Die Gaue waren im alten Ägypten über Jahrtausende gültige Verwaltungsbezirke entlang des Nils, die das gesamte Kernland umfassten. Es handelt sich um die Übersetzung des griechischen Wortes nomós, das in antiken Quellen für die altägyptischen Verwaltungseinheiten benutzt wurde.

Entstehung Hervorgegangen sind die Gaue wohl weniger aus lokalen Fürstentümern des Neolithikums als aus den Einzugsgebieten der königlichen Domänen unter Djoser. Im Alten Reich gab es 38 Gaue, die später um vier weitere ergänzt wurden. Im Verlaufe der langen Geschichte Ägyptens waren die Gaue und ihre Vorsteher (Gaufürsten) mehr oder weniger unabhängig von der Zentralmacht des Königs (Pharao). Aus den Texten der Diagonalsternuhren geht hervor, dass jeder der Dekane einen altägyptischen Gau symbolisiert und die Gottheit des jeweiligen Dekans einem Gau zugeteilt war.

Bedeutung Der Zusammenschluss der Familien, Horden und Stämme zu Gauen hatte entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung des Glaubens, zunächst für die niederen Geister und Dämonen, später auch die Gottheiten. Fast jeder Gau hatte ein eigenes Wappen in Form einer Standarte und eine lokale Gottheit mit ihrem eigenen Mythos, die besonders verehrt wurde und dafür ihren Schutz gewährte.

Die älteste erhaltene „Gauliste“ befindet sich an der „Weißen Kapelle“ des Sesostris I. in Karnak, doch gibt es für die Gaue einzeln bereits frühere Belege (z. B. Weltkammer).

Aus griechisch-römischer Zeit finden sich weiterhin Aufzählungen der 42 kanonischen GaueDie Zahl wird bisweilen mit den 42 Totenrichtern aus dem Totenbuch in Verbindung gebracht, so etwa von Georg Steindorff: Die ägyptischen Gaue und ihre politische Entwicklung. In: Abhandlungen der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften. Band 57, 1909, S. 876. (beispielsweise im Tempel von Edfu), doch dürfte die tatsächliche Zahl im Jahr 259 v. Chr. bei 36 gelegen haben.Werner Huß: Die Verwaltung des ptolemaiischen Reichs (= Münchener Beiträge zur Papyrusforschung und antiken Rechtsgeschichte. Heft 104). Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62915-0, S. 91 bzw. Abs. 188 (Papyrus Revenue Laws). Jeder Gau (Nomos) unterstand einem Strategen. Als weitere Verwaltungsbezirke kamen noch der Fayum als Nomos Arsinoites hinzu, der aufgeteilt wurde in die vier Teilgebiete (Meris) von Herakleides, Themistos, Polemon und der Hauptstadt Arsinoe. Dazu in der westlichen Wüste die Bezirke Oasis Magna (Charga und Dachla), Oasis Parva (Bahariyya) und Ammoniake (Oase Siwa), sowie im Osten Sinai und Aethiopia am Roten Meer. Alexandria war ein eigenständiger Bezirk außerhalb des Gausystems.

Gauzeichen Die Gauzeichen dienten ursprünglich wohl zur Unterscheidung der Lieferungen von den verschiedenen königlichen Domänen. Dabei lassen sich zwei Gruppen von Zeichen unterscheiden: Die älteren, stets auf Standarten präsentierten Gauzeichen beziehen sich vermutlich auf Gottheiten (Numina) in der Nähe der jeweils ältesten Domäne eines Bereichs (nicht unbedingt den späteren Gaugott). Die späteren, zwischen Djoser und Snofru geschaffenen und ursprünglich ohne Standarte präsentierten Gauzeichen sind großteils ausgeschriebene Geographika wie Nubierland (O01), Horus-Thron (O02) oder weiße Mauer (U01).

