Sollstedt ist eine Gemeinde im Landkreis Nordhausen im Freistaat Thüringen.
Geografie mini|Blick auf Sollstedt vom Gebraer Kopf mini|Sollstedt, Blick zum Friedetal mini|Schematischer geologischer Querschnitt (N-S) von Sollstedt durch das Wippertal mini|Die Wipper in Sollstedt mini|Sollstedter Fahne
Lage Sollstedt liegt an der sogenannten Eichsfelder Pforte. Umgeben wird die Gemeinde von dem bewaldeten Höhenzug Hainleite, dem Ohmgebirge, dessen südöstliche Ausläufer die Bleicheröder Berge sind, und dem Mittelgebirge Dün beim Ortsteil Rehungen. Die Kreisstadt Nordhausen befindet sich rund 20 Kilometer nordöstlich der Gemeinde. Etwa 6 Kilometer nordöstlich liegt die Stadt Bleicherode.
Berge Sollstedt wird im Süden vom Kattstein 460 m. ü. NN, im Norden vom Egelskopf 447 m. ü. NN und bei Rehungen vom Schönberg 498,2 m. ü. NN überragt. Eine Besonderheit stellt die als Landmarke geltende Abraumhalde des ehemaligen Kalibergwerkes dar. Sie überragt die Landschaft um etwa 80 m, wobei der Gipfel bei etwa 385 m ü. NHN liegt.
Gewässer Der Ort liegt im Tal der Wipper, einem Zufluss der Unstrut. Außerdem fließen durch die Gemeinde die Friede, der Rehunger Bach, der Ascheröder Bach sowie der Trompetergraben.
Geologie Die Geologie Sollstedts wird im Wesentlichen durch Gesteine des Mesozoikums (ausnahmslos Trias) geprägt. Den größten Anteil an der Gemarkungsfläche haben hierbei der mittlere und obere Buntsandstein sowie der untere Muschelkalk. Letzterer tritt durch seine imposanten Schichtstufen beiderseits des Wippertales in Erscheinung. Auf ostexponierten Hängen liegt teilweise Löss in geringer Mächtigkeit auf, der in die periglazialen Lagen eingearbeitet ist. In der Wipperaue herrschen holozäne Sedimente, wie Auelehm vor. Von wirtschaftlicher Bedeutung waren für die Gemeinde die dem unteren Buntsandstein unterlagernden Kali- und Steinsalze des Zechsteins (Perm, Paläozoikum).
Klima Sollstedt wird durch das kühlgemäßigte Klima beeinflusst. Aufgrund der Ost-West-Ausrichtung des Wippertales herrschen das ganze Jahr über im Durchschnitt höhere Windgeschwindigkeiten. Durch die Bleicheröder Berge sowie den Dün sind auch die Niederschläge durch die daraus resultierenden Staulagen etwas höher als in der Umgebung und liegen bei rund 630 mm im Jahr. In Rehungen, das direkt am Westhang des Dün liegt, sind die Niederschläge noch etwas höher. In den Gipfellagen des Dün fallen mit rund 900 mm jährlich die höchsten Niederschläge innerhalb der Sollstedter Gemarkung. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt bei etwa 8,0 °C im Tal und bei rund 6,5 °C in den Hochlagen des Dün.Josef Tauchmann: 50 Jahre Wetter, Witterung und Naturkatastrophen; Kleine Klimatologie von Nordhausen am Südharz.
Nachbarorte An Sollstedt grenzen Obergebra (Bleicherode), Bleicherode, die dem Landkreis Eichsfeld zugehörigen Kommunen Ascherode, Buhla, Bernterode (Breitenworbis), Vollenborn, Ortsteil Gerterode der Gemeinde Niederorschel, sowie die im Kyffhäuserkreis gelegenen, der Gemeinde Helbedündorf angehörigen Orte Keula, Holzthaleben und Friedrichsrode.
Gemeindegliederung
Ortsteile Ortsteile von Sollstedt sind Wülfingerode und Rehungen.
Eingemeindungen Am 1. Mai 1996 wurde Wülfingerode,StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 1996 am 1. Januar 2009 RehungenStBA: Gebietsänderungen am 01.01.2009 in die Gemeinde Sollstedt eingegliedert.
