miniatur|Paul Schultze-Naumburg 1919

Paul Schultze-Naumburg, eigentlich Paul Eduard Schultze (* 10. Juni 1869 in Almrich bei Naumburg, Provinz Sachsen; † 19. Mai 1949 in Jena), war ein deutscher Architekt, Kunsttheoretiker, Maler, Publizist und Politiker (NSDAP).

Er war 1904 Mitbegründer und bis 1913 erster Vorsitzender des Bundes Heimatschutz sowie ein wichtiger Vertreter der nach diesem benannten Heimatschutzarchitektur. Daneben war Schultze-Naumburg ein führendes Mitglied des Dürerbundes und der konservativen Architektenvereinigung Der Block. In seinem 1928 veröffentlichten Buch Kunst und Rasse verfemte er moderne Kunst und Architektur aus rassenideologischen Motiven und war damit ein Vordenker des nationalsozialistischen Konzepts der „entarteten Kunst“.

Nach der Vertreibung des Bauhauses aus Thüringen war Schultze-Naumburg von 1930 bis 1939 Direktor der Hochschule für Baukunst, bildende Künste und Handwerk in Weimar. Er war 1931 Mitbegründer des Kampfbundes Deutscher Architekten und Ingenieure innerhalb des nationalsozialistischen Kampfbundes für deutsche Kultur. Von 1932 bis 1945 war er Mitglied des Reichstages.

Zu Schultze-Naumburgs bekanntesten Bauwerken gehören das Schloss Freudenberg in Wiesbaden, das Stammhaus des Sanatoriums Apolant in Bad Kissingen und das Schloss Cecilienhof in Potsdam. Außerdem war er 1935 für die völlige Umgestaltung der Innenräume des Nürnberger Opernhauses verantwortlich.

Leben Herkunft, Jugend und Ausbildung Paul Schultze-Naumburg kam 1869 als Paul Eduard Schultze in Almrich bei Naumburg zur Welt. Sein Vater war der Porträtmaler Gustav-Adolf Schultze (1825–1897) und seine Mutter hieß Emma geb. Lienemann. Gustav-Adolf Schultze studierte in Berlin zuerst bei Johann Gottfried Schadow Malerei und dann bei Eduard Magnus Porträtmalerei. Schadow gehörte auch zum Freundeskreis der Familie, dazu zählten noch Emanuel Geibel, Paul Heyse und Franz Theodor Kugler, von dem das Lied An der Saale hellem Strande stammt, ebenso der junge Friedrich Nietzsche, den Paul Schultze schon in seiner Kindheit kennenlernte.

Auch Paul Schultze hatte ein großes Zeichentalent, welches vom Vater schon frühzeitig gefördert wurde; ebenso war ein Interesse für Literatur, Dichtung und Naturwissenschaften vorhanden. Paul ging zunächst in die Domschule und dann besuchte er das Realgymnasium in Naumburg. Eine Beschäftigung mit der Architektur, schon während der Schulzeit, kam durch seinen älteren Bruder Richard zustande. Dieser hatte bei Carl Schäfer in Berlin Architektur studiert. Richard nahm an etlichen Architekturwettbewerben teil und benötigte dabei häufig Pauls Hilfe. Nach seinem Abitur beschloss der Familienrat, dass Paul eine Laufbahn als freier Künstler einschlagen und die Karlsruher Kunstschule besuchen sollte.

In seiner Studienzeit hatte Schadow Gustav-Adolf Schultze einfach den Namen der väterlichen Geburtsstadt an den Familiennamen angehängt, um eine Verwechslung mit einem gleichnamigen Mitschüler zu vermeiden. Paul Schultze griff dies wieder auf und nannte sich ab Beginn seiner Studienzeit dann Paul Schultze-Naumburg.

Ab 1886 besuchte Paul Schultze-Naumburg die Kunstgewerbeschule in Karlsruhe. Nach einem Jahr wechselte er zur Badischen Landeskunstschule. Er war dort erst Schüler von Ernst Schurth und Theodor Poeckh, von 1891 bis 1893 Schüler im Meisteratelier von Ferdinand Keller. Er besuchte als Gasthörer auch zwei Semester Architektur an der Technischen Hochschule.

Im Kaiserreich Nach dem Studium ging Paul Schultze-Naumburg zunächst nach München, wo er 1894 eine Mal- und Zeichenschule gründete. 1895 trat er der Münchner Sezession bei. 1897 zog Schultze-Naumburg gemeinsam mit seiner ersten Ehefrau Ernestine Mack nach Berlin, wo er im gleichen Jahr eine Malschule eröffnete und sich der Berliner Sezession anschloss.