Oberägyptische Gaue Nr ägypt. Name griech. Name Beschreibung Hauptstadt heute(antik; griechisch) Orts-/Gaugötter O01𓈶 Ta-seti Ombites Nubierland Assuan(Suenet/Jeb/Nybt; Syene/Elephantine/Ombos) Chnum, Satet (Sopdet), Anuket, Isis, Nephthys, Horus, Osiris, Seth O02𓈷 Wetjes-Hor Apollonopolites Horus-Thron-Gau, Falkengau Edfu(Behdet/Mesen/Saboet; Apollonopolis Magna) Behdeti O03𓈸 Nechen Latopolites Landeplatz, Festungsgau Elkab/Kom el-Ahmar(Nechab/Nechen; Hierakonpolis) Nechbet, Chnum O04𓈹 Waset Pathyrites / Peri Thebas Gau des Was-Zepters Armant + Theben(Iunu-shema + Waset; Hermontis + Thebai) Month, Amun, Amun-Re, Amun-Min, Amun-Atum, Amun-Chepre, Mut, Chons, Hathor, Buchis O05𓈺 Netjerui Koptites Zwei-Falken-Gau, Gau der beiden Herren Koptos/Quift(Gebtu; Koptos) Seth, Min O06𓈻 Iqer Tentyrites Krokodilgau Dendera(Onet; Tentyra) Hathor, Ihi, Sobek, Harsomtus O07𓈼 Bat Diospolites Mikros Gau der weiblichen Seele Nag Hammadi(Hu/Hiw; Disospolis mikra) Hathor, Bat O08𓈽 Ta-wer Thinites „Ältestes Land“ Girga/Abydos(Tine/Abdu; Thinis/Abydos) Anhuret (Onuris, Schu), Osiris, Chontamenti, Upuaut O09𓈾 Menu Panopolites Min-Gau, Gau der guten Seele Achmim(Ipu/Chenet Min; Panopolis) Min, Iunmutef, Horus von Chemmis O10𓈿 Wadjit Antaiopolites / Aphroditopolites / Apollonopolites Schlangengau Qaw el-Kebir/el-Badari(Tjebu; Antaeopolis) Wadjet, Nemti, Seth, Mahes O11𓉁 Scha Hypselites Seth-Tier-Gau Shutb(Schas-hotep; Hypselis) Seth, Horus, Chnum O12𓉃 Atfet (zu O10) Bergviper-Gau El-Atawlah(Per-antj; Hierakon) Nemti O13𓉄 Nedjefit-Chentet Lykopolites vorderer Sykomorengau Assiut(Saut/Siut, Ja-Kemet; Lykonpolis) Upuaut, Chontamenti, Osiris O14𓉅 Nedjefit-pehetet (zu O15) hinterer Sykomorengau Meir(Qis; Cusae) Hathor O15𓉆 Wenet Hermopolites Hasengau El-Aschmunein(Wenu, Chemen/Chmunu; Hermopolis Magna) Thot, Seschat, Imi-schemenu, Unut, die „Achtheit von Hermopolis“ O16𓉇 Ma-hedj (zu O15) Antilopengau, Gazellengau südl. Minia gelegen(Hebenu, Herwer, Neferusi, Menat-Chufu) Hebenu, Pachet, Chnum, Horus O17𓉈 Input Kynopolites Schakalgau, Hundsgau Minia(Henu, Hardai; Kynopolis) Anubis O18𓉉 Nemti, Per-Nemti (zu O17) Falkengau (Nemti-Falke) Kom el-Ahmar Sawaris Dunanui, Nemti O19𓉋 Wabui Oxyrhynchites Wabu-Zepter, Doppelzepter-Gau Bahnasa/Beni Mazar(Per Medjet; Oxyrhynchos) Seth O20𓉌 Naret später Naret-chentet Herakleopolites vorderer Baumgau, Oleanderbaumgau, Naretbaumgau Ehnasya(H.t-nen Nesut/Hnês; Herakleopolis) Herischef O21𓉍 Naret-pehet (zu U01) hinterer Baumgau, Oleanderbaumgau, Naretbaumgau Fayyum(Schedet; Arsinoe/Krokodilopolis) Sobek (Maga), Sobek-Horus O22𓉎 Medenit Aphroditopolites Messergau Atfih(Per-nebet-tep-ichu; Aphroditopolis) Hathor

