mini|Nicola Pisano und Werkstatt: Kanzel des Doms von Siena, 1265–1268, Carrara-Marmor mini|Nicola Pisano: Kanzel im Baptisterium San Giovanni, Pisa, 1260, Detail mini|Fontana Maggiore, Piazza IV Novembre, Perugia. Die 1278–1280 von Nicola und Giovanni Pisano geschaffene Brunnenanlage gehört zu den bedeutendsten Werken der italienischen mittelalterlichen Skulptur mini|Arca di San Domenico in der Basilica di San Domenico, Bologna, Rückseite mit dem Relief Der heilige Dominikus von der Hand Gottes berührt. Das Grabmal wurde ab 1264 nach einem Entwurf von Nicola Pisano ausgeführt
Nicola Pisano (auch Niccolò Pisano; in zeitgenössischen Quellen auch Nicola Pisanus bzw. Nicola de Apulia; * wohl um 1220; † zwischen 1278 und 1284) war ein in Italien tätiger Bildhauer des 13. Jahrhunderts. Seine Herkunft aus Apulien wird aufgrund zweier Urkunden von 1266 angenommen, ist jedoch nicht mit letzter Sicherheit geklärt. Er gilt als einer der bedeutenden Erneuerer der italienischen Skulptur des Duecento. Seine Kunst verbindet die Auseinandersetzung mit der Antike mit Elementen der zeitgenössischen Gotik und leitete eine neue Entwicklung der italienischen Skulptur ein. Sein Sohn war der Bildhauer und Architekt Giovanni Pisano (um 1248–nach 1314). In der ersten Auflage seiner Vite von 1550 widmete Giorgio Vasari Nicola Pisano noch keine eigenständige Vita. Er erwähnte ihn vielmehr in der Vita seines Sohnes Andrea Pisano, wobei er ihn fälschlich als einen Schüler Andreas bezeichnete. Vasari stellte damit ein chronologisch unmögliches Lehrer-Schüler-Verhältnis her, da Nicola bereits vor Andreas künstlerischer Tätigkeit gestorben war. Zugleich maß Vasari in seiner Darstellung dem von Giotto entwickelten „disegno“ eine zentrale Bedeutung für die Erneuerung der Kunst bei. In der zweiten Auflage der Vite von 1568 erhielten Nicola und Giovanni Pisano eine gemeinsame Vita. Vasari würdigte darin ihre Bedeutung für die Erneuerung der Skulptur und hob insbesondere ihre Abkehr von der von ihm als überkommen betrachteten Formensprache hervor. Online verfügbar unter
In der neueren kunsthistorischen Forschung wird Nicola Pisano eine für die Skulptur vergleichbare Bedeutung zugesprochen, wie sie Giotto eine Generation später für die Malerei zukam. Die Enciclopedia dell’Arte Medievale der Treccani beschreibt Nicola als einen entscheidenden Erneuerer der Skulptur: Die Darstellung des Menschen und seiner irdischen Lebenswelt gewann bei ihm eine zuvor im Mittelalter nicht erreichte Bedeutung. Diese Entwicklung wird als eine Humanisierung der Kunst charakterisiert, die zu Beginn des 14. Jahrhunderts von Giotto aufgegriffen wurde. Auch die formale und typologische Wirkung der von Nicola Pisano für die Arca di San Domenico in Bologna entwickelten Grabmalsform reicht bis ins 14. Jahrhundert. Die Enciclopedia dell’Arte Medievale bezeichnet die Arca di San Pietro Martire in Sant’Eustorgio in Mailand, die 1339 von Giovanni di Balduccio signiert wurde, als das Grabmal, das am engsten von der Bologneser Arca abhängt. Giovanni di Balduccio war ein in Pisa ausgebildeter Bildhauer, dessen Ausbildung nach Auskunft der Treccani vor allem im Umfeld der Werkstätten der Opera del Duomo und von Lupo di Francesco erfolgte; eine Ausbildung bei Giovanni Pisano.