Einwohnerentwicklung Jahr Einwohner 1573 325 1763 300 1808 420 1810 432 1840 712 1861 705 1870 732 1890 700 1900 627 1905 928 Jahr Einwohner 1912 1228 1925 1200 1930 1165 1948 1881 1956 1929 1960 2183 1962 2303 1966 2700 1968 2993 1970 3152 Jahr Einwohner 1971 3184 1975 3172 1977 3143 1979 3056 1981 3035 1983 3115 1985 3061 1987 2991 1989 2943 1991 2924 Jahr Einwohner 1993 2905 1994 2900 1995 2919 1996 3441 1 1997 3398 1998 3391 1999 3339 2000 3291 2001 3290 2002 3262 Jahr Einwohner 2003 3208 2004 3134 2005 3063 2006 3047 2007 3008 2008 2938 2009 3308 2 2010 3251 2011 3185 2012 3066 Jahr Einwohner 2013 3018 2014 2974 2015 3016 2016 2988 2017 2929 2018 2879 2019 2889 2020 2927 2021 2948 2022 2920 Jahr Einwohner 2023 2913 2024 2849 1 Eingemeindung Wülfingerode 1996 2 Eingemeindung Rehungen 2009750 Jahre Sollstedt. J. Eckstein, Sollstedt 1971 (1573–1971)Regionales Entwicklungskonzept „Westlicher Landkreis Nordhausen“ (1975–1999)Thüringer Landesamt für Statistik (2002–2010)
Wappen der Ortsteile
mini|Schachtgelände und Friedetalbrücke (BAB 38) mini|Ehemaliges Verwaltungsgebäude des Kaliwerkes (2011 abgerissen) mini|Untertage: Verbindung der Reviere Bernterode – Sollstedt – Bleicherode mini|Bahnhof mini|Sollstedter Kirche mini|Kirche Wülfingerode mini|Rehunger Fachwerkkirche
Geschichte Wirtschaftliche und territoriale Entwicklung mini|Rittergut Sollstedt um 1860, Sammlung Alexander Duncker mini|Blick von Osten auf Sollstedt mit Kaliwerk (Mai 1990) mini|Der sogenannte Pferdestall am Kattstein bei Sollstedt mini|Der Waldteich („Schwanenteich“) im Naherholungsgebiet Friedetal Der Ort wurde erstmals 1221 als Solstede durch ein Walkenrieder Pergament, welches eine Verleihung beurkundet, erwähnt.Ortschronik Der Ortsname soll auf eine einstige Wasser- oder Suhlstelle für Tiere hindeuten. Zur heutigen Gemarkung gehören auch die Wüstungen Gellrode und Hölzerode. Gellrode war ein dem Kloster Beuren eigenes Dorf und besaß eine eigene Kirche, diese bezeugte noch die Siedlungsstelle, als der Ort im 14. Jahrhundert bereits auf Druck des Klosters aufgelassen wurde.
In Sollstedt war das Kloster Walkenried schon 1230 mit einem Klostergut und Abgaben begütert. Die zum Landadel zuzurechnende Familie Windhold war ab 1395 in Bleicherode und Sollstedt begütert. An der Sollstedter Kirche befindet sich eine Inschrift von 1442, die auf Umbauten an der Kirche verweisen soll, diese Kirche gehörte zum Sedes Bleicherode im Erzbistum Mainz. Zum Schutz des Ortes diente auch eine Warte, die noch als Flurname belegt ist.
Der Besitz des Ortsadeligen Ernst Windoldt wurde 1525 nach seiner Vertreibung von einer durchziehenden Bauernrotte des Mühlhäuser Bundes und den sich anschließenden Sollstedtern auf dem Weg nach Bad Frankenhausen vollkommen ausgeplündert. Sein an den Landesherren übergebenes Inventarverzeichnis ist überliefert und nennt eine Schadenssumme von 2626 Gulden. Windoldt drohte mit seiner Rückkehr und einer Bestrafung der Bauern, woraufhin einige nachgaben und ihn zurückkehren lassen wollten. Einige der Aufständischen aus dem Eichsfeld drohten daraufhin, den Ort niederzubrennen. Aus Angst wandten sich die Sollstedter Bauern in einem Brief an den Grafen von Hohnstein, der zeitweise mit in das Bündnis der Bauern eingetreten war, erhielten aber keine Antwort, geschweige denn Hilfe.
Neben dem verarmten Windoldt lebte ab 1550 auch eine Adelsfamilie Wilcken in Sollstedt. Die Grafen von Hohnstein hatten 1573 das ganze Dorf an Ernst Windoldt verpfändet – es werden in dem Vertragswerk neben dem Landbesitz auch 57 Häuser und 57 Höfe aufgeführt. Da der Graf von Hohnstein 1581 das Pfand nicht mehr einlösen konnte, ging Sollstedt 1581 in den Privatbesitz von Ernst Windoldt über. Dieser veräußerte den Ort an einen Obristen von Bodenhausen – zugleich Eigentümer des Nachbarortes Wülfingerode. 1584 wurde die baufällige Kirche erneuert. Als Ergebnis des Dreißigjährigen Krieges zählte der Ort 1648 noch 37 bewohnbare Häuser und 21 wüste Hofstellen. Infolge des Krieges breitete sich die Pest aus (ob der Ort bei der großen Pandemie des 14. Jahrhunderts ebenfalls betroffen war, ist nicht überliefert, aber es ist davon auszugehen). Wülfingerode war einer Sage nach besonders schwer betroffen. Die Sollstedter brachten demnach Speisen an einen Graben, der noch heute die Ortsteile voneinander trennt. Ein Trompeter habe dann das Signal gegeben, dass die Wülfingeröder die Speisen abholen konnten, ohne dass sich die Sollstedter ansteckten. Daher trägt dieser Ort auch jetzt noch die Flurbezeichnung Trompetergraben. Der Wiederaufbau des Ortes wurde von den Herren von Bodenhausen von 1683 bis 1692 vorangetrieben. 1840 zählte man in Sollstedt 70 Wohnhäuser, 159 Stallungen und Scheunen sowie 3496 Morgen Land.