In der Zeit nach dem Studium unternahm er Studienreisen nach Frankreich und Italien und arbeitete ab 1894 als Redakteur für die Zeitschrift Der Kunstwart. Dort veröffentlichte er Artikel über Malerei, Kunst und zur Lebensreform. 1901 erschien das Buch Die Kultur des weiblichen Körpers als Grundlage der Frauenkleidung,Volltext online mit dem Schultze-Naumburg zur Reformierung der Frauenkleidung und zur Abschaffung des Korsetts beitrug. Gemeinsam mit Henry van de Velde und Anna Muthesius war er maßgeblich an Entwürfen für eine künstlerisch inspirierte weibliche Reformkleidung beteiligt.

1901 zog er nach Saaleck bei Bad Kösen um. Sein dortiges Wohnhaus entstand unter maßgeblicher Mitwirkung des Architekten Albert Gessner.Claudia Kromrei: auf www.historismus.net 1904 gründete er hier mit Fritz Koegel die Saalecker Werkstätten G.M.B.H., die bis 1930 existierte. Neben Schultze-Naumburg war der Maler Ludwig Bartning in den ersten Jahren an der künstlerischen Leitung beteiligt. Zwischen 1903 und 1904 arbeitete der Maler Georg Tappert als Assistent in den Saalecker Werkstätten. Heinrich Tessenow arbeitete hier von 1904 bis 1905, einen Teil ihrer Ausbildung erhielten Carl Weidemeyer 1904/1905 und Alfred Fischer von 1906 bis 1908 in den Werkstätten. Walter Butzek arbeitete 1909/10 hier als Architekt. Er plante und baute im Stil der Heimatschutzarchitektur. Mit Ernst Rudorff gründete er 1904 den Deutschen Bund Heimatschutz und wurde Erster Vorsitzender bis 1913.

Die „Kulturarbeiten“, die Schultze-Naumburg von 1901 bis 1917 als eine Serie von Büchern veröffentlichte, waren sehr erfolgreich. Sie machten ihn zu einem gefragten Architekten, förderten die Idee des Heimatschutzes und definieren bis heute den Traditionalismus im 20. Jahrhundert.Jahrhundertwende. Traditionalismus in Paul Schultze-Naumburgs „Kulturarbeiten“, in: Roman Hillmann, Die Erste Nachkriegsmoderne. Ästhetik und Wahrnehmung der westdeutschen Architektur 1945–1963, Petersberg 2011, Seiten 31–36. Mit seinen Publikationen entwickelte er sich schnell zu einem führenden Kunsttheoretiker und gehörte 1907 zu den Mitbegründern des Deutschen Werkbundes, dessen Ziel die Verbindung moderner Technik und traditioneller Formen war.

Schultze-Naumburg wurde gerne von wohlhabenden Bauherren mit der Gestaltung von Landhäusern betraut. Kaiser Wilhelm II. beauftragte ihn 1912 mit dem Bau einer Residenz für den Kronprinzen in Potsdam. Kronprinz Wilhelm wurde freie Hand für dieses Schloss gelassen, und er wünschte sich ein Schloss im Tudorstil. Schultze-Naumburg wurde daher zu Studienzwecken nach England, Wales und Schottland geschickt. Das so entstandene Schloss Cecilienhof, das im August 1945 der Potsdamer Konferenz als Verhandlungsort diente, hat 176 Zimmer und einen zweigeschossigen Festsaal sowie einen Ehrenhof. Es wurde 1917 bezogen und ist das komfortabelste aller Hohenzollernschlösser.

In der Weimarer Republik Mit seinen Reformbemühungen und seinen baukünstlerischen Leistungen wurde Schultze-Naumburg zum Initiator der Bauströmung Um 1800, die sich an dem Baustil der Goethezeit orientierte. Anders als zahlreiche Architekten aus der Bewegung Um 1800 suchte er nach dem Ersten Weltkrieg keine neue Formensprache. Die architektonische Stilrichtung des „Neuen Bauens“ (siehe auch: Bauhaus) hielt er für einen Irrweg, den er zu bekämpfen versuchte. Schultze-Naumburg, der geistige Vater einer „nordischen Ästhetik“, führte in Weimar eine Bewegung an, die im Sinne einer „germanischen Architektur“ beispielsweise das Flachdach als „undeutsch“ ablehnte und einen, auf der Rassenideologie begründeten „volksgemäßen“ WohnungsbauPaul Weindling: „Mustergau“ Thüringen. Rassenhygiene zwischen Ideologie und Machtpolitik. In: Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit. Hrsg. von Norbert Frei, R. Oldenbourg, München 1991 (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Sondernummer), ISBN 3-486-64534-X, S. 81–97; hier: S. 86 und 92 forderte. Siehe dazu auch seine Schriften Das bürgerliche Haus (1926), Flaches oder geneigtes Dach? (1927) und Das Gesicht des deutschen Hauses (1929).

