippo, in MGG online, 1999/2016 (vollständiger Artikel nur mit Abonnement)

1715 musste er seinen englischen Aufenthalt vorzeitig abbrechen, um sich mit seinem Bruder Ferrante und einem Gesandten Cosimos III. auf die Rückreise nach Italien zu begeben, über Düsseldorf und München. Auf Geheiß des Großherzogs der Toskana nahm er am 1. Oktober desselben Jahres das Angebot einer Anstellung am Hof des bayerischen Kurfürsten Maximilian II. Emanuel an.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 122 Dort verdiente er ab dem Jahr 1719 die beachtliche Summe von 3500 Gulden im Jahr und war damit einer der bestbezahlten Sänger in München.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 132

Sein Münchner Debüt auf der Opernbühne hatte er am 12. Oktober 1716 als Orest in Pietro Torris Astianatte.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 125 f Dabei bekennt der bis dahin vor allem als Kirchen- und Kammersänger lebende Balatri selber in seinen Memoiren, dass er nur ungern in der Oper auftrat, weil es ihm sündhaft und nicht gottgefällig erschien.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 127

Nach einer Krankheit bewilligte ihm der bayerische Kurfürst im Jahr 1718 einen Heimaturlaub in Italien, wo er in Venedig vor Benedetto Marcello sang und mit einer selbst komponierten Nachtigallenarie Aufsehen erregte.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 129 Er sang außerdem in privaten Konzerten in Bologna und vor Violante Beatrix, der Schwester von Max Emanuel und Witwe von Ferdinando de’ Medici.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 129–131 Auf deren Wunsch komponierte er die Musik zu einer Komödie.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 131 Nach einem Aufenthalt in Pisa kehrte er 1719 zusammen mit seinem Bruder Ferrante zurück nach München.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 132 Dort sang er in der Folge in verschiedenen Opern von Torri: im Sommer 1720 die Titelrolle in Eumene und im Oktober desselben Jahres den Demetrio in einer Oper L’amor d’amico vince ogni altro amore, an der Seite des berühmten Altisten Antonio Bernacchi und der Margherita Durastanti, einer Lieblingssängerin von Händel.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 133–134

1721–1722 begleitete Balatri den Kurprinzen Karl Albrecht auf dessen Grand Tour nach Florenz und Rom.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 136 Zurück in München wirkte er im Oktober 1722 bei den Festlichkeiten zur Hochzeit Karl Albrechts mit Maria Amalia von Österreich mit, deren Gesanglehrer er in der Folge wurde. Nicht lange danach sang er bei einer weiteren Fürstenhochzeit in Turin im Teatro Carignano in einer Oper namens Recimero (Komponist unbekannt).Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 137–138

mini|hochkant=0.9|Filippo Balatri auf einer Karikatur von Anton Maria Zanetti, 1726–1728 (?)

Zurück in München sang er in Torris Opern Merope (Karneval 1723)Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 138 und Griselda (Oktober 1723) – in der letzteren neben der jungen Faustina Bordoni und Bernacchi.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 140 Gemeinsam mit der Sopranistin Elisabetta Casolani hatte er weitere Auftritte in Tito Manlio (Karneval 1724), in Porporas Damiro e Pitia (Herbst 1724) und im Karneval 1725 in Porsena.... Daraufhin wurde er an den Kaiserhof in Wien eingeladen, wo er zum Geburtstag der Kaiserin am 28. August 1725 in Caldaras Semiramide in Ascalona, wiederum neben der Bordoni, sang.

Nach weiteren gesundheitlichen Problemen fuhr er von Anfang 1726 bis 1728 wieder auf Urlaub nach Italien, wo er vorübergehend in Venedig, Padua und Verona wohnte, sich mit seinem berühmten Kollegen Nicolini anfreundete und den jungen Farinelli hörte und bewunderte.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 141–148 (144: Nicolini; 147: Farinelli) Zwischenzeitlich war er im Karneval 1727 in Rom und sang im Teatro delle Dame den Otone in Leonardo Vincis Oper Gismondo, re di Polonia, an der Seite von Giovan Battista Minelli und Farfallino (Giacinto Fontana)..

Da inzwischen sein Brotherr Max Emanuel von Bayern verstorben war, wechselte er nach seiner Rückkehr nach München in die Kapelle von dessen jüngerem Sohn Johann Theodor, Fürstbischof von Freising und Regensburg, der sehr musikalisch war, Gesangsstunden bei Balatri nahm und ihn bei den Hausmusiken auch persönlich auf dem Cembalo begleiten konnte.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, …, S. 150 Insgesamt führte der Sänger am Hofe Johann Theodors ein relativ geruhsames Leben.