Unterägyptische Gaue mini|Die 20 unterägyptischen Gaue Nr ägypt. Name griech. Name Beschreibung Hauptstadt heute(antik; griechisch) Orts-/Gaugötter U01𓈠 Inbu-hedj MemphitesSchloss den alten oberägyptischen Gau 21 mit ein. „Weiße Mauer“ Mit Rahine(Men nefer, evtl. Hot-Ka-Ptah; Memphis) Ptah, Ptah-Tatenen, Ptah-Sokar, Ptah-Nun, Apis (Hapi), Sachmet, Nefertem, Imhotep, Hathor U02𓈡 Chepesch (?) Letopolites Iua/Iwa/Iwo, Schenkelgau Ausim(Letopolis, Chem, Sechem) Cherti U03𓈢 Imentet Gynaikopolites Westgau Kom el-Hisn(Jamu; -) Hathor U04𓈣 Neret-reset Prosopites südlicher Neith-Gau; von U05 abgespalten Zawyat Razin(-; Nikiou) Neith, Behdeti, Osiris U05𓈤 Neret-mehetet Saites (nördlicher) Neith-Gau Sais(Saw, Sau; Sais) Neith, Behdeti, Osiris U06𓈦 Chasuu Xoites Bergstiergau Sacha(Pe/Dep, Per Uto; Buto) Uto, Re U07𓈧 Wa-em-Huu-ges-imenti Menelaites westlicher Harpunengau ?(Besta; Menelaos) Ha U08𓈨 Wa-em-Huu-ges-iabti Heroopolites östlicher Harpunengau Tjeku(Per Atum; hebräisch Pitom) Atum, Osiris U09𓈩 Anedjti Bousirites Gau des Gottes vom Weidegebiet Abu Sir Bana(Per Osiris/Anedjti; Busirites, Busiris) Osiris, Isis U10𓈪 Kemwer Athribites Großer Schwarzer Stier-Gau Kom El-Atrib(Kem-wer; Athribis) Chentechtai U11𓈫 Hesbu Leontopolites Gau des gezählten Stieres Tell el-Muqdam(- ; Leontopolis) Schu, Tefnut, Mahes U12𓈬 Tjeb-netjer Sebennytes Gau des göttlichen Kälbchens Samanud(Tep-netjer; Sebennytos) Isis, Schu, Onuris U13𓈭 Heqa-ondju Heliopolites Gau des unversehrten Zepters El-Mataria(Iunu/On; Heliopolis) Atum, Re, Re-Harachte, Mer-wer (schwarzer Mnevis-Stier), Hathor, Benu, Thot U14𓈮 Chenti-iabti Sethroites Vorderseite des Ostens Sile(Tjaru; Sethroe) Horus, Uto, Seth U15𓈯 Djehuti (zu U16) Ibisgau Baklije(Wenu; Hermopolis) Thot, Achtheit von Hermopolis U16𓈰 Hat-Mehit Mendesios Fischgau Tell Roba(Anpet und Dedet; Thmuis und Mendes) Hatmehit, Ba-Widder von Mendes U17𓈱 Behdet Diospolites Kato Throngau; von U12 abgespalten Nördliches Behdet(Pa-ju-en-Amun; Insel des Amun, auch Waset-mehu; Theben in Unterägypten) Behdeti U18𓈳 Imet-chentet Boubastites vorderer Königskind-Gau; von U13 abgespalten Bubastis(Baset; Boubastis) Bastet, Nefertem U19𓈴 Imet-pechet Tanites hinterer Königskind-Gau; von U18 abgespalten Tanis(Imet/Djanet; Tanis) Wadjet U20𓈵 Sopdu Arabia Sopdu-Gau; von U08 abgespalten Saft el-Henna(Per-Sopdu; Phakusa) Sopdu

Literatur Hans-Christian Dirscherl: Der Gaustratege im römischen Ägypten. Seine Aufgaben am Beispiel des Archiv-, Finanz- und Bodenwesens und der Liturgien. Entstehung, Konsolidierung, Niedergang? 30 v. Chr. – 300 n. Chr. (= Pharos. Studien zur griechisch-römischen Antike. Band 16). Scripta-Mercaturae-Verlag, St. Katharinen 2004, ISBN 3-89590-131-8 (Zugleich: Regensburg, Univ., Diss., 2000). Henri Gauthier: Les nomes d'Égypte depuis Hérodote jusqua'à la conquête arabe (= Mémoires de l'Institut d'Egypte. Band 25, ). Institut Français d'Archéologie Orientale, Kairo 1935. (Tableau). Wolfgang Helck: Die altägyptischen Gaue (= Tübinger Atlas des Vorderen Orients. Beihefte: Reihe B: Geisteswissenschaften. Band 5). Reichert, Wiesbaden 1974, ISBN 3-920153-27-8. Wolfgang Helck in Lexikon der Ägyptologie. Band 2: Erntefest – Hordjedef. Harrassowitz, Wiesbaden 1977, ISBN 3-447-01876-3, Stichwort Gaue (Spalten 385–408), Gauverwaltung (Sp. 420–422), Gauzeichen (Sp. 422–426). Eva Martin-Pardey: Untersuchungen zur ägyptischen Provinzialverwaltung bis zum Ende des Alten Reiches (= Hildesheimer Ägyptologische Beiträge. Band 1). Hildesheim 1976.

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