Polytheismus (von , und ) oder Vielgötterei bezeichnet die religiöse Verehrung einer Vielzahl von Göttinnen und Göttern. Es handelt sich um Religionsformen, in denen das Handeln mehrerer personaler Götter angenommen wird. Dieses Handeln wird dargestellt als aufeinander bezogen, auf die Welt gerichtet und die Menschen betreffend. Eine polytheistische Religion unterscheidet sich vom bloßen Vorhandensein mehrerer Götterkulte durch eine „Binnenstruktur“ ihres Götterapparates – durch ein in sich gegliedertes und durch ein Handlungssystem bestimmtes Pantheon.
Forschungsgeschichte Der Begriff „Polytheismus“ wurde erstmals von Philon von Alexandria in seinem Werk De mutatione nominum (deutsch Über den Wandel der Namen) als Gegensatz zur monotheistischen jüdischen Religion verwendet.Philon von Alexandria, De mutatione nominum 20.37.205. (earlyjewishwritings.com) Jean Bodin führte den Begriff im 16. Jahrhundert in die westliche theologische und philosophische Diskussion ein. Während der Aufklärung wurde der Begriff auf Theorien über die Ursprünge des Glaubens an das Göttliche und die religiöse Entwicklung angewendet. In diesem Zusammenhang führte Johann Gottfried Herder den Begriff „Naturreligion“ für die polytheistischen Religionen der Naturvölker ein. David Hume vertrat 1757 die These, dass Polytheismus die ursprüngliche Religion der Menschheit war und der Monotheismus erst eine spätere rationale Entwicklung darstellte.Stephan Stonawski: Religionsphilosophie bei David Hume. Masterarbeit an der Universität Graz, Graz 2014. (unipub-uni-graz.at)Rüdiger Schmitt: Polytheism: I. Hebrew Bible/Old Testament. In: Brennan Breed, Constance M. Furey, Peter Gemeinhardt, Joel Marcus LeMon, Thomas Römer, Jens Schröter, Yvonne Sherwood, Barry Dov Walfish: Encyclopedia of the Bible and Its Reception Online (EBR). De Gruyter Brill, Berlin/Leiden 2009–, S. 1202–1206.
Die frühen philosophischen Diskussionen über Monotheismus und Polytheismus waren stark von Werturteilen geprägt, die von der frühen christlichen Apologetik herrühren. Der Monotheismus – im Sinne des Christentums interpretiert – wurde als eine höhere Stufe des menschlichen Bewusstseins begriffen und dem Polytheismus ethisch überlegen gegenübergestellt. In seiner frühesten Verwendung war der Begriff Monotheismus daher untrennbar mit der Überzeugung verbunden, dass dieser dem Polytheismus sowohl kulturell als auch moralisch überlegen sei.
Wissenschaftler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts konzipierten einen evolutionistisch linearen Fortschritt vom magischen Denken und Animismus zum Polytheismus und dann weiter zum Monotheismus. Im Kontext der liberalen christlichen Exegese ist der biblische Monotheismus die Krone der religiösen Evolution; so charakterisierte ihn etwa Julius Wellhausen als ethisch höherstehend. Eine dezidiert moralische Beurteilung des Polytheismus nahmen auch die Vertreter der Religionsgeschichtlichen Schule vor. Hermann Gunkel etwa beschrieb die polytheistischen Kulte Kanaans als ekstatisch und mit sexuellen Ausschweifungen verbunden. Die Auffassung, dass der biblische Monotheismus eine völlig eigenständige Kategorie gegenüber dem Polytheismus darstelle, findet sich in den Werken von Yehezkel Kaufmann and Gerhard von Rad, die Generationen von Wissenschaftlern beeinflussten.
Die Altertumswissenschaften orientierten sich bis weit in das 20. Jahrhundert ebenfalls am Evolutionsmodell. Das hatte zur Folge, dass die griechischen Götter nur noch als Teil der Mythologie betrachtet und die römischen Götter fast völlig ignoriert wurden, da man der römischen Religion fälschlicherweise unterstellte, sie besäße keine Mythen.Andreas Bendlin, Johannes Renger: Polytheismus. In: Der Neue Pauly. Brill 2006.