Leben
Über Herkunft und Jugend Nicola Pisanos sind keine gesicherten biografischen Angaben überliefert. Der Ort und das Datum seiner Geburt sind unbekannt. Aufgrund seiner bereits für 1248 stilistisch erschlossenen Tätigkeit wird eine Geburt in der zweiten Dekade des 13. Jahrhunderts angenommen. In zeitgenössischen Urkunden und Inschriften erscheint Nicola als „Pisanus“ beziehungsweise „de Pisis“. Zwei in Siena am 11. Mai 1266 ausgefertigte Urkunden bezeichnen ihn als „Nichola Pietri de Apulia“ beziehungsweise „Nichola de Apulia“. Die Angaben werden in der neueren Forschung als Hinweis auf eine Herkunft aus Süditalien verstanden. Der Name Pietro als Vatersname ist ebenfalls belegt. Die stilistischen Merkmale von Nicolas frühen Arbeiten werden vielfach mit dem unter Kaiser Friedrich II. geförderten Kunstschaffen in Süditalien in Verbindung gebracht; insbesondere die kaiserlichen Bauhütten von Capua und Castel del Monte sind als mögliche Stationen seiner künstlerischen Ausbildung vorgeschlagen worden. Ein konkreter Ausbildungsweg ist jedoch nicht dokumentiert.
Die erste sichere urkundliche Erwähnung Nicola Pisanos findet sich im Testament des aus Como stammenden Bildhauers Guido Bigarelli, das am 5. April 1258 in Lucca errichtet wurde. Darin wird ein „Nicolaus de Pisis“ genannt. Als erstes sicher erhaltenes und Nicola zugeschriebenes Werk gilt die sechseckige Kanzel im Baptisterium San Giovanni in Pisa. Ihre Inschrift nennt Nicola als Urheber und datiert die Vollendung in das Jahr 1260; nach neueren Untersuchungen war das Werk möglicherweise bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 1259 weitgehend fertiggestellt.
Am 29. September 1265 schloss Nicola Pisano mit der Opera del Duomo von Siena einen Vertrag über die Ausführung einer neuen Marmorkanzel für den Dom von Siena. Der Vertrag regelte unter anderem Material, Maße, architektonischen Aufbau und die plastische Ausstattung. Nicola verpflichtete sich, mit seinen Mitarbeitern Arnolfo di Cambio sowie weiteren Gehilfen zu arbeiten. Auch sein Sohn Giovanni sollte an der Ausführung beteiligt werden und erhielt hierfür eine tägliche Vergütung von vier Soldi. Daraus wird geschlossen, dass Giovanni zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig war. Die Arbeiten an der Kanzel begannen am 1. März 1266 und wurden 1268 abgeschlossen.
Die frühe Tätigkeit Nicola Pisanos in Pisa ist durch die Kanzel des Baptisteriums und die Bezeichnung „de Pisis“ in zeitgenössischen Quellen belegt. Der genaue Zeitpunkt seiner Übersiedlung nach Pisa lässt sich dagegen nicht bestimmen. Die Verbindung mit dem süditalienischen Kunstschaffen unter Friedrich II. ist Gegenstand der kunsthistorischen Forschung und wird vor allem aus stilistischen Zusammenhängen erschlossen. Parallel zu den Arbeiten in Siena entstand in Bologna das Grabmal für den 1221 verstorbenen Dominikus von Caleruega, die Arca di San Domenico in der gleichnamigen Kirche. Die Vergabe des Auftrags an Nicola Pisano erfolgte nach dem Catalogo Generale dei Beni Culturali 1264. Nach einer anderen Forschungsposition begannen die Arbeiten im Juli 1265. Sicher ist, dass sich das Werk bereits zu Pfingsten 1265 in Arbeit befand und dass die sterblichen Überreste des heiligen Dominikus am 5. Juli 1267 in die neue Grabstätte überführt wurden.
Die Beteiligung Nicola Pisanos an der Arca di San Domenico wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt. Der Catalogo Generale dei Beni Culturali schreibt den mittelalterlichen Sarkophag Nicola Pisano und seinen Mitarbeitern zu, darunter Arnolfo di Cambio und dem Dominikanerbruder Guglielmo da Pisa. Die kunsthistorische Forschung weist jedoch darauf hin, dass Umfang und Art der Beteiligung Nicolas an dem heute überlieferten Monument nicht abschließend geklärt sind.
Am 10. Juli 1273 erhielt Nicola Pisano den Auftrag für einen Altar in der Jakobskapelle des Doms von Pistoia. Die Arbeit wurde am 13. November desselben Jahres abschließend bezahlt; das Werk ist nicht erhalten.
Als letztes dokumentiertes Werk Nicola Pisanos gilt die Fontana Maggiore in Perugia, die er gemeinsam mit seinem Sohn Giovanni ausführte. Die Inschrift datiert die Vollendung der Skulpturen auf 1278. Nicola und Giovanni werden darin als gemeinsam tätige Bildhauer genannt. Die Fontana Maggiore stellt damit das letzte dokumentierte Werk Nicolas dar.