Bis etwa ins 14. Jahrhundert war die wirtschaftliche Grundlage der Dorfbewohner der Ackerbau. Allerdings entwickelte sich in der Region im ausgehenden Mittelalter zunehmend das Weberhandwerk. 1442 wurde in Bleicherode eine Leineweberzunft gegründet, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass zu jener Zeit auch in Sollstedt dieser neue Erwerbszweig einen Aufschwung nahm. Dieser wurde jedoch bis in die Neuzeit hinein lange nur als Nebenerwerb neben der Landwirtschaft betrieben. In der frühen Neuzeit kamen weitere Handwerker wie Schmiede, Bäcker, Müller und Töpfer hinzu. Mit dem Ansteigen der Bevölkerung Ende des 18. Jahrhunderts zogen weitere Handwerker nach Sollstedt, u. a. Schuhmacher, Kalkbrenner, Tischler, Stellmacher, Dachdecker, Wagen- und sogar Musikinstrumentenbauer. Das Leineweben erreichte Anfang des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt. Von da an verlagerte sich der Produktionsschwerpunkt nach England, wo durch die Einführung industrieller Herstellungsverfahren Stoffe wesentlich günstiger und in größeren Mengen produziert werden konnten. Dadurch kam es zu einer schweren Krise des Weberhandwerks in vielen Regionen, so auch in Sollstedt, was eine sinkende Einwohnerzahl bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zur Folge hatte. In Sollstedt entwickelte sich dabei die Kanarienvogelzucht zu einem bedeutenden Erwerbszweig. Der wirtschaftliche Aufstieg der Gemeinde begann mit dem Kauf von Flächen durch den Industriellen Hermann Schmidtmann zum Zwecke der Errichtung einer Kalischachtanlage. Das Werk wurde der mit Abstand wichtigste Wirtschaftszweig und zog viele Menschen aus der Umgebung an.
Während des Zweiten Weltkrieges mussten im KZ-Außenlager Kali-Schachtanlage Neu-Sollstedt des KZ Dora-Mittelbau circa 450 Häftlinge in der Rüstungsproduktion Zwangsarbeit verrichten. An sie und an den mit ihnen inhaftierten kommunistischen Abgeordneten des Preußischen Landtags Albert Kuntz erinnerte bis 1990 ein Gedenkstein.
Am 10. April 1945 besetzten US-Truppen den Ort gegen deutschen Widerstand. Die Wipperbrücke östlich des Ortes wurde noch gesprengt, fünf Wehrmachtssoldaten fielen. Anfang Juli 1945 wurde der Ort, wie ganz Thüringen, von den Amerikanern an die Rote Armee übergeben. Damit wurde auch Sollstedt Teil der SBZ und ab 1949 der daraus hervorgehenden DDR. Das Rittergut der Familie von Bismarck wurde entschädigungslos enteignet, die Familie vertrieben. Nach der Bodenreform von 1945 ging Sollstedt 1952 den Weg der Zwangskollektivierung mit der Gründung der LPG Rosa Thälmann.
Die Kali-Schachtanlage wurde in der DDR unter dem Namen VEB Kaliwerk „Karl Marx“ Sollstedt weiterbetrieben und gehörte zum Kombinat Kali. 1990 ging sie zur Treuhandanstalt über und wurde 1991 geschlossen. Von dieser Entwicklung hat sich die Wirtschaft der Gemeinde bis heute nicht erholt.
Juden in Sollstedt Vermutlich im 16. Jahrhundert wurden mehrere jüdische Familien im Ort ansässig. 1570 sind fünf Sollstedter Juden mit unterschiedlichen Nachnamen Unterzeichner eines Briefes an einen Nordhäuser Gesandten des kaiserlichen Hofes in Prag.Stefan Litt: Juden in Thüringen in der Frühen Neuzeit (1520–1650) (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe, Band 11). Böhlau Verlag, Köln 2003, S. 109.