Die Entdeckung inschriftlicher Belege für die Verehrung von Aschera als Gemahlin von JHWHs in Khirbet el-Qom (Westjordanland) und Kuntillet ʿAdschrud sowie für die Kulte von El und Baal, die von Kuntillet Adschrud bezeugt sind, führte zu einer Neubewertung wissenschaftlicher Konzepte des Polytheismus. Eine wachsende Anzahl von Wissenschaftlern teilt die Meinung, dass der Gegensatz zwischen Polytheismus und Monotheismus anachronistisch sei und diese Begriffe nicht den antiken Realitäten gerecht würden. Polytheismus lässt sich demnach nicht einfach als die Verehrung einer Vielzahl spezialisierter Gottheiten im bloßen Gegensatz zum Monotheismus definieren.
Der ausschließliche Blickwinkel monotheistischer Denktraditionen auf polytheistische Religionen hat aus der Sicht der Wissenschaftstheorie das Verständnis antiker Religionen verhindert. Als monotheistische Bewertungskategorie rückt dieser die Gottesvorstellung in den Mittelpunkt der Klassifizierung, obwohl diese für die antike Selbstbeschreibung nicht notwendigerweise zentral war.
Definition und Struktur Als Polytheismus wird eine Religionsform bezeichnet, die auf dem Wirken mehrerer persönlich vorgestellter Götter basiert. Das Wirken der Götter findet auf drei Ebenen statt: Sie beziehen sich aufeinander, sie sind auf die Welt gerichtet und sie betreffen die Menschen. Es handelt sich dabei um eine Gruppe von Göttern mit fest zugeteilten Aufgaben und Regeln. Von einer bloßen Mehrzahl unverbundener Götterkulte unterscheidet sich eine polytheistische Religion durch ihr Pantheon, das eine feste Binnenstruktur besitzt.Burkhard Gladigow: Polytheismus. In: Hubert Cancik, Burkhard Gladigow, Matthias Laubscher (Hrsg.): Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. HrwG 1998, Band IV, Kohlhammer, Stuttgart 1998, ISBN 978-3-17-010531-7, S. 321–330.
Konstituierende Elemente Als konstituierende Elemente für polytheistische Religionen gelten die Gottesvorstellung, die Handlungen, die Bildung eines Pantheons und die Prinzipien der Gliederung.
Gottesvorstellung In polytheistischen Systemen stehen mehrere persönliche Götter im Zentrum des Interesses und dienen als mögliche Partner für die Interaktion. Das spezifische Gottesbild eines solchen Systems ergibt sich aus dem Beziehungsgefüge der Götter untereinander sowie ihrem Verhältnis zur Welt. Die Mitglieder des Pantheons sind dabei mit Eigenschaften ausgestattet, die das menschliche Maß übersteigen - etwa durch größere Macht, umfassenderes Wissen oder einen stärkeren Willen.
Wenn Menschen in Medien wie dem Drama oder dem Mythos dieser göttlichen Macht begegnen, benötigen sie Modelle für die Zusammenarbeit oder den Konflikt. Die Erzählungen müssen so gestaltet sein, dass sie an die menschliche Erfahrung der Wirklichkeit anknüpfen; nur so bleibt das Handeln der Götter greifbar und glaubwürdig. Damit Götter als handelnde Persönlichkeiten wahrgenommen werden können, müssen sie über typische Eigenschaften verfügen, logisch handeln und erkennbare Ziele verfolgen. Aus diesem Grund sind sie als persönliche Götter entworfen.
Handlung Die Darstellung göttlichen Handelns im Mythos ist stets in einer übergeordneten Ordnung verankert – sei es in einem expliziten Plan oder im Zusammenspiel mit den Absichten anderer göttlicher und menschlicher Akteure. Das Drama ist für die Vermittlung des Mythos besonders geeignet, da es das Handeln einer Mehrzahl von Göttern gleichzeitig sichtbar macht. Es setzt die Erscheinungen mit konkreten Handlungsabläufen in Beziehung. Dabei ist der Kampf unter den Göttern ein bevorzugtes Mittel, um den Zustand der Welt zu beschreiben und zu begründen. Die Götter existieren nicht nur, sondern greifen aktiv ins Geschehen ein. Ihr Handeln schlägt sich in grundlegenden Rollen nieder: in der Mutter oder dem Heiler als Sinnbild für die Sorge und Wiederherstellung, im Herrscher oder Schöpfer als Ordner und Erschaffender sowie dem Kämpfer und gerechten Gott als Instanz moralischer Ordnung.