Der Zeitpunkt und der Ort seines Todes sind unbekannt. Da Nicola 1278 bei der Fertigstellung der Fontana Maggiore noch tätig war und Giovanni Pisano in einer Urkunde vom 13. März 1284 als „quondam magistri Nicholi“, also als Sohn des bereits verstorbenen Meisters Nicola, bezeichnet wird, ist sein Tod zwischen 1278 und dem 13. März 1284 anzusetzen.
Die von Giorgio Vasari überlieferte Tätigkeit Nicolas als Architekt ist in der neueren Forschung nicht eindeutig belegbar. Insbesondere seine angebliche Beteiligung am Bau des Doms von Siena sowie die Zuschreibung der Kirche Santa Trinita in Florenz sind umstritten. Die Zuschreibung des Dombaus von Siena an Nicola beruht auf einer älteren lokalen Überlieferung und steht der von Vasari überlieferten Darstellung gegenüber. Auch für Santa Trinita ist eine Entstehung nach Nicolas Tod vorgeschlagen worden. Eine weitere Unsicherheit betrifft die Bezeichnung Nicolas in einem pisanischen Nekrolog im Zusammenhang mit der Arca di San Domenico. Die ältere Lesung als architector wurde als Hinweis auf eine Tätigkeit als Architekt verstanden. In der maßgeblichen Überlieferung wird die Bezeichnung jedoch als archirector wiedergegeben. Diese Lesung wurde als Bezeichnung für eine leitende Funktion bei der Ausführung des Werkes interpretiert und nicht als Beleg für den Beruf des Architekten. Eine eigenständige Tätigkeit Nicolas als Architekt lässt sich daraus daher nicht sicher ableiten.
Werk
Zu den Hauptwerken Nicola Pisanos zählen die Marmorkanzel im Baptisterium von Pisa und die Kanzel im Dom von Siena. Die Pisaner Kanzel wurde nach ihrer Inschrift 1260 vollendet; in der kunsthistorischen Literatur wird teilweise auch 1259 als Abschlussjahr genannt. Die Sieneser Kanzel entstand nach dem am 29. September 1265 geschlossenen Vertrag und wurde 1268 fertiggestellt; Treccani gibt für ihre Entstehung den Zeitraum 1265–1269 an.
Die Pisaner Kanzel besitzt einen sechseckigen Grundriss. Der Kanzelkorb wird von Arkaden getragen und enthält fünf großformatige Reliefplatten mit Szenen aus dem Leben Christi: die Verkündigung und Geburt Christi, die Anbetung der Könige, die Darstellung Christi im Tempel, die Kreuzigung und das Jüngste Gericht. Die Reliefs nehmen jeweils nahezu die gesamte Fläche der Felder ein. Die Arkaden und ihre Zwickel werden durch Propheten- und Evangelistenfiguren sowie weitere Skulpturen ergänzt. An den Ecken befinden sich unter anderem Figuren des Johannes des Täufers und des Erzengels Michael.
Die oktogonale Kanzel im Dom von Siena ist gegenüber dem Pisaner Werk größer und strukturell komplexer. Sie besitzt sieben Reliefplatten mit Szenen aus dem Leben Christi und dem Jüngsten Gericht. An ihrer Ausführung waren neben Nicola Pisano Arnolfo di Cambio, Lapo di Ricevuto und Nicola Pisanos Sohn Giovanni beteiligt. Die Reliefs zeigen gegenüber der Pisaner Kanzel eine stärkere räumliche und narrative Verdichtung sowie eine ausgeprägtere Aufnahme gotischer Formelemente. Insbesondere die Architekturhintergründe und die Bewegungsrichtung der Figuren unterscheiden sich von der stärker klassisch geprägten Formensprache der Pisaner Kanzel.
Die Arca di San Domenico in der Kirche San Domenico in Bologna entstand in den 1260er Jahren und wurde 1267 vollendet. Nicola Pisano wird mit ihrer Konzeption und Ausführung in Verbindung gebracht; zugleich geht die neuere Forschung davon aus, dass ein erheblicher Teil der Ausführung von Mitarbeitern und Schülern übernommen wurde. Insbesondere Fra Guglielmo da Pisa und Arnolfo di Cambio werden mit dem Werk in Verbindung gebracht. Umfang und Art von Nicolas eigener Beteiligung an den erhaltenen Teilen des Grabmals sind in der Forschung.