In Paul Schultze-Naumburgs Leben spielt Saaleck eine zentrale Rolle. Hier kam sein gesamter Freundeskreis zusammen. Zu den Besuchern von Saaleck zählten die Architekten Otto Bartning, Paul Bonatz, Werner March, Paul Schmitthenner, die Künstler Ludwig Bartning, Ludwig von Hofmann, Hermann Obrist und die Schriftsteller Börries von Münchhausen, Werner Hegemann, Wilhelm von Scholz. Eduard Stucken, ein Völkerkundler, Religions- und Sprachwissenschaftler, der sich speziell mit der Geschichte Amerikas beschäftigte, verbrachte von 1917 bis 1924 zusammen mit seiner jüdischen Ehefrau die Frühlings- und Sommermonate in Saaleck. Dabei entstand sein Roman Die weißen Götter, der um 1920 erschien.

Enttäuschung über die Umweltzerstörungen und Disharmonie der Moderne führten nach dem Ersten Weltkrieg zu einer ästhetischen Radikalisierung und in den zwanziger Jahren auch zu einer zunehmenden politischen Radikalisierung von Paul Schultze-Naumburg, die schließlich in einem kulturell begründeten Rassismus endete.

Ab Mitte der 1920er Jahre kamen Nationalsozialisten zu seinem Freundeskreis dazu. Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Heinrich Himmler waren mehrmals zu kurzen Besuchen in Saaleck. Walther Darré, von 1933 bis 1942 Reichsbauernführer und Reichsernährungsminister, hat in Saaleck sein agrar-ideologisches Buch Neuadel aus Blut und Boden (1930) geschrieben. Ein weiterer Freund Schultze-Naumburgs war Hans F. K. Günther, der weithin als „Rassepapst“ und „Rassen-Günther“ bekannt war. Der thüringische Volksbildungsminister Wilhelm Frick besuchte über Jahre hinweg Paul Schultze-Naumburg und dessen Frau Margarethe (geb. Dörr) in regelmäßigen Abständen; Margarethe ließ sich 1934 scheiden und heiratete noch im gleichen Jahr Wilhelm Frick. Etwa 1929 entstand auch der „Saalecker Kreis“, der bis 1933 bestand und einen Freundeskreis prominenter Nationalsozialisten um Schultze-Naumburg bildete. Wilhelm Frick, Hans F. K. Günther, Richard Walther Darré, Hans Severus Ziegler gehörten dazu, ebenso wie Alfred Ploetz, der Mitbegründer der Rassenhygiene war.

mini|links|Sieg der ("blanken") Schönheit über die Moderne, aus einer Kunstzeitschrift Anfang der 1930er Jahre mini|Buchtitel Kunst und Rasse, Schultze-Naumburg, 4. Auflage 1942 Schultze-Naumburg betrachtete sich als Vorkämpfer gegen den „Kulturbolschewismus“.Michael Nungesser: „Als die SA in den Saal marschierte …“ Das Ende des Reichsverbands bildender Künstler Deutschlands. 1983. S. 101 1928 erschien im J.F. Lehmanns Verlag München sein Buch Kunst und Rasse.) Im 1. Kapitel "Der Mensch und seine Rasse", zeigt sich (auf SS.8 und 9 dieser Ausgabe) in der Fußnote (1) die Adaption der Ideologie Hans F. K. Günthers: "Es kann nicht Aufgabe dieses Buches sein, eine Rassenkunde zu bringen. Nur um dem Leser, dem die Materie neu ist, das Buch überhaupt verständlich zu machen, sei kurz angeführt, daß man die deutsche Bevölkerung ım wesentlichen auf fünf Rassenbestandteile zurückführt; die nordische Rasse, die alpine (nach Günther „ostische“) Rasse, die mediterrane (nach Günther die „westische“) Rasse, die dinarische und endlich die ostbaltische. Die rassischen Bestandteile des jüdischen Volkes, von der immerhin ca. 600000 Menschen in Deutschland leben und eine vielleicht noch größere Zahl durch Blutmischung im deutschen Volkskörper aufgegangen ist, weist zumeist außer orientalischem vorderasiatisches Blut auf. Zum rechten Verständnis des vorliegenden Buches wird allerdings die nähere Bekanntschaft mit der Rassenkunde nicht zu entbehren sein. Am besten vermittelt diese das Buch von Dr. Günther: "Die Rassenkunde Europas", 2. Aufl., im Verlag J.F. Lehmann, München."Paul Schultze-Naumburg: Kunst und Rasse., In: Deutsche Digitale Bibliothek online, abgerufen am 2. August 2023.