Pantheon Polytheistische Religionen beschränken sich meist auf 10 bis 20 Hauptgötter. Die Gründe hierfür sind Übersichtlichkeit und wirtschaftliche Faktoren. Die Übersichtlichkeit garantiert das Zusammenspiel der Handlungsstrukturen und die Wahrung eines einheitlichen Weltbilds. Zudem setzen der Tempelbetrieb und die Kultpflege ökonomische Grenzen. Die Begrenzung der Anzahl handelnder Götter gewährleistet die Flexibilität in der Deutung der Welt und hält das religiöse System stabil.
Gliederung In polytheistischen Religionen erfolgt die Gliederung des Pantheons nach vielfältigen Kriterien. Neben der Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Gottheiten finden sich verwandtschaftliche und hierarchische Strukturen sowie eine funktionale Arbeitsteilung. Zudem spielen lokale Abgrenzungen, die Gruppierung in Götterkreise sowie die Unterscheidung nach Alter oder Epoche eine Rolle. Auch das Verhältnis der Götter zueinander prägt die Ordnung, wobei sich die einzelnen Gliederungsprinzipien häufig überschneiden.
Der Polytheismus als historischer Normalfall Der italienische Archäologe und Religionswissenschaftler Raffaele Pettazzoni vertrat die These, dass Polytheismus die Regel in der Religionsgeschichte darstelle. Monotheistische Religionen seien hingegen Sonderfälle und das Ergebnis religiöser Revolutionen. Als Beleg analysiert er die Verehrung Atons durch den ägyptischen Pharao Amenophis IV. und den islamischen Monotheismus. Im Gegensatz dazu seien die komplexen polytheistischen Systeme der klassischen Antike der Normalfall vielfältiger Lebenswelten. Da es viele verschiedene Götter mit eigenen Persönlichkeiten gab, konnten die Menschen wählen, wen sie wann und wo anbeten wollten.
Der Fall Hippolytos Der klassische Loyalitätskonflikt des Hippolytos, der sich zwischen Artemis und Aphrodite entscheiden musste, thematisiert die Notwendigkeit, verschiedene Optionen abzugleichen. Es zeigt die Gefahr auf, die mit der Vernachlässigung einer göttlichen Instanz in einem polytheistischen System einhergeht.
Die Systemleistung der Theologia Tripertita Als Sichtweisen der religiösen Kommunikation, die sich gegenseitig ergänzen, führt das antike Konzept der Theologia tripartita neben dem Kult die Ausdrucksformen Mythos und Drama sowie die philosophische Spekulation auf. In diese Sichtweisen integriert gehört seit Xenophanes (5. Jahrhundert v. Chr.) auch die Vorstellung eines göttlichen Wesens, das weit über der menschlichen Welt steht,Xenophanes, Über die Natur, 23. () oder eines „Allgotts“.eine Gottheit, die innerhalb eines polytheistischen Systems die Attribute, Eigenschaften und Identitäten mehrerer oder aller Götter auf sich vereint. Siehe dazu „Pantheo, Pantheios“ in Andreas Bendlin: Pantheos, Pantheios. Der Neue Pauly 2006. Die polytheistischen Systeme der Antike waren dabei so geschickt aufgebaut, dass sie ‚monotheistisches Denken‘ problemlos als einen von vielen Teilen integrieren konnten. Die beiden komplementären Bausteine dieser Systemleistung waren Integration und Abgleichung durch Selektion. Sie bezeichnen gewissermaßen die Eckwerte religiösen Handelns des Polytheismus; zudem erklären sie sowohl die Offenheit für monotheistische Elemente als auch den gleichzeitigen Widerstand gegen den universalistischen Anspruch monotheistischer Religionen.
Monolatrie und Henotheismus Die polytheistischen Religionen stehen den monotheistischen Religionen mit nur einem Gott gegenüber. Eine Zwischenform ist die Monolatrie, die durch die Verehrung nur einer einzigen Gottheit als „Spezialgott“ gekennzeichnet ist, der neben anderen Göttern einer ethnischen Götterwelt steht.Hans Waldenfels: Kontextuelle Fundamentaltheologie. Schöningh, Paderborn 1985, S. 113 In der Kosmologie monotheistischer Religionen werden die polytheistischen Götter mit ihren unterschiedlichen Funktionen teils zu Attributen des einzigen Gottes zusammengefasst, teils tiefergestellten übernatürlichen Wesen wie Engeln und Heiligen übertragen.Theodore Ludwig: Gods and Goddesses. In: Encyclopedia of Religion. Band 6, S. 3616.